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1984Albumvorschlag

Purple Rain

Prince and The Revolution

Die letzten drei Tracks dieser Platte sind an einem einzigen Abend entstanden – vor einem Publikum, das nicht klatschte, weil es die Lieder nicht kannte.

Ein Soundtrack, den fast jeder über seine Singles kennt. Interessanter ist, was das Album als Ganzes tut: Es beginnt mit programmierten Studiotracks und endet mit einem Konzertmitschnitt vom 3. August 1983, den ein Lastwagen vor der Tür aufgezeichnet hat.

  • Laufzeitrund 43 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1984
  • AufgenommenThe Warehouse in St. Louis Park, Sunset Sound Los Angeles, Übertragungswagen vor dem First Avenue in Minneapolis
Das Albumcover von Purple Rain: Prince in violettem, verziertem Anzug auf einem Motorrad, im Nebel einer Filmkulisse, links und rechts ein Blumenrand, im Türrahmen dahinter eine Frau.
Prince and The Revolution, Purple Rain, Warner Bros. Records 1984. Gestaltung Laura LiPuma, Fotografie Ed Thrasher & Associates und Ron Slenzak. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Let's Go Crazy4:39
  2. Take Me With U3:54
  3. The Beautiful Ones5:15
  4. Computer Blue3:59
  5. Darling Nikki4:15
  6. When Doves Cry5:52
  7. I Would Die 4 U2:51
  8. Baby I'm A Star4:20
  9. Purple Rain8:45

Zum Cover

Prince sitzt auf einem Motorrad und schaut den Betrachter an. Das Fahrzeug ist eine umgebaute Honda CM400A Hondamatic von 1981, der Anzug ist violett und reich verziert. Links und rechts rahmt ein Blumenrand das Bild und nimmt den Kanten die Härte. Im Türrahmen hinter ihm steht eine Frau: Apollonia Kotero, die weibliche Hauptrolle des Films.

Die Straße ist keine Straße. Fotografiert wurde auf dem Außengelände der Warner-Bros.-Studios, an einer Kulissenzeile namens Hennesy St., die einen New Yorker Wohnblock darstellen sollte. Nebelmaschinen und Farbfolien vor den Scheinwerfern erzeugten den Rest. Es ist also ein Filmbild auf einer Plattenhülle, und es gibt sich keine Mühe, etwas anderes zu behaupten.

Die Urheberangaben gehen in den Archiven auseinander. Als Gestalterin ist Laura LiPuma genannt, als Art Director Prince gemeinsam mit ihr; bei der Fotografie stehen Ed Thrasher & Associates und Ron Slenzak, in den Pressungsdaten zusätzlich Larry Williams. Ein Aufnahmedatum, eine Kamera oder ein Filmmaterial ist nirgends dokumentiert.

Ein Detail lohnt die Lupe, und genau damit wurde es auch gefunden: Beim Prüfen der Plakatvorlage entdeckte die Gestalterin auf dem Tank des Motorrads ein winziges rotes Zeichen, in dem Mars- und Venussymbol ineinandergeschoben sind. Sie übertrug es auf den Aufkleber des Albums. Es war das erste Mal, dass dieses Zeichen verwendet wurde.

Gestaltung: Laura LiPuma
Art Direction: Prince und Laura LiPuma
Fotografie: Ed Thrasher & Associates, Ron Slenzak, Larry Williams
Mastering: Bernie Grundman
Label: Warner Bros. Records, 1984
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Als Letztes stanzte er den Bass heraus, lächelte mich an und sagte: ‚Das glaubt mir keiner, dass ich das mache.'“

Peggy McCreary Toningenieurin bei Sunset Sound, über die zweite Nacht an „When Doves Cry“, in MusicRadar

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Purple Rain entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Draußen steht ein Lastwagen aus New York, die Kabel laufen durch die Garage in den Klub. Drinnen ist es so heiß, dass die Band nach zwei Minuten durchgeschwitzt ist – Matt Fink hat das später so beschrieben. Der Saal ist voll bis unters Dach; der Betreiber fürchtet, die Feuerwehr werde den Abend beenden. Ein Türsteher sieht nur die Leute, die ständig durch die Garage zu diesem Wagen laufen: „Turns out they were recording everything.“

Es ist der 3. August 1983, First Avenue in Minneapolis, ein Benefizkonzert für das Minnesota Dance Theatre. Die Karte kostet fünfundzwanzig Dollar statt der üblichen vier oder fünf. Rund 1.200 zahlende Gäste und 252 Freikarten bringen 23.000 Dollar ein. Es ist der erste Auftritt der Besetzung, die später The Revolution heißt, und der erste Abend von Wendy Melvoin überhaupt. Bobby Z. erinnert sich an die Stimmung davor: „Prince was hyped up. He was like: ‚We're making history tonight!'“

