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1984Albumvorschlag

Diamond Life

Sade

Einen ihrer bekanntesten Texte schrieb Sade Adu auf die Rückseite eines Reinigungsscheins, während sie in einer Änderungsschneiderei auf ihre Kleidung wartete.

Vier Musiker, ein blinder Produzent und ein Jahrzehnt, das gerade auf Synthesizer umstellte. Sechs Wochen lang wurde in einem Studio im Nordwesten Londons dagegen angespielt – mit echtem Klavier, echtem Bass und einer Zurückhaltung, die den Labels zu jazzig war.

  • Laufzeitrund 44 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1984
  • AufgenommenPower Plant Studios, London, Herbst 1983
Das Albumcover von Diamond Life: ein schwarz-weißes Porträt von Sade Adu vor dunklem Grund, schlicht gerahmt.
Sade, Diamond Life, Epic 1984. Design Graham Smith, Fotografie Chris Roberts. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Smooth Operator4:58
  2. Your Love Is King3:41
  3. Hang On to Your Love5:55
  4. Frankie's First Affair4:39
  5. When Am I Going to Make a Living3:27
  6. Cherry Pie6:20
  7. Sally5:23
  8. I Will Be Your Friend4:45
  9. Why Can't We Live Together5:28

„Sie sagten alle, die Stücke seien zu lang und zu jazzig.“

Robin Millar Produzent von Diamond Life, über die Ablehnung der ersten Demos durch die Plattenfirmen, im Gespräch mit Classic Pop Magazine

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie Diamond Life entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Sade Adu steht in einer Änderungsschneiderei, wartet auf ein Kleidungsstück und hat keinen Zettel dabei. Also schreibt sie die Zeilen, die ihr gerade einfallen, auf das Einzige, was greifbar ist: die Rückseite des Reinigungsscheins. Aus diesen Zeilen wurde „When Am I Going to Make a Living“, ein Track über Geldsorgen und Warten, in einer Boutique notiert, in der sie selbst zu jener Zeit noch nicht viel Geld hatte.

Der Reinigungsschein

Die Anekdote ist knapp überliefert – wo genau die Schneiderei lag und wann genau das war, ist nirgends näher ausgeführt. Was bleibt, ist das Bild: eine Sängerin, die ihre Texte nicht am Schreibtisch, sondern im Alltag aufschnappt, auf das nächstbeste Papier. Das passt zu einem Album, dessen bekanntester Song, „Smooth Operator“, ebenfalls nicht am Reißbrett entstand, sondern Jahre vor der eigentlichen Aufnahme in einer ganz anderen Band vorgeschrieben wurde.

Was diese Szene über das ganze Album sagt: Diamond Life ist kein Konzeptwerk, das sich einen Plan zurechtgelegt hat. Es ist aus Gelegenheiten entstanden – aus Zetteln, aus alten Songfragmenten, aus einer Band, die zusammen auf einer Bühne gespielt hatte, bevor überhaupt ein Label interessiert war.

04Wie Diamond Life entstand

Helen Folasade Adu kam als Vierjährige nach England, wuchs in Essex auf und studierte am Saint Martin's School of Art in London Modedesign, Schwerpunkt Herrenbekleidung. Sie lebte in einer besetzten früheren Feuerwache und bewegte sich in der Londoner Clubszene der frühen Achtziger, im Blitz und im Wag Club, wo sich damals ein guter Teil der späteren New-Romantic- und Modeszene traf. Zur Sängerin wurde sie eher zufällig: Sie sprang bei der Funk-Latin-Band Pride als Background-Sängerin ein. „They didn't know I could sing“, hat sie später gegenüber MTV erzählt. „They just assumed that I could because I was black.“ Aus dieser Nebenrolle entwickelte sich, gemeinsam mit dem Gitarristen und Saxofonisten Stuart Matthewman, eine eigene Songschreiberei.

