2001Albumvorschlag
Discovery
Daft Punk
Vierzehn Songs, einundsechzig Minuten, vier Plattenseiten. Discovery ist das Album, auf dem zwei Pariser Produzenten zu Robotern werden und dabei so menschlich klingen wie nie.
Nach dem Erfolg von Homework hätten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo einfach weitermachen können. Stattdessen verbrachten sie drei Jahre in Bangalters Wohnung in Paris und suchten die Musik ihrer Kindheit: Disco, Softrock, Funk, Zeichentrickfilme. Heraus kam ein Popalbum, das man in einem Zug durchhören kann.
- Laufzeitrund 61 Minuten
- Titel14
- Jahr2001
- AufgenommenDaft House (Thomas Bangalters Wohnung), Paris (1998–2000)
Tracklist
- One More Time5:20
- Aerodynamic3:27
- Digital Love4:58
- Harder, Better, Faster, Stronger3:45
- Crescendolls3:31
- Nightvision1:44
- Superheroes3:57
- High Life3:22
- Something About Us3:51
- Voyager3:47
- Veridis Quo5:44
- Short Circuit3:26
- Face to Face3:58
- Too Long10:00
Zum Cover
Das Cover zeigt nur den Namen der Band. Der bekannte Daft-Punk-Schriftzug ist hier aus glänzendem, scheinbar flüssigem Metall, in dem sich Licht spiegelt. Keine Gesichter, keine Musiker, kein Titel im Vordergrund.
Die Aufnahmen des flüssigen Metalls stammen laut den Angaben auf der Platte vom Fotografen Mitchell Feinberg. Es ist also kein Computerbild, sondern ein Foto. Für Gestaltung und Art Direction nennt die Hülle eine ganze Gruppe, darunter die beiden Musiker selbst, ihren damaligen Manager Pedro Winter und Bangalters Vater Daniel Vangarde.
Das Bild passt zu der Geschichte, die Daft Punk damals erzählten: Sie seien keine Menschen mehr, sondern Roboter. Ein Logo aus Chrom statt eines Porträts ist die logische Folge. Für die japanische Ausgabe gab es ein anderes Cover mit Figuren aus dem Animationsfilm, der später zum Album entstand.
Foto: Mitchell Feinberg (Flüssigmetall-Aufnahmen)
Gestaltung: Daft Punk, Pedro Winter, Gildas Loaëc, Cédric Hervet, Daniel Vangarde, Simon Scott, Alex & Martin
Label: Virgin Records, 2001
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„We're interested in making things sound like something other than what they are.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Discovery entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Das Studio von Daft Punk war kleiner, als der Klang vermuten lässt. 2023 erzählte Thomas Bangalter in einem BBC-Podcast: Homework und Discovery entstanden im Schlafzimmer seiner Pariser Wohnung. Auf dem Plattenspieler lief damals ständig Stevie Wonders Songs in the Key of Life.
Auf dem Stapel aus Keyboards und Samplern stand ein Ghettoblaster von JVC, ein Geschenk zu Bangalters elftem Geburtstag. Über dieses kleine Gerät, so Bangalter, wurden beide Alben gemischt und aufgenommen: „That was the magic one.“
Der Ghettoblaster
Für einen Hörabend auf einer guten Anlage ist das eine schöne Pointe. Eine Platte, die heute auf großen Lautsprechern klingt wie ein Feuerwerk, wurde über ein Kinderzimmergerät abgehört. Das erklärt vielleicht, warum Discovery auf jeder Anlage funktioniert: Die Songs mussten zuerst auf der kleinsten bestehen.
02Wie Discovery entstand
Nach der langen Tour zu Homework 1997 kümmerten sich die beiden zunächst um eigene Labels und Videos. 1998 begannen sie mit neuer Musik. Sie arbeiteten wie beim Debüt: mal jeder für sich, mal zusammen. Eines war klar: Das zweite Album sollte nicht wie das erste klingen. Bangalter sagte 2001, man habe nicht fünfzehn House-Tracks auf ein Album packen wollen.
Er beschrieb den Unterschied so: Homework habe den Rock-Fans gezeigt, dass elektronische Musik cool sei. Discovery sage das Gegenteil, nämlich den Elektronik-Fans, dass Rock cool sei.
Gäste, die sie verehrten
Für drei Songs holten Daft Punk Musiker, die sie selbst verehrten. Romanthony singt „One More Time“ und „Too Long“, Todd Edwards singt und produziert „Face to Face“ mit, DJ Sneak schrieb den Text von „Digital Love“. Bangalter sagte, es sei ihnen viel wichtiger gewesen, mit diesen House-Pionieren zu arbeiten als mit großen Stars.
