1981Albumvorschlag
Nightclubbing
Grace Jones
Ein Studio auf den Bahamas, eine Rhythmusgruppe aus Jamaika – und Songs von Bowie, Iggy Pop, Sting und Astor Piazzolla, die hier klingen, als hätte Grace Jones sie selbst geschrieben.
Chris Blackwell, der Gründer von Island Records, wollte Grace Jones nicht als Model behandeln, sondern als Musikerin. In den Compass Point Studios in Nassau stellte er ihr eine Band an die Seite, die Jones später die „united nations in the studio“ nannte. Nightclubbing ist das Album, auf dem dieser Plan ganz aufgeht.
- Laufzeitrund 39 Minuten
- Titel9
- Jahr1981
- AufgenommenCompass Point Studios, Nassau, Bahamas (1980–1981)
Tracklist
- Walking in the Rain4:18
- Pull Up to the Bumper4:41
- Use Me5:04
- Nightclubbing5:06
- Art Groupie2:39
- I've Seen That Face Before (Libertango)4:30
- Feel Up4:03
- Demolition Man4:03
- I've Done It Again3:51
Zum Cover
Grace Jones blickt frontal aus dem Bild: kantiger Flat-Top, ein riesiges dunkles Jackett mit breiten Schultern, darunter nackte Haut. Im Mundwinkel hängt eine unangezündete Zigarette. Die Haut schimmert blauschwarz vor einem warmen, braunen Grund. Alles an dem Bild besteht aus rechten Winkeln. Oben stehen Name und Titel in weit gesperrten Versalien.
Das Cover stammt von Jean-Paul Goude, damals Jones' Partner. Es ist kein reines Foto: Goude hat die Fotografie übermalt, daher die fast skulpturale Oberfläche. Das Jackett ist laut den Angaben auf der Platte von Giorgio Armani. Als Vorbild gilt ein Massendruck der Sechziger, Wladimir Tretchikoffs „Chinese Girl“ – Kitsch, der hier zu etwas sehr Kühlem wird.
Wann und wo das Foto entstand und wie genau Goude es bearbeitet hat, ist nicht dokumentiert. Belegt ist, was es bewirkt hat: Der Rolling Stone zählt es zu den hundert besten Plattencovern aller Zeiten, und Goude baute daraus später Jones' Bühnenshow „A One Man Show“. Das Bild macht mit Grace Jones, was die Musik mit fremden Songs macht: Es verwandelt sie in etwas, das nur ihr gehört.
Cover: Jean-Paul Goude, übermalte Fotografie
Jackett: Giorgio Armani
Label: Island Records, 1981
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I wanted a rhythmic reggae bottom, aggressive rock guitar, atmospheric keyboards in the middle, and Grace on top.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Nightclubbing entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Studio in Nassau hängt ein großes Foto von Grace Jones an der Wand. Chris Blackwell hat es dort aufgehängt, damit die Musiker beim Spielen immer wissen, für wen sie spielen. Der Schlagzeuger Sly Dunbar hat das später so beschrieben: „We took it on that reggae kind of trip, but always with Grace in mind.“
Es ist ein einfacher Trick mit großer Wirkung. Die Band spielt nicht irgendwelche Grooves, sondern Grooves für eine bestimmte Person – für ihre Stimme, ihre Haltung, ihre Kälte und ihren Humor.
Die Compass Point All Stars
Die Band bestand aus Sly Dunbar am Schlagzeug und Robbie Shakespeare am Bass, dem berühmtesten Rhythmusduo Jamaikas, dazu Wally Badarou an den Keyboards, Mikey Chung und Barry Reynolds an den Gitarren und Uziah „Sticky“ Thompson an der Percussion. Produziert haben Chris Blackwell und Alex Sadkin.
02Wie Nightclubbing entstand
Blackwell brachte Kassetten mit Songs ins Studio und spielte sie der Band vor. Wenn nach ein paar Versuchen nichts Brauchbares entstand, wurde der Song verworfen. Laut Wally Badarou nahm man etwa dreimal so viel auf, wie am Ende erschien. Das Album entstand nach und nach aus dem, was Blackwell und Sadkin behielten.
