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2016Albumvorschlag

Lemonade

Beyoncé

Beyoncé spielte einer Songwriterin ein Country-Demo vor, das diese eigentlich für sich selbst geschrieben hatte, und sagte nur: „Das ist mein Leben.“

Zwölf Tracks, ein knappes Dutzend Produzenten, eine Erzählung über Untreue und Vergebung – und ein Film, der am selben Abend im Fernsehen lief wie das Album im Handel erschien. Was man von dieser Platte kennt, ist „Formation“. Was man leicht überhört, ist, wie viele Genres darunterliegen.

  • Laufzeitrund 46 Minuten
  • Titel12
  • Jahr2016
  • Aufgenommenu. a. Jungle City New York, Record Plant Los Angeles, Studios in Paris, einer Quelle zufolge 2014–2015
Das Albumcover von Lemonade: Beyoncé in Nahaufnahme, mit geflochtenem Haar und gesenktem Blick vor dunklem Grund.
Beyoncé, Lemonade, Parkwood Entertainment / Columbia Records 2016. Fotografie und Gestaltung sind für dieses Cover nicht zuverlässig einzelquellig belegt und werden hier deshalb nicht benannt. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Pray You Catch Me3:16
  2. Hold Up3:41
  3. Don't Hurt Yourself3:54
  4. Sorry3:53
  5. 6 Inch4:20
  6. Daddy Lessons4:48
  7. Love Drought3:57
  8. Sandcastles3:03
  9. Forward1:19
  10. Freedom4:50
  11. All Night5:22
  12. Formation3:26

„Sie nahm im Grunde nur eine grobe Textskizze und machte daraus diesen unverschämten, bösartigen, unglaublichen Song.“

Jack White Musiker und Co-Autor/Co-Produzent von „Don't Hurt Yourself“, über die Zusammenarbeit mit Beyoncé

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie Lemonade entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Die Songwriterin und Sängerin Diana Gordon (damals unter dem Namen Wynter Gordon aktiv) hatte einen Track geschrieben, der Country und Blues mischte, eigentlich für ihre eigene Arbeit gedacht. Als sie ihn Beyoncé vorspielte, wurde daraus etwas anderes. Gordon hat die Szene später so erzählt: „Als ich es ihr vorspielte, dachte ich: Das ist einer meiner Lieblingssongs. Sie sagte: Das ist mein Leben.“

Daddy Lessons entsteht

Aus dieser Skizze wurde „Daddy Lessons“, ein Song über einen Vater, der seine Tochter im Umgang mit Waffen und Männern unterweist, gespielt mit Blechbläsern und Akustikgitarre, mit einem hörbaren Fuß in Country und Southern Soul. Beyoncé nahm den Song mit auf die Platte und später sogar mit den Dixie Chicks auf die Bühne der Country Music Association Awards.

Was diese Szene über das ganze Album sagt, liegt in der Verschiebung: Ein Song, der einer anderen Frau als eigene Geschichte gehörte, wurde zu einem Kapitel in Beyoncés Geschichte, ohne dass die Urheberin verschwand – Gordon ist an mehreren Tracks der Platte als Autorin beteiligt. Genau so ist Lemonade entstanden: als Zusammenarbeit vieler einzelner Stimmen, die am Ende wie eine einzige klingen sollen.

Erzählt wird die Szene im Kern von einer Zeugin, von Gordon selbst, in einem später veröffentlichten Gespräch. Details zur genauen Reihenfolge der Entstehung von „Daddy Lessons“ – wie viel am Ende Beyoncé selbst textlich beisteuerte – sind öffentlich nicht vollständig dokumentiert.

04Wie Lemonade entstand

Lemonade erschien am 23. April 2016 über Beyoncés eigenes Label Parkwood Entertainment und Columbia Records – ohne vorherige Ankündigung eines Verkaufsstarts, aber mit einer klaren Uhrzeit: Am selben Abend lief auf dem US-Sender HBO ein rund 65-minütiger Film mit demselben Titel, der das Album als durchgehende Bildergeschichte in elf Kapiteln zeigt, unterbrochen von Gedichten der Autorin Warsan Shire. Album und Film wurden bewusst als ein einziges Werk veröffentlicht.

