Aufnahmetechnik4 Minuten Lesezeit
Die Bandmaschine mit Vergangenheit
Ein Toningenieur hatte den Geistesblitz nicht im Studio, sondern auf der nächtlichen Heimfahrt danach – und schuf einen Effekt, der bis heute auf jeder zweiten Platte steckt.
1966 wollte ein Beatle seine Stimme nicht mehr zweimal singen. Die Lösung dafür war kein Trick am Mikrofon, sondern zwei Bandmaschinen, die man dazu brachte, minimal gegeneinander aus dem Takt zu laufen.
Steckbrief
- Jahr
- 1966
- Studio
- Abbey Road, Studio 3, London
- Ingenieur
- Ken Townsend, EMI
- Effekt
- ADT – Artificial Double Tracking
„Ich bekam die Idee, die Gesangsspuren doppelt aufzunehmen, um die Zeit zu sparen, die wir sonst mit dem manuellen Doppeln verbrachten.“
In diesem Artikel
- 01Ein Beatle, der keine Lust mehr hatte
- 02Der Einfall auf der Heimfahrt
- 03Wie zwei Bandmaschinen eine Stimme verdoppeln
- 04Von Revolver in die ganze Popmusik
- 05Warum das für eine Bandmaschine heute noch zählt
01Ein Beatle, der keine Lust mehr hatte
Im Frühjahr 1966 saßen die Beatles im Studio 3 der Abbey Road Studios in London an den Aufnahmen zu Revolver. Eine der damals üblichen Techniken, um einer Stimme mehr Gewicht zu geben, war das sogenannte Double Tracking: Der Sänger nahm dieselbe Zeile ein zweites Mal auf, so exakt wie möglich, und beide Spuren liefen übereinander. Der Effekt klang voller und dichter – die Prozedur dahinter war jedoch mühsam und musste für jede Zeile wiederholt werden.
John Lennon mochte das Ergebnis, aber die Arbeit dafür nicht. Er beschwerte sich wiederholt bei den Toningenieuren, warum man ihm diese Tortur nicht ersparen könne. Diese Klage richtete sich unter anderem an Ken Townsend, einen technischen Ingenieur bei EMI, der die Beatles-Sessions betreute und später Studioleiter von Abbey Road wurde.
02Der Einfall auf der Heimfahrt
Townsend beschrieb später, wie die Lösung entstand: Die Band schilderte, welchen Klang sie sich wünschte, und die Techniker mussten anschließend selbst herausfinden, wie sich das umsetzen ließ. Nach einer besonders zermürbenden Nachtsession genau zu diesem Thema saß er im Auto auf dem Heimweg, als ihm der entscheidende Gedanke kam.
Die Idee: Wenn man das Signal von einer zweiten Tonbandmaschine leicht zeitversetzt zurückspielt und mit dem Originalsignal mischt, entsteht für das Ohr derselbe Eindruck wie beim echten Doppeln der Stimme – ganz ohne einen zweiten Gesangstake. Townsend fasste es selbst so zusammen: „Ich bekam die Idee, die Gesangsspuren doppelt aufzunehmen, um die Zeit zu sparen, die wir sonst mit dem manuellen Doppeln verbrachten. Mit verschiedenen Geräten konnte ich ein System bauen, mit dem wir zwei Stimmen gleichzeitig aufnehmen und die zweite um ein beliebiges Zeitintervall gegenüber der ersten versetzen konnten.“
03Wie zwei Bandmaschinen eine Stimme verdoppeln
Technisch gebaut wurde die Schaltung aus vorhandenen Studiogeräten: einer vierspurigen Studer-Maschine, deren Wiedergabekopf zwei um wenige Millimeter versetzte Abgriffe besaß, dazu einer einspurigen EMI BTR 2, deren Bandgeschwindigkeit über einen separaten Tongenerator, einen Levell TG-150m-Oszillator, fein reguliert werden konnte. Über diesen Umweg ließ sich die Laufzeit des zweiten Signals gegenüber dem ersten um wenige Millisekunden verschieben – typischerweise irgendwo zwischen acht und zwölf Millisekunden, je nachdem, wie der Ingenieur den Oszillator einstellte.
Das Ergebnis klang wie eine echte zweite Stimme, ließ sich aber am Mischpult in Echtzeit dosieren, ohne dass ein Sänger noch einmal vor das Mikrofon musste. Bei etwas anderer Einstellung des Oszillators entstand aus derselben Schaltung ein zweiter, verwandter Effekt: eine Art frühes Flanging, bei dem sich zwei fast identische Signale gegeneinander verschieben und phasen. Beide Effekte wurden während der Arbeit an Revolver mehrfach eingesetzt, unter anderem im Gesang von „Tomorrow Never Knows“.
Nebenbei bemerkt
Strom aus dem eigenen Generator
Damit beide Bandmaschinen exakt im selben Takt liefen, hingen sie nicht am normalen Stromnetz, sondern an einem eigenen Generator mit fest eingestellter Frequenz. Erst diese saubere, gemeinsame Taktquelle machte den winzigen, aber kontrollierten Zeitversatz zwischen beiden Maschinen überhaupt reproduzierbar.
04Von Revolver in die ganze Popmusik
ADT blieb kein einmaliger Studiotrick für eine einzelne Platte. Die Technik verbreitete sich in den folgenden Jahren durch ganz Abbey Road und wurde zu einem festen Bestandteil des britischen Studio-Sounds der späten Sechziger. Weil sich die Zeitversetzung stufenlos einstellen ließ, diente dieselbe Schaltung nicht nur zum Verdoppeln von Stimmen, sondern auch zum Verdicken von Gitarren und ganzen Chorspuren.
Bis heute existieren digitale Nachbauten dieses ursprünglich analogen Verfahrens, die versuchen, genau jenen Klang zweier leicht versetzter Bandmaschinen nachzubilden – ein Umweg, den es nie gebraucht hätte, wären die Originalmaschinen noch im Einsatz.
05Warum das für eine Bandmaschine heute noch zählt
Wenn ich bei einem Hörabend die AKAI GX-630D laufen lasse, denke ich selten aktiv an Ken Townsend und seine Heimfahrt von 1966. Und doch beruht der ganze Trick auf genau dem, was auch meine Maschine jeden Abend leistet: zwei Spulen, ein Band, ein Motor, der zuverlässig läuft. Die Erfindung von ADT zeigt, wie viel Klangästhetik der Popmusik direkt aus den mechanischen Eigenheiten von Tonbandmaschinen entstanden ist – nicht trotz ihrer analogen Umständlichkeit, sondern wegen ihr. Ein Ingenieur, der ein lästiges Problem lösen wollte, hat nebenbei einen Klang erfunden, den es ohne Bandmaschinen schlicht nicht gäbe.
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