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1976Albumvorschlag

Hotel California

Eagles

Für die Gitarren-Coda am Ende des Titelstücks nahmen zwei Gitarristen mindestens sechs Spuren auf, ohne vorher festzulegen, wer wann was spielt – nur wer am Schluss den letzten Ton hat, war abgesprochen.

Neun Tracks, zwei Studios, mehrere Monate zwischen Los Angeles und Miami. Was von diesem Album bekannt ist, ist die Zeile über das Zimmer, aus dem niemand mehr auscheckt. Was seltener erzählt wird, ist die Handarbeit an Tonband, die diese Zeile trägt.

  • Laufzeitrund 43 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1976
  • AufgenommenCriteria Studios Miami und Record Plant Los Angeles
Das Albumcover von Hotel California: die Fassade des Beverly Hills Hotel in der Abenddämmerung, schräg von unten fotografiert vor einem orangerot changierenden Himmel, Palmen als Silhouette davor.
Eagles, Hotel California, Asylum Records 1976. Fotografie David Alexander, Gestaltung Kosh, Airbrush Bob Hickson. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Hotel California6:30
  2. New Kid in Town5:04
  3. Life in the Fast Lane4:46
  4. Wasted Time4:55
  5. Wasted Time (Reprise)1:22
  6. Victim of Love4:11
  7. Pretty Maids All in a Row4:05
  8. Try and Love Again5:10
  9. The Last Resort7:25

Zum Cover

Zu sehen ist das Beverly Hills Hotel am Sunset Boulevard, aufgenommen in der Dämmerung. Der Fotograf David Alexander und der Art Director Kosh sollen dafür in einem Hubsteiger rund achtzehn Meter über der Straße gewartet haben, bis das Licht passte. Berichten zufolge hatten die beiden zuvor drei mögliche Motive abgefahren, bevor Don Henley sich für dieses entschied.

Kosh hat den Auftrag später so beschrieben: „Don wanted me to find and portray the Hotel California – and portray it with a slightly sinister edge.“ Henley selbst soll sich für die Optik „faded glory, loss of innocence and decadence“ gewünscht haben – ein normalerweise einladendes Haus, das auf dem Bild fast unheimlich wirkt. Alexander hat die Absicht dahinter knapp zusammengefasst: „We were in the business of creating fantasies. And that's what it is.“

Die Innenseite des Klappcovers zeigt eine zweite, inszenierte Szene in einer Hotellobby in Hollywood, mit Statisten als Gästen. Über das Motiv gibt es eine Nachwirkung, die sich nicht eindeutig belegen lässt: Berichten zufolge erwog die Verwaltung des Beverly Hills Hotel zunächst rechtliche Schritte gegen die Verwendung des Gebäudes – und ließ davon ab, nachdem sich die Anfragen für Zimmer im Haus vervielfacht haben sollen.

Fotografie: David Alexander
Gestaltung: Kosh
Airbrush: Bob Hickson
Label: Asylum Records, 1976
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„It was one of the most amazing times [...] these incredible guitar parts had not really been written before.“

Bill Szymczyk Produzent des Albums, im Gespräch mit Sound on Sound über die Gitarren-Coda des Titelstücks

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Hotel California entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Der Grundtrack des Titelstücks steht, Don Henley hat den Gesang schon eingesungen. Was jetzt kommt, ist laut Joe Walsh der Teil, der niemandem gehörte, bis er gespielt wurde: die knapp zweiminütige Doppelgitarren-Coda am Ende von „Hotel California“. Walsh hat den Ablauf so beschrieben: „Don Felder and I sat down and we worked all the descending lines and after the basic track was done and Don had sung it, it was our turn.“

Abgesprochen war wenig, außer der Reihenfolge: „We agreed on who was going to play at the end – at the big solo – and we tried to compliment each other and to build it up to that very last part.“ Alles dazwischen entstand im Moment. „The solos were not planned. They were spontaneous. Playing off of each other. We were really good at that“, sagt Walsh, und über Felder: er sei „brilliant“ gewesen und „a joy to play with“.

Search-and-destroy

Für Produzent Bill Szymczyk war diese Sitzung in Miami keine Nebensache, sondern ein mehrtägiges Projekt: mindestens sechs Gitarrenspuren, aufgenommen über rund drei Tage, die er später als eine der eindrücklichsten Sessions seiner Karriere beschrieb. Getragen hat die Coda ein Prinzip, das er „search-and-destroy“ nannte, weil die Teile, wie er sagte, „had not really been written before“ – sie wurden im Spiel gegeneinander gefunden, nicht am Notenblatt.

Was diese Szene über das ganze Album sagt: Das bekannteste Stück Musik dieser Platte, die zwei Minuten, die am häufigsten nachgespielt und zitiert werden, existieren nur, weil zwei Gitarristen einander an drei Tagen zugehört haben, nicht weil jemand sie vorher aufgeschrieben hätte.

Erzählt wird der Moment übereinstimmend von beiden Beteiligten – Walsh und, in knapperer Form, Felder selbst in späteren Interviews. Die genaue Zahl der aufgenommenen Gitarrenspuren wird unterschiedlich angegeben; „mindestens sechs“ ist die Angabe, auf die sich Produzent und Fachpresse am ehesten einigen.

