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1987Albumvorschlag

The Joshua Tree

U2

Weil ein Song sich partout nicht fassen ließ, wollte Produzent Brian Eno das Masterband löschen lassen – ein Toningenieur stoppte ihn, indem er ihm buchstäblich in den Arm fiel.

Elf Tracks über zwei Amerikas, aufgenommen von einer Band, die eigentlich weniger experimentieren und mehr Song schreiben wollte. Aus dieser Spannung entstand das Album, das U2 endgültig zur größten Rockband der Welt machte.

  • Laufzeitrund 50 Minuten
  • Titel11
  • Jahr1987
  • AufgenommenDanesmoate House und Melbeach (Dublin), Windmill Lane Studios, STS Studios
Das Albumcover von The Joshua Tree: ein Schwarzweiß-Bandfoto von U2 in der kalifornischen Wüste, fotografiert von Anton Corbijn.
U2, The Joshua Tree, Island Records 1987. Fotografie Anton Corbijn, Artdirection Steve Averill. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Where the Streets Have No Name5:37
  2. I Still Haven't Found What I'm Looking For4:37
  3. With or Without You4:55
  4. Bullet the Blue Sky4:31
  5. Running to Stand Still4:17
  6. Red Hill Mining Town4:53
  7. In God's Country2:56
  8. Trip Through Your Wires3:32
  9. One Tree Hill5:22
  10. Exit4:13
  11. Mothers of the Disappeared5:12

Zum Cover

Fotograf war der Niederländer Anton Corbijn, aufgenommen am Zabriskie Point im Death Valley National Park. Den namensgebenden Baum entdeckte die Reisegruppe zufällig, als sie auf dem Highway 190 aus dem Death Valley herausfuhr – ein Yucca-Gewächs, das der Wüste ihren Namen für das Album lieh. Der abgebildete Baum ist im Jahr 2000 im Alter von rund 200 Jahren eingegangen, dies stützt sich allerdings nur auf eine einzelne Quelle.

„My idea was to stage an accident and erase the tapes so we'd have to start again.“

Brian Eno Produzent, über seine Frustration bei den Aufnahmen zu „Where the Streets Have No Name“, zitiert in Rolling Stone

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie The Joshua Tree entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Kein Song auf diesem Album hat die Band so viel Zeit gekostet wie „Where the Streets Have No Name“. Ungewöhnliche Taktarten und ständige Tempowechsel machten aus einer eigentlich einfachen Idee eine technische Zumutung – Brian Eno selbst schätzte später, dass rund die Hälfte der gesamten Session-Zeit des Albums allein in diesen einen Track floss, eine andere Quelle nennt über 40 Prozent. In der genauen Zahl widersprechen sich die Quellen, im Kern sind sie sich aber einig: Es war mit Abstand der aufwendigste Song der Platte.

Um die Band überhaupt durch die Akkordwechsel zu führen, griff Koproduzent Daniel Lanois zu einem Klassenzimmertrick. Er stellte eine große Schultafel auf und erklärte die Wechsel wie ein Dozent: „that was the science project song. I remember having this massive schoolhouse blackboard, as we call them. I was holding a pointer, like a college professor, walking the band through the chord changes like a fucking nerd. It was ridiculous.“ Der Song sei, so Lanois an anderer Stelle, „a bit of a tongue-twister for the rhythm section, with strange bar lengths that got everybody in a bad mood“ gewesen.

Irgendwann reichte es Eno. Frustriert von der endlosen Suche nach einer brauchbaren Version wollte er das Masterband löschen lassen – nicht aus Versehen, sondern als bewusste Inszenierung, um die Band zu einem kompletten Neustart zu zwingen: „My idea was to stage an accident and erase the tapes so we'd have to start again.“ Bassist Adam Clayton erinnerte sich an den Moment mit unverhohlener Schärfe: „It just seemed like a way of fucking the band up.“

Zur Tat kam es nicht. Toningenieur Pat McCarthy betrat laut Zeugenaussage des Engineers Flood gerade den Kontrollraum, sah Eno mit dem Band in der Hand, ließ das Tablett mit dem Tee fallen, das er trug, und hielt Eno physisch davon ab, die Aufnahme zu löschen.

Ein genaues Datum für diese Szene lässt sich nicht mehr rekonstruieren – keine der konsultierten Quellen nennt einen Tag, an dem sich der Vorfall zugetragen hat, nur dass er in die Hauptsessions des Jahres 1986 in Dublin fällt. Das ändert nichts an der Pointe: Aus dem Song, an dem ein Produzent fast verzweifelte, wurde am Ende der Opener des Albums und, bis heute, der Konzertauftakt, mit dem U2 ihre Shows eröffnen.

With or Without You

Eine zweite, ruhigere Rettungsgeschichte gehört thematisch dazu: „With or Without You“ stand ebenfalls kurz vor dem endgültigen Aus, bis The Edge einen frühen Prototyp der „Infinite Guitar“ ausprobierte – ein Erfindung des Kanadiers Michael Brook, von der nur zwei oder drei Exemplare existierten. The Edge nannte den Sound später „a beautiful ghost of a guitar sound“, Lanois beschrieb ihn als „stratospheric“.

