Über das gemeinsame Hören7 Minuten Lesezeit
Der Lagerfeuer-Effekt
Irgendwann in der ersten halben Stunde hört jemand auf zu reden. Kurz darauf hören alle auf – und niemand hat darum gebeten.
Bei fast jedem Abend kommt dieser Moment, in dem sich die Runde zur Anlage dreht und einfach nur noch schaut. Ich habe lange gedacht, das liegt an den Geräten. Inzwischen glaube ich, es liegt an etwas viel Älterem.
Steckbrief
- Worum es geht
- Gemeinsam hören, ohne Nebenbei
- Der Beleg
- Feuerlicht-Studie, PNAS 2014
- Das Vorbild
- Jazz Kissa, Japan, seit 1929
„Am Feuer wurde nicht verhandelt, sondern erzählt. Ein Album, das niemand bedienen kann, macht denselben Raum auf.“
In diesem Artikel
- 01Der Moment, in dem die Runde still wird
- 02Was am Feuer mit Gesprächen passiert
- 03Japan hat dafür Cafés gebaut
- 04Warum ausgerechnet das Tonband
- 05Was das für einen Abend bedeutet
01Der Moment, in dem die Runde still wird
Es passiert fast immer an derselben Stelle. Die erste Seite läuft seit zehn, vielleicht fünfzehn Minuten. Die Gespräche sind noch da, aber sie werden kürzer. Dann dreht jemand den Kopf zur Anlage, weil sich die Zeiger bewegen. Zwei Minuten später sitzt die halbe Runde so. Und irgendwann redet niemand mehr, ohne dass jemand darum gebeten hätte.
Ich habe das anfangs für einen Nebeneffekt gehalten – ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Neugier auf die Technik. Inzwischen halte ich es für den eigentlichen Grund, warum ein Hörabend anders funktioniert als eine Playlist im Hintergrund. Es gibt einen Punkt, an dem sich eine Gruppe auf dieselbe Sache ausrichtet. Ab da ist der Raum ein anderer.
Das Bemerkenswerte daran: Ich habe diesen Effekt nicht erfunden, und die Anlage auch nicht. Er ist gut untersucht – nur nicht an Tonbandmaschinen.
02Was am Feuer mit Gesprächen passiert
Die Anthropologin Polly Wiessner von der University of Utah hat 2014 in den Proceedings of the National Academy of Sciences eine Untersuchung veröffentlicht, die genau das beschreibt – an einem anderen Gegenstand. Sie hat Gespräche der Ju/’hoansi ausgewertet, einer Gruppe von Jägern und Sammlern in der Kalahari: insgesamt 242 Gespräche, 174 davon aus eigenen Notizen von 1974, 68 aus Aufnahmen der Jahre 2011 bis 2013.
Der Unterschied zwischen Tag und Abend ist nicht klein, sondern dramatisch. Am Tag ging es in 34 Prozent der Gespräche um Beschwerden, Kritik und Klatsch, in 31 Prozent um wirtschaftliche Dinge – wer jagt, wer bekommt was, wer schuldet wem etwas. Geschichten machten 6 Prozent aus.
Am Feuer, nach Einbruch der Dunkelheit, kippte das vollständig: 81 Prozent Geschichten. Beschwerden und Klatsch fielen auf 7 Prozent, das Wirtschaftliche auf 4.
Die Zahlen im Vergleich
Dieselben Menschen, zwölf Stunden Abstand
Am Tag: 34 % Beschwerden, Kritik und Klatsch · 31 % Wirtschaftliches · 16 % Witze · 6 % Geschichten · 13 % Sonstiges.
Am Feuer: 81 % Geschichten · 7 % Beschwerden, Kritik und Klatsch · 4 % Wirtschaftliches · 8 % Sonstiges.
Quelle: Polly Wiessner, „Embers of society: Firelight talk among the Ju/’hoansi Bushmen“, PNAS, September 2014.
Wiessners Deutung läuft darauf hinaus, dass das Tageslicht der Organisation des Lebens gehört: Wer am Tag redet, regelt etwas. Das Feuer schafft einen anderen Raum – eine Zeit, in der nichts entschieden werden muss und in der stattdessen Platz für das ist, was Menschen einander sonst nicht erzählen. Sie beschreibt auch, was in diesen Nachtgesprächen verhandelt wird: die Beziehungen zu Leuten, die weit weg sind, alte Geschichten, gemeinsame Vorstellungen davon, wie man miteinander umgeht.
Was ich daran interessant finde, ist nicht das Feuer selbst. Es ist die Kombination: ein warmer Punkt, in den alle schauen, keine Aufgabe, die erledigt werden muss, und genug Zeit, dass sich das Reden ändern kann. Das ist keine Eigenschaft von Holz. Das ist eine Eigenschaft der Anordnung.
03Japan hat dafür Cafés gebaut
Es gibt ein Land, in dem aus dieser Anordnung eine eigene Institution geworden ist. In Japan öffnete 1929 in Tokio mit dem Blackbird das erste Jazz Kissa – ein Café, in das man nicht zum Reden geht, sondern zum Hören. In den Sechzigern und Siebzigern gab es landesweit mehr als 800 davon. Heute sind es noch rund 400.
Wie streng es dort zugeht, ist von Haus zu Haus verschieden. Das legendäre Dig des Fotografen Hozumi Nakadaira verlangte Schweigen; die Gäste saßen mit gesenktem Kopf da wie in einer Andacht. Nakadaira eröffnete 1967 ein Schwesterlokal namens Dug – ausdrücklich dafür, dass dort geredet werden durfte.