Die Auswahl ist erstaunlich: „Nightclubbing“ stammt von Iggy Pop und David Bowie und wird hier zum langsamen Dub. „Walking in the Rain“ kommt von der australischen Band Flash and the Pan, „Use Me“ von Bill Withers. „Demolition Man“ schrieb Sting eigens für Jones, The Police veröffentlichten ihre eigene Fassung erst ein halbes Jahr später.
Ein Tango aus Buenos Aires
„I've Seen That Face Before“ beruht auf Astor Piazzollas „Libertango“ von 1974. Den französischen Teil des Textes schrieb die Schauspielerin Nathalie Delon, das Akkordeon spielt Jack Emblow. Aus einem argentinischen Tango wird so ein Reggae-Chanson, der in Belgien auf Platz 1 ging.
03Der Klang
Blackwells Idee war ein Schichtenmodell: ein Reggae-Fundament, darüber harte Rockgitarren, in der Mitte atmosphärische Keyboards und ganz oben Grace Jones. Sly Dunbar spielte neben dem Schlagzeug elektronische Syndrums, Badarou einen Prophet-5-Synthesizer.
Alex Sadkin hatte dabei eine klare Regel. Badarou hat sie so zusammengefasst: Alles sollte von der ersten Sekunde an makellos klingen, nichts wurde auf später beim Mischen verschoben. In der analogen Zeit, ohne gespeicherte Mischpulteinstellungen, war das entscheidend. Man hört es heute noch: Jedes Instrument hat seinen Platz, nichts verschwimmt.
Aus denselben Sessions
Pull Up to the Bumper
Der bekannteste Song des Albums begann als Instrumental von Sly & Robbie aus den Aufnahmen für Jones' Vorgängeralbum Warm Leatherette. Jones schrieb den Text dazu, passend zur Musik, wie sie sagte – und bestritt stets, dass er so eindeutig gemeint sei, wie ihn alle hörten.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Reggae, Elektronik, Disco, Chanson, Tango: Auf dem Papier ist Nightclubbing ein Stilmix. Die Kritikerin Roz Reines schrieb 1981 im Melody Maker, das Unglaubliche sei, wie gut alles zusammenpasse. Der Grund ist die Band, die jeden Song in dieselbe Farbe taucht, und eine Stimme, die jeden Text so singt, als hätte sie ihn gerade erst erfunden.
Erfolg in Europa
In den Niederlanden erreichte das Album Platz 2, in Deutschland Platz 8, wo es Gold bekam. Der NME wählte es zum Album des Jahres 1981. In den USA kam es auf Platz 32, in den R&B-Charts auf Platz 9.
05Warum es einen Abend trägt
Neununddreißig Minuten, zwei Seiten, neun Songs. Die erste Seite ist ein langsamer Sog aus vier langen Grooves, der mit dem Titelsong endet. Die zweite Seite ist kürzer, verspielter, mit dem Tango in der Mitte und dem von Marianne Faithfull mitgeschriebenen „I've Done It Again“ am Schluss.
Musik für die Stunde nach dem Essen
Nightclubbing ist cool im ursprünglichen Sinn: nicht laut, nicht aufdringlich, aber mit einer Spannung, die man spürt. Auf einer guten Anlage kommt der Bass von Robbie Shakespeare zur Geltung, der die ganze Platte trägt. Es ist das richtige Album für den Moment, in dem ein Abend vom Gespräch ins Zuhören kippt.
Wem gehört ein Song – dem, der ihn schreibt, oder der, die ihn so singt, dass man das Original vergisst?
Weiterhören
-
Talking Heads
Remain in Light
1980
Ein Jahr früher, zum Teil im selben Studio in Nassau entstanden: eine New Yorker Band, die sich ebenfalls von Rhythmus tragen lässt.
Zur Album-Story → -
David Bowie
Station to Station
1976
David Bowie schrieb den Titelsong von Nightclubbing mit – hier hört man ihn selbst, kühl und elegant, fünf Jahre früher.
Zur Album-Story → -
Bob Marley and the Wailers
Exodus
1977
Ebenfalls bei Island Records erschienen, dem Label von Chris Blackwell: das Album, das zeigt, woher das Fundament dieser Platte kommt.
Zur Album-Story →
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