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1975Albumvorschlag

A Night at the Opera

Queen

Ab dem 24. August 1975 sangen Freddie Mercury, Brian May und Roger Taylor im walisischen Rockfield-Studio bis zu zwölf Stunden am Tag Chorpassagen für den Opernteil von „Bohemian Rhapsody“ – Produzent Roy Thomas Baker und Toningenieur Gary Langan haben die Sessions später im Detail geschildert.

Zwölf Tracks, sieben Studios, ein Budget von rund 40.000 Pfund und eine Band, die kurz zuvor ihrem eigenen Management entkommen war. Bekannt ist von diesem Album vor allem der eine Song in der Mitte. Was man seltener hört, ist, wie viele Bandgenerationen dafür verheizt wurden.

  • Laufzeitrund 43 Minuten
  • Titel12
  • Jahr1975
  • AufgenommenRockfield, Sarm East, Olympic, Lansdowne, Roundhouse, Scorpio Sound, Trident
Das Albumcover von A Night at the Opera: das von Freddie Mercury mitentworfene Queen-Wappen, zusammengesetzt aus den Sternzeichen der vier Bandmitglieder, in Schwarz-Weiß vor dunklem Grund.
Queen, A Night at the Opera, EMI/Elektra 1975. Wappen-Design mitentworfen von Freddie Mercury. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Death on Two Legs (Dedicated to...)3:43
  2. Lazing on a Sunday Afternoon1:08
  3. I'm in Love with My Car3:05
  4. You're My Best Friend2:50
  5. '393:30
  6. Sweet Lady4:01
  7. Seaside Rendezvous2:13
  8. The Prophet's Song8:21
  9. Love of My Life3:38
  10. Good Company3:26
  11. Bohemian Rhapsody5:55
  12. God Save the Queen1:11

Zum Cover

Das Wappen zeigt die vier Sternzeichen der Bandmitglieder: zwei Löwen für Roger Taylor und John Deacon (Löwe), eine Krebs-Figur für Brian May (Krebs) und zwei Jungfrauen für Freddie Mercury (Jungfrau), darüber ein Phönix. Mercury, gelernter Grafikdesigner, hat an der Gestaltung mitgewirkt. Weitere gesicherte Details zur konkreten Entstehung des Motivs liegen im Dossier nicht vor.

„The making of ‘Bohemian Rhapsody' was basically one continuous track bounce!“

Roy Thomas Baker Produzent des Albums, im Gespräch mit Sound on Sound über die Aufnahmetechnik der Overdub-Sessions

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie A Night at the Opera entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Am 24. August 1975 beginnen Queen im Rockfield Studio 1 in Monmouth, Wales, mit den Aufnahmen zu „Bohemian Rhapsody“. Was danach folgt, ist eines der am dichtesten dokumentierten Kapitel der Bandgeschichte, weil Produzent Roy Thomas Baker und der damals neunzehnjährige Assistenz-Toningenieur Gary Langan es Jahrzehnte später dem Fachmagazin Sound on Sound in einem ausführlichen Interview aus erster Hand geschildert haben.

Baker erinnert sich an den Moment, in dem Mercury ihm zum ersten Mal andeutete, was da noch kommen würde: Er spielte den Song am Klavier an, hielt inne und sagte: „This is where the opera section comes in.“ Beide hätten daraufhin nur gelacht. Ursprünglich sei nur an ein paar „Galileos“ gedacht gewesen – „but things often have a habit of evolving differently once you're inside the studio, and it did get longer and bigger.“ Jedes Mal, wenn Mercury ein weiteres „Galileo“ einfiel, klebte Baker ein weiteres Stück Band an die Rolle, „which was beginning to look like a zebra crossing whizzing by!“

Der Opernteil allein beanspruchte rund drei Wochen Studiozeit – nach Angaben von Sound on Sound, SoundGym und Mastering the Mix damals die durchschnittliche Produktionsdauer für ein komplettes Album. May, Mercury und Taylor sangen ihre Chorpassagen laut mehreren Quellen in Schichten von zehn bis zwölf Stunden täglich ein, über den größten Teil dieser drei Wochen hinweg.

