1972Albumvorschlag
Exile on Main St.
The Rolling Stones
Eine Band im Steuerexil, ein feuchter Kellerraum ohne Studio, ein mobiler Aufnahmewagen vor der Tür – und ein Toningenieur, der zugab: „Es war zäh.“
Achtzehn Tracks, aufgenommen unter Bedingungen, die kein Studio je zugelassen hätte. Was aus diesem Chaos entstand, wurde 1972 zunächst mit Vorbehalt aufgenommen und gilt heute vielen als das beste Album der Band. Beides ist wahr, und beides gehört zur Geschichte.
- Laufzeitrund 67 Minuten
- Titel18
- Jahr1972
- AufgenommenKellergeschoss der Villa Nellcôte, Villefranche-sur-Mer, mit dem Rolling Stones Mobile Studio; Overdubs bei Sunset Sound, Los Angeles
Tracklist
- Rocks Off4:31
- Rip This Joint2:22
- Shake Your Hips2:59
- Casino Boogie3:33
- Tumbling Dice3:45
- Sweet Virginia4:27
- Torn and Frayed4:17
- Sweet Black Angel2:54
- Loving Cup4:25
- Happy3:04
- Turd on the Run2:36
- Ventilator Blues3:24
- I Just Want to See His Face2:52
- Let It Loose5:16
- All Down the Line3:49
- Stop Breaking Down4:34
- Shine a Light4:14
- Soul Survivor3:49
„Es ist eine großartige Sammlung von Musik geworden, die die Verwirrung und die Angst und die Freude und die Drogen dieser Zeit einfängt.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Der Klang
- 03Warum es einen Abend trägt
- 04Wie Exile on Main St. entstand
- 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
01Der besondere Moment
Der erste Raum, den Toningenieur Andy Johns im Kellergeschoss der Villa Nellcôte ausprobierte, war nach seiner eigenen Beschreibung „eine Katastrophe“ – akustisch tot, ohne jeden Nachhall, ungeeignet für eine Band, die gewohnt war, in professionellen Studios zu arbeiten. Also zog er weiter, in einen anderen Kellerraum mit Steinwänden, und stellte dort Charlie Watts, Keith Richards und Mick Taylor auf. Draußen vor der Villa stand der Rolling Stones Mobile Studio, ein mobiler Aufnahmewagen, von dem aus Kabel durch Fenster und Flure bis in den Keller gelegt wurden.
Kein Studio in der Nähe
Ein professionelles Studio gab es in der Nähe von Villefranche-sur-Mer nicht, das die Band nach ihrem Umzug ins südfranzösische Steuerexil hätte nutzen können. Also wurde improvisiert: „Was die Mikrofone anging, hatte ich die normale Standardausrüstung dabei. Die Mikrofone waren in Ordnung. Es waren nur diese Räume, die etwas seltsam waren“, erinnerte sich Johns später. Sein Fazit über die Bedingungen fiel nüchtern aus: „Es war zäh, aber einige der Sachen sind ziemlich gut geworden.“
Diese Szene – ein Toningenieur, der einen Kellerraum nach dem anderen testet, weil kein Studio zur Verfügung steht, während draußen ein Aufnahmewagen wartet – erklärt mehr über dieses Album als jede Einzelbetrachtung eines Tracks. Es entstand nicht in einem Studio, das für Musik gebaut war, sondern in einem Haus, das zufällig einen Keller hatte.
04Wie Exile on Main St. entstand
Im Frühjahr 1971 stellte die Band fest, dass jahrelanges Missmanagement sie mit erheblichen Steuerschulden gegenüber dem britischen Fiskus zurückgelassen hatte. Bevor Vermögenswerte gepfändet werden konnten, verließen die Rolling Stones England und gingen ins Steuerexil nach Südfrankreich. Keith Richards mietete die Villa Nellcôte in Villefranche-sur-Mer, ein großes Haus mit Blick auf das Mittelmeer – und, weil kein geeignetes Studio in der Region zu finden war, wurde dessen Kellergeschoss zum behelfsmäßigen Aufnahmeort.
