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1986Albumvorschlag

Control

Janet Jackson

Die Produzenten verboten ihr Personenschützer, Assistenz und Fahrer und ließen die zwanzigjährige Sängerin allein durch eine fremde Stadt finden – lange bevor es Navigationsgeräte gab.

Neun Tracks, drei feste Autorenstimmen und ein Chartrekord, den vor ihr keine Frau aufgestellt hatte. Was man von diesem Album kennt, ist der Sound aus Minneapolis. Was man weniger kennt, ist die Trennung, aus der er entstand.

  • Laufzeitrund 42 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1986
  • AufgenommenFlyte Tyme Studios, Minneapolis
Das Albumcover von Control: ein Schwarz-Weiß-Porträt von Janet Jackson in dunklem, schulterbetontem Blazer, die Kamera direkt anblickend.
Janet Jackson, Control, A&M Records 1986. Fotografie Tony Viramontes, Art Direction Chuck Beeson und Melanie Nissen, Design Melanie Nissen. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Control5:53
  2. Nasty4:03
  3. What Have You Done for Me Lately4:59
  4. You Can Be Mine5:16
  5. The Pleasure Principle4:58
  6. When I Think of You3:56
  7. He Doesn't Know I'm Alive3:30
  8. Let's Wait Awhile4:37
  9. Funny How Time Flies (When You're Having Fun)4:29

Zum Cover

Ein Schwarz-Weiß-Porträt, nah, ohne ablenkenden Hintergrund: Janet Jackson in einem dunklen, breitschultrigen Blazer, den Blick fest auf die Kamera gerichtet. Kein Bandname in großen Lettern, kein Bühnenbild – nur ein Gesicht, das etwas entschieden hat.

Fotografiert hat Tony Viramontes, der zu dieser Zeit vor allem für Modehäuser und Modemagazine arbeitete. Die Art Direction lag bei Chuck Beeson und Melanie Nissen, die auch für das Design verantwortlich zeichnete. Über den genauen Ablauf des Shootings – Ort, Datum, wie viele Aufnahmen entstanden – ist in den geprüften Quellen nichts überliefert; belegt sind nur die Credits selbst.

Zum Titel passt das Bild trotzdem genau: Eine Plattenhülle, die weniger zeigt als eine Popstar-Inszenierung sonst üblicherweise zeigt, für ein Album, dessen erklärtes Thema die Kontrolle über das eigene Bild ist.

Fotografie: Tony Viramontes
Art Direction: Chuck Beeson, Melanie Nissen
Design: Melanie Nissen
Label: A&M Records, 1986
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„We required that they put her in our hands – with no bodyguards, no star trips.“

Jimmy Jam Produzent (mit Terry Lewis) des Albums, im Gespräch mit der Los Angeles Times, 1987

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Control entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Keine Personenschützer, keine Assistentin, kein Fahrer: Das war die Bedingung, unter der Jimmy Jam und Terry Lewis die zwanzigjährige Janet Jackson nach Minneapolis holten. Jam hat den Gedanken dahinter später so beschrieben: „We required that they put her in our hands…with no bodyguards, no star trips.“ Sie musste sich in einer Stadt zurechtfinden, die sie nicht kannte, ohne jemanden, der ihr sagte, wo es langgeht.

Der Vorfall mit Melanie

Genau in dieser Zeit passierte, worüber die Platte ihren vielleicht bekanntesten Track bekam. Jackson war mit ihrer Freundin Melanie unterwegs, als zwei Männer den beiden auf offener Straße folgten und übergriffig wurden. Jahre später hat Jackson die Szene selbst eingeordnet: „They were emotionally abusive. Sexually threatening… I backed them down. That's how songs like 'Nasty' were born, out of a sense of self-defense.“

Aus einer Straßenszene wurde damit der Song, der das Album am deutlichsten von ihrem bisherigen Bild als braves Familienmitglied trennte: aggressiver, direkter, mit einer Stimme, die sie für diesen Track bewusst tiefer sang als sonst. Was in Minneapolis als Selbstschutz begann, wurde zum Titel, an dem sich die ganze Platte am schärfsten zeigt.

Belegt ist die Szene durch Jacksons eigene spätere Schilderung. Genauer Ort, Datum und der Wortlaut der Männer sind in keiner geprüften Quelle festgehalten – überliefert ist nur, dass es geschah und was Jackson daraus machte.

