Über den Klang7 Minuten Lesezeit
Was heißt eigentlich „warmer Klang“?
Ein Wort, das jeder benutzt und kaum jemand definiert – dabei lässt es sich ziemlich genau eingrenzen.
„Warm“ steht in keinem Datenblatt. Trotzdem beschreiben Menschen damit erstaunlich übereinstimmend dieselbe Sache. Woher der Eindruck kommt, welche Rolle Boxen wie die Canton Quinto 540 dabei spielen – und an welcher Stelle die Physik aufhört und der Geschmack anfängt.
Steckbrief
- Frequenzbereich
- Grundton, etwa 150 bis 800 Hz
- Beispiel
- Canton Quinto 540, 1981
- Trennfrequenz
- 800 Hz, daher die Fülle
„Warm ist kein Fehler und kein Verdienst. Es ist eine Entscheidung, die jemand beim Bau getroffen hat.“
In diesem Artikel
- 01Was Menschen meinen, wenn sie „warm“ sagen
- 02Der Bereich, um den es geht
- 03Warum die Boxen dieser Zeit so klangen
- 04Die Quinto 540 als Beispiel
- 05Was das Band noch dazugibt
- 06Wo die Physik aufhört
01Was Menschen meinen, wenn sie „warm“ sagen
Fragt man zehn Menschen, was ein warmer Klang ist, bekommt man zehn Umschreibungen und keine Definition: voll, rund, angenehm, nicht anstrengend, nach Wohnzimmer statt nach Studio. Das klingt beliebig, ist es aber nicht. Wenn man dieselben Menschen Aufnahmen vergleichen lässt, zeigen sich erstaunlich einheitliche Urteile.
Der Grund: Hinter dem Wort steckt ein wiederkehrendes Muster. Es ist keine Messgröße, aber es lässt sich ziemlich genau eingrenzen – und zwar an drei Stellen gleichzeitig.
02Der Bereich, um den es geht
Der wichtigste liegt zwischen etwa 150 und 800 Hertz. Fachleute nennen ihn Grundtonbereich. Dort liegen die Grundtöne fast aller Stimmen, der Körper einer akustischen Gitarre, der Ton einer Snare, die linke Hand am Klavier. Nicht der Bass, sondern das Fundament, auf dem der Bass steht.
Ist dieser Bereich ein bis zwei Dezibel kräftiger als der Rest, klingt alles voller und näher. Fehlt er, wird eine Aufnahme dünn und leicht klinisch, auch wenn Bass und Höhen stimmen. Genau deshalb reagieren Menschen so einheitlich darauf: Es betrifft den Bereich, in dem fast alles Wesentliche stattfindet.
Der zweite Punkt ist das andere Ende. Sind die obersten Höhen ab etwa 8 Kilohertz etwas zurückgenommen, verschwindet die Schärfe bei Becken und Zischlauten. Das wirkt weicher, und es ermüdet weniger. Der dritte Punkt kommt später, beim Band.
Nebenbei bemerkt
Warum warm nicht gleich dumpf ist
Der Unterschied ist wichtig: Dumpf heißt, dass die Höhen deutlich fehlen, dann klingt es wie hinter einem Vorhang. Warm heißt, dass das Fundament trägt und die Höhen nur ein wenig zurückgenommen sind, alles andere aber da ist. Eine gute warme Box kann Details sehr genau zeigen, sie schiebt sie nur nicht nach vorn.
03Warum die Boxen dieser Zeit so klangen
In den Siebzigern und frühen Achtzigern sahen Lautsprecher anders aus, weil sie anders gebaut waren. Große Konustieftöner von 25 bis 31 Zentimetern waren normal, ebenso geschlossene Gehäuse und eine Abstimmung, die eher auf Wohnräume als auf Messlabore zielte.
Der entscheidende Punkt ist dabei nicht die Größe des Tieftöners, sondern wie weit hinauf er spielen darf. Wenn ein 31er Konus bis 800 Hertz arbeitet, deckt ein einziges großes Chassis den gesamten Grundtonbereich ab. Das gibt Stimmen und Instrumenten eine Geschlossenheit, die schwerer zu erreichen ist, wenn dieser Bereich auf zwei Chassis aufgeteilt wird.
Dazu kam die Gehäuseform. Ein geschlossenes Gehäuse fällt zu den tiefsten Tönen hin flacher ab als ein Bassreflexgehäuse. Es geht nicht so tief hinunter, klingt dafür trockener und kontrollierter. Das ist der Grund, warum solche Boxen selten dröhnen, obwohl sie voll klingen.
04Die Quinto 540 als Beispiel
Die Canton Quinto 540 von 1981 ist dafür ein gutes Studienobjekt, weil bei ihr alle diese Merkmale zusammenkommen. Sie ist ein geschlossener Dreiwegelautsprecher mit 61 Litern Volumen und 16 Kilogramm Gewicht, gebaut in Deutschland, damals rund 1.500 Mark das Paar.
