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2016Albumvorschlag

A Seat at the Table

Solange

Als Solange ihn ins Studio holte, sollte Master P nur einen einzigen kurzen Satz sprechen. Er blieb, erzählte von seinem Leben – und seine Stimme trägt seitdem das ganze Album.

Einundzwanzig Tracks, dazwischen neun kurze gesprochene Interludes, fertiggestellt in einem Ort, den Solanges Großeltern einst aus Angst verlassen hatten. Was man von diesem Album kennt, ist der Sound. Was man seltener kennt, ist die Reise dorthin.

  • Laufzeitrund 52 Minuten
  • Titel21
  • Jahr2016
  • Aufgenommenu. a. New Iberia (Louisiana), Santa Barbara und Los Angeles (Kalifornien), New Orleans und Long Island (New York)
Das Albumcover: Solange in Profilansicht, das Gesicht zur Hälfte in warmes, rötliches Licht getaucht.
Solange, A Seat at the Table, Saint Records/Columbia 2016. Fotografie & Art Direction Carlota Guerrero. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Rise1:41
  2. Weary3:14
  3. Interlude: The Glory Is in You0:17
  4. Cranes in the Sky4:10
  5. Interlude: Dad Was Mad0:46
  6. Mad3:55
  7. Don't You Wait4:05
  8. Interlude: Tina Taught Me1:14
  9. Don't Touch My Hair4:17
  10. Interlude: This Moment0:49
  11. Where Do We Go4:24
  12. Interlude: For Us by Us0:52
  13. F.U.B.U.5:13
  14. Borderline (An Ode to Self Care)3:02
  15. Interlude: I Got So Much Magic, You Can Have It0:26
  16. Junie3:06
  17. Interlude: No Limits0:39
  18. Don't Wish Me Well4:15
  19. Interlude: Pedestals0:57
  20. Scales3:39
  21. Closing: The Chosen Ones0:42

Zum Cover

Das Cover zeigt Solange selbst, das Gesicht zur Hälfte in warmes, rötliches Licht getaucht – eines von mehreren ruhigen, stark komponierten Porträts, die während eines gemeinsamen Fototrips durch New Orleans und New Mexico entstanden. Fotografin und Art Direction war Carlota Guerrero, eine damals 26-jährige Fotografin aus Barcelona, die Solange über Instagram entdeckt hatte.

Aus derselben Zusammenarbeit stammen auch die Bildwelten der Musikvideos zum Album sowie ein begleitendes, 112 Seiten starkes digitales Booklet. Guerrero beschrieb die Arbeit später als eng abgestimmt: Solange sei sehr genau an der eigenen Vision beteiligt gewesen.

Fotografie & Art Direction: Carlota Guerrero
Label: Saint Records / Columbia Records, 2016
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I've been working on it for almost four years now, off and on. Overall, I set out to make an album about self-discovery and empowerment and independence.“

Solange über die Entstehung des Albums, im Gespräch mit Stereogum, 2016

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie A Seat at the Table entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Solange hatte für Master P eigentlich nur einen kurzen Einwurf vorgesehen, eine einzelne Zeile für ein Interlude. Sie holte den Rapper und No-Limit-Records-Gründer ins Studio – und er blieb weit länger als geplant. Statt eines Satzes sprach er ausführlich über seinen eigenen Weg: die Gründung eines unabhängigen Labels, die Entscheidung, niemandem die Kontrolle über die eigene Arbeit zu überlassen, das Beharren auf einem eigenen Platz im Geschäft. Solange selbst hat diesen Moment so beschrieben: „I called him in to do one interlude on a song … he ended up going into great detail about his journey.“

Fünf von neun Interludes

Aus dem einen ungeplanten Take wurden am Ende gleich mehrere: Master P ist auf fünf der neun gesprochenen Interludes zu hören, darunter der Titel, der das Album schließt. Seine Stimme öffnet damit nicht nur einzelne Songs, sie zieht sich als wiederkehrender Erzählstrang durch die gesamte Platte – von der Selbstermächtigung eines unabhängigen Labelgründers bis zur letzten gesprochenen Zeile vor dem Ausklang.

