1988Albumvorschlag
I'm Your Man
Leonard Cohen
Mitten in der Nacht rief Leonard Cohen seinen Toningenieur an, weil er einen Song endlich fertig hatte. Aufgenommen wurde er auf der Stelle, in einem Durchgang, mit einem billigen Spielzeug-Synthesizer – und wurde zum Schlüsselstück eines Albums, das seine Karriere neu startete.
Acht Stücke, drei verschiedene Koproduzenten, ein Sänger, der jahrelang nicht wusste, ob seine eigene Stimme noch trägt. I'm Your Man ist der Moment, in dem Leonard Cohen die Gitarre gegen Synthesizer und Drumcomputer tauschte und ausgerechnet damit das meistverkaufte Album seiner Laufbahn ablieferte. Was man kennt, ist der Sound. Was seltener erzählt wird, ist der Zweifel, aus dem er entstand.
- Laufzeitrund 41 Minuten
- Titel8
- Jahr1988
- AufgenommenStudio Tempo Montreal, Rock Steady Los Angeles und Sitzungen in Paris, August bis November 1987
Tracklist
- First We Take Manhattan6:01
- Ain't No Cure for Love4:50
- Everybody Knows5:36
- I'm Your Man4:28
- Take This Waltz5:59
- Jazz Police3:53
- I Can't Forget4:31
- Tower of Song5:37
Zum Cover
Ein Mann in dunkelgrauem Nadelstreifenanzug und Sonnenbrille beißt in eine Banane. Fotografiert hat die Publizistin Sharon Weisz, und zwar eher beiläufig: am Rand eines Drehs zum Video von Jennifer Warnes' Version von „First We Take Manhattan“, in einem Lagerhaus in Los Angeles. Ein gestelltes Cover-Shooting war es nicht.
Cohens eigener Kommentar zu dem Bild, überliefert in Ira Nadels Biografie, ist eine kleine Selbstironie in Prosa: „Sharon showed it to me later and it seemed to sum me up perfectly. […] He seems to have a grip on things, an idea of himself. And it suddenly occurred to me that's everyone's dilemma: at the times we think we're the coolest, what everyone else sees is a guy with his mouth full of banana.“ Das Foto diente später auch als Plakatmotiv für die Tournee von 1988.
Fotografie: Sharon Weisz
Label: Columbia Records, 1988
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Sometimes I can't stand the sound of my voice. […] When I did Various Positions it was coming back and when I got to I'm Your Man I was in full stride.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie I'm Your Man entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Ein Text, den Leonard Cohen unter dem Arbeitstitel „Raise My Voice in Song“ schon Anfang der Achtziger begonnen hatte, lag jahrelang unfertig herum. Er handelte, in seiner eigenen späteren Beschreibung, davon, das eigene Scheitern zu überschreiten, indem man einfach weiter singt. Erst 1987, in einer Nacht in Montreal, fand Cohen die letzten Zeilen. Er rief nicht bis zum Morgen, er rief sofort einen Toningenieur an.
Aufgenommen wurde der Song noch in derselben Nacht, in einem einzigen Durchgang, mit einem kleinen, billigen Spielzeug-Synthesizer als einzigem Begleitinstrument. Kein Bandensemble, keine zweite Fassung, kein Refeilen am nächsten Tag. Was aus dieser Nacht entstand, war „Tower of Song“ – das Stück, das Cohen selbst als das eigentliche Kernstück des Albums verstand: eine „definitive statement about the heroic enterprise of the craft“ des Songschreibens, wie es in Beschreibungen dieser Entstehungsgeschichte heißt.
Die Zeile von der goldenen Stimme
Im Text sitzt der Satz, über den bei Konzerten regelmäßig gelacht wird, obwohl er als Zeile todernst geschrieben ist: „I was born like this, I had no choice / I was born with the gift of a golden voice.“ Ein Mann, dessen tiefe, karge Stimme über Jahre als sein größtes Handicap galt, besingt sie als Geschenk. Bei seiner Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame 2008 hat Cohen die Strophen noch einmal vollständig vorgetragen, ohne sie zu singen – als Gedicht.
Was diese eine Nacht über das ganze Album sagt, ist mehr, als die Anekdote zunächst hergibt. Ein Song, an dem Cohen jahrelang gescheitert war, wurde in dem Moment fertig, in dem er ihn nicht mehr mit einer Band, sondern allein, mit einem Kinderspielzeug als Instrument, einsang. Das genau ist die Bewegung, die das ganze Album durchzieht: weg vom großen Arrangement, hin zu einer Stimme, die sich selbst nichts mehr vormacht.