02Wie The Joshua Tree entstand

Nach The Unforgettable Fire (1984) und ausgedehnten Tourneen, darunter der Auftritt bei Live Aid 1985, wollte U2 laut mehreren Quellen bewusst weg von rein experimenteller Klangästhetik, hin zu mehr Songform – kombiniert mit einer wachsenden Faszination für Amerika, seine Mythologie ebenso wie seine politischen Widersprüche. Der Arbeitstitel des Albums lautete „The Two Americas“; Bono soll das Konzept so zusammengefasst haben: „I started to see two Americas, the mythic America and the real America.“ Dieses konkrete Zitat stützt sich bislang nur auf eine Quelle, passt aber zum breit dokumentierten Amerika-Thema der Platte.

Die Wüste – im Titel, im Artwork, in mehreren Texten – ist dabei mehr als geografisches Motiv. Sie steht für spirituelle Dürre und diente als kreative Projektionsfläche. Bono selbst brachte die Bildsprache mit seiner humanitären Reise nach Äthiopien 1985 in Verbindung: „All this stuff about deserts and the parchedness of the earth... I wrote those things on Air India sick bags and scraps of paper, sitting in a little tent in a town called Ajibar in northern Ethiopia.“

Produziert wurde von Brian Eno und Daniel Lanois, die einander laut Hi-Fi News in ein- bis zweiwöchigen Schichten abwechselten. Aufgenommen wurde 1986 vor allem im gemieteten georgianischen Herrenhaus Danesmoate House in Rathfarnham sowie in Melbeach, dem Haus von The Edge in Monkstown, gemischt bei Windmill Lane Studios in Dublin. Bono beschrieb den Anspruch an das fertige Album so: „It could have gone off in a number of different directions“ und „We wanted the idea of a one-piece record, not a Side One, Side Two thing.“

Politisch griff das Album direkt in die Gegenwart: Die „Conspiracy of Hope“-Tour für Amnesty International im Juni 1986 unterbrach die Sessions für rund zwei Monate, und Bonos Reisen nach Nicaragua und El Salvador flossen unmittelbar in Songs wie „Bullet the Blue Sky“ und „Mothers of the Disappeared“ ein. Über die Eindrücke aus El Salvador sagte Bono: „I remember the ground shaking, and I remember the smell, I suppose, of being near a war zone. […] It upset me as a person who read the Scriptures, to think that Christians in America were supporting this kind of thing, this kind of proxy war because of these Communists.“ Er forderte The Edge auf, „put El Salvador through an amplifier“ – Lanois beschrieb die Entstehung des Songs als eine Art Operation: „was born partially by surgery – the editing of the structure was a really big part of it.“

Der Tod von Greg Carroll

Mitten in diese Sessions fiel ein Todesfall, der die Band tief traf: Der neuseeländische Roadie und Vertraute Greg Carroll starb am 3. Juli 1986 bei einem Motorradunfall in Dublin. Der Titel „One Tree Hill“, benannt nach einem Ort in Carrolls Heimatstadt Auckland, steht mit diesem Verlust in Verbindung; Bono sagte dazu: „It brought gravitas to the recording of The Joshua Tree. We had to fill the hole in our heart with something very, very large indeed.“

Fertiggestellt wurde die Platte erst kurz vor der Deadline im Januar 1987. Nach einer – bislang nur einfach belegten – Quelle organisierte Kirsty MacColl, Ehefrau von Mix-Ingenieur Steve Lillywhite, in der letzten Nacht vor dem 15. Januar 1987 die endgültige Reihenfolge der Songs. Bono erinnerte sich: „Your hope for your album is that it will always be greater than the sum of its parts. It wasn't happening for The Joshua Tree and she came in and...it worked as an old-fashioned album: a beginning, middle and end.“

03Der Klang

Den prägenden Sound mehrerer Songs führte Daniel Lanois auf die akustischen Eigenheiten konkreter Räume zurück: „the predominant sound of the album was largely down to the loudness and the low midrange response of one particular room.“ „In God's Country“ etwa entstand im Keller von The Edges Haus, den Lanois als „muggy little room where everything sounds dead“ beschrieb – der Mangel an Druck im Raum wurde durch Spontaneität ausgeglichen, „spontaneity and lack of pressure“, dazu ein mit Konsolenkanälen erzeugter, wie er es nannte, „beautiful shimmer“ auf der Gitarre.

352 und 523 Millisekunden

Der charakteristische, chiming Arpeggio-Klang von „Where the Streets Have No Name“ entsteht über eine punktierte Achtel-Delay-Figur, die in mehreren Quellen übereinstimmend beschrieben wird. Eine detaillierte technische Fananalyse geht sogar so weit, ein konkretes Zwei-Delay-Setup mit Signalaufteilung auf zwei Verstärker zu benennen – 352 Millisekunden auf der einen, 523 Millisekunden auf der anderen Seite. Diese Millisekundenwerte sind allerdings nicht von The Edge oder den Toningenieuren selbst bestätigt, sondern stammen aus einer inoffiziellen, wenn auch ausführlichen Gitarrenforum-Analyse und sollten entsprechend vorsichtig behandelt werden.

