Musik Ungestört – ungestört & analog Termin anfragen

1985Albumvorschlag

Rain Dogs

Tom Waits

Neunzehn Songs über Menschen, die der Regen von ihrem Weg abgebracht hat – gespielt auf Marimba, Akkordeon, Kontrabass und einer Kommode, die beim letzten Takt zusammenbrach.

Tom Waits schrieb Rain Dogs im Herbst 1984 in einem Kellerraum in Lower Manhattan und nahm es 1985 in New York auf, mit Marc Ribot, Keith Richards und einem Arsenal an Schlagwerk. Ein Album wie ein Stadtplan: lauter kleine Straßen, die alle irgendwo hinführen.

  • Laufzeitrund 54 Minuten
  • Titel19
  • Jahr1985
  • AufgenommenRCA Studios, New York (1985)
Das Albumcover von Rain Dogs: ein Schwarz-Weiß-Foto einer lachenden Frau, die einen Mann mit geschlossenen Augen im Arm hält, darüber der Name Tom Waits in Gelb, rechts senkrecht der Titel in Rot.
Tom Waits, Rain Dogs, Island Records 1985. Coverfoto Anders Petersen, Art Direction Peter Corriston. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Singapore2:46
  2. Clap Hands3:47
  3. Cemetery Polka1:51
  4. Jockey Full of Bourbon2:45
  5. Tango Till They're Sore2:49
  6. Big Black Mariah2:44
  7. Diamonds & Gold2:31
  8. Hang Down Your Head2:32
  9. Time3:55
  10. Rain Dogs2:56
  11. Midtown1:00
  12. 9th & Hennepin1:58
  13. Gun Street Girl4:37
  14. Union Square2:24
  15. Blind Love4:18
  16. Walking Spanish3:05
  17. Downtown Train3:53
  18. Bride of Rain Dog1:07
  19. Anywhere I Lay My Head2:48

Zum Cover

Eine Frau lacht mit weit offenem Mund, in ihren Armen lehnt ein Mann mit nacktem Oberkörper und geschlossenen Augen, das Gesicht an ihrem Hals. Darüber steht „Tom Waits“ in gelben Buchstaben, rechts läuft der Titel senkrecht in Rot nach unten.

Wer das Bild für ein Porträt von Waits hält, liegt falsch. Das Foto stammt vom schwedischen Fotografen Anders Petersen, aus seiner Serie im Café Lehmitz, einer Kneipe nahe der Reeperbahn in Hamburg, entstanden Ende der Sechzigerjahre. Die beiden sind als Lilly und Rose bekannt; der Mann trug seinen Spitznamen wegen einer tätowierten Rose auf der Brust. 1978 erschien die Serie als Buch.

Wie Waits auf das Bild stieß, ist nicht dokumentiert. Dass es passt, liegt auf der Hand: Petersen hat das Café als einen Ort beschrieben, an dem man verzweifelt und zärtlich sein durfte, allein oder in Gesellschaft. Genau davon handeln die neunzehn Songs. Als das Buch 2023 neu aufgelegt wurde, schrieb Waits das Vorwort.

Coverfoto: Anders Petersen, „Lilly and Rose“, Café Lehmitz, Hamburg
Rückseite: Robert Frank
Art Direction: Peter Corriston
Label: Island Records, 1985
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„If I want a sound, I usually feel better if I've chased it and killed it, skinned it and cooked it.“

Tom Waits über seine Abneigung gegen fertige Klänge aus der Konserve

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Rain Dogs entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Im Studio stimmt das Schlagzeug für „Singapore“ nicht. Also holt man eine Kommode ins Badezimmer und schlägt mit einem Kantholz darauf. Waits hat die Szene später im Radio erzählt: Beim letzten Takt des Songs war das Möbelstück in sich zusammengebrochen. Man hört es auf der Platte.

Das ist keine Spielerei, sondern Methode. Waits wollte keine Klänge aus dem Katalog, sondern solche, die man selbst findet. Wenn er etwas selbst finde und an die Wand nagle, dann gehöre es ihm, hat er gesagt.

