1997Albumvorschlag
Time Out of Mind
Bob Dylan
Die Lieder über das Dunkelwerden waren fertig, bevor Dylan im Frühjahr 1997 lebensgefährlich erkrankte. Erschienen sind sie erst danach – und seitdem hört man sie wie einen Abschied, der keiner war.
Elf Songs, dreiundsiebzig Minuten, ein Studio in Miami voller Musiker, die gleichzeitig spielten. Dylans erstes Album mit neuen eigenen Liedern seit 1990 klingt, als käme es aus einem Nebel. Dass der Nebel gewollt war, ist belegt. Dass Dylan ihn später selbst infrage stellte, auch.
- Laufzeitrund 73 Minuten
- Titel11
- Jahr1997
- AufgenommenCriteria Studios, Miami (Januar 1997), Vorarbeiten im Teatro, Oxnard (Herbst 1996)
Tracklist
- Love Sick5:21
- Dirt Road Blues3:36
- Standing in the Doorway7:43
- Million Miles5:52
- Tryin' to Get to Heaven5:21
- 'Til I Fell in Love with You5:17
- Not Dark Yet6:29
- Cold Irons Bound7:15
- Make You Feel My Love3:32
- Can't Wait5:47
- Highlands16:31
Zum Cover
Ein Mann mit Gitarre, sitzend im Regieraum eines Studios, um ihn herum Mischpult, Kabel und Geräte. Das Bild ist körnig, unscharf und fast schwarz-weiß. Darüber liegt ein brauner Balken mit Name und Titel, in dem das Wort „Out“ ein Stück nach unten rutscht.
Fotografiert hat es Daniel Lanois, der Produzent des Albums – ein Schnappschuss während der Arbeit, kein inszeniertes Porträt. Vermutlich entstand es in den Criteria Studios in Miami, eindeutig belegt ist der Ort nicht. Hinter dem Mischpult ist schemenhaft eine zweite Gestalt zu erkennen. Den Balken mit der Schrift setzte Art Director Geoff Gans darüber.
Warum ausgerechnet ein unscharfes Bild, dazu gibt es keine Aussage von Dylan oder Lanois. Überliefert ist nur eine kleine Anekdote: Gans faxte Dylan eines der Fotos für das Album, und Dylan gefiel das Fax besser als das Original. Das passt zu einer Platte, deren Klang bewusst durch Hall und Verzerrung gefiltert ist. Auch das Cover zeigt Dylan nicht klar, sondern so, wie man jemanden durch eine beschlagene Scheibe sieht.
Fotografie: Daniel Lanois (Vorderseite), Mark Seliger (Rückseite)
Art Direction: Geoff Gans
Label: Columbia Records, 1997
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I've never even heard two pedal steels played at the same time before!“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Time Out of Mind entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Januar 1997, Criteria Studios in Miami. In einem Raum sitzen zwölf Musiker und spielen gleichzeitig, live, ohne dass einer nach dem anderen seine Spur aufnimmt. Es gibt drei Schlagzeuge. Es gibt zwei Pedal-Steel-Gitarren. Jim Dickinson, der als Keyboarder dabei war und in seinem Leben viele Studios gesehen hatte, erinnerte sich später vor allem an dieses Detail: Zwei Pedal-Steels gleichzeitig habe er vorher noch nie gehört.
Zu den Musikern gehörten die Schlagzeuger Jim Keltner und Brian Blade, der Organist Augie Meyers, der Gitarrist Duke Robillard, Dylans Tourbassist Tony Garnier und der Produzent Daniel Lanois selbst an der Gitarre. Als Vorbild für den Klang nannte Dylan frühe Bluesmusiker wie Charley Patton, Little Walter und Little Willie John.
Ein Chor aus Rhythmen
Der Punkt an dieser Szene ist nicht die Größe der Besetzung. Es ist die Absicht dahinter. Mehrere Schlagzeuger, die gleichzeitig spielen, erzeugen keinen präzisen Takt, sondern ein leicht schwankendes Fundament, auf dem die Songs liegen wie auf einem Boot. Genau diese Unruhe hört man auf der fertigen Platte – nicht als Fehler, sondern als Klangfarbe.