Produziert hat das Album Jimmy Miller, der schon bei den vorangegangenen Stones-Platten am Pult saß. Aufgenommen wurde, grob datiert, über den Sommer und Herbst 1971 in Nellcôte; einzelne Grundlagen reichen einer Quelle zufolge sogar bis in Sessions von 1969 an Olympic Studios und Stargroves zurück, die für das vorherige Album entstanden waren und hier weiterverarbeitet wurden. Fertig überspielt und mit Gesang versehen wurde vieles erst danach, zwischen Dezember 1971 und März 1972, im Sunset Sound in Los Angeles.
Die Arbeitsweise in Nellcôte war chaotisch. Bassist Bill Wyman beschrieb Nächte, in denen von acht Uhr abends bis drei Uhr morgens gearbeitet wurde – wer pünktlich erschien, war von Session zu Session unterschiedlich, was frühere, disziplinierter organisierte Aufnahmen so nicht kannten. Richards selbst hat den Ausgangspunkt später relativiert: „Wir hatten nicht vor, ein Doppelalbum zu machen; wir sind einfach in den Süden Frankreichs gefahren, um ein Album aufzunehmen.“ Wie viel daraus wurde, ergab sich erst im Studio.
Drogen im Umfeld der Sessions
Gesichert ist, dass Drogen im Umfeld der Sessions eine Rolle spielten – Wyman beschrieb in seinen Erinnerungen eine grobe Trennung zwischen denjenigen, die intensiv konsumierten, darunter Richards, Miller, Bobby Keys und Andy Johns selbst, und denen, die es nicht taten, darunter Wyman, Watts und Jagger. Wie stark das die einzelnen Sessions im Detail beeinflusste, lässt sich im Rückblick nicht durchgängig belegen; als Rahmenbedingung der Aufnahmen gilt es aber als gesichert. Fertiggestellt wurde die Platte auch deshalb erst mit Verzögerung: Jimmy Miller sei, wie Jagger 2003 rückblickend sagte, „nicht richtig funktionsfähig“ gewesen, sodass Jagger die Fertigstellung der Abmischung selbst übernahm. Veröffentlicht wurde Exile on Main St. schließlich am 12. Mai 1972 auf dem bandeigenen Label Rolling Stones Records.
02Der Klang
Ein Kellergeschoss ohne Fenster, mit Steinwänden und ohne die Dämmung eines Aufnahmeraums, ist akustisch das Gegenteil von dem, was ein Tonstudio normalerweise bietet. Andy Johns musste mit dem arbeiten, was vorhanden war, wie er es selbst formulierte: mit Standardmikrofonen in Räumen, deren Klangverhalten er erst ausprobieren musste, bevor er wusste, was er bekam. Das Ergebnis ist ein Sound, der oft als roh, verwaschen und regelrecht „sumpfig“ beschrieben wird – Stimmen, die im Mix untergehen, Bläser, die in benachbarte Mikrofone übersprechen, eine Gesamtabmischung, die nicht glattgezogen wurde.
„Ich finde, es klingt lausig“
Das war zu einem erheblichen Teil den Umständen geschuldet, nicht allein einer bewussten Entscheidung: Ein improvisierter Kellerraum lässt sich nicht wie ein Studio kontrollieren. Zugleich hat die Band diesen Klang später nicht als Unfall, sondern als Teil des Albums akzeptiert – Jagger selbst äußerte sich 2003 allerdings kritisch über das Ergebnis: „Ich finde, es klingt lausig“, sagte er mit Verweis auf Probleme beim Abmischen. Andere, darunter viele Kritikerinnen und Kritiker der späteren Jahre, hören genau in dieser Unschärfe die Stärke der Platte.
