1980Albumvorschlag
Ace of Spades
Motörhead
Zwölf Songs, siebenunddreißig Minuten, drei Musiker. Auf Ace of Spades klingt Motörhead so schnell und laut wie immer, aber zum ersten Mal hört man, was jeder Einzelne spielt.
1979 hatte die Band mit Overkill und Bomber zwei Alben in wenigen Monaten veröffentlicht. Für das nächste holte Lemmy einen alten Bekannten: Vic Maile, einen ruhigen Toningenieur, der schon Jimi Hendrix und The Who aufgenommen hatte. Im Spätsommer 1980 entstand in Rickmansworth nördlich von London das Album, das Motörhead bis heute definiert.
- Laufzeitrund 37 Minuten
- Titel12
- Jahr1980
- AufgenommenJackson's Studios, Rickmansworth (August–September 1980)
Tracklist
- Ace of Spades2:48
- Love Me Like a Reptile3:23
- Shoot You in the Back2:39
- Live to Win3:37
- Fast and Loose3:23
- (We Are) The Road Crew3:13
- Fire, Fire2:44
- Jailbait3:33
- Dance2:38
- Bite the Bullet1:38
- The Chase Is Better Than the Catch4:18
- The Hammer2:48
Zum Cover
Drei Männer in dunkler Westernkleidung stehen in einer kargen, sandigen Landschaft, darüber ein weiter Himmel. Es sind Lemmy, „Fast“ Eddie Clarke und Phil „Philthy Animal“ Taylor, verkleidet als Revolverhelden.
Fotografiert hat Alan Ballard, in einer Sandgrube bei Barnet im Norden Londons. Ursprünglich war ein sepiafarbenes Bild mit Revolverhelden am Kartentisch geplant. Die Band wollte aber lieber selbst im Westernkostüm aufs Cover. Clarke orientierte sich an Clint Eastwoods Mann ohne Namen, Taylor an Marlon Brandos Rio aus One-Eyed Jacks, Lemmy an der Fernsehfigur Bret Maverick. Der Himmel ist nachträglich per Airbrush eingesetzt, denn am Tag des Shootings war es bewölkt.
Das passt zu dieser Platte. Der Wilde Westen liegt hier nicht in Arizona, sondern in einem Vorort von London, und der blaue Himmel ist gemalt. Wichtig war das Spiel, nicht die Echtheit.
Foto: Alan Ballard
Gestaltung: Martin Poole
Label: Bronze Records (UK), Mercury Records (Nordamerika), 1980
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„You can finally hear everything that's going on.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Ace of Spades entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Mittelteil des Titelsongs bricht die Band plötzlich ab, und für ein paar Takte klackert etwas Hölzernes. Die Idee kam von Vic Maile. Er hatte, so erzählt es Eddie Clarke, eine Pappkiste mit Geräuschmachern dabei, seinen „box of tricks“, und holte daraus Holzblöcke.
Die Band war zunächst dagegen. Man werde es Vic zuliebe aufnehmen, aber nicht verwenden, so fasste Clarke die Stimmung später zusammen. Sie verwendeten es doch.
Drei Männer, ein Mikrofon
Maile stellte ein Neumann-Mikrofon auf, und die drei stellten sich mit ihren Holzblöcken davor. Anfangs, erinnerte sich Clarke, schlug natürlich jeder zu einem anderen Zeitpunkt. Man muss sich das vorstellen: eine der lautesten Bands Englands, still um ein Mikrofon versammelt, bemüht, im selben Moment zu klopfen.
02Wie Ace of Spades entstand
Anfang 1980 probte die Band in den Rockfield Studios in Wales. Clarke hat eingeräumt, dass Lemmy damals nicht besonders viel Lust auf Proben hatte. Eine frühe, instrumentale Fassung von „Ace of Spades“ entstand dort, noch ohne das zentrale Riff und ohne den Mittelteil. Erst im Studio, auf Mailes Nachfrage, arbeiteten Lemmy und Clarke den Song um. Clarke sagte, es sei eines der wenigen Male gewesen, dass die Band im Studio geschrieben habe.