Überliefert ist diese Szene über mehrere Cohen-Biografien und Interviews in übereinstimmenden Grundzügen; eine exakte Datumsangabe für die Aufnahmenacht nennt keine der geprüften Quellen.
02Wie I'm Your Man entstand
Vor I'm Your Man hatte sich Leonard Cohens Klang bereits verschoben. Various Positions (1984) hatte erste Synthesizer-Texturen in sein Werk gebracht, war in den USA aber kommerziell kaum wahrgenommen worden – sein damaliges US-Label soll die Platte laut wiederholt kolportierten Berichten zunächst gar nicht veröffentlicht haben. Für das folgende Album ging Cohen einen Schritt weiter und übernahm erstmals in seiner Karriere die alleinige Produzenten-Credit für ein komplettes Album.
Alleine hieß nicht ohne Hilfe. Roscoe Beck, langjähriger Bassist und musikalischer Weggefährte, koordinierte die Produktion im Hintergrund. Einzelne Stücke bekamen eigene Koproduzenten: „Take This Waltz“ betreute Jean-Michel Reusser, „Everybody Knows“ Michel Robidoux. Aufgenommen wurde an mehreren Orten – im Studio Tempo in Montreal, bei Rock Steady in Los Angeles, dazu Sitzungen in Paris – über den Zeitraum August bis November 1987 verteilt, mit jeweils wechselnden Musikerinnen und Musikern je nach Stadt.
„Take This Waltz“ existierte in einer ersten Fassung bereits seit 1986, auf dem Lorca-Tribut-Sampler Poets in New York, wo der Song in Spanien auf Platz eins der Charts gestiegen war. Für I'm Your Man wurde er neu eingespielt, mit Violine und einer Duett-Stimme von Jennifer Warnes, die zur selben Zeit mit vielen derselben Musikern ihr eigenes Cohen-Tribut-Album Famous Blue Raincoat aufnahm. Der Text ist eine freie Übertragung von Federico García Lorcas „Pequeño vals vienés“ – an einer Übersetzung, die Cohen nach eigener Aussage besonders viel Mühe gekostet hat.
„I Cried Enough for You“
Auch der Titelsong selbst hat eine Vorgeschichte, die im fertigen Stück nicht mehr zu hören ist. Gegenüber dem Autor Paul Zollo beschrieb Cohen die Arbeit daran so: „I sweated over that one. I really sweated over it. I can show you the notebook for that. It started off as a song called 'I Cried Enough for You.' It was related to a version of 'Waiting for a Miracle' that I recorded.“ Was am Ende als schlankes, fast konversationelles Liebes- und Unterwerfungslied dasteht, hat also mehrere frühere Leben hinter sich.
Veröffentlicht wurde das Album am 2. Februar 1988 bei Columbia Records. In den USA blieb der kommerzielle Erfolg überschaubar; in Europa dagegen wurde I'm Your Man zu Cohens bis dahin erfolgreichster Veröffentlichung – unter anderem mit sechzehn Wochen an der Spitze der norwegischen Charts.
03Der Klang
Was das Album stilistisch trägt, ist eine Kombination, die auf dem Papier seltsam klingt und im Hören sofort einleuchtet: Sequenzer, Drumcomputer und ein früher Synclavier-Einsatz treffen auf Oud, Bouzouki-artige Texturen und eine Geige mit deutlich osteuropäischem Timbre. Jeff Fisher spielte auf gleich zwei Stücken praktisch sämtliche Instrumente selbst ein, während andernorts einzelne Spezialisten hinzukamen: John Bilezikjian an der Oud, Raffi Hakopian an der Violine, dazu, eher überraschend in diesem Setting, Sneaky Pete Kleinow von den Flying Burrito Brothers an der Pedal-Steel-Gitarre.
Was das zusammenhält, ist weniger ein einheitlicher Instrumentenklang als Cohens eigene Stimme – und die Art, wie er sie inzwischen einsetzte. Über Jahre hatte er selbst daran gezweifelt, ob sie überhaupt trägt: „The first and second records it sounded right. Then I stopped being able to find the right voice for the songs.“ Mit I'm Your Man, sagte er später rückblickend gegenüber Uncut, habe sich das geändert: „my voice had settled and I didn't feel ambiguous about it. I could at last deliver the songs with the authority and intensity required.“
Diese neue Sicherheit zeigt sich auch im Text selbst, nicht nur im Vortrag. Zu „I Can't Forget“ erklärte Cohen gegenüber der BBC seinen Ansatz für das ganze Album: „I had to go back to the beginning and determine where I was in regard to my own song. […] I realized that I'd have to find another kind of language that was much flatter, which I think this record has. […] That was really close to the bone, and that's where I like to keep my lyrics now.“ Die Zeilen wirken seither absichtlich unpoetisch – kurze Sätze, wenig Metaphern, direkte Aussagen.
