1980Albumvorschlag
British Steel
Judas Priest
Neun Songs, gut sechsunddreißig Minuten, ein Monat in einem Landhaus bei Ascot. Auf British Steel schneiden Judas Priest ihren Heavy Metal so knapp zu, dass er ins Radio passt, ohne dabei leiser zu werden.
Ende der Siebziger galten Judas Priest als Band mit langen, verwinkelten Songs. Für ihr sechstes Studioalbum zogen sie mit dem Produzenten Tom Allom in das Haus, das einst John Lennon gehört hatte und nun Ringo Starr gehörte. Heraus kamen kurze, harte Stücke, drei Hitsingles und Platz 4 in Großbritannien.
- Laufzeitrund 36 Minuten
- Titel9
- Jahr1980
- AufgenommenStartling Studios, Tittenhurst Park, Ascot (Anfang 1980)
Tracklist
- Rapid Fire4:08
- Metal Gods4:00
- Breaking the Law2:35
- Grinder3:58
- United3:35
- You Don't Have to Be Old to Be Wise5:04
- Living After Midnight3:31
- The Rage4:44
- Steeler4:30
Zum Cover
Eine Hand vor dunklem Grund umklammert eine riesige Rasierklinge. Auf der Klinge stehen das Bandlogo und der Albumtitel. Die Finger greifen so fest zu, dass die Kanten ins Fleisch zu schneiden scheinen. Blut ist nicht zu sehen.
Das Bild entwarf der polnische Art Director Rosław Szaybo, der für CBS arbeitete. Fotografiert hat Bob Elsdale in seinem Studio in St. John's Wood, mit einer Großformatkamera. Die Hand gehört Szaybo selbst. Die Klinge war ein ausgeschnittenes Stück Aluminium, auf das Logo und Titel im Siebdruck kamen. Ihre Kanten waren stumpf, der Schnitt ist eine Illusion.
Rob Halford war aufgefallen, dass auf Rasierklingen der Hinweis „Sheffield Steel“ stand, den Titel steuerte Bassist Ian Hill bei, als Anspielung auf die streikenden Stahlarbeiter jener Zeit und auf die Herkunft der Band. In manchen Ländern empfand man das Bild als zu drastisch. Dort wurde es retuschiert, sodass die Hand die Klinge nur noch hält.
Foto: Bob Elsdale
Gestaltung: Rosław Szaybo
Label: CBS Records (UK), Columbia Records (USA), 1980
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Still now, when you look at that cover, it has a tremendous impact.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie British Steel entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Tittenhurst Park ist ein großes Anwesen bei Ascot. John Lennon hatte hier gewohnt, 1980 gehörte es Ringo Starr. Der war nicht da, als Judas Priest einzogen. Halford hat erzählt, Starr sei damals mit Barbara Bach in Los Angeles gewesen. Vorher hatte er die Wertsachen aus dem Haus geräumt und Regeln aufgestellt, etwa kein Motorradfahren auf dem Gelände. K.K. Downing hat freimütig zugegeben, dass die Band genau das dann tat.
Die Technik stand nach Halfords Erinnerung in einem winzigen Raum hinter der Küche. Die Musiker spielten in verschiedenen Zimmern des Hauses. „We set up each member in a different room, and the vibe worked really well“, sagte Tom Allom.
Ringos Besteck
Für „Metal Gods“ suchte die Band nach dem Klang marschierender Metallfüße. Sie fand ihn in einer Besteckschublade, die sie vor den Mikrofonen schüttelte. Downing hat später darüber gelacht, dass der wahre „Metal Gods“-Sound also von Ringos Messern und Gabeln stammt. Halford schätzt, dass er die Schublade rund hundertmal angehoben und fallen gelassen hat.
02Wie British Steel entstand
Tom Allom hatte die ersten Alben von Black Sabbath als Toningenieur betreut und zuvor das Livealbum Unleashed in the East von Judas Priest abgemischt. British Steel war seine erste Studioproduktion mit der Band. Neu war auch der Schlagzeuger: Dave Holland ersetzte Les Binks und spielte geradliniger als sein Vorgänger.