Bestückt ist sie mit einem 31-Zentimeter-Langhubkonus, einer 3,8-Zentimeter-Mittelton-Kalotte und einem 2-Zentimeter-Hochtöner. Getrennt wird bei 800 und 3.500 Hertz. Diese untere Trennfrequenz ist der interessante Wert: Der große Konus arbeitet bis 800 Hertz, deckt also den kompletten Grundtonbereich allein ab. Was viele als Wärme dieser Box beschreiben, hat hier seinen technischen Ursprung.
Die Mittelton-Kalotte mit 3,8 Zentimetern ist ebenfalls bemerkenswert, das ist nach heutigen Maßstäben groß. Kalotten dieser Größe wurden damals gern eingesetzt, weil sie breiter abstrahlen als Konusmitteltöner. Für einen Raum, in dem mehrere Menschen sitzen und nicht alle mittig, ist das ein praktischer Vorteil: Der Klang bleibt auch seitlich brauchbar.
Bei Musik Ungestört steht die Quinto 540 neben der Canton Fonum 730 DC von 1996, einer Standbox mit Bassreflex und zwei Tieftönern. Die Kombination ist Absicht: Die eine bringt das Fundament, die andere die Auflösung nach oben. Mehr dazu in der Liebeserklärung an einen Klang.
Jedes Paar hängt dabei an einem eigenen Verstärker: die Quinto an einem Marantz 2235B von 1976, die Fonum an einem Kenwood KA-5700 von 1978. Das hat einen praktischen Grund, der genau hierher gehört. Der Marantz besitzt neben Bass und Höhen einen dritten Regler für die Mitten, der bei 700 Hertz arbeitet – also mitten im Grundtonbereich, und damit genau dort, wo die Quinto durch ihre tiefe Trennung ohnehin ihre Fülle erzeugt.
Damit lässt sich die Wärme dosieren, statt sie hinzunehmen. In einem halligen Besprechungsraum, der den Grundton von allein verstärkt, kann man ihn ein wenig zurücknehmen. In einem gedämpften Wohnzimmer mit Teppich und Vorhängen etwas anheben. Dieselbe Box, zwei Räume, zwei Einstellungen – und genau das ist der Punkt, an dem aus Theorie ein Werkzeug wird.
05Was das Band noch dazugibt
Der dritte Punkt von oben ist die Verzerrung, und zwar eine bestimmte Art davon. Wenn ein Tonband über einen gewissen Pegel hinaus ausgesteuert wird, rundet es die Signalspitzen ab und erzeugt dabei zusätzliche harmonische Obertöne. Vor allem geradzahlige, und die empfindet das Ohr nicht als Fehler, sondern als Fülle.
Dasselbe Prinzip gilt für Röhrenverstärker, und es ist der Grund, warum Studios bis heute fertige Mischungen durch Bandmaschinen schicken. Es bindet einen Klang zusammen, der vorher auseinanderfiel.
Bandmaschine und Boxen dieser Bauart wirken also in dieselbe Richtung, aus verschiedenen Gründen: Die eine fügt Obertöne hinzu, die andere gibt dem Grundton Raum. Wie groß der Anteil des Bandes daran genau ist, steht im Artikel Bandmaschine gegen Streaming.
06Wo die Physik aufhört
Jetzt der ehrliche Teil. Alles bisher Beschriebene ist messbar. Ob es gefällt, ist es nicht.
Gemessen ist ein neutraler Lautsprecher der korrektere: Er gibt wieder, was aufgenommen wurde, ohne etwas hinzuzufügen. Wer im Studio abmischt, braucht genau das, weil er sonst Entscheidungen trifft, die auf anderen Anlagen nicht aufgehen. Warm heißt zwangsläufig, dass etwas verändert wird.
Dazu kommt, dass ein erheblicher Teil des Eindrucks gar nicht vom Lautsprecher stammt, sondern vom Raum. Ein Wohnzimmer mit Teppich, Vorhängen und Bücherregal dämpft die Höhen von allein und verstärkt bestimmte Bassbereiche, je nach Maßen. Dieselbe Box klingt in zwei Räumen unterschiedlich warm, und niemand hat an ihr etwas verändert.
Bleibt die Frage, ob warm besser ist. Für eine Aufnahmesitzung: nein. Für zwei Stunden konzentriertes Zuhören mit mehreren Menschen in einem Wohnzimmer: oft ja, weil das Ohr weniger ermüdet und man länger dabeibleibt, ohne dass es anstrengend wird. Das ist kein akustischer Beweis, sondern eine Erfahrung – aber eine, die sich an jedem Abend wiederholt.
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