Mit Matthewman, dem Bassisten Paul Denman und dem Schlagzeuger Paul Cooke – später kam der Keyboarder Andrew Hale dazu – löste sich Sade Adu aus Pride und gründete eine eigene, nach ihr benannte Band. Die ersten Demos, darunter frühe Fassungen von „Smooth Operator“ und „Your Love Is King“, wurden von mehreren Plattenfirmen abgelehnt. Der Produzent Robin Millar, der die Aufnahmen ermöglicht hatte, hat den Grund später knapp zusammengefasst: „They all said the tracks were too long and too jazzy“ – und das in einem Jahr, in dem elektronische Popmusik von Depeche Mode bis Tears for Fears den Ton angab.

Der blinde Produzent Robin Millar

Millar selbst war gelernter Toningenieur, bevor er produzierte, und ist seit einer Netzhauterkrankung stark sehbehindert. Er handelte den Plattenvertrag mit Epic aus und bestand dabei auf zwei Bedingungen: dass er selbst produzieren und dass die Band als Einheit zusammenbleiben durfte, statt Sade Adu als Solistin mit Studiomusikern zu vermarkten. Aufgenommen wurde im Herbst 1983, über rund sechs Wochen, in den Power Plant Studios im Norden Londons, die Millar selbst aufgebaut hatte. Vierzehn Songs sollen in dieser Zeit fertig geworden sein; für das fertige Album wurden neun ausgewählt, vor allem nach Sade Adus Geschmack – mehrere schnellere Stücke fielen dabei heraus, weil sie nicht zur ruhigen, gesetzten Stimmung der Platte passten.

02Der Klang

Was Millar den Labels gegenüber verteidigte, war eine bewusste Entscheidung gegen den Klang der Zeit. Statt auf Synthesizer und programmierte Drums zu setzen, arbeitete die Band mit echtem Schlagzeug, Bass, Saxofon und Klavier, dazu zurückhaltenden Bläsersätzen. Als Referenzpunkte werden Soulsänger wie Al Green, Nina Simone, Aretha Franklin und Donny Hathaway genannt – ein Vorbild, das mit der glatten, elektronischen Popmusik von 1984 wenig zu tun hatte. Das Ergebnis wurde später mit Etiketten wie „Sophisti-Pop“ oder „Quiet Storm“ belegt, Genrenamen, die es zur Entstehungszeit des Albums so noch nicht gab.

Ohne Automation am Mischpult

Wie handgemacht diese Produktion tatsächlich war, beschreibt Stuart Matthewman so: „This was before we had mixing desks with automation. Robin was there with the four of us in the studio, all of us on the desk at the same time“ – in anderer Erinnerung sogar von sechs Personen gleichzeitig am Mischpult die Rede. Jede Reglerbewegung musste also von Hand ausgeführt werden, im richtigen Moment, von der richtigen Person. Auch bei den Tasteninstrumenten wurde nicht abgekürzt: „We used a real piano and a Fender Rhodes piano, painstakingly synching them up“, so Millar – zwei Instrumente von Hand aufeinander abgestimmt, wo ein Synthesizer-Preset genügt hätte.

Sade Adu selbst hat sich früh gegen eine zu enge Einordnung gewehrt: „I'm frightened of anyone for one minute thinking that we're trying to be a jazz band“, sagte sie, mit dem Zusatz, die Band könnte es besser, würde sie es wirklich versuchen. Das erklärt, warum Diamond Life nie ganz Jazz, nie ganz Soul und nie ganz Pop ist, sondern etwas Reduziertes dazwischen: warm, langsam, mit viel Raum zwischen den Instrumenten – das Gegenteil der vollgepackten, hallgetränkten Produktionen, die 1984 die Charts prägten.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Der bekannteste Track der Platte trägt eine Vorgeschichte, die älter ist als das Album selbst. „Smooth Operator“ schrieb Sade Adu 1982 zusammen mit Ray St. John, einem Musiker aus ihrer früheren Band Pride, der später nicht Teil von Sade wurde. Erst 1983, bei den Aufnahmen in den Power Plant Studios, bekam der Song mit der aktuellen Besetzung seine endgültige Form. Damit ist ausgerechnet das Stück, das für viele bis heute für das ganze Album steht, eigentlich ein Fundstück aus einem früheren Kapitel von Sade Adus Karriere – weiterentwickelt, nicht neu erfunden.