An der Musik arbeitete eine ungewöhnlich große Zahl von Produzentinnen und Produzenten mit, neben Beyoncé selbst unter anderem Jack White, James Blake, Diplo, Mike Dean, Just Blaze, Mike WiLL Made-It, Kevin Garrett, Ezra Koenig (von Vampire Weekend), Boots und Diana Gordon. Als Gastsängerinnen und -sänger sind unter anderem The Weeknd, James Blake und Kendrick Lamar zu hören. Aufgenommen wurde einer Quelle zufolge über einen Zeitraum von etwa einem Jahr, 2014 bis 2015, an gut einem Dutzend Studios in den USA und in Frankreich, darunter Jungle City in New York und der Record Plant in Los Angeles – über die genaue Zahl der Orte gehen Angaben in verschiedenen Quellen leicht auseinander.

When the Levee Breaks

Als Konzept trägt das Album eine persönliche Erzählung von Untreue, Zorn und Vergebung, die sich einer verbreiteten Lesart zufolge lose an den fünf Phasen der Trauer nach dem Kübler-Ross-Modell orientiert. Zugleich ist die Platte als Geschichte Schwarzer weiblicher Erfahrung über Generationen hinweg angelegt, mit Auftritten unter anderem von Beyoncés Mutter Tina Knowles-Lawson. Beyoncé selbst hat ihre Absicht damit umschrieben, „Kunst zu schaffen, die Menschen beim Heilen hilft“ und die Menschen „stolz auf ihren Kampf“ macht.

Der bekannteste einzelne Baustein ist die Zusammenarbeit mit Jack White an „Don't Hurt Yourself“. Der Song sampelt Led Zeppelins „When the Levee Breaks“ von 1971, und die vier Bandmitglieder – Robert Plant, Jimmy Page, John Paul Jones und der 1980 verstorbene John Bonham – sind entsprechend als Mitautoren des Tracks geführt. White hat die Zusammenarbeit als intensiv beschrieben und gesagt, Beyoncé habe aus einer bloßen Textskizze „diesen unverschämten, bösartigen, unglaublichen Song“ gemacht.

02Der Klang

Was die Platte zusammenhält, ist nicht ein Klang, sondern ein Wechsel von Klängen. „Pray You Catch Me“ öffnet leise, mit Klavier und verzerrten Streichern. „Hold Up“ trägt einen karibisch-dancehall-nahen Groove, der auf einem Sample eines Andy-Williams-Songs aufbaut. „Don't Hurt Yourself“ ist die härteste Nummer der Platte: verzerrte Gitarren, ein Led-Zeppelin-Beat, Jack Whites Stimme im Wechselgesang mit Beyoncés. „6 Inch“ und „Formation“ ziehen in Richtung Trap und zeitgenössisches Südstaaten-Hip-Hop, mit tiefen 808-Bässen und Produktionsarbeit von Mike WiLL Made-It beziehungsweise Just Blaze und Mike Dean.

Dazwischen liegt „Daddy Lessons“ mit Blechbläsern und Country-Anleihen, „Sandcastles“ als kaum begleitete Klavierballade, „All Night“ mit Bläsersatz und Soul-Anleihen und „Freedom“, das Gospel-Chöre, Trommeln und einen Gastauftritt von Kendrick Lamar zusammenbringt. James Blake steuerte für „Forward“ Klavier und Gesangsharmonien bei; er hat später beschrieben, wie er Beyoncé erstmals am Klavier im Studio traf: „Beyoncé kam ins Studio, und ich saß am Klavier, als ich sie traf. Sie war einfach reizend.“

„Post-Genre“

Kritikerinnen und Kritiker haben diese Bandbreite – R&B, Rock, Country, Trap, Reggae-Anklänge, Gospel, Blues – wiederholt als „post-genre“ beschrieben: eine Platte, die sich keiner einzelnen Schublade unterordnet, sondern jede Farbe nutzt, die die jeweilige Textzeile braucht.