Ein Schlagzeug ohne Becken

Der Schlagzeuger Stephen Hodges sollte auf Becken verzichten und stattdessen auf den Trommeln spielen. Daraus entsteht der dumpfe, fast rituelle Rhythmus, der das ganze Album trägt: kein Zischen, kein Glanz, eher ein Klopfen an der Tür.

02Wie Rain Dogs entstand

Die Songs schrieb Waits im Herbst 1984 in zwei Monaten, in einem Kellerraum an der Ecke Washington und Horatio Street in Lower Manhattan. Es sei ein guter Ort zum Arbeiten gewesen, sehr ruhig, nur ab und zu Wasser in den Rohren, „sort of like being in a vault“. Draußen nahm er mit einem Kassettenrekorder Straßengeräusche und Gesprächsfetzen auf, um den Klang der Stadt einzufangen.

Die Figuren der Songs sind die Entwurzelten New Yorks. Rain Dogs, so hat Waits den Titel erklärt, seien Menschen, die draußen leben, und der Regen wasche ihnen jede Spur und jede Richtung weg.

Keith Richards im Studio

Auf drei Songs spielt Keith Richards Gitarre und singt mit: „Big Black Mariah“, „Union Square“ und „Blind Love“. Bei „Big Black Mariah“ erklärte Waits den Groove, indem er sich dazu bewegte. Richards verstand sofort und fragte nur, warum er das nicht gleich so gemacht habe: „Oh, why didn't you do that to begin with?“

03Der Klang

Für den Gitarristen Marc Ribot war es die erste Arbeit mit Waits. Geprobt wurde kaum, viele Teile entstanden im ersten oder zweiten Durchgang. Ribot hat später gesagt, er habe damals geglaubt, alle würden Platten so machen wie Tom Waits – es war seine erste Produktion für ein großes Label.

Statt Synthesizern gibt es Marimba, Akkordeon, Kontrabass, Posaune, Banjo, Harmonium und Saxofone, die mal nach Jazzkeller und mal nach Blaskapelle klingen. Der Musikexpress sprach von einer Rhythmusvielfalt zwischen Captain Beefheart und Kurt Weill.

Ein Hit für andere

Downtown Train

Der eingängigste Song des Albums wurde erst durch einen anderen berühmt: Rod Stewart hatte 1990 einen großen Hit mit „Downtown Train“. Wer das Original hört, versteht, warum der Song so gut funktioniert – und warum er bei Waits trotzdem rauer, müder und schöner klingt.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Rain Dogs ist der Mittelteil einer lockeren Trilogie, die mit Swordfishtrombones (1983) beginnt und mit Franks Wild Years (1987) endet. Zusammengehalten wird es nicht von einer Geschichte, sondern von einem Ort und seinen Menschen. Waits hat über seine Figuren gesagt, sie seien hier falsch abgebogen und dort, durch eine Tür gegangen, und irgendjemand habe sie mitgenommen.

Neunzehn Stationen

Die Songs sind kurz, viele unter drei Minuten, und folgen aufeinander wie Straßenecken bei einem nächtlichen Gang durch die Stadt: Polka, Tango, Blues, eine Ballade, ein Instrumental von einer Minute. Der New York Times-Kritiker Robert Palmer nannte es das beste und wandlungsfähigste Popalbum des Jahres. Der NME kürte es zum Album des Jahres 1985. In den Charts blieb es bescheiden – und wurde über die Jahre immer größer.

05Warum es einen Abend trägt

Dreiundfünfzig Minuten, zwei Seiten, neunzehn Titel: Das klingt nach Sammlung, hört sich aber an wie ein Abend in einer Kneipe, in der jeder Gast eine Geschichte hat. Seite A endet mit „Time“, einer der schönsten Balladen, die Waits geschrieben hat. Seite B schließt mit dem kurzen Instrumental „Bride of Rain Dog“ und dann „Anywhere I Lay My Head“, das klingt wie ein Trauerzug in New Orleans, der auf halbem Weg zu feiern beginnt.

Ein Album für die zweite Hälfte des Abends

Wer Rain Dogs am Stück hört, braucht keinen Hit, auf den er wartet. Man lässt sich treiben, von einer Figur zur nächsten, bis am Ende alle zusammen am selben Tisch sitzen.

Wo ist man zu Hause, wenn der Regen jede Spur verwischt hat?