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1966Albumvorschlag

Pet Sounds

The Beach Boys

Vier Spuren gingen sofort auf eine einzige Monospur zusammen – wer so arbeitet, hat nach der Aufnahme nichts mehr zu entscheiden.

Der Mann, der dieses Album baute, hört auf einem Ohr nichts. Deshalb mischte er in Mono, und deshalb steht hier nichts nebeneinander, sondern alles ineinander. Am Ende bellen zwei Hunde, und ein Zug fährt vorbei.

  • Laufzeitgut 36 Minuten
  • Titel13
  • Jahr1966
  • AufgenommenWestern Recorders, Gold Star und Columbia, Hollywood
Das Albumcover von Pet Sounds: fünf Männer der Beach Boys beugen sich über eine niedrige Absperrung in einem Streichelgehege und füttern mehrere Ziegen.
The Beach Boys, Pet Sounds, Capitol Records 1966. Fotografie George Jerman, aufgenommen am 15. Februar 1966 im San Diego Zoo. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Wouldn't It Be Nice2:26
  2. You Still Believe In Me2:35
  3. That's Not Me2:30
  4. Don't Talk (Put Your Head On My Shoulder)2:54
  5. I'm Waiting For The Day3:06
  6. Let's Go Away For A While2:21
  7. Sloop John B3:00
  8. God Only Knows2:53
  9. I Know There's An Answer3:11
  10. Here Today2:55
  11. I Just Wasn't Made For These Times3:16
  12. Pet Sounds2:23
  13. Caroline No2:54

Zum Cover

Fünf Männer beugen sich über eine Absperrung und füttern Ziegen. Das ist alles, und es ist ein Wortspiel: Das Album heißt „Pet Sounds“, und hier sind die Haustiere. Carl Wilson, Brian Wilson, Dennis Wilson, Mike Love und Al Jardine stehen im Streichelgehege des Kinderzoos.

Aufgenommen hat das Bild George Jerman für Capitol Records, am 15. Februar 1966 im San Diego Zoo. Zwei voneinander unabhängige Quellen nennen dieses Datum; eine dritte legt den Termin auf den 10. Februar. Ein zeitgenössischer Bericht aus dem Umfeld der Band beschreibt den Tag als ziemliches Durcheinander – es habe „about half a million cabs“ gebraucht, um alle hinzubringen, Dennis Wilson habe sich einen Hotdog mit einem Lama geteilt, und Brian Wilson sei zum ersten Mal einer Giraffe gegenübergestanden.

Einer war dabei und ist doch nicht zu sehen: Bruce Johnston, seit April 1965 in der Band, steht auf mehreren Ausschussbildern, durfte aber aus vertraglichen Gründen nicht auf die Hülle. Und mindestens einer der Abgebildeten hatte den Titel bis dahin anders verstanden. Al Jardine über seine erste Deutung: „I thought it was about making out.“

Die Tiere, auf die der Titel wirklich zielt, sind auf dem Bild nicht zu sehen. Es sind Brian Wilsons Hunde Banana und Louie, und sie kommen erst in den letzten Sekunden des Albums vor. Wer 1966 bei Capitol die Gestaltung der Hülle verantwortete, wessen Idee der Zoo war und mit welcher Kamera Jerman arbeitete, ist nirgends dokumentiert.

Fotografie: George Jerman
Label: Capitol Records
Label: Capitol Records, 1966
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Ich habe in Mono gemischt, weil ich auf einem Ohr nichts höre. Das zwang mich, mich stärker zu konzentrieren und für dieses eine Ohr das Beste herauszuholen.“

Brian Wilson Produzent, Komponist und Arrangeur des Albums, über seine Arbeitsweise, bei Harvey Kubernik in Music Connection

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Pet Sounds entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Take siebzehn. Es ist der 31. Januar 1966, früher Nachmittag, Studio 3 der Western Recorders in Hollywood, und im Raum stehen ein Cembalo, zwei Gitarren, ein Bass und Flöten. Al De Lory sitzt am Cembalo, Glen Campbell und Barney Kessel spielen Gitarre, Carol Kaye den Bass. Vier Spuren laufen mit, und diese vier Spuren gehen sofort auf eine einzige Monospur zusammen. Was dort zusammengeht, bleibt so. Verschieben lässt sich hinterher nichts mehr.