First We Take Manhattan
Am deutlichsten wird der neue Ton im Opener. „First We Take Manhattan“ beginnt mit einem stotternden Drumcomputer-Puls und einer Stimme, die von „psychischem Terrorismus“ spricht, bevor überhaupt ein Akkord fällt. Cohen hat das Stück in einem Interview von 1988 selbst so eingeordnet: „It is a terrorist song. […] There's something about terrorism that I've always admired. The fact that there are no alibis or no compromises.“ Es ist die politischste, kälteste Produktion des Albums – und zugleich, mit sechs Minuten, die längste.
„Everybody Knows“, gemeinsam mit Sharon Robinson geschrieben, setzt dagegen auf schiere Wiederholung: Der Titel steht am Anfang fast jeder Zeile, wie eine Liturgie der Desillusionierung. Kritikerinnen und Kritiker haben das Stück als „bitterly pessimistic“ und zugleich als bitteren Witz beschrieben. Auch hier trägt der Synthesizer-Teppich den ganzen Song, ohne dass er sich in den Vordergrund drängt.
Fast ein anderes Lied
I'm Your Man
Der Titelsong hieß nicht immer so. Cohen beschrieb gegenüber Paul Zollo ein ganzes Notizbuch voller Vorarbeit: eine frühere Fassung lief unter dem Titel „I Cried Enough for You“, eine andere Zeile stand in Verbindung mit „Waiting for a Miracle“, das erst Jahre später auf einem anderen Album erschien.
Was blieb, war die Grundhaltung: ein Song, der sich selbst als Ware und Diener zugleich anbietet – „I'm Your Man“ im wörtlichen Sinn. Eine Sekundenangabe für die entscheidende Textänderung nennt keine geprüfte Quelle.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Acht Stücke von einer Bandbreite, die auf einem klassischen Album eigentlich auseinanderfallen müsste: eine politische Ballade, ein Terrorismus-Kommentar, ein spanisches Walzer-Cover, ein Jazz-Insiderwitz, ein Liebeslied im Verkäufer-Ton, ein Song über das eigene Handwerk. Was diese acht Stücke trotzdem zu einem Album macht und nicht zu einer Sammlung, ist die Konsequenz, mit der Cohen dieselbe flache, entschlackte Sprache über alle Themen legt.
Man hört das am deutlichsten, wenn man die humorvollen und die ernsten Stücke nebeneinanderlegt. „Jazz Police“, mit dem Cohen augenzwinkernd auf die Jazz-Ambitionen seiner eigenen Band reagierte, sitzt zwischen „Take This Waltz“ und „I Can't Forget“ – zwischen einer literarischen Übersetzung und einem fast beiläufigen Bekenntnis-Song. Die Selbstironie ist auf diesem Album kein Ausrutscher, sondern Methode: Auch „Tower of Song“, das Herzstück, lebt von der Pointe, dass der Sänger seine eigene raue Stimme als „golden voice“ bezeichnet.
Kritisch eingeordnet hat das AllMusic-Autor Jason Ankeny mit einem Satz, der das ganze Album zusammenfasst: „Against a backdrop of keyboards and propulsive rhythms, Cohen surveys the global landscape with a precise, unflinching eye.“ Rolling-Stone-Kritiker David Browne formulierte es lakonischer – für ihn war es „the first Cohen album that can be listened to during daylight hours“, ein Hinweis darauf, wie sehr frühere Cohen-Platten als reine Spätnacht-Musik galten.
Platz vier, acht und zehn
Dass diese Rechnung aufging, bestätigen im Rückblick auch die Hörerinnen und Hörer selbst: In einer Rolling-Stone-Leserumfrage zu den besten Cohen-Songs aller Zeiten landeten gleich drei Stücke dieses einen Albums unter den oberen zehn – „Everybody Knows“ auf Platz vier, „Tower of Song“ auf Platz acht, der Titelsong auf Platz zehn. Kein anderes Cohen-Album stellt so viele Kandidaten auf einmal.