Gemischt wurde größtenteils von Steve Lillywhite, der ab Dezember 1986 hinzugezogen wurde, sowie von Mark Wallis. Wer die Originalpressung von 1987 gemastert hat, ist in den konsultierten Quellen nicht mit Namen belegt; spätere Reissues nennen Arnie Acosta und Scott Sedillo, vermutlich aber für eine spätere CD-Edition, nicht für das Original-Vinyl. Konkrete Mikrofonierungsdetails oder Konsoleneinstellungen der finalen Mischung ließen sich in dieser Recherche nicht belegen – hier wird bewusst auf erfundene technische Präzision verzichtet.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die ersten drei Titel – „Where the Streets Have No Name“, „I Still Haven't Found What I'm Looking For“, „With or Without You“ – bilden einen aufsteigenden, hymnischen Bogen von spiritueller Sehnsucht zu persönlichem Konflikt und gelten in der Rezeption gemeinhin als der emotionale und kommerzielle Kern des Albums. „Bullet the Blue Sky“ bricht diesen Bogen danach scharf mit einem politischen Ausbruch, bevor „Running to Stand Still“ wieder introspektiv wird.

Die zweite Hälfte der Tracklist wird in der Rezeption häufiger als dunkler, politisch direkter und musikalisch eigenwilliger beschrieben – mit „Red Hill Mining Town“ (Bezug auf den britischen Bergarbeiterstreik) und „Mothers of the Disappeared“ (Bezug auf die „Madres“ von Verschwundenen in Lateinamerika, direkt aus Bonos Reisen nach Nicaragua und El Salvador gespeist) als bewusst ruhigem, elegischem Abschluss. Bono selbst wehrte sich ausdrücklich gegen eine reine Zweiteilung des Albums: „We wanted the idea of a one-piece record, not a Side One, Side Two thing.“ Das Album als durchgehenden Bogen zu behandeln statt als zwei getrennte Hälften entspricht damit der eigenen Intention der Band.

Christgaus Verriss

Eine ehrliche Gegenstimme gehört dazu: Nicht die ganze zeitgenössische Kritik war begeistert. Robert Christgau schrieb in der Village Voice, Bonos Gesang sei „one of the worst cases of significance ever to afflict a deserving candidate for superstardom“ – ein Urteil, das im Kontrast zu Robert Hilburns Lob in der LA Times steht, U2 sei „what the Rolling Stones ceased being years ago—the greatest rock and roll band in the world“. Auch AllMusic würdigt die Platte retrospektiv als „a powerful, uncompromising record that became a hit due to its vision and its melody“, kritisiert „Bullet the Blue Sky“ aber als „clumsy, heavy rock“.

05Warum es einen Abend trägt

The Joshua Tree ist ein Album, das von Kontrasten lebt: hymnische Offenheit gegen politischen Zorn, mythisches Amerika gegen reales Amerika, eine Band, die eine Wüste als Bühne wählte, obwohl sie aus Dublin kam. Wer die Platte an einem Abend am Stück hört, bekommt genau diese Bewegung zu hören – von den drei großen Eröffnungshymnen über den Bruch bei „Bullet the Blue Sky“ bis zum stillen, elegischen Ausklang mit „Mothers of the Disappeared“. Das ist kein Zufall, sondern, wie oben beschrieben, eine bewusste, in letzter Minute noch einmal überarbeitete Reihenfolge.

235.000 Exemplare in einer Woche

Dass diese Erzählung auch außerhalb des eigenen Werturteils trägt, zeigt die Rezeption: In Großbritannien debütierte das Album auf Platz 1 und verkaufte in der ersten Woche 235.000 Exemplare – zu jener Zeit Großbritanniens schnellstverkauftes Album überhaupt. In den USA erreichte es innerhalb von drei Wochen ebenfalls Platz 1 der Billboard-Charts und hielt sich dort neun Wochen. Bei den Grammy Awards 1988 gewann die Platte Album of the Year sowie Best Rock Performance by a Duo or Group with Vocal.

Zahlen zum Nachhören

Weltweit sollen rund 25 Millionen Exemplare verkauft worden sein, in den USA erhielt das Album 1995 die Diamant-Zertifizierung für zehn Millionen verkaufte Einheiten. Auf den „500 Greatest Albums“-Listen des Rolling Stone stand es 2003 auf Platz 26, 2012 auf Platz 27 und 2020 auf Platz 135 – diese genauen Chartplatzierungen stützen sich in dieser Recherche jeweils nur auf eine direkt konsultierte Quelle, gelten aber als öffentlich mehrfach dokumentiert.

Wie klingt ein Album, das eine Band aus Dublin in eine Wüste am anderen Ende der Welt schickte, um von zu Hause zu erzählen?