2020Albumvorschlag
folklore
Taylor Swift
Zwei Menschen bauten ein Album, ohne sich dabei je im selben Raum zu treffen – nachts geschickte Dateien, Passwörter auf beiden Seiten, mitten im ersten Corona-Sommer.
Es beginnt mit einem Ordner. Aaron Dessner schickt Taylor Swift Musik, an der er lange gearbeitet hat, ohne zu wissen, ob daraus etwas wird. Noch in derselben Nacht schickt sie ihm ein fertiges Lied zurück. Am nächsten Morgen hört er es zum ersten Mal – und ein Album beginnt, das die beiden fast ausschließlich aus der Ferne bauen werden.
- Laufzeitgut 63 Minuten
- Titel16
- Jahr2020
- AufgenommenLong Pond Studio im Hudson Valley, dazu Conway Recording und Kitty Committee in Los Angeles, Electric Lady in New York und Rough Customer in Brooklyn
Tracklist
- the 13:30
- cardigan3:59
- the last great american dynasty3:50
- exile4:45
- my tears ricochet4:15
- mirrorball3:28
- seven3:28
- august4:21
- this is me trying3:15
- illicit affairs3:10
- invisible string4:12
- mad woman3:57
- epiphany4:49
- betty4:54
- peace3:54
- hoax3:40
Zum Cover
Eine Gestalt steht allein in einem nebligen Wald, in Schwarz-Weiß. Das Bild stammt von der Fotografin Beth Garrabrant, die den Anruf für den Auftrag in ihrem eigenen Studio in Austin bekam. „One week later I was in the woods with Taylor“, erzählte sie später dem Modemagazin i-D.
Die Bildsprache stand von Anfang an fest, und sie kam nicht von der Fotografin. „From the very beginning Taylor had a clear idea of what she wanted for the album's visuals. We looked at Surrealist work, imagery that toyed with human scale in nature“, so Garrabrant. Geschossen wurde ausschließlich auf Film, in Schwarz-Weiß: „I was thrilled when Taylor said that she envisioned the series in black-and-white and that she was keen on having everything shot on film.“
Entwickelt wurde dieser Film von Hand, in einer kleinen Dunkelkammer – „all of the folklore film was hand developed in that little darkroom!“, wie Garrabrant festhielt. Wer das Cover fotografiert hatte, stand von Beginn an öffentlich fest: Swifts eigene Ankündigung des Albums trug die Bildunterschrift „📷: Beth Garrabrant“.
Fotografie: Beth Garrabrant
Label: Republic Records
Label: Republic Records, 2020
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Ich habe ihr einen Ordner geschickt, und mitten in der Nacht schickte sie mir dieses Lied zurück. Am nächsten Morgen habe ich es mir angehört und dachte nur: Wow, okay, das ist verrückt.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie folklore entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Mitten in der Pandemie fragt Taylor Swift bei Aaron Dessner an, ob er mit ihr schreiben wolle. Der Musiker der Band The National hat zu diesem Zeitpunkt schon länger an eigenem Material gearbeitet, ohne zu wissen, wofür. „When she asked if I would ever consider writing with her, I just happened to have a lot of music that I had worked really hard on“, erzählte er später Sound on Sound. „So, the timing was sort of lucky.“
Er schickt ihr einen ganzen Ordner mit Skizzen. Was dann passiert, beschreibt Dessner als den Moment, an dem ihm klar wurde, worauf er sich eingelassen hatte: „I sent her a folder and in the middle of the night she sent me that song. So, the next morning I was just listening to it, like, ‚Woah, OK, this is crazy.'“ Über Nacht, aus einer seiner Skizzen, war ein fertiges Lied geworden.
Dessner nennt diesen Moment ausdrücklich einen Ausnahmezustand: „I mean, I didn't think it was a hoax. But it was very exciting and a moment where you think it's like serendipity or something, especially in the middle of the pandemic.“ Rolling Stone beschreibt einen ganz ähnlichen Funken einige Monate später bei einem weiteren Lied als „a moment not unlike when Swift first sent him the song ‚Cardigan' back in the spring, where both she and Dessner felt an instant creative spark – and then just kept writing.“ Ob es sich bei jenem ersten, nachts zurückgeschickten Lied tatsächlich um „cardigan“ handelte, sagt keine der beiden Quellen ausdrücklich – naheliegend ist es, belegt ist es nicht.
Passwörter auf beiden Seiten
Was von Anfang an feststand, war die Heimlichkeit. „Yeah, I mean we had to be very careful, so everything was very secretive. There were passwords on both ends and we communicated in a specific way when sharing mixes and everything“, so Dessner. Ein Weltstar und ein Musiker aus einer Indie-Band bauten ein Album zusammen, von dem niemand außerhalb eines sehr kleinen Kreises wusste, dass es existierte – bis es am 24. Juli 2020 ohne jede Vorankündigung erschien.