Der Track heißt „Caroline, No“, und es wird das letzte auf dem Album sein. Brian Wilson singt es allein, kein anderer Beach Boy ist auf der Aufnahme zu hören; seine Stimme liegt doppelt darauf. Dann kommt sein Vater dazu.

Murry Wilsons Vorschlag

Murry Wilson, der die Band bis dahin gemanagt hatte, hörte sich das an und machte einen Vorschlag. Brian Wilson hat ihn später wörtlich wiedergegeben: „My dad said, he goes, ‚You know what, son? You ought to speed that up a whole note: it'll sound better.' So that's what we did.“ Das Band lief schneller, die Tonhöhe stieg, die Stimme wurde jünger. Um wie viel genau, ist nicht geklärt: Wilson selbst sagt „a whole note“, eine Fachzeitschrift schreibt „a whole step“. Das ist nicht dasselbe, und keine der beiden Angaben lässt sich gegen die andere ausspielen.

Der Schluss des Albums entstand dann aus Material, das gar nicht aus diesem Raum kam. Unter die letzten Sekunden legte Wilson das Bellen seiner eigenen Hunde, Banana und Louie, und das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges, das von einer Effektplatte aus dem Jahr 1963 stammt. Auf einer Mono-Ausgabe ist dieser Abschnitt sogar als eigener Titel geführt: dreiunddreißig Sekunden Hunde und Zug. Es ist die einzige Sekundenangabe, die sich für dieses Album überhaupt belegen lässt.

Damit endet eine Platte, die mit dem Satz „Wouldn't it be nice“ anfängt. Wer die beiden Hunde kennt, weiß nebenbei auch, woher der Titel kommt. Vieles an dieser Szene hängt an einem einzigen Zeugen, an Brian Wilson selbst. Das schwächt sie nicht, es sagt nur, woher sie kommt.

02Wie Pet Sounds entstand

Am Anfang stand eine Platte einer anderen Band. Brian Wilson hörte „Rubber Soul“ von den Beatles, und die Wirkung hat er über Jahrzehnte gleich beschrieben: „Rubber Soul blew my mind. It really made me wanna record; it made me wanna cut...I thought I'd make a collection of songs–called Pet Sounds–together.“ In einer anderen Fassung derselben Erzählung setzte er sich anschließend ans Klavier und hatte „God Only Knows“ nach fünfundvierzig Minuten fertig.

Die Beach Boys waren damals eine Band, die vom Spielen lebte. Als die anderen im Januar 1966 in Japan und auf Hawaii auftraten, blieb Wilson in Los Angeles. Als Textdichter holte er sich keinen Musiker, sondern Tony Asher, einen Werbetexter, den er zufällig in einem Studio kennengelernt hatte. Asher hat die gemeinsame Arbeit so beschrieben: „We could ramble for a couple of hours and whatever the mood became would influence what we'd end up writing. We'd migrate to the piano, me with my little yellow legal pad and pencil.“

Die Instrumentalsätze spielten weitgehend Studiomusiker ein, die später „Wrecking Crew“ genannte Gruppe: Carol Kaye, Hal Blaine, Glen Campbell, Barney Kessel und andere. Der Essay der Library of Congress fasst die Arbeitsteilung nüchtern zusammen: Wilson habe sie mit diesen Leuten erarbeitet, „while the rest of the group was on tour, returning to add their complex yet heartfelt vocal harmonies on the top“. Die Band sang also auf eine Musik, an deren Entstehung sie nicht beteiligt war.

Der Kampf um „Sloop John B“

Begonnen hatte das Ganze früher, als die Albumdaten vermuten lassen. Der erste Instrumentalsatz, „Sloop John B“, entstand schon im Juli 1965, und zwar gegen Wilsons anfänglichen Widerstand. Al Jardine hatte ihm den Folksong vorgeschlagen und sich eine Abfuhr geholt: „He said, ‚I'm not a big fan of the Kingston Trio.' He wasn't into folk music. But I didn't give up on the idea.“ Jardine änderte ein paar Akkorde und spielte es noch einmal vor. Vom Einfall bis zur fertigen Aufnahme vergingen keine vierundzwanzig Stunden.

Der Rest entstand zwischen Januar und April 1966, verteilt auf mehrere Häuser: Instrumente bei Western Recorders und Gold Star, Gesang bei Columbia am Sunset Boulevard. Jardine über diesen letzten Raum: „We'd be all alone in this gigantic cavern of a recording studio called Columbia. It was like being inside of a giant space station.“ Die Rechnung lag am Ende bei rund siebzigtausend Dollar, für die Zeit eine enorme Summe. Wilson war dreiundzwanzig.