02Wie Hotel California entstand

Die Musik zum Titelstück existierte vor dem Text. Don Felder hatte die Zwölfsaiten-Figur in seinem eigenen Vierspur-Heimstudio aufgenommen und als Demo an die Band weitergegeben. Glenn Frey und Don Henley sollen die Skizze intern als „Mexican Reggae“ bezeichnet haben – Quellen geben die genaue Formulierung leicht unterschiedlich wieder, einig sind sie sich über den Spott: Der spanisch grundierte, reggaenahe Groove klang zunächst nach allem außer einem Rockradio-Hit.

Vorbereitet wurde die Platte, Szymczyk zufolge, denkbar unfertig: „When I showed up for two weeks of rehearsal the band had rented Ricky Nelson's house in the hills. […] They had bits and pieces: 'I've got this lick.'“ Aus diesen Fragmenten wurde erst im Studio ein Album, „over nine months“, wie er es rückblickend nennt. Andere Quellen datieren die eigentliche Aufnahmezeit enger, auf März bis Oktober 1976 – die Differenz erklärt sich am ehesten dadurch, dass Szymczyk auch die Vorbereitungszeit mitzählt.

Record Plant und Criteria Studios

Aufgenommen wurde an zwei Orten: im Studio C des Record Plant in Los Angeles an einer API-Konsole und im Studio C der Criteria Studios in Miami an einem eigens gebauten 24-Kanal-Pult von MCI. Produziert hat Bill Szymczyk, die Toningenieursarbeit teilten sich Allan Blazek, Bruce Hensal und Ed Mashal – Szymczyk bestand darauf, dass jeder von ihnen auf der Hülle genannt wird, eine Lehre, wie er sagte, aus eigenen schlechten Erfahrungen mit fehlender Namensnennung früh in seiner Karriere.

Das Titelstück selbst musste komplett neu aufgenommen werden, bevor eine Fassung stand: Ein erster Durchgang lief in der falschen Tonart, ein zweiter im richtigen Ton, aber zu schnell. Erst der dritte Versuch, in Miami, wurde zur Basis der veröffentlichten Aufnahme.

Henley hat den Anspruch hinter der Platte offen benannt: Es sollte um „loss of innocence, the cost of naiveté, the perils of fame, of excess“ gehen. „California“ trug für ihn „powerful imagery, mystique“ und „built-in mythology“ – im US-amerikanischen Bicentennial-Jahr 1976 stand der Bundesstaat für die Band als „a microcosm of the whole United States“. Erschienen ist das fertige Album am 8. Dezember 1976 bei Asylum Records.

Der Arbeitstitel

„Mexican Reggae“

Bevor der Text stand, war die Skizze für viele in der Band vor allem ein Insiderwitz: eine Zwölfsaiten-Figur mit spanisch-karibischem Einschlag, aus Felders Heimstudio, ohne erkennbare Bestimmung. Aus dem Scherznamen wurde nie ein offizieller Songtitel – aber die Anekdote hält sich bis heute in fast jeder Making-of-Erzählung zum Album.

Aus einem beiläufigen Homerecording wurde binnen weniger Monate ein Track, der später einen Grammy für die Aufnahme des Jahres gewinnen sollte. Zwischen diesen beiden Zuständen liegt vor allem eines: Studiozeit.

03Der Klang

Aufgenommen wurde weitgehend live und ohne Klick: Rhythmusgruppe und häufig auch Leadgitarre entstanden in einem Durchgang, Overdubs kamen dazu, aber die Grundtracks waren, laut Szymczyk, jeweils „the final track; that's it, we wouldn't do anything else.“ Für Akustikgitarren setzte er durchgehend ein Paar Neumann KM84 ein, ein Setup, das er im Rückblick schlicht „the absolute best setup“ nannte. Das Schlagzeug lief über acht bis neun Mikrofone, darunter ein SM57 auf der Snare und ein AKG auf der Bassdrum, die Gesangsspuren wurden mit Neumann U67 und U87 aufgenommen, der Bass sowohl direkt als auch über einen kleinen, mit Trennwänden abgeschirmten Ampeg-Verstärker. An Außenperipherie standen Urei 1176- und Universal-Audio-LA-3A-Kompressoren zur Verfügung.

Dreiunddreißig Schnitte im Zweizollband

Wie viel Handarbeit hinter dem fertigen Titelstück steckt, zeigt sich an der Montage des Grundtracks: Szymczyk nahm von der finalen, dritten Fassung fünf Durchgänge auf und setzte daraus die veröffentlichte Version zusammen – mit dreiunddreißig Schnitten im Zweizoll-Band. „Stuff people now do in Pro Tools every day“, sagt er dazu, Jahrzehnte bevor Software diese Arbeit übernahm.

Die Doppelgitarren-Coda am Ende, aus Kapitel eins, war noch einmal ein eigenes Projekt: mindestens sechs Spuren von Felder und Walsh, über mehrere Tage von Hand austariert. Szymczyk beschreibt die Session als eine der eindrücklichsten seiner Laufbahn, getragen von Improvisation statt Arrangement.