02Wie Control entstand

1984 hatte Jackson den Sänger James DeBarge geheiratet; die Ehe wurde binnen weniger Monate annulliert. Parallel dazu wuchs die Distanz zu ihrem Vater Joseph Jackson, der ihre Karriere bis dahin gemanagt hatte. Als neuen Manager holte sie sich John McClain, einen A&M-Manager, der sie mit zwei Produzenten zusammenbrachte, die zu diesem Zeitpunkt vor allem als ehemalige Mitglieder von The Time und aus dem Umfeld von Prince bekannt waren: Jimmy Jam (James Harris III) und Terry Lewis, mit eigenem Studio, Flyte Tyme, in Minneapolis.

Die ersten vier, fünf Tage nach ihrer Ankunft wurde nicht aufgenommen, sondern geredet. Jam erinnerte sich: „Nobody had ever asked her what she wanted to write about…We were like, 'No, you got to be part of the process here.'“ Für Jimmy Jam und Terry Lewis war das Vorgehen selbst Programm: In einem Radiointerview kurz vor Erscheinen des Albums verglichen sie sich mit Handwerkern, die von außen kommen und etwas reparieren, im Fall von Jacksons Projekt konkreter noch: „We always used to say we're like doctors, we fix things. And now, with Janet's project, we say we're safe crackers.“

„What Have You Done for Me Lately“

Nicht jeder Track entstand eigens für das Album. „What Have You Done for Me Lately“, die spätere Leadsingle, war ursprünglich für ein eigenes Projekt von Jam und Lewis gedacht gewesen; als das Label noch einen Song verlangte, boten sie diesen an – der Text wurde umgeschrieben, sodass er Jacksons eigene Situation nach der annullierten Ehe spiegelte.

Aufgenommen wurde zwischen Juni und Oktober 1985 in den Flyte Tyme Studios. Produziert haben Jimmy Jam und Terry Lewis, ein Track – „The Pleasure Principle“ – stammt von Monte Moir; Jackson selbst ist auf dem Album als Co-Produzentin geführt, ausführender Produzent war John McClain, gemischt haben Steve Hodge und Steve Wiese. Erschienen ist Control am 4. Februar 1986 bei A&M Records. Ihren Vater löste Jackson nach Abschluss der Aufnahmen als Manager ab.

Der Hintergrund

Eine Ehe, ein Bruch

1984 heiratete Jackson den Sänger James DeBarge; die Ehe wurde bereits im selben Jahr annulliert. Kurz darauf endete auch die berufliche Zusammenarbeit mit ihrem Vater Joseph Jackson, der sie zuvor gemanagt hatte.

Der Titeltrack und mit ihm das ganze Album greifen dieses Jahr nicht als Anekdote auf, sondern als Programm: „Control“ beginnt mit der Zeile, dass sie jetzt für sich selbst entscheide. Wie viel davon Songtext und wie viel gelebte Biografie ist, lässt sich nicht sauber trennen – beide Ebenen sind in den Quellen eng verzahnt.

03Der Klang

Aufgenommen wurde nicht mit einer Studioband, sondern mit Drumcomputern, Samplern und Synthesizern, die Jam und Lewis selbst programmierten. Den charakteristischen, leicht stolpernden Triolen-Groove, der viele Tracks des Albums trägt, entwickelte Jam nach einer Quelle auf einem Ensoniq Mirage – ein Rhythmusgefühl, das später als Vorstufe des New Jack Swing beschrieben wurde.

Wie ungewohnt diese Machart 1987 noch klang, hat der Kritiker Stephen Holden in der New York Times festgehalten: Das Album zeige, wie „technology has altered…popular music“, weil hier nicht eine Band, sondern „producers and the singer programming mechanized drum and keyboard textures“ am Werk waren.

Minneapolis statt L. A. oder New York

Für die Atmosphäre der Sessions war der Ortswechsel selbst Teil der Methode. Jam und Lewis erklärten es 1986 im Radio so: „By bringing the artists out of their element, which is normally either LA or New York, and bringing them up here to a very relaxed atmosphere, which is Minneapolis, we seem to get a lot better results.“

Am deutlichsten hörbar wird die Arbeitsweise bei „Nasty“. Die Produzenten baten Jackson, die Zeilen eine Oktave tiefer zu singen als sie es sonst tat. Sie sträubte sich zunächst – bis sie die Aufnahme zurückgespielt bekam. Jam erinnert sich an ihre Reaktion: „she got this look on her face. It's the best look an artist could ever give you.“