03Der Klang

Die wichtigste technische Tatsache über dieses Album ist eine Behinderung. Brian Wilson hört auf einem Ohr nichts, und deshalb mischte er in Mono. Er sagt das ohne Umschweife: „Mixing in mono is good for my left ear. My right ear is broke, done and over with.“

Das ist keine Anekdote, sondern die Bauanleitung. Die Instrumentalsätze wurden auf Halbzoll-Vierspurband aufgenommen und noch im Studio auf eine einzige Monospur zusammengelegt. Wer so arbeitet, entscheidet das Verhältnis zwischen Cembalo, Bass und Flöte in dem Moment, in dem gespielt wird, und nicht Wochen später am Pult. Man hört das: Diese Platte klingt nicht nach übereinandergelegten Spuren, sondern nach einem Klangkörper, in dem die Instrumente ineinanderstehen. Eine Stereofassung existiert erst seit 1996.

Die Häuser waren nach Aufgaben verteilt, und Wilson nennt den Grund selbst: „I liked the Capitol rooms...but I didn't like the vocal sound...we switched over to Western, and Gold Star.“ Die Stimmen kamen später auf acht Spuren bei Columbia dazu. Über den Toningenieur bei Western sagt er einen Satz, der in keinem Booklet steht: „Chuck Britz at Western made suggestions and was like a co-producer but only got credits for being an engineer.“

Carol Kayes Basslinien

Am genauesten wird es beim Bass. Wilson schrieb die Linien aus, und Carol Kaye spielte sie: „My job was to add feel and groove to Brian's written parts.“ Die Akkordsymbole darüber notierte er absichtlich vereinfacht – ein komplizierter Akkord stand da als Dreiklang, der entscheidende Ton in den Noten statt im Namen. Kayes Erklärung dafür, warum die Linien klingen, wie sie klingen: „good basslines don't come from scales – they come from chord tones“.

Dazu Griffe, die man hört, ohne sie zu erkennen. Bruce Johnston hat einen davon beschrieben: „Brian is literally taping the strings of the small grand piano to get the tight sound he wanted.“ Es gibt Coca-Cola-Dosen, Fahrradklingeln, Hundepfeifen. Und ein Instrument, das fast immer falsch benannt wird: Das gleitende Heulen in „I Just Wasn't Made for These Times“ ist kein Theremin, sondern das Electro-Theremin des Posaunisten Paul Tanner, ein Gerät mit Schieber statt Antenne. Mikrofone, Pult und Hallräume sind nirgends dokumentiert.

Hörmoment

God Only Knows

Achten Sie auf die letzte halbe Minute. Was wie ein großer Chor klingt, sind nach Bruce Johnstons Schilderung drei Stimmen: Carl Wilson, der den Track singt, dazu Brian Wilson und Johnston selbst.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album keine einzige belegte Zeitmarke zu finden war. Der Anfang hilft beim Warten: Er lässt zunächst offen, in welcher Tonart der Track überhaupt steht.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Dreizehn Tracks in gut sechsunddreißig Minuten, zwei davon ohne Gesang. Der Bogen ist beschrieben, und zwar an unverdächtiger Stelle: Der Essay der Library of Congress nennt das Album introspektiv und musikalisch weit ausgreifend, und es reiche „from the opening anticipation of ‚Wouldn't It Be Nice' to the isolation, if not despair, of the closing ‚Caroline No'“. Vorn die Vorfreude auf ein gemeinsames Leben, hinten ein Mann, der allein singt und dem am Ende zwei Hunde antworten.

Dazwischen stehen zwei Tracks ohne eine einzige Stimme, „Let's Go Away For A While“ und der Titeltrack. Sie sind keine Füllsel, sondern Pausen im Reden. Wer einen einzelnen Track herausgreift, bekommt entweder ein Lied ohne seine Pause oder eine Pause ohne das, wovon sie eine ist.

Was sich nicht belegen lässt, soll auch nicht behauptet werden. Ein durchgehendes musikalisches Leitmotiv, eine Reprise, ein verstecktes Zitat, das die dreizehn Tracks verklammert: In keiner geprüften Quelle ist so etwas beschrieben. Der Zusammenhang ist thematisch und klanglich, nicht motivisch. Auch eine Begründung Wilsons für genau diese Reihenfolge gibt es nicht.

