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Teamgeschichte6 Minuten Lesezeit

Warum gemeinsames Zuhören ein Team enger macht als gemeinsames Machen

Teambuilding setzt fast immer auf Aktivität. Die Forschung zum gemeinsamen Hören legt etwas anderes nahe.

Wenn Menschen gemeinsam Musik hören, passiert messbar etwas zwischen ihnen – auch dann, wenn niemand etwas tut. Ein Blick auf das, was dazu belegt ist, und was daraus für Teamevents folgt.

  • StudieScientific Reports, 2023
  • BeteiligtUni Bern, MPI, ZU
  • GemessenHerzschlag, Atmung, Bewegung
  • Ortechte Konzerte

Steckbrief

Thema
Synchronisation beim Hören
Datenlage
Feldstudie, keine Laborsituation
Quelle
Projekt Experimental Concert Research
Bezug
Teamevents ohne Aktivität

„Synchronisation ist ein Bestandteil des Konzerterlebnisses.“

Aus diesem Artikel

In diesem Artikel

  1. 01Was beim gemeinsamen Hören messbar passiert
  2. 02Warum Aktivität nicht automatisch verbindet
  3. 03Was das für ein Teamevent bedeutet
  4. 04Die Grenzen dieser Übertragung
  5. 05Häufig gefragt

01Was beim gemeinsamen Hören messbar passiert

Ein Kreis aus Personen um einen gemeinsamen Herzschlag, im Flat-Icon-Stil der Seite.
Was zwischen Zuhörenden passiert, lässt sich inzwischen messen.

Im Forschungsprojekt „Experimental Concert Research“ haben Forschende der Universität Bern, des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt und der Zeppelin Universität untersucht, was bei Konzertbesuchern körperlich passiert. Die Ergebnisse wurden 2023 im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht.

Das Besondere an der Untersuchung: Die Daten wurden nicht im Labor erhoben, sondern in echten Konzerten. Gemessen wurden Herzfrequenz, Atemfrequenz und Bewegungen der Zuhörenden. Das Ergebnis war eine nachweisbare Synchronisation zwischen den Menschen im Publikum – also zwischen Personen, die nichts weiter taten, als gemeinsam zuzuhören.

Wolfgang Tschacher, emeritierter Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern und Erstautor der Studie, fasst es so zusammen: Wenn Menschen gemeinsam Musik im Konzert hören, entstehe auch eine körperliche Verbindung zwischen ihnen; Synchronisation sei ein Bestandteil des Konzerterlebnisses. Die Forschenden fanden zudem, dass eine stärkere Synchronisation mit einem intensiveren Musikerlebnis zusammenhing.

02Warum Aktivität nicht automatisch verbindet

Die meisten Teamformate arbeiten mit der gegenteiligen Annahme: Wer gemeinsam etwas tut, wächst zusammen. Das stimmt auch – unter Bedingungen. Gemeinsames Handeln verbindet dann, wenn alle Beteiligten ungefähr gleich viel beitragen können und niemand das Gefühl hat, bewertet zu werden.

Genau diese Bedingungen sind bei vielen Teamevents nicht gegeben. Beim Songwriting-Workshop führen die Musikalischen, beim Escape Room die Schnellen, beim Karaoke die Mutigen. Wer anders veranlagt ist, verbringt den Abend damit, nicht aufzufallen. Das schafft keine geteilte Erfahrung, sondern eine gespaltene: Die einen erinnern sich an einen tollen Abend, die anderen an zwei Stunden Anspannung.

Beim gemeinsamen Zuhören fällt dieses Gefälle weg. Es gibt keine Rolle, die man gut oder schlecht ausfüllen kann. Alle bekommen dasselbe, im selben Moment, und niemand kann dabei besser sein als jemand anders.

Nebenbei bemerkt

Was Zuhören von Hintergrundmusik unterscheidet

Der beschriebene Effekt setzt voraus, dass die Musik im Mittelpunkt steht. Musik, die im Hintergrund läuft, während geredet und gegessen wird, erzeugt ihn nicht – sie ist dann Kulisse. Deshalb ist die Entscheidung, nicht dazwischenzureden, kein Stilmittel, sondern die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas passiert.

03Was das für ein Teamevent bedeutet

Praktisch heißt das: Ein Format, das gemeinsames Erleben will, braucht drei Dinge. Erstens dieselbe Sache für alle, gleichzeitig. Zweitens keine Aufgabe, die unterschiedlich gut erfüllt werden kann. Drittens genug Dauer, damit sich überhaupt etwas angleichen kann – ein Lied reicht dafür nicht, ein ganzes Album schon eher.

Ein Hörabend erfüllt alle drei: ein komplettes Album, 43 bis 65 Minuten am Stück, ohne Unterbrechung und ohne Beitrag. Was danach bleibt, ist nicht das Ergebnis einer Übung, sondern schlicht die Tatsache, dass alle zur selben Zeit dasselbe erlebt haben – und, wie die Studie nahelegt, auch körperlich näher beieinander waren als vorher.

04Die Grenzen dieser Übertragung

Zur Ehrlichkeit gehört, was die Studie nicht sagt. Sie wurde in klassischen Konzerten durchgeführt, nicht bei Teamevents im Büro, und sie misst körperliche Synchronisation, nicht Teamzusammenhalt. Von „Herzschlag gleicht sich an“ zu „Team arbeitet besser zusammen“ ist es ein Schritt, den die Daten nicht belegen.

Was sich sagen lässt: Gemeinsames Zuhören ist kein passives Nichts, sondern ein Vorgang, bei dem zwischen Menschen etwas Messbares passiert. Ob daraus im konkreten Team etwas folgt, hängt von vielem ab, das kein Abend beeinflussen kann. Wer ein Teamevent sucht, das garantiert Konflikte löst, wird hier nicht fündig. Wer eines sucht, bei dem niemand etwas leisten muss und trotzdem etwas Gemeinsames entsteht, schon eher.

05Häufig gefragt

Gibt es Belege dafür, dass gemeinsames Musikhören verbindet?

Ja. Eine 2023 in Scientific Reports veröffentlichte Studie aus dem Projekt Experimental Concert Research wies in echten Konzerten nach, dass sich Herzfrequenz, Atemfrequenz und Bewegungen der Zuhörenden angleichen. Beteiligt waren die Universität Bern, das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik und die Zeppelin Universität.

Ist ein Teamevent ohne Aktivität überhaupt ein Teamevent?

Es kommt darauf an, was das Ziel ist. Wenn es um Kennenlernen und Abstimmung geht, sind aktive Formate sinnvoll. Wenn ein Team ohnehin viel miteinander arbeitet und redet, kann eine geteilte Erfahrung ohne Leistungsanspruch mehr bewirken als ein weiterer Programmpunkt.

Funktioniert das auch, wenn nicht alle dieselbe Musik mögen?

Der beschriebene Effekt hängt nicht davon ab, dass alle das Album lieben. Entscheidend ist, dass alle dasselbe gleichzeitig und ungeteilt hören. Deshalb eignen sich Alben, die als Ganzes tragen, besser als Lieblingsplatten einzelner.

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