2015Albumvorschlag
Currents
Tame Impala
Dreizehn Songs, einundfünfzig Minuten, ein Mann allein in einem kleinen Studio am Meer. Auf Currents verabschiedet sich Kevin Parker vom Gitarrenrock seiner ersten Alben und findet einen Pop, der schwebt, groovt und dabei sehr ehrlich bleibt.
Tame Impala war mit Innerspeaker und Lonerism zu einer der bekanntesten Psychedelic-Rock-Bands der Welt geworden. Doch Tame Impala ist im Studio nur einer: Kevin Parker schreibt, spielt, singt und produziert alles selbst. Für Currents mischte er zum ersten Mal auch selbst. Er zog sich in sein Heimstudio in Fremantle zurück und kam mit einem Album wieder, das eher nach Disco und R&B klingt als nach Rock.
- Laufzeitrund 51 Minuten
- Titel13
- Jahr2015
- AufgenommenHeimstudio von Kevin Parker, Fremantle, Western Australia (2012–2015)
Tracklist
- Let It Happen7:47
- Nangs1:47
- The Moment4:15
- Yes I'm Changing4:30
- Eventually5:18
- Gossip0:55
- The Less I Know the Better3:36
- Past Life3:48
- Disciples1:48
- 'Cause I'm a Man4:01
- Reality in Motion4:12
- Love/Paranoia3:05
- New Person, Same Old Mistakes6:03
Zum Cover
Auf dem Cover laufen feine, parallele Linien über die Fläche. Wo sie auf eine Kugel treffen, biegen sie sich um sie herum und geraten hinter ihr in Wirbel. Das Bild wirkt wie Op-Art aus den Siebzigern: Die dichten Linien scheinen zu flimmern, wenn man länger hinsieht.
Die Idee stammt von Parker selbst. Er erinnerte sich an Diagramme der sogenannten Wirbelablösung, die zeigen, wie ein Gas oder eine Flüssigkeit um ein Hindernis strömt. Umgesetzt hat sie der amerikanische Künstler und Musiker Robert Beatty, ganz digital in Illustrator und Photoshop. Er hat beschrieben, wie viel Versuch und Irrtum nötig war, bis die Linien wirklich aussahen, als flössen sie um die Objekte herum. Als Vorbilder nannte er die Buchumschläge des italienischen Designers Franco Grignani und tschechische Filmplakate von Zdeněk Ziegler und Karel Vaca.
Das Bild passt genau zum Thema. Etwas Festes stellt sich einer Strömung in den Weg, und die Strömung verändert sich. Um genau diese Art von Veränderung geht es auf dem ganzen Album.
Gestaltung: Robert Beatty (Konzept: Kevin Parker)
Label: Modular Recordings (Australien), Interscope (USA), Fiction (UK), 2015
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I decided that I wanted to make weird pop music, and I wasn't afraid to make pop music and stand behind it.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Currents entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Kevin Parker hat für einen einzigen Song auf Currents über tausend Gesangsaufnahmen gemacht. Die meisten davon waren nur kurze Anläufe. Er selbst hat es so erklärt: Wenn eine Gesangsaufnahme nicht beim ersten Versuch sitzt, dann eben beim fünfhundertsten.
Dieses Bild zeigt, wie das Album entstand. Parker arbeitete jeden Tag, oft ab Mittag bis tief in die Nacht, allein in einem Studio aus zwei kleinen Räumen. Er verglich den Aufbau mit einem Flugzeugcockpit: ein zusammengeflicktes Schlagzeug, eine Gitarre voller Klebeband, ein paar alte Synthesizer.
Bahnen ums Kraftwerk
Zur Erholung ging Parker schwimmen, das nannte er die beste Reinigung überhaupt. In der Nähe liegt das stillgelegte Kraftwerk South Fremantle, und es prägte das Album bis in den Titel. „A lot of the songs on Currents have passages that were directly inspired by the power house and doing laps of it“, sagte Parker. Es sei beängstigend, aber auch etwas sehr Schönes.