Der Produzent Just Blaze hat Beyoncés Arbeitsweise im Studio als sehr durchorganisiert beschrieben: „Wenn sie sich einrichtet und ins Studio geht, ist das wie eine Lagebesprechung. Überall hängen Pläne.“ Diese Genauigkeit erklärt, warum die vielen unterschiedlichen Produzentinnen und Produzenten am Ende nicht wie ein Sammelalbum klingen, sondern wie eine einzige durchgeplante Erzählung.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Lemonade ist als Abfolge von Zuständen gebaut, nicht als Sammlung von Einzeltiteln. Verleugnung, Zorn, Verhandlung, Depression, Erwachen, Vergebung: Die Reihenfolge der Tracks folgt einer solchen Bewegung, von der leisen Verunsicherung in „Pray You Catch Me“ über die Konfrontation in „Don't Hurt Yourself“ und „Sorry“ bis zur Versöhnung in „Sandcastles“ und dem generationenübergreifenden Schluss in „Freedom“ und „Formation“. Wer nur einzelne Tracks kennt, kennt die Ausschläge, nicht die Kurve.

Verstärkt wird das durch den Film. Jedes Kapitel des HBO-Films trägt einen eigenen Begriff – „Intuition“, „Denial“, „Anger“, „Apathy“, „Emptiness“, „Accountability“, „Reformation“, „Forgiveness“, „Resurrection“, „Hope“, „Redemption“ –, der die jeweiligen Tracks rahmt. Wer nur das Album ohne den Film kennt, verliert diese Beschriftung, aber nicht die Bewegung selbst: Die Musik trägt die Erzählung auch ohne die Bilder, weil Tempo, Instrumentierung und Gesangshaltung von Track zu Track mitgehen.

Forward

Auch das kurze Zwischenstück „Forward“, kaum mehr als eine Minute lang, hat in dieser Konstruktion eine Funktion: Es ist der Umschlagpunkt zwischen dem zornigen und dem versöhnlichen Teil der Platte, mehr Übergang als eigenständiger Song. Wer es überspringt, überspringt genau die Stelle, an der sich die Erzählung dreht.

03Warum es einen Abend trägt

Rund sechsundvierzig Minuten, zwölf Tracks, keiner davon beliebig austauschbar. Wer Lemonade als Playlist hört, verliert genau das, was die Platte ausmacht: die Bewegung von Wut zu Ruhe, von Anklage zu Anerkennung. Als geschlossenes Stück gehört, ergibt sich eine Spannung, die kein Einzeltitel allein trägt.

Dazu kommt die geschichtliche Tiefe: Ein Sample aus einem fünfundvierzig Jahre alten Rock-Klassiker, ein Country-Song mit Blechbläsern, Gospel-Chöre und zeitgenössischer Trap-Produktion – nebeneinander gehört, wird hörbar, wie viele musikalische Traditionen Schwarzer amerikanischer Musik in dieser einen Platte zusammenlaufen. Das erschließt sich eher im Zusammenhang als beim Herauspicken einzelner Hits.

Ehrlich muss man auch sagen, was das Album verlangt: Es ist keine Hintergrundmusik. Die leiseren Tracks – „Pray You Catch Me“, „Sandcastles“ – brauchen Aufmerksamkeit, um zu wirken, und stehen bewusst neben den lautesten Momenten der Platte. Wer einen Abend mit gleichbleibender Stimmung sucht, bekommt hier das Gegenteil.

Die Grammy-Nacht 2017

Ein Beleg dafür, wie ernst diese Geschlossenheit auch außerhalb des eigenen Werks genommen wurde: Bei der Grammy-Verleihung 2017 gewann Adeles Album 25 die Auszeichnung Album des Jahres – nicht Lemonade, das ebenfalls nominiert war. Adele nutzte ihre Dankesrede, um öffentlich zu sagen, sie könne die Auszeichnung „unmöglich annehmen“, weil „meine Künstlerin meines Lebens Beyoncé“ sei, und nannte Lemonade „so monumental, so durchdacht, so schön und so seelenoffen“. Lemonade selbst gewann in derselben Nacht die Preise für das beste Urban-Contemporary-Album und das beste Musikvideo, für „Formation“.

Wie klingt ein Album, das ein Fernsehsender und ein Plattenladen am selben Abend gleichzeitig veröffentlichen mussten, damit es als ein einziges Werk ankommt?