02Wie folklore entstand
Swift kündigte das Album selbst an, weniger als einen Tag vor der Veröffentlichung, mit einem Text, der von Isolation und Fantasie spricht, aber nichts von der Machart verrät: „In isolation my imagination has run wild and this album is the result. I've told these stories to the best of my ability with all the love, wonder, and whimsy they deserve. Now it's up to you to pass them down.“ Die eigentliche Ankündigung eines Sommers, der anders verlief als geplant, formulierte sie gegenüber CBS News so: „Most of the things I had planned this summer didn't end up happening, but there is something I hadn't planned on that DID happen. And that thing is my 8th studio album, folklore.“
Was diese Ankündigung nicht enthält – und das ist wichtig für das Verständnis des Albums –, ist der Begriff, unter dem drei seiner Lieder später bekannt wurden: das „Teenage Love Triangle“ aus „cardigan“, „august“ und „betty“, drei Blickwinkel auf dieselbe Jugendgeschichte. Diese Lesart hat Swift selbst erst später öffentlich gemacht, in einem Interview mit Entertainment Weekly gegen Jahresende 2020. Über „betty“, aus der Perspektive eines Jungen geschrieben, sagte sie: „I've written so many songs from a female's perspective of wanting a male apology that we decided to make it from a teenage boy's perspective, apologising after he loses the love of his life.“ Und über die Konstruktion der drei Lieder: „It kind of explores the idea of the undefined relationship. As humans, we're all encouraged to just be cool and just let it happen. […] If you don't define something, oftentimes they can gaslight you into thinking it was nothing at all, and that it never happened.“
Wie schnell einzelne Tracks entstanden, zeigt sich an einem anderen Beispiel: „the 1“ und „hoax“ schrieb Swift nach Dessners Erinnerung „days before“ der Fertigstellung des gesamten Albums – Arbeit bis zuletzt, nicht Feinschliff an alten Ideen.
Aufnahmen über Audiomovers und Zoom
Aufgenommen wurde in getrennten Räumen. Swifts Gesang entstand in ihrem eigenen Haus in Los Angeles, betreut von der Toningenieurin Laura Sisk, während Dessner in Long Pond in Echtzeit mithörte: „We would listen in remotely and kind of go back and forth. We used Audiomovers and then we would have Zoom as a backup.“ Ganz reibungslos lief das nicht immer: „It was pretty smooth, but there were issues. Sometimes sample-rate issues.“ Auch die Orchesterstimmen entstanden getrennt: Dessners Bruder Bryce erhielt in Frankreich Akkordskizzen, setzte sie in Notationssoftware und schickte sie zurück – „None of it was done as a group, it was all done separately. But that's how we've always worked in the National so it's quite natural.“
Erst im September 2020, nach der Veröffentlichung, kamen die zentralen Beteiligten für die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „folklore: the long pond studio sessions“ überhaupt zum ersten Mal gemeinsam in einen Raum. Ein Album, fast vollständig ferngesteuert entstanden, bekam sein einziges gemeinsames Bild erst nachträglich.
03Der Klang
Der Ort, an dem der größte Teil von „folklore“ zusammenlief, liegt im Hudson Valley, keine Meile vom Fluss entfernt. „It's in Hudson Valley in New York. We're about a mile from the Hudson River. There's an old farmhouse from the 18th Century that my family and I live in“, beschreibt Dessner sein Anwesen gegenüber Tape Op. Neben dem Farmhaus stand ein alter Pferdestall an einem schmalen Teich, aus dem Dessner sein Studio baute: zweistöckig, gut acht Meter hoch, mit Betonböden und Fußbodenheizung, das Holz der alten Scheune wiederverwendet.
Einen Regieraum gibt es dort nicht. „I like to think of it as a church, a barn, and a garage all together“, sagt Dessner. „There is no control room; it's all one big room. There's a very nice iso booth, but mostly we work out in the room.“ Genau dort, in diesem einen großen Raum, entstand und wurde nach seinen eigenen Worten „most of folklore, evermore, and a bunch of other records“ gemischt.
Die Telecaster direkt ins Pult
Die elektrische Gitarre, die auf „folklore“ zu hören ist, läuft fast durchgehend direkt ins Pult, ohne Verstärker im Raum: „Almost all of the electric guitar on Taylor's records is played direct through a REDDI DI into the Siemens board“, meist über „my 1971 Telecaster played direct“. Das Klavier auf „hoax“, „seven“ und „cardigan“ ist ein Yamaha-U1-Klavier, das Dessner seit über zehn Jahren besitzt, gespielt mit heruntergedrücktem Pianopedal – „that felted sound“, wie er es nennt.
Bei der Stimme ging es Dessner um etwas, das den meisten aktuellen Popproduktionen fehlt: „I wanted her vocals to have a more full range than maybe you typically hear. 'Cause I think a lot of the more pop-oriented records are mixed a certain way and they take some of the warmth out of the vocal.“ Räumlichkeit kam bewusst sparsam dazu: „There's no outboard reverbs printed. The only things that we did print would be like an Eventide H3000 or sometimes the WEM CopiCat tape delay.“
Gemischt wurde am Ende komplett im Rechner, weil unter Zeitdruck gearbeitet wurde: „folklore was mixed all in the box, because we were working so fast, plus initially the plan was for the mixes to be done elsewhere.“ Dabei ging bei Überarbeitungen manchmal etwas verloren – „With revisions of folklore in particular we sometimes were losing the emotional weight from earlier more casual mixes“ –, weshalb bei „cardigan“ am Ende eine sehr frühe Mischung den Zuschlag bekam.
