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Über die Siebziger4 Minuten Lesezeit

Die Hochzeit des HiFi

Ein Ingenieur strich probeweise den Riemen aus dem Antrieb – das Prinzip von 1969 steckt bis heute in jedem direkt angetriebenen Plattenspieler.

Es gab ein Jahrzehnt, in dem die Stereoanlage das teuerste Möbelstück im Wohnzimmer war und niemand das komisch fand. Meine eigene Bandmaschine stammt genau aus dieser Zeit.

Steckbrief

Jahrzehnt
1969–1976
Thema
Direktantrieb, Wattkrieg, Kompaktanlage
Mein Gerät aus dieser Zeit
AKAI GX-630D, Baujahr 1976

„Die Siebziger haben nicht die lauteste, sondern die verlässlichste Technik hervorgebracht, die wir heute noch benutzen können.“

Aus diesem Text

In diesem Artikel

  1. 01Ein Möbelstück mit Statuswert
  2. 02Der Plattenspieler lernt laufen ohne Riemen
  3. 03Der Wattkrieg
  4. 04Vier Lautsprecher, die niemand behalten wollte
  5. 051976: ein Karton aus Japan mit Glas-Tonköpfen
  6. 06Was von dieser Zeit bleibt

01Ein Möbelstück mit Statuswert

In den Siebzigern stand in vielen Wohnzimmern ein Möbelstück, das heute merkwürdig fremd wirkt: eine Kompaktanlage, oft ein flacher Kasten mit einer Haube aus Acrylglas, darunter Plattenspieler, Radio und meistens auch ein Kassettenteil, alles in einem Gehäuse vereint. Diese Anlagen waren vergleichsweise teuer und für viele Familien ein echtes Statussymbol – man hat darauf gespart, sich beraten lassen, sie zuweilen in Raten abbezahlt.

Parallel dazu wuchs eine zweite, anspruchsvollere Welt heran: die Komponentenanlage. Einzelne Geräte – Tuner, Verstärker, Plattenspieler, Boxen – die man selbst zusammenstellte, statt eine fertige Kiste zu kaufen. Diese Bauweise setzte sich in den Achtzigern endgültig durch, hatte ihre Wurzeln aber bereits in den frühen und mittleren Siebzigern.

02Der Plattenspieler lernt laufen ohne Riemen

Illustration eines Plattenspielers mit Tonarm im Flat-Icon-Stil der Seite.
Direktantrieb statt Riemen: der SP-10 von Technics machte 1969 den Anfang.

1969 brachte der japanische Konzern Matsushita unter der Marke Technics den SP-10 heraus, den ersten Plattenspieler mit Direktantrieb für den professionellen Markt. Der Ingenieur Shuichi Obata hatte einen Motor entwickelt, der den Plattenteller unmittelbar antreibt, ohne den Umweg über einen Riemen. 1972 folgte mit dem SL-1200 die Version für den Massenmarkt.

Das klingt nach einem technischen Detail, war aber ein echter Fortschritt: Riemen dehnen sich, verschleißen, brauchen eine kurze Anlaufzeit. Ein direkt angetriebener Teller läuft sofort mit konstanter Geschwindigkeit an und bleibt es. Für den heimischen Hörabend bedeutete das schlicht: mehr Verlässlichkeit, weniger Wartung.

03Der Wattkrieg

Illustration eines Receiver-Frontpanels mit drei großen Reglern im Flat-Icon-Stil der Seite.
Mehr Watt als Verkaufsargument: die Frontplatten wurden zur Anzeigetafel.

Auf der Verstärkerseite tobte in denselben Jahren ein Wettrüsten um Leistung. 1974 brachte Pioneer mit dem SX-1010 einen Receiver, der die symbolische Grenze von 100 Watt pro Kanal durchbrach. Es folgten immer stärkere Modelle – die Zahlen auf den Frontplatten wurden zum Verkaufsargument, ungefähr so, wie es später bei Megapixeln oder Prozessortakten lief.

Weniger laut, aber für das Hören zu Hause wichtiger, war eine andere Entwicklung: das Dolby-B-Rauschunterdrückungsverfahren, das ab den frühen Siebzigern in Kassettendecks Einzug hielt und das Bandrauschen erstmals so weit drückte, dass eine Kassette ernsthaft nach Musik klingen konnte statt nach einem Kompromiss.

04Vier Lautsprecher, die niemand behalten wollte

Nicht jede Neuerung dieser Jahre hat überlebt. Anlagen mit vier Kanälen und vier Lautsprechern – Quadrofonie genannt – sollten Musik von allen Seiten gleichzeitig liefern und wurden mit großem Aufwand beworben. Sie haben sich nie wirklich durchgesetzt: zu teuer, zu kompliziert, ohne echten gemeinsamen Standard zwischen den Herstellern. Es ist eine kleine, aber lehrreiche Fußnote der HiFi-Geschichte – nicht jede Erweiterung macht das Hören besser, manche macht es nur komplizierter.

051976: ein Karton aus Japan mit Glas-Tonköpfen

Illustration einer Bandmaschine mit zwei Spulen im Flat-Icon-Stil der Seite.
Zwei Spulen, ein Motor: die AKAI GX-630D, Baujahr 1976.

Mitten in dieses Jahrzehnt fällt auch der Bau meiner eigenen Bandmaschine. Die AKAI GX-630D, mit der ich heute jeden Abend bestreite, wurde 1976 in Japan gefertigt – in exakt der Zeit, in der Direktantrieb, Wattkrieg und Kompaktanlagen-Boom gleichzeitig stattfanden. Sie war damals kein Nischenprodukt für Bastler, sondern ein reguläres, wenn auch nicht ganz billiges Gerät im mittleren bis oberen Preissegment.

Was diese Geräte auszeichnete, war nicht in erster Linie die Wattzahl auf der Frontplatte. Es war die Sorgfalt, mit der ein einziges Gerät eine einzige Aufgabe erledigen sollte – und zwar so gründlich, dass daraus fünfzig Jahre später noch etwas Brauchbares werden konnte.

Nebenbei bemerkt

Glas- statt Metallköpfe

Ab Mitte der Siebziger setzten einige Hersteller auf Tonköpfe aus Glasferrit statt aus weicheren Metalllegierungen. Sie nutzen sich beim Bandkontakt deutlich langsamer ab – ein Grund, warum aus dieser Zeit noch heute funktionierende Maschinen erhalten sind.

06Was von dieser Zeit bleibt

Ich bin kein Sammler, der jedes Detail vergangener Katalogseiten auswendig kennt. Aber wenn ich verstehe, in welchem Jahrzehnt meine Maschine entstanden ist, verstehe ich auch besser, warum sie so ist, wie sie ist: gebaut für eine Zeit, in der ein Gerät noch bedient werden musste, um zu funktionieren, und in der genau das kein Nachteil war.

Genau dieser Verlässlichkeit verdankt sich ein Hörabend bei mir: kein Bluetooth, kein Update, kein Absturz. Nur ein Motor, ein Band und zwei Spulen, die tun, wofür sie 1976 gebaut wurden.

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