Hörmoment

Nasty

Achten Sie auf die Tieflage der Stimme im Vergleich zu den übrigen Tracks des Albums. Jackson singt hier bewusst eine Oktave unter ihrer sonstigen Lage – eine Idee der Produzenten, gegen die sie sich zunächst wehrte.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Unterschied zu den umliegenden Tracks ist trotzdem sofort zu hören.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die neun Tracks folgen erkennbar einer Linie: Der Titelsong erklärt die Ausgangslage, „Nasty“ setzt sie in Selbstschutz um, „What Have You Done for Me Lately“ rechnet mit einer gescheiterten Beziehung ab. Erst in der zweiten Hälfte wird es weicher – „The Pleasure Principle“ und „When I Think of You“ verhandeln Nähe auf eigenen Bedingungen –, bevor „Let's Wait Awhile“ das Recht auf Verzögerung sogar in Fragen von Nähe und Körper hineinträgt. Am Ende steht mit „Funny How Time Flies“ ein versöhnlicher, fast entspannter Schluss.

Fünf Top-5-Singles

Wie ungewöhnlich der kommerzielle Erfolg dieser Linie war, zeigen die Zahlen: Fünf Singles des Albums erreichten die Top 5 der Billboard Hot 100 – als erster Frau überhaupt gelang das von einem einzigen Album aus.

Die Kritik war sich uneinig, wessen Leistung das eigentlich war. Robert Christgau lobte in der Village Voice die Produktion von Jam und Lewis als „their deepest ever“, fand Jacksons eigenen Beitrag dagegen nur „entertaining enough“ – ein Urteil, das die Sängerin eher als austauschbare Stimme über einem starken Beat sah. Das NME widersprach dem in der Sache: „Jackson has gone a long way in shaking off the experience of being a shadow Jackson child. She is an artist in her own right.“

Was das Album zusammenhält, ist am Ende weder ein durchgehendes Riff noch ein wiederkehrendes Motiv. Es ist dieselbe Konstellation, die auf allen neun Tracks am Werk ist: Jackson, Jam und Lewis, gemeinsam als Autorenteam, dieselbe Studioausrüstung, dieselbe Frage nach Selbstbestimmung, aus unterschiedlichen Blickwinkeln neu gestellt.

05Warum es einen Abend trägt

Rund zweiundvierzig Minuten, neun Tracks, dazu eine klare dramaturgische Kurve: laut und angriffslustig zu Beginn, ruhiger und persönlicher in der Mitte, zum Schluss hin aufgehellt. Für einen Hörabend ergibt das eine Spannung, die nicht mit Lautstärke arbeitet, sondern mit Tempo und Tonlage.

Die Stelle, an der sich der Raum am deutlichsten verändert, ist „Let's Wait Awhile“. Nach den vorwiegend forschen, tanzbaren Tracks der ersten Albumhälfte wird hier plötzlich eine private Verhandlung geführt – Jimmy Jam hat die Idee dazu ausdrücklich Jackson selbst zugeschrieben: „The theme…was Janet's idea. She's not telling people how to live their lives. All she's doing is offering an opinion.“

Terry Lewis über die Attitüde

Ehrlich sollte man auch sagen, was die Platte heute verlangt: Der digitale Achtziger-Sound aus Drumcomputer und Sampler ist unüberhörbar seiner Entstehungszeit verpflichtet. Terry Lewis hat die Herangehensweise im Rückblick nüchtern zusammengefasst: „our thing was, what can we do to get the attitude back? We wanted to make tracks that were really aggressive.“ Wer diese Härte nicht mag, sollte wissen, dass sie hier Absicht war, kein Zufall der Studiotechnik.

Zurück gibt das Album eine Geschichte, die sich sonst selten in neun Songs erzählen lässt: eine junge Frau, die binnen eines Jahres eine annullierte Ehe, den Bruch mit dem eigenen Vater und den Umzug in eine fremde Stadt verarbeitet – und daraus eine Platte macht, die fünf Jahrzehnte-Hits enthält, ohne an einer Stelle zu behaupten, das sei alles leicht gewesen.

Rekorde und Nachwirkung

Fünf Singles aus einem einzigen Album in den Top 5 der Billboard Hot 100 – diesen Rekord hatte vor Control keine Frau aufgestellt. Bei den Grammy Awards 1987 wurden Jimmy Jam und Terry Lewis als Produzenten des Jahres ausgezeichnet.

Der Sound aus Flyte Tyme prägte in den Folgejahren einen Großteil des R&B-Mainstreams; das Album selbst wurde später unter anderem in die Sammlung des National Museum of African American History and Culture aufgenommen.

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