Technisch stieß die Band dabei an die Grenzen der verfügbaren 24-Spur-Bandtechnik. Um die mehrstimmigen Chöre unterzubringen, mussten die Harmonien wiederholt auf neue Bänder heruntergemischt („bounced“) werden. Baker beschreibt es so: „We formed a 3-part harmony by recording one harmony at a time and bouncing... we ended up with fourth generation dupes on just one of the parts. By the time we mixed two of the other parts together, the first part was up to eight generations.“ Sein Fazit: „The making of ‘Bohemian Rhapsody' was basically one continuous track bounce!“ Die genaue Zahl der Overdubs schwankt zwischen den Quellen – von „180 separate overdubs“ bis zu einer vorsichtigeren Spanne von „somewhere between one hundred and one hundred and eighty individual takes“ –, weshalb hier nur von bis zu rund 180 Overdubs die Rede sein soll, nicht von einer exakten Zahl.

Crystal Clean and Loud

Gary Langan hat den Moment beschrieben, in dem die Chorspuren zum ersten Mal komplett zusammengeschnitten vorlagen: „I was standing at the back of the control room and you just knew that you were listening for the first time to a big page in history.“ Ein Nebeneffekt der vielen Bandgenerationen ist bis heute im fertigen Track hörbar: Ein altes VCA-System der Konsole verursachte am Ende des Opernteils eine hörbare Verzerrung. „If you listen to the record closely you'll notice it. But there wasn't a single thing we could do about it“, so Baker. Genau an der Stelle, an der die VCAs für den folgenden Rock-Teil abgeschaltet wurden, wird der Klang laut Baker „crystal clean and loud“.

Erzählt wird diese Szene fast ausschließlich durch die beiden direkt Beteiligten selbst – eine Primärquelle von hohem Wert, aber eben auch die einzige ausführliche Quelle für viele der Einzeldetails. Eine sekundengenaue Zeitmarke, wo im fertigen Song der Opernteil beginnt oder endet, war in keiner der konsultierten Quellen zu finden.

02Wie A Night at the Opera entstand

Vor der eigentlichen Aufnahme steht eine finanzielle Notlage. Unter dem laufenden Produktionsvertrag mit Trident Studios erhielt die Band trotz des kommerziellen Erfolgs von „Sheer Heart Attack“ (1974) nur 60 Pfund pro Woche und Mitglied. Als Bassist John Deacon ein Darlehen von 4.000 Pfund für eine Hausanzahlung verweigert wurde, beauftragte die Band im Dezember 1974 den Anwalt Jim Beach mit dem Ausstieg aus dem Vertrag. Nach einem neunmonatigen Streit unterschrieb Queen direkt bei EMI (Großbritannien) und Elektra (Nordamerika) – zum Preis von 100.000 Pfund Ablöse und einer laufenden Beteiligung von einem Prozent Tantiemen für Trident über die nächsten sechs Alben.

Death on Two Legs

In diese Ausgangslage fällt „Death on Two Legs (Dedicated to...)“, der Eröffnungssong des Albums: eine von Mercury verfasste Abrechnung mit dem früheren Management. Der frühere Manager und Trident-Studiobesitzer Norman Sheffield verklagte Band und Label nach dem Hören einer Playback-Fassung wegen Verleumdung; der außergerichtliche Vergleich bestätigte im Nachhinein öffentlich, dass der Song tatsächlich ihm galt. Mercury selbst nannte ihn später „the most vicious lyric I ever wrote.“

Aufgenommen wurde das Album zwischen dem 24. August und November 1975 (die Coverversion „God Save the Queen“ bereits am 27. Oktober 1974 in den Trident-Studios) in insgesamt sieben verschiedenen Studios: Rockfield, Sarm East, Olympic, Lansdowne, Roundhouse, Scorpio Sound und Trident – ein für die Zeit ungewöhnlich aufwendiges Vorgehen. Die Produktionskosten werden übereinstimmend mit rund 40.000 Pfund angegeben, was das Album zum damals teuersten seiner Art machte. Die Endmischung erfolgte laut mehreren Quellen in einer 36-stündigen Marathon-Session, rund eine Woche vor Beginn der Tour im Herbst 1975; geprobt wurde davor nur dreieinhalb Tage in den Elstree Studios, wovon zusätzlich vier Stunden für das Musikvideo zu „Bohemian Rhapsody“ abgezweigt wurden.

