Künstlerporträt
David Bowie
Ein Künstler, der sich so oft neu erfunden hat, dass man fast jedes seiner Alben einer anderen Figur zuordnen kann – und der bis zum letzten Album nicht aufgehört hat, sich zu überraschen.
1972 · The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars
1976 · Station to Station
2016 · Blackstar
Kaum ein Musiker hat so viele Leben gelebt wie David Bowie. Er war Folk-Sänger und Außerirdischer, Soul-Sänger in Philadelphia und kühler Aristokrat in Los Angeles, Klangforscher in Berlin, Stadionstar der Achtziger und am Ende ein Mann, der seinen eigenen Abschied als Kunstwerk gestaltet hat. Was diese Rollen verbindet, ist die Neugier: Bowie hörte genau hin, was um ihn herum passierte, und machte daraus etwas Eigenes – oft ein paar Jahre, bevor alle anderen es auch taten.
In diesem Porträt
- 01Ein Junge aus Brixton 1947–1968
- 02Major Tom und der erste Durchbruch 1969–1971
- 03Ziggy Stardust 1972–1973
- 04Amerika: Soul, Film und der Thin White Duke 1974–1976
- 05Berlin 1976–1979
- 06Die Achtziger: Let’s Dance 1980–1989
- 07Die Neunziger: Suchen und Ausprobieren 1990–2004
- 08Das letzte Kapitel 2013–2016
1947–1968
01 Ein Junge aus Brixton
David Robert Jones kam am 8. Januar 1947 in Brixton im Süden Londons zur Welt und wuchs später im Vorort Bromley auf. Als Jugendlicher hörte er amerikanischen Rock ’n’ Roll, Jazz und Rhythm and Blues, bekam ein Saxofon und spielte ab Anfang der Sechziger in wechselnden Bands mit Namen wie The King Bees, The Manish Boys und The Lower Third.
Erfolg hatte keine davon. 1966 legte er sich einen neuen Namen zu – David Bowie –, damit ihn niemand mit Davy Jones von den Monkees verwechselte. Sein erstes Album erschien am 1. Juni 1967, am selben Tag wie Sgt. Pepper der Beatles, und ging daneben völlig unter. Bowie nahm Unterricht beim Tänzer und Pantomimen Lindsay Kemp. Dort lernte er, was er später brauchte: dass eine Bühnenfigur mit Körper, Kostüm und Licht erzählt, nicht nur mit Liedern.
1969–1971
02 Major Tom und der erste Durchbruch
1969 erschien „Space Oddity“, die Geschichte des Astronauten Major Tom, der den Kontakt zur Erde verliert. Die Single kam wenige Tage vor der ersten Mondlandung heraus und wurde Bowies erster Hit. Danach wurde es noch einmal ruhiger, aber er schrieb in diesen Jahren einige seiner schönsten Songs.
Auf Hunky Dory von 1971 stehen „Changes“ und „Life on Mars?“, zwei Lieder, die bis heute zu seinen bekanntesten gehören. Zu seiner Band gehörte inzwischen der Gitarrist Mick Ronson aus Hull, der Bowies Songs die Kraft und den Glanz gab, die der nächste Schritt brauchte.
1972–1973
03 Ziggy Stardust
Im Sommer 1972 stellte Bowie seine berühmteste Figur vor: Ziggy Stardust, ein Rockstar von einem anderen Stern, mit rot gefärbten Haaren, hautengen Anzügen und einer Band namens Spiders from Mars – Mick Ronson, Trevor Bolder und Mick Woodmansey. Als Bowie im Juli 1972 bei Top of the Pops „Starman“ sang und dabei lässig den Arm um Ronson legte, sahen Millionen britische Jugendliche zu. Viele spätere Musiker haben erzählt, dass dieser Auftritt ihr Leben verändert habe.
Das Album zur Figur, The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, machte Bowie zum Star. Gleichzeitig half er anderen: Er schrieb „All the Young Dudes“ für Mott the Hoople und produzierte mit Mick Ronson Lou Reeds Transformer. Am 3. Juli 1973 verkündete er auf der Bühne des Hammersmith Odeon, dies sei die letzte Show – gemeint war nicht er selbst, sondern Ziggy.
1974–1976
04 Amerika: Soul, Film und der Thin White Duke
Mitte der Siebziger zog es Bowie in die USA. In den Sigma Sound Studios in Philadelphia nahm er Young Americans auf, ein Album voller Soul, das er selbst halb spöttisch „Plastic Soul“ nannte. Der Song „Fame“, den er mit John Lennon und dem Gitarristen Carlos Alomar schrieb, wurde 1975 sein erster Nummer-eins-Hit in Amerika. Im selben Jahr drehte er seine erste große Filmrolle, als Außerirdischer in Nicolas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“.
Ende 1975 nahm Bowie in Los Angeles Station to Station auf. Das Album erschien Anfang 1976 und brachte eine neue Figur mit: den Thin White Duke, elegant, kühl und distanziert. Musikalisch verbindet es amerikanischen Funk mit der Strenge deutscher Bands wie Kraftwerk und Neu!, und es enthält mit dem zehnminütigen Titelstück und „Wild Is the Wind“ einige seiner eindringlichsten Aufnahmen. Bowie nahm in dieser Zeit viele Drogen und sagte später, er erinnere sich an die Aufnahmen kaum.
1976–1979
05 Berlin
Im Herbst 1976 zog Bowie nach West-Berlin, zusammen mit seinem Freund Iggy Pop, in eine Wohnung in der Hauptstraße in Schöneberg. Er wollte weg aus Los Angeles, weg von den Drogen, und er suchte einen neuen Klang. Mit Brian Eno und dem Produzenten Tony Visconti entstanden in rascher Folge drei Alben: Low und „Heroes“ 1977 und Lodger 1979. Auf Low und „Heroes“ steht jeweils eine ganze Plattenseite mit fast wortlosen, elektronischen Stücken.
