Aufnahmetechnik5 Minuten Lesezeit
Das Schlagzeug im Treppenhaus
Kein Mikrofon in der Nähe der Trommeln, dafür zwei Stockwerke höher im Treppenhaus – so entstand einer der meistkopierten Schlagzeugsounds der Rockgeschichte.
Normalerweise gilt beim Aufnehmen eines Schlagzeugs eine einfache Regel: je näher das Mikrofon, desto klarer der Klang. 1971 stellte der Toningenieur Andy Johns diese Regel für einen einzigen Song komplett auf den Kopf – mit einem Ergebnis, das bis heute in unzähligen Samples und Hip-Hop-Produktionen nachwirkt.
Steckbrief
- Song
- Led Zeppelin, „When the Levee Breaks“, Led Zeppelin IV, 1971
- Ort
- Headley Grange, ehemaliges Armenhaus in Hampshire, England
- Aufbau
- Schlagzeug in der Eingangshalle, zwei Mikrofone im Treppenhaus darüber
- Toningenieur
- Andy Johns, mit nachträglicher Bearbeitung durch Jimmy Page
„Eines Abends, als die anderen alle in die Kneipe gingen, sagte ich: Ihr könnt gehen, aber Bonzo, du bleibst hier – ich hab da eine Idee.“
In diesem Artikel
- 01Ein Herrenhaus ohne Tonstudio
- 02Die Idee mit dem Treppenhaus
- 03Das „Ga-Gack“, das gar nicht gespielt wurde
- 04Ein Sound, der zum Baustein wurde
01Ein Herrenhaus ohne Tonstudio
Für ihr viertes, namenloses Album zogen sich Led Zeppelin 1971 nach Headley Grange zurück, ein weitläufiges, halb verfallenes viktorianisches Gebäude in der englischen Grafschaft Hampshire, das ursprünglich als Armenhaus errichtet worden war. Ein mobiles Tonstudio auf einem Truck lieferte die Technik, doch aufgenommen wurde mitten im Haus – in leeren, hallenden Räumen statt in schallgedämmten Kabinen.
02Die Idee mit dem Treppenhaus
Toningenieur Andy Johns hatte eine Idee, für die er eines Abends extra Schlagzeuger John Bonham zurückhielt, während der Rest der Band in die nächste Kneipe zog. Bonhams Ludwig-Schlagzeug mit einer 66 Zentimeter großen Bassdrum wurde in der Eingangshalle des Hauses aufgebaut – ganz ohne Mikrofone in seiner unmittelbaren Nähe. Stattdessen hängte Johns zwei Bändchenmikrofone des Typs Beyerdynamic M160 hoch oben im Treppenhaus auf, das zwei Stockwerke über der Halle lag.
Der Effekt: Statt eines trockenen, nahen Schlagzeugklangs entstand ein gewaltiger, natürlicher Nachhall, erzeugt allein durch die Architektur des Hauses. Jimmy Page beschrieb das Prinzip später so: Sobald man das Mikrofon vom Schlagzeug wegbewegt, bekommt der Klang Raum zum Atmen – und wird dadurch größer, nicht kleiner.
03Das „Ga-Gack“, das gar nicht gespielt wurde
Im Studio bearbeitete Andy Johns das aus dem Treppenhaus aufgenommene Signal weiter: Zwei Helios-F760-Kompressoren verdichteten den Klang, und ein Binson Echorec – ein italienisches Echogerät, das den Klang über eine rotierende Magnettrommel verzögert – fügte ein rhythmisches Echo im Sechzehntel-Raster hinzu. Genau dieses Echogerät erzeugte das charakteristische, leicht metallische „Ga-Gack“, das viele Hörer für einen zusätzlichen Trommelschlag halten. Bonham selbst spielte diesen Ton nie – er entstand vollständig im Nachhinein, durch Technik.
04Ein Sound, der zum Baustein wurde
Als Bonham den fertig bearbeiteten Klang zum ersten Mal über die Studiomonitore hörte, soll seine Reaktion knapp und deutlich ausgefallen sein: endlich klinge es so, wie er es sich vorgestellt hatte. Der so entstandene Drum-Break von „When the Levee Breaks“ wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem der meistgesampelten Schlagzeug-Aufnahmen überhaupt, von frühen Hip-Hop-Produktionen der Achtzigerjahre bis in heutige Beats hinein – ein Klang, der entstand, weil ein Toningenieur die Mikrofone einfach möglichst weit von der eigentlichen Schallquelle entfernte.
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