03Der Klang

Der auffälligste Klangeffekt des Albums entsteht aus einem technischen Problem: Weil die Aufnahmen mehrfach auf einem 24-Spur-Rekorder heruntergemischt werden mussten, entstand bei den Bandgenerationen ein charakteristisches Grundrauschen, das laut Baker vor allem auf Roger Taylors Schlagzeugspuren „a trademark sound in itself“ wurde – ein Klang, „which people have since tried to copy with outboard equipment.“

Kurz vor Beginn der Mischarbeiten wurde im SARM-East-Studio das nach Aussage von Gary Langan erste automatisierte Mischpult der Welt installiert. Funktioniert hat es nur eingeschränkt: „It was the first automated system in the world, but it was ridiculous because it never worked properly! You had to store data on two tracks, so you'd end up with no more than 22 tracks of music on your tape.“ Die Automation erzeugte zudem eigene Verzerrungen, die sich mit denen der Bandgenerationen summierten – weshalb der abschließende Rock-Teil von „Bohemian Rhapsody“ mit abgeschaltetem Computer von Hand gemischt wurde.

Der Kanon in The Prophet's Song

Ein zweites, unabhängig belegtes Klangdetail steckt in „The Prophet's Song“, dem mit 8:21 längsten Stück des Albums: Brian May erzeugte dort einen mehrstimmigen Gesangs- und später Instrumentalkanon, indem er zwei Stereo-Tonbandmaschinen von Studer als Delay-Geräte einsetzte, mit Band, das quer über den Studioboden lief. Mercury sang dabei live mit Kopfhörern gegen die Verzögerung an, sodass er, wie es eine Quelle beschreibt, in der Mitte beginnt, während der erste Delay-Kanon nach links und der zweite nach rechts wandert. Für den Klang des Instruments in diesem Stück – ein Spielzeug-Koto – sagte May später: „It's only this big toy koto, but it makes a beautiful evocative sound.“

Für einzelne weitere Details gibt die Recherche nur schwache Belege her: Laut einer Quelle ist der Windgeräusch-Effekt am Songanfang tatsächlich eine Klimaanlage mit Phaser-Effekt auf dem Mikrofon; laut einer anderen spielte May bei „You're My Best Friend“ fünf verschiedene Gitarrenspuren auf seiner Red Special ein, während Deacon dort ein Wurlitzer-EP-200-E-Piano nutzte. Eine exakte, sekundengenaue Zeitmarke für einen Hörmoment im engeren Sinn – etwa den Übergang in den Opernteil – ließ sich in keiner der konsultierten Quellen finden; sie wird deshalb hier nicht erfunden.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die Reihenfolge der zwölf Tracks folgt, so lässt sich aus der Tracklist und den Songinhalten ablesen, einer erkennbaren Bewegung: von der wütenden, unverblümten Abrechnung „Death on Two Legs“ über Music-Hall-Pastiches wie „Lazing on a Sunday Afternoon“ und „Seaside Rendezvous“, einen Popsong wie „You're My Best Friend“ und Balladeskes wie „'39“ und „Sweet Lady“ in der ersten Hälfte, bis zur zweiten Hälfte, die sich über das monumentale „The Prophet's Song“ und die zarte Klavier-/Harfen-Ballade „Love of My Life“ zum Kernstück „Bohemian Rhapsody“ steigert und mit der rein instrumentalen Nationalhymnen-Bearbeitung „God Save the Queen“ schließt – traditionell als Ritual zum Konzertabschluss der Band verstanden. uDiscoverMusic beschreibt diese Sequenzierung sinngemäß so, dass sie eine eigene Dynamik entfalte und als komplettes Hörerlebnis statt im Shuffle-Modus gedacht sei – dies ist allerdings nur eine Quelle, die sich explizit dazu äußert; die übrige Einordnung der Dramaturgie oben beruht auf eigener Auswertung der Tracklist.

Cecil B. DeMille of Rock

Zum bewusst theatralischen Anspruch des Albums passt ein Zitat, das Rolling Stone Australia Mercury zuschreibt: „Queen will be the Cecil B. DeMille of rock.“ Auch das ist nur einfach belegt, unterstreicht aber die Anlage des Albums als „Revue“ mit wechselnden Genres und Tonlagen statt als homogenes Konzeptalbum.

