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Physik der Schallplatte5 Minuten Lesezeit

Warum eine Plattenseite so lang ist, wie sie ist

Dass ein Album zwei Seiten von je rund zwanzig Minuten hat, ist keine künstlerische Konvention – es ist die Grenze, an die eine Rille aus reiner Physik irgendwann stößt.

Musiker und Produzenten haben sich jahrzehntelang nach einer unsichtbaren Grenze gerichtet, die nichts mit Geschmack zu tun hat: der maximalen Spieldauer einer Vinylseite. Und als später die CD kam, rankte sich um ihre Länge von 74 Minuten schnell eine Legende, die sich bis heute hartnäckig hält – obwohl sie sich bei genauerem Hinsehen nicht ganz so einfach bestätigen lässt, wie sie erzählt wird.

Steckbrief

LP-Richtwert
18–22 Minuten pro Seite bei guter Klangqualität, 12 Zoll, 33⅓ U/min
Größter Faktor
Bassanteil – tiefe Frequenzen brauchen breitere Rillenauslenkung
CD-Länge
74 Minuten, festgelegt von Sony-Präsident Norio Ohga bei der Formatentwicklung
Legendenstatus
laut Snopes.com „nicht abschließend geklärt“ – mehrere widersprüchliche Versionen kursieren

„Ein 74-Minuten-Format würde ausreichen, um eine ganze Oper oder Beethovens komplette Neunte auf einer einzigen Scheibe unterzubringen.“

Norio Ohga Sony-Präsident, zur Begründung der CD-Kapazität in den frühen 1980er-Jahren

In diesem Artikel

  1. 01Warum eine Rille nicht beliebig lang sein kann
  2. 02Der Kompromiss, den jedes Mastering eingeht
  3. 03Die Legende von Beethovens Neunter
  4. 04Was an der Geschichte wahrscheinlich stimmt

01Warum eine Rille nicht beliebig lang sein kann

Illustration einer Schallplatte mit einer gestrichelten roten Messlinie vom äußeren Rand zur Mitte, im Flat-Icon-Stil der Seite.
Vom äußeren Rand bis zur Mitte: Je enger die Rillen beieinander liegen, desto mehr Spielzeit passt auf eine Seite – auf Kosten der Lautstärke.

Eine Langspielplatte speichert Musik als physische Auslenkung einer einzigen, spiralförmigen Rille. Für eine gute Klangqualität empfehlen Presswerke bis heute eine Spieldauer von rund 18 bis 22 Minuten pro Seite bei zwölf Zoll Durchmesser und der üblichen Drehzahl von 33⅓ Umdrehungen pro Minute – deutlich mehr ist technisch möglich, geht aber messbar zulasten der Wiedergabequalität.

02Der Kompromiss, den jedes Mastering eingeht

Der mit Abstand größte Einflussfaktor ist der Bassanteil einer Aufnahme: Tiefe Frequenzen erzeugen eine sehr viel breitere Auslenkung der Rille als hohe. Je lauter und basslastiger ein Album gemastert wird, desto mehr Platz beansprucht jede einzelne Umdrehung – und desto weniger Musik passt am Ende auf eine Seite. Presswerke können die Rillen zwar enger zusammenschneiden, um mehr Spielzeit unterzubringen, erkaufen sich das aber mit einem höheren Risiko, dass die Nadel bei der Wiedergabe leichter überspringt.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Je näher die Rille der Mitte der Platte kommt, desto kürzer wird die Strecke, die für dieselbe Tonhöhe zur Verfügung steht – hohe Frequenzen und Zischlaute klingen deshalb auf den letzten Minuten einer Seite eher leicht verzerrt. Toningenieure legen daher besonders klangintensive oder höhenreiche Songs meist an den Anfang einer Seite, nicht ans Ende.

03Die Legende von Beethovens Neunter

Für die CD, die Anfang der 1980er-Jahre von Sony und Philips gemeinsam entwickelt wurde, existiert eine ganz ähnliche Geschichte, die bis heute gerne erzählt wird: Ursprünglich hatte Philips einen Durchmesser von 11,5 Zentimetern mit rund 60 Minuten Spielzeit vorgeschlagen. Sony-Präsident Norio Ohga setzte sich stattdessen für 12 Zentimeter und 74 Minuten durch – angeblich, damit eine komplette Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie auf eine einzige Scheibe passt.

Das Problem: Es kursieren mindestens drei unterschiedliche Versionen dieser Anekdote. Mal soll die Neunte Ohgas persönliches Lieblingsstück gewesen sein, mal die Lieblingssinfonie der Ehefrau von Sony-Mitgründer Akio Morita, mal soll der Dirigent Herbert von Karajan die Länge explizit gefordert haben.

04Was an der Geschichte wahrscheinlich stimmt

Der Faktencheck-Dienst Snopes kam nach Prüfung aller Versionen zu einem vorsichtigen Ergebnis: unentschieden. Technisch stimmt, dass 74 Minuten bei 12 Zentimetern Durchmesser plausibel und von Ohga tatsächlich befürwortet wurden, auch mit ausdrücklichem Verweis auf Beethovens Neunte. Ob diese eine Sinfonie aber wirklich der auslösende Grund für die Formatentscheidung war – oder ob Ohga schlicht die größtmögliche noch alltagstaugliche Scheibengröße wählte, die zufällig groß genug für eine komplette Neunte war – lässt sich im Nachhinein nicht sauber trennen. Zur Ironie der Geschichte gehört außerdem, dass die meisten modernen Einspielungen von Beethovens Neunter inzwischen deutlich kürzer als 74 Minuten sind.

Vinyl und CD haben damit ein überraschend ähnliches Grundproblem gelöst, nur mit unterschiedlichen Mitteln: Beide mussten eine physikalische oder technische Obergrenze finden, mit der sich möglichst viel Musik in möglichst hoher Qualität auf ein einziges, alltagstaugliches Objekt bringen ließ – und beide Grenzen haben, jede auf ihre Weise, bis heute Spuren in der Länge von Alben hinterlassen.

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