Andy Johns selbst hat den Klang nicht in erster Linie technisch begründet, sondern atmosphärisch: Für ihn transportiert die Aufnahme unmittelbar den Zustand, in dem sie entstand. Es sei, so Johns rückblickend, „eine großartige Sammlung von Musik geworden, die die Verwirrung und die Angst und die Freude und die Drogen dieser Zeit einfängt“. Der Sound von Exile on Main St. ist damit weniger das Ergebnis einer Klangästhetik als das hörbare Protokoll eines Kellers, eines Sommers und einer Band unter Druck.
05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Achtzehn Tracks, die zwischen Rock 'n' Roll, Country, Blues, Gospel und R&B wechseln, ohne dass ein einzelnes Genre die Platte trägt. Was diese Spannweite zusammenhält, ist gerade nicht Perfektion, sondern der durchgehend raue, unfertige Grundklang – die Uneinheitlichkeit im Material wird durch die Einheitlichkeit im Sound ausgeglichen. Ein Track wie das getragene „Sweet Virginia“ und ein Rocker wie „Rip This Joint“ klingen wie Aufnahmen aus demselben Keller, weil sie es sind.
Das beste verdammte Album der Welt
Diese Unfertigkeit war der Kritik von 1972 zunächst nicht selbstverständlich zugänglich. Rezensent Lenny Kaye attestierte dem Album eine „enge Fokussierung auf die grundlegenden Bestandteile“, ließ aber offen, ob das eigentliche Meisterwerk der Band in dieser reifen Phase noch aussteht – ein zurückhaltendes Urteil, das damals nicht allein stand. Andere Stimmen der Zeit feierten das Album dagegen bereits als das bislang beste Werk der Band. Diese Uneinigkeit legte sich erst im Lauf der späten Siebziger, als sich die Einschätzung durchsetzte, dass hier gerade die Sperrigkeit der Grund für die Qualität ist. Richards hat diesen Meinungsumschwung selbst so zusammengefasst: Kritiker, die die Platte zunächst verrissen hätten, nannten sie später „das beste verdammte Album der Welt“.
Als Ganzes funktioniert die Platte deshalb, weil ihre Reihenfolge einen Bogen von lautem Auftakt bis zu ruhigerem, gospelnahem Ausklang beschreibt, ohne dass ein einzelner Track als Aushängeschild herausragt. Wer sie in Einzelteile zerlegt, verliert genau die Bewegung, die die Platte als Gesamtstück ausmacht.
03Warum es einen Abend trägt
Rund siebenundsechzig Minuten sind für einen ungestörten Hörabend eine lange, aber tragfähige Spanne – lang genug, um sich in die Unschärfe des Klangs einzuhören, kurz genug, um an einem Stück durchzuhalten. Genau diese Länge und diese Unschärfe sind der Grund, warum sich das Album schlecht in Einzelteile zerlegen lässt: Wer nur einzelne Tracks herausgreift, hört rohe, teils unvollständig wirkende Aufnahmen. Im Zusammenhang ergeben dieselben Aufnahmen ein Bild von acht Monaten Arbeit unter Ausnahmebedingungen.
Durchgearbeitete Nächte
Dazu passt, wie das Album entstanden ist: in durchgearbeiteten Nächten in einem Kellergeschoss, in dem Zeit und Ort zweitrangig wurden gegenüber der Musik selbst. Ein Abend, an dem man diese Platte am Stück hört, ohne zwischendurch etwas zu überspringen, kommt dieser Entstehungsweise näher als jede kuratierte Auswahl von Höhepunkten. Man hört nicht die besten Momente einer Band, sondern die Summe eines Sommers.
Wie klingt eine Band, die ihr bestes Album in einem Keller aufnimmt, weil kein Studio zur Verfügung stand?
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Am Pult stand mit Glyn Johns derselbe Toningenieur, der auch an den Exile-Aufnahmen beteiligt war – hier unter geordneten Bedingungen statt in einem Kellerimprovisorium.
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