Niemand klatschte

Was dann geschieht, ist das Gegenteil eines Triumphs. Die Tracks sind neu, niemand kennt sie. Der Aufnahmeleiter David Rivkin, im Wagen vor der Tür, sagt es trocken: „Nobody clapped because they had never heard those songs before.“ Eine Besucherin erinnert sich, das Lied habe kein Ende nehmen wollen: „They were paying attention, but nobody was freaking out and excited.“ Der Minneapolis Star Tribune schrieb, das Publikum sei zunehmend desinteressiert gewesen. Nur Tourmanager Alan Leeds widerspricht: „Purple Rain“ habe den Saal umgehauen. Beide Fassungen stehen nebeneinander.

Auf dem Band aus diesem Wagen stehen die Grundaufnahmen von drei Tracks: „I Would Die 4 U“, „Baby I'm A Star“ und dem Titeltrack. Sie sind auf dem Album gelandet. Bobby Z. über das Ergebnis: „The version of ‚Purple Rain' on the album is pretty much exactly as it happened. Musically, the guitar solo is amazingly intact, the drum part's intact, everything.“ Der Toningenieur Chris James, der die Aufnahme Jahrzehnte später neu mischte, nennt das Erstaunliche daran: „The casual listener probably doesn't realise that this was a live take.“

Darin liegt der Zugang zu diesem Album. Ein Werk, das als Soundtrack eines Films verkauft wurde und über Singles in die Welt kam, hat seinen Schlussteil an einem Abend aufgenommen, an dem niemand wusste, was da gerade passiert. Nachgeholfen wurde später trotzdem: Für die Filmfassung mischte Rivkin das Publikum eines Spiels der Minnesota Vikings unter die Saalspur – „I cheated“, sagt er selbst. Ob das auch für das Album gilt, sagt er nicht.

02Wie Purple Rain entstand

Vor der Platte stand ein Jahr Probe, täglich. Die Band arbeitete in einer Lagerhalle an der Highway Seven, und David Rivkin hörte das Ergebnis an einem einzigen Abend: „The band had rehearsed every day for a year, and you could tell. Prince had whipped them into shape.“ Zum Programm gehörten Sitzkreise mit Gedächtnisspielen und eine Zeit lang Tanzunterricht.

Der Titeltrack entstand dort am Ende eines zehnstündigen Probentages. Bobby Z. erzählt, Prince habe gesagt: „I want to try something before we go home“, und dann am Klavier angefangen. Sein erster Gedanke war Ratlosigkeit: „Wow, this is almost a country song. It had a different feel than anything we'd been rehearsing.“ Die Eröffnungsakkorde, die den Track heute kenntlich machen, stammen nicht von Prince. Wendy Melvoin beschreibt die Arbeitsteilung so: „Prince came in with the melody and the words and an idea of what the verses were like. I came up with the opening chords, and everybody started playing their parts.“

Die Hülle des Albums verrät, wie verstreut das Ganze entstand: „Let's Go Crazy“ und „Computer Blue“ in der Lagerhalle im Sommer 1983, drei Tracks bei Sunset Sound in Los Angeles, die letzten drei im First Avenue und im Record Plant in New York. Für „Darling Nikki“ steht dort statt eines Studionamens ein Satz: aufgenommen an einem Ort ganz in der Nähe davon, wo Sie wohnen.

Susan Rogers kommt dazu

Im Sommer 1983 kam Susan Rogers dazu, eingestellt als Technikerin, ohne nennenswerte Erfahrung als Aufnahmeleiterin – und sofort in diese Rolle gesetzt. Ihre erste Arbeit bestand darin, ein altes Mischpult auszubauen und die Bandmaschine zu reparieren. Die Arbeitszeiten beschreibt sie nüchtern: „Typically anywhere between 16 and 24 [hours]. 16 would be a fairly short session, but we frequently did 24 hours.“ Und eine Regel galt immer: „He never wanted to come back to a song.“

Zwei Entscheidungen fielen spät. „Let's Go Crazy“ nahm Prince im Oktober 1983 in der Lagerhalle noch einmal ganz neu auf, weil ihm die alte Fassung zu hektisch war. Und „When Doves Cry“ gab es lange gar nicht: Regisseur Albert Magnoli bat um einen Track für eine Motorradsequenz, Prince schrieb es in einer Nacht und nahm es an einem Tag auf. Erschienen ist das Album am 25. Juni 1984 – als erstes unter dem Namen Prince and The Revolution.

