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2018Albumvorschlag

El Mal Querer

Rosalía

Elf Kapitel, dreißig Minuten, eine Geschichte aus dem Mittelalter. Auf El Mal Querer erzählt Rosalía von einer Liebe, die gefangen nimmt, und verbindet dafür Flamenco mit Beats, Chören und Geräuschen aus der Stadt.

Rosalía Vila Tobella aus der Nähe von Barcelona hatte jahrelang Flamenco studiert. Ihr zweites Album begann als Abschlussarbeit an der Musikhochschule von Katalonien. Sie schrieb und produzierte es mit Pablo Díaz-Reixa alias El Guincho, zum großen Teil in dessen Wohnung in Barcelona, mit sehr wenig Technik und ohne Budget eines Labels. Aus der Abschlussarbeit wurde eines der meistbeachteten Alben des Jahres 2018.

  • Laufzeitrund 30 Minuten
  • Titel11
  • Jahr2018
  • AufgenommenEl Guincho Studio, Barcelona, und Casa Arte, El Hierro (2016–2018)
Das Albumcover von El Mal Querer: Rosalía schwebt mit ausgebreiteten Armen über Wolken, ein weißes Tuch hängt von ihren Armen, eingerahmt von einer goldenen Krone.
Rosalía, El Mal Querer, Columbia 2018. Foto Filip Custic, Art Direction Tamara Pérez. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Malamente (Cap.1: Augurio)2:30
  2. Que No Salga La Luna (Cap.2: Boda)4:29
  3. Pienso En Tu Mirá (Cap.3: Celos)3:13
  4. De Aquí No Sales (Cap.4: Disputa)2:24
  5. Reniego (Cap.5: Lamento)3:28
  6. Preso (Cap.6: Clausura)0:40
  7. Bagdad (Cap.7: Liturgia)3:02
  8. Di Mi Nombre (Cap.8: Éxtasis)2:42
  9. Nana (Cap.9: Concepción)3:17
  10. Maldición (Cap.10: Cordura)2:55
  11. A Ningún Hombre (Cap.11: Poder)1:34

Zum Cover

Rosalía schwebt über Wolken, die Arme weit ausgebreitet, von ihnen hängt ein weißes Tuch herab. Sie blickt direkt nach vorn. Das Ganze ist eingefasst von einer goldenen Krone. Die spanische Musikseite Jenesaispop erkannte darin sofort die Bildsprache der Heiligenbildchen, der kleinen religiösen Karten, die man in Spanien kennt.

Fotografiert hat der spanisch-kroatische Künstler Filip Custic, die Art Direction lag bei Tamara Pérez. Rosalía hatte Custic über Instagram kennengelernt und ihn gebeten, die gesamte Bildwelt des Albums zu entwerfen. Er zitierte dafür Bilder wie Frida Kahlos Die zwei Fridas, Millais' Ophelia und Goyas Bekleidete Maja. Für die Gestaltung gewann er 2019 den Latin Grammy für die beste Verpackung.

Die Figur auf dem Cover wirkt zugleich wie Maria und wie Christus. Billboard nannte es eines der besten Albumcover des Jahrhunderts. Rosalía sagte, ihr sei ein starkes Cover wichtig gewesen, das eine sehr direkte Weiblichkeit zeigt.

Foto: Filip Custic
Gestaltung: Tamara Pérez (Art Direction)
Label: Columbia Records, 2018
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Life, love, fighting, spirituality, death – you can find everything in flamenco.“

Rosalía Über den Flamenco

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie El Mal Querer entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Am Anfang stand ein Vorschlag unter Freunden. Ein Freund brachte Rosalía auf Flamenca, einen anonymen Roman aus dem 13. Jahrhundert, geschrieben auf Okzitanisch. Darin sperrt ein eifersüchtiger Ehemann seine Frau in einen Turm. Ein Ritter findet einen Weg zu ihr, verkleidet als Geistlicher, durch einen Tunnel. Die Handschrift ist unvollständig, Anfang und Ende fehlen.

Rosalía machte daraus die Struktur ihres Albums. Jeder Song ist ein Kapitel und trägt dessen Namen: Vorzeichen, Hochzeit, Eifersucht, Streit, Klage, Gefangenschaft, bis zum letzten Kapitel, „Poder“, Macht.

Alles auf eine Karte

Das Album war ihre Abschlussarbeit, und sie finanzierte es weitgehend selbst. Sie hat erzählt, sie habe alles, was sie hatte, in diese Platte gesteckt. Ihr Ziel sei gewesen, die Tradition, von der sie besessen sei, auf die persönlichste Art zu erklären, die sie finden konnte.

