Alben, die fast verschwanden4 Minuten Lesezeit
Das Album, das fast nie erschien
Sieben Tage vor dem Erscheinungstermin ließ ein Künstler eine halbe Million fertig gepresster Platten von seinem eigenen Label vernichten.
Manche Alben werden nicht abgesetzt, weil sie floppen. Dieses hier war bereits gepresst, verpackt und auf dem Weg in die Läden – und wurde trotzdem gestoppt, von niemand anderem als dem Künstler selbst.
Steckbrief
- Album
- Prince – The Black Album
- Geplantes Erscheinen
- 8. Dezember 1987
- Zurückgezogen
- 1. Dezember 1987, eine Woche vorher
- Offizielles Erscheinen
- 22. November 1994
„Er sagte: Ich möchte, dass ihr all diese Platten nehmt und vernichtet, und ich zahle für alle Kosten, die euch bei der Produktion entstanden sind.“
In diesem Artikel
- 01Ein Album, das schon in Kartons stand
- 02Blue Tuesday
- 03Warum ein Künstler sein eigenes Album stoppt
- 04Sieben Jahre als Bootleg
- 051994: die verspätete Veröffentlichung
01Ein Album, das schon in Kartons stand
Im Herbst 1987 war für Prince alles vorbereitet: Ein neues Album, aufgenommen 1986 und 1987 in seinem eigenen Paisley-Park-Studio, war bei Warner Bros. unter der Katalognummer 25677 fertig gepresst. Rund 500.000 Exemplare lagen bereits in Kartons auf den Verladerampen der Presswerke, bereit für den Versand in die Plattenläden. Der Erscheinungstermin stand fest: 8. Dezember 1987. Ein Titel war dem Album offiziell nie zugewiesen worden – schwarzes Cover, kein Bandname, keine Songtitel. Fans und Presse nannten es schlicht „The Black Album“.
Genau das machte es später so leicht wiederzuerkennen, als aus dem geplanten Verkaufsschlager plötzlich das am meisten gesuchte Bootleg der Achtziger wurde.
02Blue Tuesday
Am 1. Dezember 1987, eine Woche vor dem geplanten Verkaufsstart, rief Prince bei Warner Bros. an. Der damalige Labelchef Mo Ostin erinnerte sich später an das Gespräch: „Er sagte: Ich möchte, dass ihr all diese Platten nehmt und vernichtet, und ich zahle für alle Kosten, die euch bei der Produktion entstanden sind.“ Prince beglich die Kosten für Pressung und Vernichtung tatsächlich aus eigener Tasche. Der Tag ging als „Blue Tuesday“ in die Prince-Chronik ein.
Die Tontechnikerin Susan Rogers, die in jener Nacht mit im Studio war, beschrieb Prince als aufgewühlt: „Er sah aus, als wäre er auf einem Trip. Er stand ganz nah bei mir und fragte: Ich will nur eines wissen. Liebst du mich noch?“ Backgroundsängerin Cat Glover erinnerte sich anders an den Moment: „Er liebte dieses Album, aber es erschien ihm plötzlich dunkel. Etwas traf ihn in dieser Nacht, das ihn veränderte – eine Erleuchtung, eine höhere Macht.“
03Warum ein Künstler sein eigenes Album stoppt
Bis heute existieren mehrere Erklärungen nebeneinander, und keine schließt die andere ganz aus. In einem Interview mit dem Rolling Stone sagte Prince 1990 rückblickend: „Mir wurde plötzlich klar, dass wir jederzeit sterben können und nach dem beurteilt werden, was wir zuletzt hinterlassen haben.“ Er sprach später auch von einer spirituellen Erleuchtung, die ihn davon überzeugte, das Album sei von Zorn und Zügellosigkeit geprägt. In seiner eigenen Mythologie schrieb er die Platte rückblickend einer dunklen Kunstfigur namens „Spooky Electric“ zu, einem Gegenpol zu seinem androgynen Alter Ego Camille. Eine dritte, nüchternere Lesart: Ein schlechter Trip in jener Nacht könnte die eigentliche Ursache gewesen sein.
Welche Version auch zutrifft – das Ergebnis war dasselbe: ein fertiges Album, komplett verpackt, das plötzlich nicht mehr existieren sollte.
Nebenbei bemerkt
Fast alle Spuren beseitigt
Die rund 500.000 gepressten Exemplare wurden größtenteils tatsächlich vernichtet. Nur eine kleine Zahl entkam der Zerstörung und tauchte in den folgenden Jahren als Bootleg auf – darunter Exemplare, die 2016 und 2018 für fünfstellige Summen versteigert wurden.
04Sieben Jahre als Bootleg
Ein Album verschwindet nicht einfach, nur weil sein Label es zurückzieht. In den folgenden Jahren kursierte „The Black Album“ als eines der bekanntesten Bootlegs der Popgeschichte, kopiert von den wenigen erhaltenen Pressungen und von Vorab-Kassetten. Warner Bros. reagierte Anfang der Neunziger sogar mit einer ungewöhnlichen Aktion: Wer eine Raubpressung einschickte, bekam ein offizielles Exemplar zurück – begrenzt auf die ersten 1.000 Einsendungen.
051994: die verspätete Veröffentlichung
Erst am 22. November 1994 erschien „The Black Album“ offiziell bei Warner Bros., unter der neuen Katalognummer 45793 – sieben Jahre nach dem ursprünglich geplanten Termin. Die Auflage war limitiert, das Album wurde bereits im Januar 1995 wieder aus dem Katalog genommen. Erst 2016 kam es, exklusiv über den Streamingdienst Tidal, noch einmal breiter zugänglich zurück.
Es bleibt eines der seltenen Beispiele, in denen der Künstler selbst zum größten Hindernis der eigenen Veröffentlichung wurde – und in denen genau dieser Rückzug ein Album erst zur Legende machte.
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