Was diese Szene über das ganze Album sagt, liegt in der Verschiebung, die sie auslöste. Was als Nebensache gedacht war, wurde zu einer tragenden Stimme. Solange hat aus einem unverhofft langen Gespräch eine Struktur gebaut, die das Album zusammenhält, ohne dass ein einziger Song dafür anders geschrieben werden musste.

Erzählt wird die Szene im Kern von Solange selbst, in einem einzigen Interview. Wie lang das ursprüngliche Gespräch tatsächlich dauerte oder wie viele Anläufe es brauchte, ist nicht unabhängig dokumentiert.

04Wie A Seat at the Table entstand

Die Arbeit an dem Album zog sich über mehrere Jahre. Solange hat die Dauer selbst beziffert: „I've been working on it for almost four years now, off and on.“ Erste Sessions entstanden auf Long Island und in New Orleans, in einer frühen Phase mietete sie zudem ein Haus in Santa Barbara, Kalifornien, um sich – wie sie es formulierte – in eine bestimmte Verfassung zu versetzen, während sie schrieb und Musik machte.

Geflohen vor dem Ku Klux Klan

Den entscheidenden Schritt machte sie erst später: den Umzug nach New Iberia, Louisiana, der Heimatregion ihrer Familie. Der Ort ist keine zufällige Wahl. Solange: „Both of my grandparents are from New Iberia, and they actually fled from New Iberia because of the Ku Klux Klan.“ Passenden Studioraum zu finden war vor Ort nicht einfach – „There weren't, like, Airbnbs out in that area. I was having trouble locating a space to record the album in“ –, doch die Entscheidung für den Ort selbst stand für sie fest: „I knew that I needed to move here to complete this chapter in my life.“

Produziert hat Solange das Album zusammen mit Raphael Saadiq, der als Koproduzent an ihrer Seite stand. Saadiq hat die Zusammenarbeit rückblickend so beschrieben: „Me and Solange are two of the same type of people. We work to have a common ground and make music that sounds good.“ Und weiter: „We trusted each other, and I think that that is what it's all about.“ Für ihn war die Arbeit an der Platte mehr als ein Job: „Solange's album was a true testament of healing for me.“ Neben Saadiq wirkten zahlreiche weitere Produzentinnen und Produzenten an einzelnen Tracks mit, darunter Dave Longstreth, Sampha, Kwes, Patrick Wimberly, Q-Tip, Questlove und John Kirby; für Teile der Fertigstellung arbeitete Solange mit Saadiq und dem Toningenieur Troy Johnson auch in Los Angeles weiter.

Fertig war das Album im Frühsommer 2016. Veröffentlicht wurde es am 30. September 2016 als Download und Stream über Solanges eigenes Label Saint Records gemeinsam mit Columbia Records, physische Ausgaben folgten in den Monaten danach. Es war Solanges drittes Studioalbum und ihr erstes seit sieben Jahren.

02Der Klang

Musikalisch bewegt sich die Platte in einem bewusst zurückgenommenen Rahmen: warmer, minimalistischer Neo-Soul und Funk, getragene Basslinien, viel Raum zwischen den Instrumenten. Nichts an der Produktion drängt sich in den Vordergrund; Stimme und Arrangement bekommen Platz zum Atmen. Saadiq hat genau diese Zurückhaltung als Teil des Konzepts beschrieben: „Her record stops and then breathes just like regular life.“

Tina Taught Me und Dad Was Mad

Tragend für den Klang des Albums sind die neun Interludes. Sie sind selten länger als eine Minute, meist deutlich kürzer, und bestehen fast ausschließlich aus gesprochener Stimme, oft ohne durchgehende musikalische Untermalung. Zwischen Tina Knowles, Solanges Mutter, im Interlude „Tina Taught Me“, Mathew Knowles, ihrem Vater, in „Dad Was Mad“, und den mehreren Wortmeldungen von Master P entsteht so ein zweiter, gesprochener Erzählstrang neben den gesungenen Tracks – ein Strang, der Themen wie Herkunft, Wut und Selbstbestimmung direkt benennt, statt sie nur in Songtexten anklingen zu lassen.