Der Verriss im Record Mirror

Gejubelt wurde 1966 keineswegs überall. Norman Jopling schrieb am 2. Juli 1966 im Record Mirror, jeder Track sei „terribly complicated and cluttered up with vocals and backings galore“; er sprach von einer „out-of-tune prettiness“ und hielt fest, „nothing has been left to the listener's imagination“. Das war kein Missverständnis, sondern ein präziser Einwand: Dieses Album lässt einem tatsächlich wenig Raum.

Der Markt gab ihm zunächst recht. In den USA kam das Album auf Platz zehn, schwächer als fast alle elf Alben davor; Capitol reagierte, indem die Firma zwei Monate später eine Zusammenstellung älterer Hits herausbrachte, in der kein einziger Track von „Pet Sounds“ vorkam. In Großbritannien stand die Platte am 24. Juli 1966 auf Platz zwei. Widerspruch gibt es bis heute; eine Leserdebatte bei Louder hält fest, das Album klinge wie „an effective pastiche of Spector, but lacking both Spector's passion and his, uhum, genius“. Das sind Leserstimmen, keine Berufskritik – aber sie stehen da.

Fast auf diesem Album

Hang On To Your Ego

So hieß der neunte Track zuerst. Mike Love las in den Zeilen eine Verherrlichung von LSD und verlangte eine Änderung. Wilson schrieb um, und seither heißt es „I Know There's An Answer“. Die frühere Fassung liegt heute als Anhang auf den Wiederveröffentlichungen.

Love bestreitet bis heute, dass er das Album abgelehnt habe: „that whole thing about me not liking the album is absolute trash“, sagte er 2007. Sein Einwand galt einem Text, nicht der Platte.

05Warum es einen Abend trägt

Gut sechsunddreißig Minuten. Das ist kurz, und es ist der erste ehrliche Punkt: Dieser Abend ist vorbei, bevor man müde wird. Der zweite ist unbequemer. Weil alles in Mono zusammengelegt ist, kommt der ganze Klang aus einer Richtung. Wer auf Breite wartet, wartet vergeblich. Dafür passiert alles im selben Punkt, und das ist bei dieser Musik keine Einschränkung, sondern der Grund, warum sie so dicht wirkt.

Zumutungen gibt es auch sonst. Zweimal hört das Singen mitten im Album einfach auf; wer Lieder erwartet, sitzt dann vor einer Instrumentalnummer und weiß erst beim zweiten Hören, wozu sie da ist. „Sloop John B“ ist ein Folksong, der hier fremd wirkt und den Brian Wilson zunächst nicht machen wollte. Und das Album ist überfüllt – genau der Vorwurf von 1966.

Der abgeklebte Flügel

Dafür gibt es Stellen, an denen es im Raum still wird. Die letzte halbe Minute von „God Only Knows“, in der drei Stimmen sich überlagern, bis man den Anfang nicht mehr findet. Der abgeklebte Flügel, der so kurz und trocken klingt, dass man beim ersten Mal nach dem Instrument sucht. Und das Heulen in „I Just Wasn't Made for These Times“, das aus einer Maschine kommt, die 1966 kaum jemand gesehen hatte.

Was das Album zurückgibt, ist ein Schluss, der keiner sein will. „Caroline, No“ verklingt, und dann bellen zwei Hunde, und ein Zug fährt vorbei und ist weg. Kein Akkord, kein Ausklang, nur Geräusche aus dem Leben des Mannes, der das gebaut hat. Nach dreiunddreißig Sekunden ist es vorbei. Danach muss niemand sofort etwas sagen.

Eine gemeinsame Geschichte

Drei Tage nach dem Erscheinen, am 19. Mai 1966, saß Bruce Johnston in einem Londoner Hotel, als es hieß, zwei Beatles seien da und wollten das Album hören. John Lennon und Paul McCartney blieben, Keith Moon war auch dabei. „We played it over and over all night. For about four hours“, erzählt Johnston.

Sie hörten es in Mono, und nach Johnstons Beobachtung ging es ihnen dabei nicht um den Klang: „they weren't judging the fidelity of it; they were listening to the music of it.“ Danach ließen sie sich ein Klavier bringen.

Wie oft haben Sie ein Album gehört, bei dem die Balance zwischen den Instrumenten schon im Moment der Aufnahme endgültig war?