„Heroes“ wurde in den Hansa Studios aufgenommen, nur wenige hundert Meter von der Mauer entfernt. Der Titelsong erzählt von einem Liebespaar, das sich an der Mauer küsst, und wurde zu einer Hymne der geteilten Stadt. Nebenbei produzierte Bowie in dieser Zeit Iggy Pops Alben The Idiot und Lust for Life.
1980–1989
06 Die Achtziger: Let’s Dance
Mit Scary Monsters und dem Song „Ashes to Ashes“ holte Bowie 1980 noch einmal Major Tom zurück – diesmal als gescheiterte Figur. 1981 nahm er zusammen mit Queen „Under Pressure“ auf, fast aus einer spontanen Studiosession heraus.
Dann wollte er einmal ganz bewusst ein großes Publikum erreichen. Für Let’s Dance holte er 1983 Nile Rodgers von Chic als Produzenten und einen damals noch unbekannten Gitarristen aus Texas: Stevie Ray Vaughan. Das Album mit „Let’s Dance“, „China Girl“ und „Modern Love“ wurde sein größter Verkaufserfolg, die folgende Tournee füllte Stadien.
1987 spielte Bowie vor dem Reichstag in West-Berlin. Auf der Ostseite der Mauer versammelten sich Tausende, um mitzuhören. Knapp dreißig Jahre später, nach seinem Tod, bedankte sich das Auswärtige Amt öffentlich bei ihm dafür, dass er geholfen habe, die Mauer zu Fall zu bringen. Mit den beiden nächsten Alben war Bowie selbst unzufrieden, und 1989 versteckte er sich eine Weile in der Rockband Tin Machine, in der er nur ein Mitglied unter vieren sein wollte.
1990–2004
07 Die Neunziger: Suchen und Ausprobieren
In den Neunzigern arbeitete Bowie wieder frei von Erwartungen. Mit Brian Eno nahm er 1995 das düstere Konzeptalbum Outside auf, 1997 folgte Earthling mit Drum ’n’ Bass und Industrial-Einflüssen. Nicht alles davon fand ein großes Publikum, aber Bowie war wieder neugierig – und oft früher dran als andere.
Das galt auch abseits der Musik. 1996 wurde er in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, und 1998 startete er mit BowieNet einen eigenen Internetzugang für Fans – zu einer Zeit, als viele Plattenfirmen das Netz noch für eine Mode hielten. Nach den Alben Heathen und Reality und einer langen Tournee zog er sich 2004 fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück.
2013–2016
08 Das letzte Kapitel
Fast zehn Jahre lang hörte man nichts Neues von ihm. Dann, am Morgen seines 66. Geburtstags im Januar 2013, erschien ohne jede Ankündigung die Single „Where Are We Now?“, ein leiser Rückblick auf seine Berliner Jahre. Das Album The Next Day folgte zwei Monate später. Niemand hatte davon gewusst, auch nicht die Musikpresse.
Für sein nächstes Album holte Bowie eine Jazzband aus New York um den Saxofonisten Donny McCaslin. Blackstar erschien am 8. Januar 2016, seinem 69. Geburtstag. Zwei Tage später starb David Bowie in New York an Krebs; von der Erkrankung hatte die Öffentlichkeit nichts gewusst. Erst jetzt verstanden viele, dass Songs wie „Lazarus“ von seinem eigenen Ende erzählen.
Er hat Blackstar für uns gemacht, sein Abschiedsgeschenk.
Womit anfangen?
Ziggy Stardust: kurz, eingängig, mit einer Geschichte, die sich durch das ganze Album zieht – der ideale Einstieg, auch für Gäste, die Bowie nur von den Hits kennen. Station to Station ist der Abend für alle, die es dunkler und länger mögen. Blackstar sollte man erst hören, wenn man weiß, was danach kam. Zur Album-Story →
Die Alben bei Musik Ungestört
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David Bowie
The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars
1972rund 39 Minuten
Der Moment, in dem sich ein Musiker in eine Kunstfigur verwandelte – und fast nicht mehr zurückfand.
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David Bowie
Station to Station
1976rund 38 Minuten
David Bowies Station to Station von 1976 zeigt in sechs Tracks den Bruch zwischen amerikanischem Funk und der später folgenden Berlin-Trilogie, aufgenommen in einer Schaffensphase, an die sich der Künstler selbst kaum noch erinnerte.
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David Bowie
Blackstar
2016rund 41 Minuten
Sieben Tracks, einundvierzig Minuten, eine bestehende Jazzband. Der Anfang dauert fast zehn Minuten, bevor irgendetwas Vertrautes kommt.
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Lou Reed
Transformer
1972rund 37 Minuten
Bowie produzierte 1972 zusammen mit Mick Ronson Lou Reeds Transformer.
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Brian Eno
Ambient 1: Music for Airports
1978rund 42 Minuten
Brian Eno, Bowies Partner in den Berliner Jahren, gab kurz darauf der Ambient-Musik ihren Namen.
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Chic
Risqué
1979rund 37 Minuten
Nile Rodgers von Chic produzierte 1983 Let’s Dance.
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Stevie Ray Vaughan and Double Trouble
Texas Flood
1983rund 38 Minuten
Stevie Ray Vaughan spielte die Gitarrensoli auf Let’s Dance – im selben Jahr erschien sein eigenes Debüt.
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Queen
A Night at the Opera
1975rund 43 Minuten
Queen und Bowie nahmen 1981 gemeinsam „Under Pressure“ auf.
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