Der Zusammenhalt kommt also nicht aus einem durchlaufenden musikalischen Motiv – ein solches beschreibt keine geprüfte Quelle –, sondern aus einer Haltung, die alle acht Stücke teilen: ein Mann im dunklen Anzug, der genau weiß, wie lächerlich er gerade aussieht, und trotzdem weitersingt.
Eine gemeinsame Geschichte
Ein europäischer Erfolg
In den USA blieb I'm Your Man ein Achtungserfolg unter Kennern. In Europa dagegen wurde es zu Cohens bis dahin größtem kommerziellen Album: sechzehn Wochen auf Platz eins in Norwegen, Platin in Kanada, Frankreich, Schweden und Spanien, Gold in Großbritannien und Finnland.
Als CBS Records Cohen für den weltweiten Verkauf von über fünf Millionen Alben mit dem sogenannten Crystal Globe auszeichnete, kommentierte er das mit einem seiner bekanntesten trockenen Sätze: „I have always been touched by the modesty of their interest in my work.“
05Warum es einen Abend trägt
Rund einundvierzig Minuten, acht Stücke, keines unter drei Minuten vierzig. I'm Your Man ist kein Album, das man nebenbei laufen lässt – es verlangt, dass man den Witz genauso ernst nimmt wie die Politik, und umgekehrt. Wer nur die düsteren Zeilen von „Everybody Knows“ hört, verpasst, dass derselbe Sänger zwei Stücke später über sich selbst lacht.
Von der Drohung zum Achselzucken
Die Reihenfolge macht daraus eine Bewegung. Vorn steht mit „First We Take Manhattan“ die kälteste, politischste Nummer, in der Mitte der Wendepunkt „Take This Waltz“ mit seiner Geige und der Gaststimme von Jennifer Warnes, am Ende „Tower of Song“ mit dem Spielzeug-Synthesizer und der Pointe über die goldene Stimme. Wer diesen Bogen am Stück hört, merkt: Das Album beginnt mit einer Drohung und endet mit einem Achselzucken.
Ehrlich muss man sagen, was das Album verlangt: einen Raum, in dem Zeilen wie „everybody knows that the dice are loaded“ nicht als Hintergrund wegdudeln, sondern gehört werden, und ein Publikum, das bereit ist, bei „I was born with the gift of a golden voice“ tatsächlich zu lachen. Dieses Album ist gebaut für konzentriertes Zuhören, nicht für nebenbei.
Zurück gibt es dafür ein Stück Musikgeschichte, das man sonst nur aus Anekdoten kennt: einen Sänger, der jahrelang an seiner eigenen Stimme gezweifelt hat, eine Nacht mit einem Kinderspielzeug-Synthesizer, ein Cover, auf dem ein Mann im Anzug in eine Banane beißt und genau weiß, wie das aussieht. Nach dem letzten Ton von „Tower of Song“ muss niemand sofort etwas sagen.
Wie klingt ein Sänger, der einer eigenen Stimme, an der er jahrelang zweifelte, in einer einzigen Nacht endlich vertraut?
Weiterhören
-
Leonard Cohen
Songs of Leonard Cohen
1967
Der Gegenentwurf im eigenen Werk: einundzwanzig Jahre früher, nur Gitarre und Stimme, ein Debütant, der sich gegen sein Label durchsetzte. Wer beide Alben hört, hört zwei völlig verschiedene Cohens – und denselben Dichter.
Zur Album-Story → -
Sade
Diamond Life
1984
Ähnliches Jahrzehnt, ähnlicher Spätnacht-Sound: schlanke Synthesizer- und Sax-Produktion, eine Stimme, die nie über den Raum drüberschreit.
Zur Album-Story → -
David Bowie
Station to Station
1976
Ein anderer Künstler, der mitten in der eigenen Karriere seinen Sound und seine Bühnenfigur radikal neu erfindet – kälter im Ton, aber aus derselben Entschlossenheit heraus.
Zur Album-Story →
Alle Albumvorschläge ansehen → · sortierbar nach Laufzeit, Jahrzehnt und Form
Diesen Abend anfragen
Wenn Sie dieses Album hören möchten, überspiele ich es auf Band und bringe die Anlage zu Ihnen. Sie können auch jedes andere wählen – die Liste ist ein Angebot, keine Auswahl.
Ihnen ist ein Fehler in diesem Text aufgefallen? Melden Sie es mir – ich freue mich über jeden Hinweis.