03Der Klang

Der Wagen vor dem First Avenue war kein Behelf. Alan Leeds bestellte den nach seiner Einschätzung besten verfügbaren: den Black Truck des Record Plant, besetzt mit Dave Hewitt und Kooster McAllister, darin ein Sonderpult mit vierundvierzig Eingängen und vierundzwanzig Wegen und zwei Ampex-1200-Maschinen mit zwei Zoll Bandbreite. Auf Gesang und Gitarrenverstärkern lagen Shure SM57, in der Basstrommel ein AKG D-12. Für den Raum hingen zwei Paar AKG 451: eines unter den Rängen links und rechts nahe der Bühne, eines unter einer Empore im hinteren Teil. Was auf der Platte nach Saal klingt, kommt aus diesen vier Mikrofonen.

Die zweite Entscheidung ist unsichtbar und hörbar zugleich. Gearbeitet wurde auf vierundzwanzig Spuren, nicht mehr, und ohne Mischautomation. Rogers sagt es knapp: „It was all 24-track. He could not wait for two [tape] machines to be synchronized. […] There was no automation.“ Das heißt: Jede Schicht musste sich gegen eine andere durchsetzen. Man hört das als Sparsamkeit: Auf dieser Platte steht selten etwas nur so herum.

Die Linn LM-1 in der Lagerhalle

Die Lagerhalle in St. Louis Park war rund dreißig mal fünfzehn Meter groß, hoch, ohne jede Abtrennung. Rogers rollte ein API-Pult, eine Ampex MM1200, Geräterack und Abhörboxen vor die Bühne und legte Teppich aus. Die Rhythmusmaschine war ein Linn LM-1, nicht die spätere LinnDrum – ein Gerät, das eine Anwärmzeit brauchte und auf Temperatur reagierte. Über den Mann, der das benutzte, sagt Rogers etwas Unerwartetes: „He was not a perfectionist.“

Überspielt und gemischt wurde in Studio 3 bei Sunset Sound, Princes Lieblingsraum; das dortige DeMedio-Pult gefiel ihm so gut, dass er sich später eine Kopie bauen ließ. Dort kamen zuletzt die Streicher auf den Titeltrack, aufgenommen mit einem Paar Telefunken 251 auf den Geigen und einem Neumann U47 auf dem Cello. Wer das Arrangement schrieb, ist nicht eindeutig: Eine Fachzeitschrift nennt David Coleman, die Pressungsdaten nennen Lisa Coleman und Wendy Melvoin. Melvoins Gitarrenklang ist dagegen genau überliefert – eine Rickenbacker mit G&L-Tonabnehmern, ein Boss-CE-1-Chorus, ein Mesa/Boogie Mark I.

Hörmoment

When Doves Cry

Achten Sie darauf, was fehlt. Unter diesem Track liegt kein Bass. Prince hatte einen eingespielt und nahm ihn am zweiten Arbeitstag wieder heraus, zusammen mit vielem anderen. Die Toningenieurin Peggy McCreary war dabei: „He kind of ‚unproduced it', if you can possibly do that.“

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album keine belegte zu finden war. Sie brauchen auch keine: Die Lücke ist von der ersten Sekunde an da und hört nicht mehr auf.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Neun Tracks, rund dreiundvierzig Minuten. Die ersten sechs kommen aus Studios und aus einer Lagerhalle, die letzten drei von einem einzigen Abend. Dieser Bruch ist die eigentliche Form der Platte: vorn Maschine, hinten Band. Vorn ein Track, dem der Bass fehlt, weil jemand ihn herausgenommen hat; hinten eine Aufnahme, der man das Gedränge und die Hitze anhört. Wer nur eine Single kennt, kennt von diesem Gegensatz die Hälfte.

Die Band spielt nach Angaben der Library of Congress auf fünf der neun Tracks; Prince nannte sie dort „Mount Rushmore“. Susan Rogers dämpft das: Die Alben mit der Revolution seien „as group efforts“ präsentiert worden – die Richtung habe Prince vorgegeben.

Was sich nicht belegen lässt, soll auch nicht behauptet werden: Ein wiederkehrendes musikalisches Motiv, eine Reprise, ein verstecktes Zitat, das die neun Tracks verbindet, wird in keiner geprüften Quelle beschrieben. Die Klammer ist die Filmerzählung und die Folge der Aufnahmeorte. Belegt ist davon der Ortswechsel, nicht die Absicht dahinter.