Aufgenommen wurde vom 4. August bis 15. September 1980 in den Jackson's Studios in Rickmansworth. Maile kannte Lemmy seit den Hawkwind-Tagen: Die Band hatte sein mobiles Studio für Space Ritual gemietet, und Maile kam mit.
Ryvita um sechs
Maile war das Gegenteil seiner Band. Clarke beschrieb ihn als jemanden, der nicht trank und nicht rauchte, vorsichtig lebte und um sechs Uhr sein Knäckebrot brauchte. Auch wenn er wütend war, blieb er leise, so Phil Taylor. Lemmy hat ihn einen großartigen Produzenten genannt, und den ersten, der der Band sagte, sie solle härter arbeiten.
03Der Klang
Bei früheren Alben hatte die Band beim Mischen mitgeredet. Diesmal übernahm Maile die Abmischung allein. Clarke sah das Ergebnis positiv: Man könne endlich alles hören, was passiert. Lemmys Bass, Clarkes Gitarre und Taylors Schlagzeug stehen klar nebeneinander, statt zu einem einzigen Lärm zu verschmelzen.
Maile veränderte auch das Spiel. „Vic got me singing instead of just shouting all the time“, sagte Lemmy. Taylor ergänzte, Maile habe ihn dazu gebracht, fester und gleichmäßiger zu spielen.
Genau hingehört
Holzblöcke statt Maschine
Achten Sie im Titelsong auf die Pause nach etwa zwei Dritteln. Wenn Gitarre und Bass aussetzen, sind die Holzblöcke zu hören, die die drei Musiker gemeinsam vor einem Mikrofon angeschlagen haben. Auf einer guten Anlage merkt man, dass hier kein Drumcomputer klickt, sondern drei Menschen fast, aber nicht ganz gleichzeitig. Danach setzt die Band wieder ein, und der Kontrast macht den Neustart umso heftiger.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Kein Song ist länger als 4:18, der kürzeste, „Bite the Bullet“, dauert keine zwei Minuten und geht fast nahtlos in „The Chase Is Better Than the Catch“ über. Die Themen sind Glücksspiel, Unterwegssein, Nächte und Frauen, manches davon war schon damals umstritten. Clarke hat den Anspruch nüchtern beschrieben: Man habe sich als Rock-’n’-Roll-Band für gute Zeiten gesehen, ohne Botschaft außer der, eine gute Zeit zu haben.
Mehr als ein Hit
Der Titelsong kam im Herbst 1980 auf Platz 15 der britischen Singlecharts, das Album auf Platz 4. Lemmy hatte später ein gespaltenes Verhältnis zu dem Song. Er sei froh, dafür berühmt geworden zu sein und nicht für einen Reinfall, sagte er 2011, aber er habe zwei Jahre lang „The eight of spades“ gesungen, und niemand habe es bemerkt. Dazwischen stehen Songs wie „(We Are) The Road Crew“, das Lemmy nach eigener Aussage in zehn Minuten schrieb, als Dank an die Crew. Er hatte selbst als Roadie für Jimi Hendrix gearbeitet.
05Warum es einen Abend trägt
Die Original-LP hat sechs Songs pro Seite. Seite A dauert rund neunzehn Minuten, beginnt mit dem Titelsong und endet mit „(We Are) The Road Crew“. Seite B ist mit knapp achtzehn Minuten etwas kürzer, von „Fire, Fire“ bis „The Hammer“. Beide Hälften sind so dicht, dass die Pause beim Umdrehen gut tut.
Laut, aber nicht grob
Wer Ace of Spades nur als Krach kennt, wird beim Hören am Stück überrascht. Man hört Blues und Rock ’n’ Roll unter dem Tempo, man hört Lemmy singen statt schreien, man hört drei Musiker, die sehr genau wissen, wo der andere gerade ist. Die Lautstärke darf dabei ruhig hoch sein, nur nicht so hoch, dass die Holzblöcke untergehen.
Was bleibt von einem Song, wenn man ihn einmal nicht nebenbei, sondern mit voller Aufmerksamkeit hört?
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