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Künstlerporträt

Leonard Cohen

Ein Dichter, der mit 33 Jahren beschloss, dass seine Gedichte eine Melodie brauchen – und fast fünfzig Jahre lang dabei blieb.

Leonard Cohen kam nicht aus der Musik, sondern aus der Literatur. Er war ein gefeierter junger Dichter in Kanada, bevor er je ein Lied veröffentlichte, und er schrieb seine Songs mit derselben Geduld wie seine Gedichte, manchmal über Jahre. Seine Stimme wurde mit dem Alter tiefer und brüchiger, und seine Lieder wurden dadurch nicht schwächer, sondern größer. Kaum ein anderer Musiker hat so würdevoll gealtert.

In diesem Porträt

  1. 01Montreal und Hydra 1934–1966
  2. 02Der späte Debütant 1966–1968
  3. 03Lieder aus dem Halbdunkel 1969–1979
  4. 04Hallelujah und Synthesizer 1984–1993
  5. 05Der Berg und die Rückkehr 1994–2008
  6. 06Spätwerk 2012–2016

1934–1966

01 Montreal und Hydra

Leonard Norman Cohen wurde am 21. September 1934 in Westmount geboren, einem Stadtteil von Montreal. Er studierte an der McGill University und veröffentlichte 1956 seinen ersten Gedichtband. In der literarischen Szene Kanadas galt er bald als großes Talent.

Ab 1960 lebte Cohen viel auf der griechischen Insel Hydra, in einem einfachen weißen Haus, wo er schrieb und die Tage in der Sonne verbrachte. Dort entstanden zwei Romane, zuletzt Beautiful Losers von 1966. Die Kritiken waren gut, doch vom Schreiben ließ sich kaum leben. Cohen beschloss, es als Songschreiber zu versuchen, und ging nach New York.

1966–1968

02 Der späte Debütant

Cover von Songs of Leonard Cohen
Songs of Leonard Cohen · 1967

Die Folksängerin Judy Collins nahm 1966 sein Lied „Suzanne“ auf und machte ihn damit bekannt, bevor er selbst eine Platte hatte. Bei seinem ersten Auftritt 1967 in New York war er so nervös, dass er mitten im Lied abbrach. Der Produzent John Hammond – derselbe, der Bob Dylan entdeckt hatte – nahm ihn bei Columbia unter Vertrag.

Songs of Leonard Cohen erschien Ende 1967, als Cohen schon 33 war. Das Album ist spärlich instrumentiert, mit Gitarre, Stimme und ein paar zurückhaltenden Arrangements. „Suzanne“, „So Long, Marianne“ und „Sisters of Mercy“ wurden Klassiker. Cohen klang älter und weiser als die meisten Sänger seiner Generation.

Viele nannten seine Musik schwermütig. Cohen selbst begegnete dem mit Humor und bestand darauf, dass in seinen Liedern ebenso viel Zärtlichkeit und Witz stecke wie Dunkelheit. Wer genau hinhört, findet in fast jedem seiner Songs beides.

1969–1979

03 Lieder aus dem Halbdunkel

Auf Songs from a Room von 1969 steht „Bird on the Wire“, später eines seiner meistgecoverten Lieder. Beim Festival auf der Isle of Wight 1970 trat Cohen mitten in der Nacht vor Hunderttausenden unruhigen Zuschauern auf und brachte sie mit leiser Stimme zur Ruhe. Songs of Love and Hate von 1971 war noch dunkler und intensiver.

New Skin for the Old Ceremony von 1974 enthält „Chelsea Hotel #2“ über eine Begegnung im berühmten New Yorker Künstlerhotel. 1977 arbeitete Cohen mit dem Produzenten Phil Spector zusammen, und das Ergebnis, Death of a Ladies’ Man, klingt nach Spectors Klangwand statt nach Cohen. Er selbst war unglücklich damit.

1984–1993

04 Hallelujah und Synthesizer

Cover von I'm Your Man
I'm Your Man · 1988

1984 erschien Various Positions mit einem Lied, an dem Cohen jahrelang gearbeitet und für das er Dutzende Strophen geschrieben hatte: „Hallelujah“. Seine Plattenfirma in den USA wollte das Album zunächst gar nicht veröffentlichen. Erst Jahre später, durch Versionen anderer Musiker, wurde das Lied weltberühmt.

I’m Your Man von 1988 überraschte alle: billige Synthesizer, Drumcomputer, trockener Humor und eine Stimme, die inzwischen klang wie aus einem Keller. „First We Take Manhattan“, „Everybody Knows“ und „Tower of Song“ machten Cohen einer neuen Generation bekannt. 1992 folgte The Future.

Seine Stimme hatte sich über die Jahre um mehrere Töne nach unten verschoben, und Cohen spielte selbst mit diesem Bild: In „Tower of Song“ behauptet er augenzwinkernd, mit einer goldenen Stimme geboren zu sein. Genau diese Selbstironie prägte auch seine späten Konzerte.

1994–2008

05 Der Berg und die Rückkehr

Nach der Tournee 1993 zog sich Cohen in ein Zen-Kloster auf dem Mount Baldy bei Los Angeles zurück. Er lebte dort mehrere Jahre, stand vor Sonnenaufgang auf, kochte für seinen Lehrer und wurde 1996 zum Mönch ordiniert. 1999 verließ er das Kloster wieder.

2008 kehrte Cohen nach fünfzehn Jahren auf die Bühne zurück, mit über siebzig. Die Konzerte dauerten oft mehr als drei Stunden, er zog vor seinen Musikern den Hut und kniete bei manchen Liedern auf der Bühne. Viele, die dabei waren, zählen diese Abende zu den schönsten Konzerten ihres Lebens.

2012–2016

06 Spätwerk

In seinen letzten Jahren war Cohen produktiver als je zuvor. Old Ideas erschien 2012, Popular Problems 2014, kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag. Die Lieder wurden kürzer, stiller, die Stimme noch tiefer, und es ging um Glauben, Alter und Abschied.

Sein letztes Album You Want It Darker, von seinem Sohn produziert, erschien im Oktober 2016. Leonard Cohen starb wenige Wochen später, am 7. November 2016, in Los Angeles.

Seine Lieder leben weiter, in unzähligen Coverversionen, in kleinen Clubs ebenso wie in großen Hallen. „Hallelujah“ ist längst eines der meistgesungenen Lieder der Welt, bei Hochzeiten genauso wie bei Abschieden.

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Songs of Leonard Cohen: leise, intim und am besten in einem ruhigen Raum. I’m Your Man ist der Abend für alle, die Cohen bisher für zu schwermütig gehalten haben – dort zeigt er seinen Humor. Zur Album-Story →

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