Eine belastbare musikwissenschaftliche Untersuchung, wie genau die Tonarten oder Motive zwischen den einzelnen Stücken ineinandergreifen, wurde in der Recherche nicht gefunden – dieser Punkt bleibt an dieser Stelle unbelegt und wird nicht behauptet. Eine Gegenstimme zur Frage der Geschlossenheit findet sich auch nicht explizit im Dossier; festzuhalten ist eher die ungewöhnliche stilistische Breite des Albums selbst, die man je nach Geschmack als Stärke oder als Uneinheitlichkeit lesen kann.

Der Preis der Freiheit

Ein Album, das funktionieren musste

Die Sessions fanden statt, während die Band gerade erst aus einem finanziell ruinösen Vertrag herausgekauft worden war und gleichzeitig rund 100.000 Pfund Ablöse sowie eine laufende Tantiemenbeteiligung an Trident schuldete. Laut riffology.co bezeichnete Mercury das Album als „a live-or-die record“ – dieses konkrete Zitat ist nur einfach belegt, die finanzielle Ausgangslage dahinter jedoch durch mehrere Quellen gestützt.

05Warum es einen Abend trägt

Gut 43 Minuten, zwölf Tracks, dazwischen eine ganze Bandbreite an Tonlagen – von der bitteren Abrechnung über Vaudeville-Nummern und eine Weltraum-Ballade bis zum biblisch grundierten „The Prophet's Song“ und der Opern-Rock-Hybride „Bohemian Rhapsody“. Genau diese Spannweite macht das Album zu einem Fall, bei dem es sich lohnt, es als Ganzes und in der vorgesehenen Reihenfolge zu hören, statt einzelne Songs herauszugreifen: Wer nur „Bohemian Rhapsody“ kennt, kennt weder die Wut, aus der das Album beginnt, noch die aufwendige, monatelange Studioarbeit, die diesen einen Song erst möglich gemacht hat.

Was das Album an einem Hörabend zusätzlich trägt, ist die schiere Menge an Handarbeit, die sich hinter den einzelnen Stücken verbirgt und die man ohne Erklärung leicht überhört: eine dreiwöchige Overdub-Session mit bis zu 180 Vokalspuren, ein Delay-Kanon aus zwei quer über den Boden verlegten Tonbandmaschinen, ein neu installiertes, kaum funktionierendes Mischpult. Diese Details verändern, wie man den Mittelteil von „Bohemian Rhapsody“ hört, wenn man weiß, dass er im Studio buchstäblich als „ein durchgehender Track-Bounce“ entstanden ist.

Die Grammy Hall of Fame 2018

Der kommerzielle Erfolg bestätigt, dass diese Rechnung damals aufgegangen ist: Platz eins in Großbritannien (vier nicht-aufeinanderfolgende Wochen), Platz vier in den USA, dazu Spitzenplatzierungen in Australien, den Niederlanden, Finnland und Neuseeland. Das Album wurde 2018 in die Grammy Hall of Fame aufgenommen und belegte 2020 Platz 128 der Rolling-Stone-Liste der 500 größten Alben. Die Einzelsingle „Bohemian Rhapsody“ erreichte in Großbritannien Platz eins und in den USA erstmals für die Band die Top 10 der Hot 100 (Platz 9) – bei der genauen Zahl der Wochen auf Platz eins in Großbritannien widersprechen sich die Quellen allerdings (neun Wochen laut Wikipedia, fünf laut uDiscoverMusic), vermutlich weil unterschiedlich gezählt wird, ob die Wiederveröffentlichung nach Mercurys Tod 1991 mitgerechnet wird.

Zeitgenössische Stimmen

„If it's the most expensive album ever made in a British studio, it's also arguably the best“, schrieb Tony Stewart im NME. Harry Doherty nannte es in der Melody Maker „easily their best work to date“, und Phil Sutcliffe schrieb in Sounds: „You can feel the colossal effort that went into every second of this long album – and yet there's hardly a moment when I would criticise it for being contrived or overproduced.“

Wie hört sich ein Album an, dessen berühmtester Song im Studio buchstäblich Band für Band zusammengeklebt wurde?