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Aus der Plattengeschichte4 Minuten Lesezeit

Der Presswerk-Patzer

750.000 Cover waren gedruckt, verpackt und ausgeliefert – dann klebte Capitol Records sie eigenhändig wieder zu.

Manche Plattenfehler passieren an der Nadel. Dieser passierte Monate vorher, an einem Fototermin, und traf die Presswerke erst, als die Kartons längst auf den Lastwagen standen.

Steckbrief

Album
The Beatles – Yesterday and Today, Capitol Records, 1966
Betroffene Auflage
rund 750.000 Cover, bereits gepresst und verpackt
Rückrufaktion
„Operation Retrieve“, angeordnet von Label-Chef Alan Livingston
Auktionsrekord
125.000 US-Dollar, versiegeltes Stereo-Exemplar, 2016

„Das Cover war als Pop-Art-Satire gedacht. Eine Befragung der öffentlichen Meinung in den USA zeigt jedoch, dass das Motiv falsch verstanden werden kann.“

Alan Livingston Präsident von Capitol Records, in einem Memo an Musikkritiker vom 14. Juni 1966

In diesem Artikel

  1. 01Ein Fototermin, der aus dem Ruder lief
  2. 02Vom fertigen Cover zum Rückruf
  3. 03Operation Retrieve
  4. 04Kleber statt Neudruck
  5. 05Was von diesem Patzer bleibt

01Ein Fototermin, der aus dem Ruder lief

Illustration eines Plattencovers, dessen Ersatzmotiv sich an einer Ecke wieder ablöst, im Flat-Icon-Stil der Seite.
Aufgeklebt statt neu gedruckt: So retteten zwei Presswerke die bereits fertige Auflage.

Am 29. April 1966 fotografierte Robert Whitaker die Beatles in den Büroräumen ihres Managers Brian Epstein für eine Bilderserie, die er selbst „A Somnambulant Adventure“ nannte. Die vier posierten in weißen Fleischerkitteln, umgeben von rohem Fleisch und zerlegten Puppenteilen. Whitaker verstand die Aufnahmen als konzeptuelle Kunst, nicht als Plattencover – gedacht war das Motiv als eines von mehreren Bildern in einer surrealen Bildserie über die Band als Objekt medialer Vermarktung.

Wie genau eines dieser Bilder auf das US-Album Yesterday and Today gelangte, ist im Detail nicht restlos geklärt. Belegt ist, dass Capitol Records das Motiv aus dem Umfeld des Bandmanagements erhielt und für das Cover auswählte – ein Bild, das eigentlich nie für den Einzelhandel bestimmt war.

02Vom fertigen Cover zum Rückruf

Capitol ließ das Cover regulär drucken, die Platten pressen und beides in drei Presswerken zu fertigen Exemplaren zusammenführen. Rund 750.000 Cover waren so bereits produziert und teils an Großhändler ausgeliefert, als am 3. Juni 1966 erste Abdrucke des Fotos in britischen Musikmagazinen erschienen und Reaktionen auslösten. Wenige Vorabexemplare, die an Radiosender und Kritiker gegangen waren, verstärkten den Ärger zusätzlich.

Die Beatles selbst sahen das Bild geteilt. John Lennon erinnerte sich 1974 daran, wie sehr es ihnen gefallen hatte: „We liked it – we thought it was stunning and shocking.“ George Harrison sah es im Rückblick nüchterner: „I thought it was gross, and I also thought it was stupid.“ Paul McCartney beschrieb die Absicht dahinter im Beatles-Anthology-Buch so: „we tried to do something different.“

03Operation Retrieve

Label-Chef Alan Livingston entschied sich, das Album trotz der bereits produzierten Auflage aus dem Verkehr zu ziehen. Am 10. Juni 1966 startete Capitol dafür intern die „Operation Retrieve“, am 14. Juni verschickte Livingston ein Memo an Musikkritiker mit der offiziellen Begründung, das Motiv sei als Pop-Art-Satire gedacht gewesen, werde in den USA aber missverstanden. Am 20. Juni erschien das Album regulär – mit einem harmlosen Ersatzmotiv, das die vier auf einer Reisetruhe sitzend zeigt.

Für ein bereits fertig produziertes Album war das ein ungewöhnlicher Schritt: Nicht ein Pressfehler in der Rille, sondern eine nachträgliche Entscheidung des Labels sorgte dafür, dass fast eine Dreiviertelmillion fertiger Cover noch einmal durch die Presswerke musste.

Nebenbei bemerkt

Ein Loch auf der grünen Wiese

Nicht überall wurde geklebt. Im Presswerk in Jacksonville, Illinois, entfernte man die Schallplatten aus den zurückgerufenen Covern und entsorgte die Hüllen auf der örtlichen Deponie – in einer wassergefüllten Grube, die anschließend mit Erde bedeckt wurde.

04Kleber statt Neudruck

Illustration einer Plattenpresse mit einem leicht versetzt sitzenden Stanzkopf, im Flat-Icon-Stil der Seite.
Fertig produziert, trotzdem zurück ins Presswerk: eine Auflage, die niemand mehr anfassen wollte.

In den Presswerken in Los Angeles und Scranton entschied man sich für die günstigere Lösung: Statt komplett neue Cover zu drucken, klebten Arbeiter das neue Reisetruhen-Motiv direkt über die bestehenden Fleischerkittel-Cover und schnitten die Ränder passend zu. Das ist der eigentliche Presswerk-Patzer dieser Geschichte – nicht der Fototermin selbst, sondern die hastige, handwerkliche Reparatur einer bereits abgeschlossenen Produktion, ausgeführt an Fließbändern, die eigentlich längst fertig waren.

Aus dieser Notlösung wurden bei Sammlern drei unterschiedene Zustände: Cover mit sichtbarem Fleischerkittel-Motiv ohne Aufkleber, Cover mit intaktem aufgeklebtem Ersatzmotiv – und Cover, bei denen Besitzer den Aufkleber später wieder abgelöst haben, um das ursprüngliche Bild freizulegen. Diese abgelösten Exemplare erkennt man bis heute an ihren leicht beschnittenen, schmaleren Rändern.

05Was von diesem Patzer bleibt

Aus einem Motiv, das eigentlich nie im Handel landen sollte, wurde durch den Rückruf ausgerechnet das teuerste Plattencover der Geschichte: Ein versiegeltes Stereo-Exemplar mit dem ursprünglichen Fleischerkittel-Cover erzielte 2016 bei einer Auktion 125.000 US-Dollar. Was als Fehler in der Kommunikation zwischen Fotograf, Management und Label begann, wurde durch die Reparatur im Presswerk erst zu dem Objekt, das Sammler heute suchen.

Für mich liegt die eigentliche Pointe nicht im Skandal um das Motiv, sondern in der Reparatur selbst: Arbeiter standen an Fließbändern und klebten von Hand ein zweites Cover über ein erstes, weil ein Neudruck zu teuer und zu langsam gewesen wäre. Genau diese handwerkliche Hektik, nicht das Foto, ist der Presswerk-Patzer, der bis heute nachwirkt.

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