02Wie El Mal Querer entstand

Aufgenommen wurde vor allem in Barcelona, in der Wohnung von El Guincho, mit einem Computer, einem Mikrofon und einem Audio-Interface. Dazu kamen weitere Studios in Barcelona und die Casa Arte auf El Hierro, der kleinsten Kanareninsel, wo unter anderem „Malamente“ entstand. Rosalía hat die Zeit dort als etwas sehr Besonderes beschrieben.

Die beiden arbeiteten mit dem, was der Flamenco an Material bietet: Palmas, also rhythmisches Händeklatschen, alte Gesangslinien, Klage und Wiegenlied. Manches beruht auf gemeinfreien Liedern, „Que No Salga La Luna“ greift eine Aufnahme der Sängerin La Paquera de Jerez auf.

Zitate aus der Popwelt

Gleichzeitig holten sie Dinge in den Flamenco, die dort niemand erwartet. „Bagdad“ zitiert, auf Spanisch gesungen, den Refrain von Justin Timberlakes „Cry Me a River“. „Maldición“ verwendet ein Sample des amerikanischen Avantgardemusikers Arthur Russell. In „Reniego“ spielt ein Orchester aus Bratislava, in „Preso“ spricht die Schauspielerin Rossy de Palma.

03Der Klang

El Mal Querer klingt karg und groß zugleich. Oft trägt ein Song nur Rosalías Stimme, Händeklatschen und ein tiefer Bass. Dann öffnet sich plötzlich ein Chor, ein Orchester, ein ganzer Raum aus Hall. Ihre Stimme wechselt zwischen gehauchtem Pop und dem kraftvollen, verzierten Gesang des Flamenco. Pitchfork schrieb, ob gehaucht oder geschmettert, sie sei immer eine beherrschende Präsenz.

Gemischt wurde das Album in den Larrabee Studios in Los Angeles von Jaycen Joshua. Das hört man an den Bässen: Sie sind tief und klar, und doch bleibt Platz für jedes Klatschen.

Genau hingehört

Ein Motorrad im Rhythmus

In „De Aquí No Sales“, dem Kapitel über einen Streit, heulen Motorradmotoren auf. Sie sind nicht bloß Effekt, sondern Teil des Rhythmus, zusammen mit schnellem Händeklatschen und zerhackten Stimmen. Auf einer guten Anlage kommen die Motoren tief aus dem Raum, und die Palmas stehen scharf davor. Selten klang Streit so genau komponiert.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

El Mal Querer ist ein Konzeptalbum im eigentlichen Sinn: Man versteht es erst ganz, wenn man es von vorn bis hinten hört. Die Geschichte führt von der düsteren Vorahnung in „Malamente“ über Hochzeit, Eifersucht und Gefangenschaft bis zur Befreiung. Das letzte Kapitel ist nur anderthalb Minuten lang. Schon sein Titel, „A Ningún Hombre“, keinem Mann, zeigt, wohin die Geschichte führt.

Ein Rekord nach dem anderen

Bei den Latin Grammys 2019 gewann das Album unter anderem die Preise für das Album des Jahres und die beste Tontechnik, dazu kam ein Grammy. In Spanien erreichte es Platz 1 und ist seit 2021 das Album mit der längsten Verweildauer in der Geschichte der spanischen Charts. Rolling Stone nahm es 2020 in seine Liste der 500 besten Alben aller Zeiten auf, als höchstplatziertes spanischsprachiges Album.

05Warum es einen Abend trägt

Dreißig Minuten sind kurz, und gerade deshalb eignet sich El Mal Querer für einen Abend. Man kann es zweimal hören: einmal, um der Geschichte zu folgen, und einmal, um auf die Details zu achten. Auf der Schallplatte liegen die ersten fünf Kapitel auf Seite A, von „Malamente“ bis zur Klage „Reniego“. Seite B beginnt mit „Preso“, vierzig Sekunden Gefangenschaft, und endet mit der Befreiung.

Tradition als Gegenwart

Rosalía hat gesagt, im Flamenco finde man alles: Leben, Liebe, Kampf, Spiritualität, Tod. Ihr Album zeigt, dass diese Musik nicht ins Museum gehört. Um die Frage, wie weit eine Katalanin mit Symbolen des andalusischen und gitano-geprägten Flamenco arbeiten darf, gab es in Spanien eine lebhafte Debatte. Doch wer die Platte an einem ruhigen Abend hört, erlebt vor allem eine Künstlerin, die eine alte Form ernst nimmt, gerade indem sie sie verändert.

Wie klingt eine Geschichte aus dem 13. Jahrhundert, wenn man sie heute erzählt?

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