Hörmoment

Hotel California

Im letzten Drittel des Titelstücks übernehmen die Gitarren vollständig: zwei Leadlinien, die sich abwechseln, überlagern und gegenseitig hochschaukeln, ohne dass eine von beiden lange im Hintergrund bleibt.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke für diesen Abschnitt genannt wird. Erkennbar ist die Stelle trotzdem: Es ist der Moment, an dem der Gesang endgültig verstummt und die Gitarren das letzte Wort behalten.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Hotel California ist kein loses Bündel aus Radiohits, auch wenn drei seiner Tracks das wurden. Was die neun Stücke verbindet, ist ein wiederkehrender Blick auf ein Amerika, das sich selbst als Traum verkauft – Ruhm, Exzess und, im Titelstück, ein Gebäude, aus dem niemand mehr entkommt. Henleys eigene Beschreibung der Platte als „microcosm of the whole United States“ ist dabei weniger eine nachträgliche Deutung als ein Kompositionsprinzip.

Die formale Klammer sitzt in der Mitte der Platte: „Wasted Time“ endet in einem vollen Bandarrangement, und knapp neunzig Sekunden später eröffnet „Wasted Time (Reprise)“, eine rein orchestrale Variation desselben Themas, die zweite Hälfte des Albums. Ein solches kompositorisches Echo war auf einem Radioalbum des Jahres 1976 keine Selbstverständlichkeit – es verbindet die beiden Hälften motivisch, statt sie nur nacheinander abzuspielen.

Den Schlusspunkt setzt nicht ein weiterer Radiohit, sondern der mit sieben Minuten fünfundzwanzig längste Track der Platte: „The Last Resort“ führt die Kritik des Titelstücks konsequent zu Ende und wird explizit – es geht um die Landnahme und Vermarktung eines vermeintlichen Paradieses. Zuerst hört man die Pointe, zuletzt die Rechnung.

Kaliforniens ungeschöntes Porträt

Die zeitgenössische Kritik war gespalten. Rolling Stone lobte das „convincing and unflattering portrait“ von Kalifornien, Robert Christgau nannte es rückblickend das „most substantial if not their most enjoyable LP“ der Band. Spätere Einordnungen gingen weiter: Kritiker Robert Hilburn beschrieb es Jahre später als Werk, das den amerikanischen Traum „with more precision, power and daring“ untersuche als frühere Versuche der Band – eine Bewertung im Rückblick, nicht von 1976.

Bestätigt hat sich der Anspruch auch bei den Grammy Awards: Das Titelstück gewann die Auszeichnung für die Aufnahme des Jahres, „New Kid in Town“ die für das beste Gesangsarrangement. Für das Album selbst reichte es nicht – in der Kategorie Album des Jahres unterlag Hotel California einer anderen Platte desselben Jahrgangs: Rumours von Fleetwood Mac.

Dieselbe Saison

Zwei Alben, ein Grammy-Jahrgang

Rumours erschien im Februar 1977, Hotel California zwei Monate zuvor – beide fielen in denselben Bewertungszeitraum der 20. Grammy-Verleihung. Am Ende gewann Fleetwood Mac die Kategorie Album des Jahres, während die Eagles mit dem Titelstück die Aufnahme des Jahres holten.

Berichten zufolge sollen die Eagles der Zeremonie ferngeblieben sein; ob dies tatsächlich mit einer Bedingung an einen garantierten Sieg zusammenhing, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht eindeutig rekonstruieren.

05Warum es einen Abend trägt

Rund dreiundvierzig Minuten, neun Tracks, keiner davon Füllmaterial. Die erste Hälfte ist die energiegeladenere: Titelstück, „New Kid in Town“, „Life in the Fast Lane“ und „Wasted Time“ vor seiner Reprise halten Tempo und Rockgestus. Nach der Reprise wird die Platte ruhiger, balladesker, ernster – bis zum siebeneinhalbminütigen Schluss.

Diese Bewegung von vorn nach hinten ist kein Zufall der Songauswahl, sondern Dramaturgie: Wer das Album als Ganzes hört, erlebt eine Platte, die von der eingängigen Pointe zur ausführlichen Anklage wandert. „The Last Resort“ verlangt Geduld und Stille, nicht Mitsingen.

Zwei Gitarren, die einander zuhören

Und mittendrin liegt der Moment aus Kapitel eins: eine Coda, die zwei Musiker an drei Tagen gegeneinander entwickelt haben, ohne Drehbuch. In einem Raum, in dem eine Anlage diese Aufnahme in voller Länge und ohne Unterbrechung wiedergibt, hört man genau das – zwei Gitarren, die einander zuhören, nicht zwei Spuren, die nebeneinanderher laufen.

Am Ende bleibt eine Platte, die sich nicht als Best-of ihrer eigenen Singles anhört, sondern als ein zusammenhängender Abend über ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Nach dem letzten Ton braucht auch dieser Raum niemanden, der sofort etwas sagt.

Wie klingt ein Zimmer, aus dem man dem Songtext zufolge jederzeit auschecken, aber niemals wirklich verlassen kann?