02Wie Currents entstand
Parker begann mit neuen Songs, kaum dass Lonerism 2012 fertig war. Erst als er zehn bis zwanzig beisammen hatte, wurde daraus ein Album. Zwei Dinge veränderten seine Richtung. Er hörte eines Nachts den Bee-Gees-Song „Stayin' Alive“ und merkte, dass auch Musik außerhalb der Psychedelik psychedelisch wirken kann. Und nach einer Trennung kehrte er aus Paris nach Perth zurück.
Seine einzige Regel, sagte er, sei der Versuch gewesen, die Regeln aufzugeben, die er sich früher gesetzt hatte. Dazu gehörten Drumcomputer und Effekte, die er bis dahin für kitschig gehalten hatte.
Kein Trennungsalbum
Oft wurde Currents ein Trennungsalbum genannt. Parker sieht das anders. Es gehe um jemanden, der spürt, dass er zu einem anderen Menschen wird, zu der Art Mensch, die er nie werden wollte. Er singe eigentlich darüber, sich von einem Teil seiner selbst zu trennen. Der geplante Abgabetermin im Januar 2015 verschob sich mehrmals, im Juli erschien das Album.
03Der Klang
Auf Currents sind Gitarren in jedem Song zu hören, aber sie führen nicht mehr. Im Vordergrund stehen Synthesizer wie der Roland Juno-106 und der Sequential Circuits Pro-One, ein altes Roland-Modul für Streicher, Bläser und Chöre, ein Drumcomputer aus den Achtzigern und Parkers weiche, oft vielfach geschichtete Stimme. Aufgenommen wurde in Ableton Live, doch die Summe lief über analoge Technik, die dem Klang Wärme gibt.
Das Mischen war für Parker eine Qual. Er hat gesagt, am Ende eines Albums verliere man jede Perspektive und höre sogar Songs, die man geliebt hat, nur noch als Fehler.
Genau hingehört
Die Platte hängt
Mitten in „Let It Happen“ passiert etwas Seltsames: Der Song beginnt zu springen, immer wieder dieselbe kurze Stelle, als hätte die CD einen Kratzer. Das ist Absicht und kommt aus Parkers Faszination für Fehler bei der Wiedergabe. Wer das Album zum ersten Mal auf Vinyl hört, greift an dieser Stelle vielleicht kurz zum Tonarm. Es lohnt sich, zu warten.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Currents ist klar gebaut. Kurze Zwischenstücke wie „Nangs“, „Gossip“ und „Disciples“ verbinden die großen Songs und halten den Fluss in Bewegung. Das Album beginnt mit „Let It Happen“, einem Song darüber, dass sich Dinge verändern, manchmal ohne dass man zustimmt, und endet mit „New Person, Same Old Mistakes“. Dazwischen liegt eine Reise vom Widerstand zur Annahme, erzählt in Titeln wie „Yes I'm Changing“ und „Past Life“.
Der Weg nach oben
Das Album erreichte Platz 1 in Australien, Platz 3 in Großbritannien und Platz 4 in den USA, dort auch Platz 1 der Vinylcharts. Es gewann bei den ARIA Awards die Preise für Album des Jahres und bestes Rockalbum und war für einen Grammy nominiert. Rihanna nahm „New Person, Same Old Mistakes“ 2016 mit Parkers Originalmusik für ihr Album Anti auf.
05Warum es einen Abend trägt
Auf Schallplatte verteilt sich Currents auf vier Seiten mit je elf bis vierzehn Minuten. Die erste Seite ist kurz: nur „Let It Happen“, „Nangs“ und „The Moment“. Danach möchte man sofort weiterhören. Jede Seite hat ihren eigenen Bogen, und jedes Umdrehen wirkt wie ein Atemholen.
Musik für den Kopfhörer, gespielt im Raum
Currents ist ein Album voller Details: Stimmen, die im Hintergrund aufblühen, Synthesizer, die sich langsam öffnen, Bässe, die man eher spürt als hört. Auf einer guten Anlage bekommen diese Schichten Platz. Und weil Parker so viel Zeit in jede Sekunde gesteckt hat, hört man an einem ruhigen Abend auch, wie viel Gefühl in dieser Genauigkeit steckt.
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