03Der Klang
Discovery klingt nach alten Maschinen. Statt der üblichen House-Drumcomputer benutzten Daft Punk ein Oberheim DMX, eine LinnDrum und ein Drumtraks von Sequential Circuits, dazu Sampler, Rhodes- und Wurlitzer-Pianos, Vocoder und Auto-Tune, das sie bewusst anders einsetzten als vorgesehen. Viele Samples stammen von Disco- und Soulplatten der späten Siebziger. Homem-Christo schätzte aber, dass sie etwa die Hälfte des scheinbar gesampelten Materials selbst eingespielt haben, als falsche Samples im Klang alter Platten.
Das ist der Trick des Albums: Man weiß oft nicht, was man hört. Gitarren klingen wie Synthesizer, Synthesizer wie Gitarren. Die Stimme in „One More Time“ ist so stark bearbeitet, dass sie zugleich menschlich und künstlich wirkt.
Genau hingehört
Das Solo in „Digital Love“
In der Mitte von „Digital Love“ setzt ein langes Solo ein. Es klingt nach E-Gitarre, gespielt wurde es aber auf einem Wurlitzer-Piano, mit alten Synthesizern und Sequenzern. Auf einer guten Anlage lohnt es sich, hier genau hinzuhören: Der Ton hat die Wärme eines Gitarrenverstärkers und doch die Präzision einer Maschine.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Daft Punk haben Discovery als Erinnerung an ihre Kindheit beschrieben, an die Jahre zwischen etwa 1975 und 1985. Bangalter sagte, als Kind analysiere man Musik nicht, man möge sie einfach. Diese Haltung hört man: Das Album springt von Disco zu Softrock, von einem kurzen Ambient-Stück wie „Nightvision“ zum barocken Synthesizer-Stück „Veridis Quo“, ohne sich zu rechtfertigen.
Zusammengehalten wird das durch eine Geschichte. Schon während der Aufnahmen planten die beiden einen Animationsfilm mit dem japanischen Zeichner Leiji Matsumoto, dessen Serien sie als Kinder gesehen hatten. Interstella 5555 erschien 2003 und nutzt das ganze Album als Soundtrack, von „One More Time“ bis „Too Long“.
Von der Kritik unterschätzt
Nicht alle mochten Discovery sofort. Alexis Petridis vom Guardian schrieb 2020, das Album klinge heute völlig zeitgemäß, seine eigene Kritik von damals dagegen sei nicht gut gealtert. Pitchfork hob seine Wertung 2021 von 6,4 auf 10. In Frankreich und Großbritannien kam das Album auf Platz 2, Kanye West baute 2007 seinen Hit „Stronger“ auf „Harder, Better, Faster, Stronger“ auf.
05Warum es einen Abend trägt
Auf Vinyl verteilt sich Discovery auf vier Seiten. Seite A beginnt mit „One More Time“, „Aerodynamic“ und „Digital Love“, drei Songs, die zusammen fast ein kleines Konzert sind. Dann wird es mit jeder Seite ruhiger und seltsamer, bis zu „Something About Us“ und „Veridis Quo“ auf Seite C.
Zehn Minuten zum Schluss
Seite D endet mit „Too Long“, zehn Minuten lang, der längste Song des Albums. Romanthony singt darüber, dass etwas schon viel zu lange dauert, und die Musik gibt ihm recht, indem sie einfach weiterläuft. Wer bis hierhin zugehört hat, merkt, dass aus einzelnen Hits ein Ganzes geworden ist.
Welche Musik aus Ihrer Kindheit mögen Sie noch immer, ohne zu wissen, warum?
Weiterhören
-
Daft Punk
Random Access Memories
2013
Dieselben zwei Musiker, zwölf Jahre später, mit echten Instrumenten statt Samples.
Zur Album-Story → -
Air
Moon Safari
1998
Drei Jahre früher: eine andere französische Band mit Liebe zu alten Synthesizern.
Zur Album-Story → -
LCD Soundsystem
Sound of Silver
2007
Sechs Jahre später: Tanzmusik aus New York, die ebenso im Rock verwurzelt ist.
Zur Album-Story →
Alle Albumvorschläge ansehen → · sortierbar nach Laufzeit, Jahrzehnt und Form
Diesen Abend anfragen
Wenn Sie dieses Album hören möchten, überspiele ich es auf Band und bringe die Anlage zu Ihnen. Sie können auch jedes andere wählen – die Liste ist ein Angebot, keine Auswahl.
Ihnen ist ein Fehler in diesem Text aufgefallen? Melden Sie es mir – ich freue mich über jeden Hinweis.