Diese Interludes funktionieren dabei wie kurze Kapiteltrenner: Sie unterbrechen den Fluss der Songs bewusst, geben einer vorangegangenen oder folgenden Nummer einen Kontext und lassen dem Hörer einen Moment zum Verarbeiten, bevor der nächste Track beginnt. Wo andere Alben mit durchgehendem Songmaterial arbeiten, strukturiert A Seat at the Table sich selbst in kleine, benannte Abschnitte.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Das Album ist als zusammenhängendes Werk angelegt, nicht als Sammlung einzelner Hits. Solange selbst hat es so beschrieben: „a project on identity, empowerment, independence, grief and healing“ – ein Vorhaben, das sich über die gesamte Spiellänge entfaltet und nicht in einem einzelnen Track aufgeht.

Von Dad Was Mad zu Mad

Die Interludes sind dabei kein Beiwerk, sondern die Klammer, die die Songs zusammenhält. Wer einen Track ohne das vorangehende oder folgende Interlude hört, verliert einen Teil des Kontexts, den Solange bewusst gesetzt hat: Auf „Mad“ folgt unmittelbar aus „Dad Was Mad“, in dem ihr Vater von Erfahrungen mit Rassismus erzählt; „Don't Touch My Hair“ steht im direkten Anschluss an „Tina Taught Me“, in dem ihre Mutter über Stolz und Herkunft spricht. Die gesungenen Tracks beantworten so unmittelbar, was die gesprochenen zuvor aufgeworfen haben.

Solange selbst hat die Arbeit an diesem Zusammenhang als persönlich kostspielig beschrieben: „I literally gave up my sanity for a while to do this record … It's more than an album to me. It's a transitional time in my life.“ Diese Ernsthaftigkeit lässt sich nicht von einzelnen Songs trennen, sie trägt das Album als Ganzes.

03Warum es einen Abend trägt

Gut zweiundfünfzig Minuten, einundzwanzig Tracks, dazwischen die kurzen gesprochenen Pausen. Das Album verlangt Aufmerksamkeit über die gesamte Spielzeit: Wer nur einzelne Songs herauspickt, verpasst die Übergänge, die Solange bewusst gesetzt hat, und mit ihnen einen Teil dessen, was das Album eigentlich erzählt.

Der erste Grammy für Cranes in the Sky

Für „Cranes in the Sky“ erhielt Solange bei den Grammy Awards 2017 den Preis für die beste R&B-Performance – ihre erste Grammy-Auszeichnung überhaupt. Das Album debütierte zudem auf Platz eins der US-Albumcharts, Solanges erste Nummer-eins-Platzierung. In der kritischen Einordnung gilt A Seat at the Table vielen Beobachterinnen und Beobachtern als eines der prägenden Alben der 2010er-Jahre zum Thema Schwarzer Identität, Würde und Wut – ein Album, das genau deshalb funktioniert, weil es sich Zeit für seine Themen nimmt, statt sie in einem einzelnen Radiotrack zu verdichten.

Für einen Hörabend bedeutet das: Es lohnt sich, die Platte nicht zu unterbrechen. Die Interludes sind kurz genug, um niemanden zu ermüden, aber sie brauchen den direkten Anschluss an den vorangehenden und folgenden Track, um zu wirken. Nach dem letzten „Closing: The Chosen Ones“ ist das, was vorher gesagt und gesungen wurde, noch im Raum.

Wie klingt ein Album, dessen wichtigste Übergänge nicht gesungen, sondern gesprochen sind?