Hörmoment
epiphany
Die Klangfläche dieses Tracks entstand aus Mellotron, Prophet-Synthesizer und OP-1, mehrfach übereinandergelegt, teils rückwärts abgespielt, teils eine Oktave tiefer gesetzt. „I created a drone using the Mellotron and the Prophet and the OP-1 and all kinds of synth pads. Then I duplicated all the tracks, and some of them I reversed and some of them I dropped an octave“, so Dessner.
Die Rechnersitzung dazu stürzte immer wieder ab, bis er die Fläche als fertige Audiospur ausspielte: „The session was not happy. It kept crashing. Eventually I had to print the drone.“ Was wie eine technische Notlösung klingt, wurde zum bleibenden Klang des Tracks.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Sechs Wochen in Folge stand „folklore“ auf Platz eins der Billboard 200 – das einzige Album in Taylor Swifts Karriere, dem das in seinen ersten sechs Wochen gelang. Für Aaron Dessners Arbeit gab es zwei Grammy-Nominierungen in den Hauptkategorien: Album des Jahres und, für „cardigan“, Song des Jahres.
Die Kritik reagierte auf einen deutlichen Bruch mit Swifts bisherigem Werk. Rolling Stone nannte es schlicht „her greatest album – so far“ und beschrieb „the most head-spinning, heart-breaking, emotionally ambitious songs of her life“ – „a total goth-folk album, mostly acoustic guitar and piano, largely in collaboration with the National's Aaron Dessner“. Die Zeitschrift zog eine Linie zu Swifts vorherigen Alben: „It's as far beyond Lover as Lover was beyond Reputation.“ NME beschrieb den Rückzug von der Popproduktion mit einem Bild: „Folklore feels like Swift has travelled to a metaphorical cabin in the woods – albeit one with a very strong WiFi connection – and concocted a gorgeous, relaxed record filled with modern folk songs“, und hielt fest: „The glossy production she's lent on for the past half-decade is cast aside for simpler, softer melodies and wistful instrumentation.“ Bei AllMusic beschrieb Stephen Thomas Erlewine einen Stimmungswandel: „The vibe of the album is notably different. Sweetness has ripened into bittersweet beauty, regret has mellowed into a wistful sigh.“
Der nebelige Wald auf dem Cover
Dieser Bruch war nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Das Cover – eine einzelne Gestalt, allein in einem nebligen Wald, in Schwarz-Weiß auf Film festgehalten und von Hand entwickelt – nahm dieselbe Abkehr von Glanz und Politur vorweg, die auch die Kritiker am Klang bemerkten.
Fast auf diesem Album
Eine andere Fassung von cardigan
Das erfolgreichste Lied des Albums existierte in mehreren Mischungen. Jonathan Low, der die Hälfte der Tracks mischte, erinnert sich, dass spätere, sorgfältigere Überarbeitungen manchmal genau das verloren, was die frühen Rohfassungen ausmachte – „we sometimes were losing the emotional weight from earlier more casual mixes“.
Bei „cardigan“ fiel die Entscheidung deshalb bewusst gegen die überarbeitete und für eine der frühesten Mischungen: „‚cardigan' is an example of a song where we ended up choosing a very early mix.“ Was auf dem Album zu hören ist, hätte also fast eine andere, glattere Fassung sein können.
05Warum es einen Abend trägt
Gut 63 Minuten, sechzehn Tracks, kein Bruch in der Machart: Fast alles davon ist an einem einzigen Klavier oder einer einzigen Gitarre entlang gebaut, in ein und demselben großen Raum in Long Pond zusammengesetzt, ohne dass die beiden Hauptbeteiligten sich dabei je persönlich gegenüberstanden. Das ist die Zumutung dieses Abends: Wer laute Kontraste erwartet, wird enttäuscht. Was bleibt, ist eine sehr gleichmäßige, leise Konsequenz.
cardigan, august und betty
Drei der Lieder – „cardigan“, „august“ und „betty“ – ergeben zusammen eine einzige Jugendgeschichte aus drei Blickwinkeln, wie Swift selbst später erklärte. Wer das beim ersten Hören nicht bemerkt, bekommt trotzdem drei in sich stimmige Lieder; wer es weiß, hört ein Album, das eine Konstruktion in sich trägt, die nirgends ausgestellt wird.
Am Ende steht ein Werk, das entstand, weil ein Sommer anders verlief als geplant, und das genau das zum Thema macht: Isolation, die zu Fantasie wird, und ein Ordner voller Musik, der über Nacht zu einem fertigen Lied wurde. Wer diesen Abend als Ganzes hört, hört diese Entstehungsgeschichte mit – auch wenn er sie nicht kennt.
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Weiterhören
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