Die Platte darf man auch nicht nur loben. Albumism nennt sie „part inspired genius and part calculated ambition“; in der Rezensionsrunde von Louder steht der Satz, die kulturelle Wirkung des Albums überschatte am Ende die Musik. Vincent Canby nannte den Film 1984 in der New York Times „probably the flashiest album cover ever to be released as a movie“. Einen zeitgenössischen Verriss der Platte selbst gab es offenbar nicht: Die drei greifbaren Albumkritiken von 1984 sind wohlwollend.

Tipper Gores Reaktion

Die härteste Reaktion kam ohnehin nicht von einem Kritiker. Tipper Gore hörte das Album mit ihrer elfjährigen Tochter, stieß auf „Darling Nikki“ und schrieb später in ihrem Buch: „The vulgar lyrics embarrassed both of us. At first, I was stunned – then I got mad!“ 1985 gründete sie das Parents Music Resource Center; am Ende dieses Wegs standen die Warnaufkleber der Plattenindustrie. Ein Track von dieser Platte hat die Verpackung aller anderen verändert.

Fast auf diesem Album

Electric Intercourse

Diese Ballade war schon im Januar 1983 bei Sunset Sound aufgenommen und wurde am 3. August im First Avenue gespielt. Eine Woche später schrieb Prince „The Beautiful Ones“ – und der ältere Track war aus dem Film und aus dem Album verschwunden.

Bobby Z. erklärt die Entscheidung ohne Wehmut: „It was a good song“, aber „‚The Beautiful Ones' was written late and it was a better one, without a doubt.“ An der Stelle, an der man heute die eine Ballade hört, stand vierzehn Tage lang eine andere.

05Warum es einen Abend trägt

Dreiundvierzig Minuten, neun Tracks, keiner davon lang genug, um zu ermüden. Der Anfang macht es einem leicht: eine Orgel, ein gesprochener Satz, dann geht es los. Schwierig wird es erst später, und auf zwei sehr verschiedene Arten.

Ehrlich ist: „Darling Nikki“ ist unangenehm, und es soll unangenehm sein. Wie unangenehm, lässt sich an den Folgen ablesen – an einer Mutter, die das Album mit ihrer Tochter hörte, und an den Aufklebern, die seitdem auf Platten kleben. In einer Runde, in der nicht alle dasselbe Alter und nicht alle dieselbe Vorgeschichte haben, ist das die Stelle, an der jemand unruhig wird. Es gehört dazu. Man kann darüber hinterher reden.

Der Wechsel bei Track sieben

Die zweite Zumutung ist eine angenehme: Mit dem siebten Track wechselt der Raum. Bis dahin hört man Aufnahmen, die Schicht für Schicht gebaut wurden. Danach hört man einen Klub. Die Publikumsmikrofone unter den Rängen, die Hitze, das Gedränge – das alles ist auf dem Band, und wer zum ersten Mal am Stück hört, merkt an dieser Stelle meist, dass sich etwas geändert hat, ohne gleich sagen zu können, was.

Was das Album zurückgibt, steht am Schluss und dauert knapp neun Minuten. Live war der Titeltrack dreizehn Minuten lang und begann mit einem fast vierminütigen Vorspann; Prince kürzte ihn auf vier Takte. Eine dritte Strophe, die er an diesem Abend sang, hat er ganz gestrichen – Lisa Coleman sagt dazu: „It was a different spirit and it didn't belong in the song.“ Sonst blieb fast alles, wie es war. Susan Rogers: „In general, he would embellish afterwards, but he really didn't do much with ‚Purple Rain'.“ Was am Ende des Abends im Raum steht, ist also eine Aufführung, keine Konstruktion. Danach muss niemand sofort etwas sagen.

Eine gemeinsame Geschichte

Der Abend, an dem die letzten drei Tracks entstanden, war ein Wohltätigkeitskonzert. Die Tänzerin Loyce Houlton hatte Prince über ein Kunstprogramm der Schulen in Minneapolis kennengelernt und ihn schlicht gefragt. Ihre Tochter sagt über sie: „If she believed in somebody […] she did that sort of thing.“ Es kamen 23.000 Dollar für ihr Ensemble zusammen.

Und das Publikum, dem man beim Hören der Platte zuhört, klatschte nicht, weil es die Lieder nicht kannte. Das ist eine gute Ausgangslage für eine Runde, die dieselben Lieder inzwischen zu gut kennt.

Wie klingt ein Album, dessen Schluss vor Publikum entstand, das noch nicht wusste, was es da hört?