Nach Glenn Tiptons Erinnerung waren etwa sechzig Prozent der Songs fertig, als die Band ankam. Der Rest entstand vor Ort, darunter „The Rage“ und „Living After Midnight“.
Nach Mitternacht
Zu „Living After Midnight“ gibt es eine Anekdote, die in mehreren Fassungen erzählt wird. In einer spielt Tipton nachts laut Gitarre und weckt Halford. In der anderen, von Downing erzählt, arbeiten Downing und Tipton an Riffs, als Halford im Morgenmantel in der Tür steht und sich beschwert, es sei nach Mitternacht. So oder so: Aus einer Beschwerde wurde ein Refrain, und aus dem Refrain die erste Single des Albums.
03Der Klang
„Everyone wanted a really live sound for the album“, sagte Allom. Das hört man. Die Gitarren von Tipton und Downing stehen breit und trocken im Raum, Hollands Schlagzeug treibt, statt zu verzieren. Die Songs sind kürzer und klarer gebaut als auf den Vorgängern, meist zwischen dreieinhalb und viereinhalb Minuten. Aus dem verschachtelten Hard Rock der Siebziger wird etwas Direkteres.
Samples gab es damals nicht. „There was no such thing as samples in those days, so bands had to be a lot more imaginative“, sagte Halford. Was an Geräuschen auf der Platte ist, kam aus dem Haus.
Genau hingehört
Milchflaschen und Billardqueue
In „Breaking the Law“ klirrt Glas. Das sind echte Milchflaschen, die der Milchmann jeden Morgen brachte und die die Band auf dem Boden zerschlug, um das aufzunehmen. Die Polizeisirene im selben Song ist keine Aufnahme, sondern Downings Stratocaster mit dem Vibratohebel. Am Ende von „Rapid Fire“ saust ein Billardqueue vor dem Mikrofon durch die Luft. Auf einer guten Anlage lassen sich diese Geräusche gut orten, und man hört, dass sie in einem echten Raum entstanden sind.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
British Steel hat keinen Füller und kein langes Epos. Neun Songs, von denen fast jeder auf einen Refrain zuläuft, den man nach einmal Hören mitsingen kann. Trotzdem klingt die Platte nicht nach Kompromiss. „Rapid Fire“ eröffnet ohne Anlauf, „Grinder“ und „Steeler“ sind so hart wie alles, was die Band vorher gemacht hatte.
Drei Singles, ein Durchbruch
„Living After Midnight“, „Breaking the Law“ und „United“ kamen alle in die britischen Top 40. Das Album erreichte Platz 4, die bis dahin beste Platzierung der Band, in den USA Platz 34 und später Platin. Rolling Stone setzte es 2017 auf Platz 3 der besten Metal-Alben aller Zeiten. Max Cavalera von Sepultura nannte es ein Grundlagenalbum für den Thrash Metal.
05Warum es einen Abend trägt
Die Original-LP ist fast genau geteilt: fünf Songs auf Seite A, rund achtzehn Minuten, vier auf Seite B, knapp achtzehn Minuten. Seite A bündelt Tempo und Hits, von „Rapid Fire“ bis zur Hymne „United“. Seite B beginnt mit dem längsten Stück, „You Don't Have to Be Old to Be Wise“, und endet mit „Steeler“, das noch einmal alles aufdreht.
Kurz, aber nicht klein
Sechsunddreißig Minuten sind wenig Zeit. Gerade deshalb lohnt es sich, die Platte am Stück und laut genug zu hören, um das Glas, die Sirene und das Besteck zu bemerken. Man sitzt dann gewissermaßen mit in Ringos Haus, einen Winter lang, in dem eine Band herausfand, wie knapp man Heavy Metal erzählen kann.
Wie klingt eine Schublade voller Besteck, wenn man weiß, woher sie kommt?
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