Was fast überall gleich ist: Es läuft nicht ein Lied, sondern eine ganze LP-Seite. Der Betreiber sucht die Platten aus, nicht der Gast; manche führen handschriftliche Hefte mit der Reihenfolge. Der Kissa-Betreiber Shoichi Suzuki hat es so beschrieben, dass er zuerst in die Gesichter der Gäste schaut und danach die Musik wählt. Es gibt dafür einen eigenen Ausdruck: kūki o yomu, „die Luft lesen“.
Nebenbei bemerkt
Das älteste Haus steht in Yokohama
Mamoru Yoshida eröffnete das Chigusa 1933, mit zwanzig Jahren. Das Gebäude und 6.000 Platten wurden bei einem Luftangriff auf Yokohama zerstört. 1947 kam Yoshida aus dem Militärdienst zurück, sammelte über 1.000 neue Platten und machte weiter. 2007 wurde das Haus verkauft und geschlossen; 2012 haben Stammgäste und Nachbarn es wieder aufgebaut.
Bemerkenswert finde ich daran vor allem eines: Niemand hat diese Cafés gebraucht, um Musik zu hören. Platten hatte man auch zu Hause. Gebraucht wurde der Ort, an dem man sie gemeinsam hört, ohne dass dabei geredet, bedient oder ausgewählt wird. Menschen sind dafür durch die halbe Stadt gefahren und haben für einen Kaffee bezahlt, den sie billiger hätten haben können.
04Warum ausgerechnet das Tonband

Eine Sache fällt mir bei jedem Abend auf: Es ist nicht der Lautsprecher, vor dem die Leute stehen bleiben. Es ist die Bandmaschine.
Das hat handfeste Gründe. Sie bewegt sich – zwei Spulen drehen sich unterschiedlich schnell, und über Stunden sieht man, wie das Band von der einen auf die andere wandert. Sie zeigt damit an, wie weit der Abend ist, ohne dass jemand auf eine Uhr schauen muss. Und sie hat zwei Zeiger, die der Musik folgen: Bei einer leisen Stelle bewegen sie sich kaum, beim Übergang in den lauten Teil springen sie nach rechts – und im Raum drehen sich die Köpfe.
Ein Feuer macht genau dasselbe. Es ist warm, es bewegt sich, es verlangt nichts, und man kann lange hineinsehen, ohne sich zu langweilen. Ein Bildschirm kann das nicht, weil er etwas von einem will. Eine Bandmaschine will nichts. Sie läuft.
Dazu kommt etwas, das sich mit einem Gerät, das alles kann, nicht herstellen lässt: Auf einem Band ist das Album endlich. Es gibt keine Titelauswahl, keine Fernbedienung, keine Möglichkeit zu überspringen. Niemand muss entscheiden, was als Nächstes kommt – und deshalb entscheidet auch niemand. Das nimmt einer Runde eine Aufgabe ab, von der sie vorher nicht wusste, dass sie anstrengend ist.
Ich will das nicht überhöhen: Eine Bandmaschine ist kein Lagerfeuer, und ein Wohnzimmer in Gauting ist nicht die Kalahari. Was die Forschung zum Feuer zeigt, lässt sich nicht eins zu eins auf einen Hörabend übertragen, und ich kenne keine Studie, die das getan hätte. Aber die Zutaten sind dieselben: ein Punkt, in den alle schauen, nichts zu entscheiden, und Zeit.
05Was das für einen Abend bedeutet
Ich verlange von niemandem Stille. Ich stelle mich nicht hin und bitte darum, dass nicht geredet wird – das wäre genau die Art von Vorschrift, die einen Abend kaputt macht. Es ist eher umgekehrt: Die Stille kommt von selbst, wenn man ihr nicht im Weg steht.
Was ich dafür tue, ist überschaubar. Ich baue eine Anlage auf, die man ansehen kann. Ich lege ein Album auf, das am Stück durchläuft. Ich stelle das Licht so, dass die beleuchtete Anzeige der hellste Punkt im Raum ist. Und dann setze ich mich dazu, statt daneben zu stehen und zu erklären.
Was danach passiert, gehört nicht mehr mir. Bei manchen Runden wird durchgeredet, und das ist völlig in Ordnung – auch das japanische Vorbild hat für beides ein Haus. Bei den meisten kommt dieser Moment irgendwann von allein. Und hinterher fällt oft der Satz, den ich am häufigsten höre: dass man sich lange nicht mehr so unterhalten habe wie an diesem Abend, nach der Musik.
Das ist, glaube ich, kein Zufall. Am Feuer wurde nicht verhandelt, sondern erzählt. Ein Album, das niemand bedienen kann, macht denselben Raum auf.
Mehr aus der Anlage
Das Herzstück
Die Bandmaschine
Ein knapp zwanzig Kilo schwerer Kasten aus Metall und Glas, gebaut 1976 in Japan – und der eigentliche Grund, warum ein Hörabend so klingt, wie er klingt.
Weiterlesen →Über den Klang
Eine Liebeserklärung an einen Klang
Der eine gibt mir den Boden unter den Füßen, der andere die Luft nach oben – zwei Lautsprecherpaare, fünfzehn Jahre auseinander gebaut, aus derselben Firma.
Weiterlesen →Einen Abend anfragen
Ein ganzes Album, ungestört und analog, bei Ihnen vor Ort. ca. 120 Minuten, Festpreis, keine Vorbereitung.
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