Zur Entstehung

Smooth Operator

Der Song entstand nicht im Studio, sondern Jahre vorher, als Sade Adu noch in der Band Pride sang. Ray St. John, mit dem sie ihn schrieb, tauchte in der späteren Band Sade nicht mehr auf. Wie viel von der 1982er-Fassung in der 1983 aufgenommenen Version steckt, ist nicht im Detail dokumentiert – sicher belegt ist nur die Doppelautorschaft.

Das reduzierte Vokabular der Band

Das neun Tracks umfassende Album hält zusammen, weil es konsequent bei seiner Zurückhaltung bleibt. Die vier Musiker – Sade Adu, Stuart Matthewman, Paul Denman, Paul Cooke, dazu Andrew Hale an den Tasten – spielen auf jedem Track im selben reduzierten Vokabular: wenig Schlagzeug, viel Bass, Saxofon statt Synthesizer-Fläche. Von den vierzehn ursprünglich aufgenommenen Songs wählte man laut Berichten vor allem nach diesem Kriterium aus – schnellere, aufgeregtere Stücke blieben liegen, weil sie die Stimmung gebrochen hätten. Die Genrebezeichnung, gegen die sich Sade Adu selbst wehrte, trifft im Rückblick trotzdem etwas Richtiges: Es ist ein Album, das sich weigert, in eine der Schubladen von 1984 zu passen, und genau dadurch heute noch eigenständig klingt.

03Warum es einen Abend trägt

Diamond Life erschien am 16. Juli 1984 in Großbritannien bei Epic, in den USA einige Monate später bei Portrait. Es stieg in Großbritannien bis auf Platz 2, in den USA bis auf Platz 5 und erreichte in mehreren Ländern – unter anderem Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz – die Chartspitze. 1985 wurde es bei den Brit Awards als bestes britisches Album ausgezeichnet; 2011 zählten die Brit Awards es zu den zehn besten Alben der vorangegangenen dreißig Jahre. Angaben zu den weltweiten Verkaufszahlen schwanken je nach Quelle zwischen mehreren Millionen und rund zehn Millionen Exemplaren.

Eine gemeinsame Geschichte

Vier Musiker, die als Live-Band vor Publikum gespielt hatten, bevor ein Label interessiert war – das unterscheidet Diamond Life von vielen Studioproduktionen seiner Zeit. Laut Matthewman verschlug es dem Publikum bei diesen frühen Auftritten regelmäßig die Sprache: „People in the audience just had their mouths open with Sade.“ Was auf der Bühne funktionierte, wurde im Studio nur vorsichtig ergänzt, nicht neu erfunden.

Sophisti-Pop oder Quiet Storm

Kritisch wurde das Album überwiegend als eigenständiger Klassiker eingeordnet, gerade weil es sich weder dem Jazz noch dem Synthie-Pop der Achtziger eindeutig zuschlagen ließ; rückblickend wird es häufig als früher, prägender Beitrag zu dem eingeordnet, was später als „Quiet Storm“ oder „Sophisti-Pop“ bezeichnet wurde. Für einen Hörabend ist genau das der Punkt: neun Tracks, die alle im selben gedämpften Licht spielen, ohne dass ein einziger davon aus der Reihe tanzt. Man muss die Lautstärke nicht anpassen, wenn ein neuer Track beginnt – die Platte bleibt in ihrer eigenen, leisen Zone.

Wie klingt ein Debütalbum, dessen bekanntester Song eigentlich aus einer Band stammt, die es längst nicht mehr gab?