02Wie Time Out of Mind entstand
Die Songs schrieb Dylan im Winter 1996 auf seiner Farm in Minnesota. Im Herbst 1996 ging er mit Daniel Lanois ins Teatro, Lanois' Studio in einem ehemaligen Kino in Oxnard, Kalifornien, und nahm mit kleiner Besetzung erste Fassungen auf: Dylan an Gitarre und Klavier, Lanois an Gitarre und Orgel, Tony Garnier am Bass, Tony Mangurian am Schlagzeug. An den Texten schrieb Dylan bis in den Januar 1997 weiter, als die eigentlichen Aufnahmen in Miami begannen.
Leicht war das nicht. Dylan hat die Arbeit später so beschrieben: „My recollection of that record is that it was a struggle. A struggle every inch of the way.“ Lanois arbeitete mit einem Sony-C37A-Mikrofon und mit einer Technik, die es erlaubte, neue oder geänderte Textzeilen nachträglich in eine bestehende Aufnahme einzufügen – wichtig bei einem Sänger, der seine Texte bis zuletzt umschrieb.
Krank nach der Arbeit, nicht davor
Kurz nachdem das Album fertig war, erkrankte Dylan schwer: eine Histoplasmose, eine Pilzinfektion, die den Herzbeutel entzündete. Die anstehende Tournee wurde abgesagt, am 3. Juni 1997 verließ er das Krankenhaus. Sein Satz dazu ging um die Welt: „I really thought I'd be seeing Elvis soon.“
Weil das Album erst am 30. September 1997 erschien, wurde es sofort als Werk eines Mannes gelesen, der dem Tod gerade entkommen war. Die Reihenfolge stimmt aber nicht: Alle Songs waren aufgenommen, bevor Dylan ins Krankenhaus kam. Wenn er in „Not Dark Yet“ singt, es sei noch nicht dunkel, aber es werde dunkel, dann schrieb das ein Mann Mitte fünfzig über das Älterwerden – nicht einer, der gerade aus dem Krankenhaus kam.
03Der Klang
Lanois behandelte Dylans Stimme wie ein Instrument, das man verzerren darf. Über den Eröffnungssong „Love Sick“ sagte er: „We treated the voice almost like a harmonica when you over-drive it through a small guitar amplifier.“ Die Stimme klingt dadurch rau, etwas entfernt, wie durch eine Wand. Dazu kommen Hall, Orgelflächen und die wabernden Schlagzeuge aus Miami. Das Ergebnis ist dunkel, schwer und warm zugleich – ein Sound, der eher nach Dämmerung als nach Studio klingt.
Selbst das Cover passt dazu: ein unscharfes Foto von Dylan im Studio, das Lanois selbst aufgenommen hat. Man erkennt ihn, aber nicht genau.
Dylans eigener Zweifel
Dylan selbst war mit diesem Klang nie ganz im Reinen. Im Rückblick sagte er, das Album klinge für ihn „a little off“. Er gestand aber auch zu, dass der Sound für diese Platte entscheidend sei – eine typische Dylan-Haltung: Distanz zum eigenen Werk, ohne es zu verwerfen.
Zwei Fassungen
Fragments
Am 27. Januar 2023 erschien mit Fragments – Time Out of Mind Sessions (1996–1997) eine neue Fassung des Albums. Der Toningenieur Michael H. Brauer hat es neu abgemischt, und zwar so, dass es mehr danach klingt, wie die Musiker die Songs damals im Raum gespielt haben: ohne die Effekte und Bearbeitungen, die Lanois später hinzufügte. Wer beide Fassungen nacheinander hört, hört genau den Unterschied, um den es hier geht – dieselben Songs, einmal im Nebel, einmal bei klarer Sicht.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Anfang der Neunziger hatte Dylan zwei Alben mit alten Folk- und Bluesstücken veröffentlicht, aber sieben Jahre lang keine neuen eigenen Songs. Time Out of Mind brach diese Pause, und es tat das nicht mit einer Sammlung einzelner Lieder, sondern mit einer durchgehenden Stimmung. Die Songs handeln von Liebe, die vorbei ist, von Wegen, die nirgendwohin führen, von einer Zeit, die davonläuft. Keiner davon ist ein Hit im klassischen Sinn. Zusammen ergeben sie eine Landschaft.
Drei Grammys für eine späte Platte
Das Publikum verstand das sofort. Das Album erreichte Platz 10 in den USA und in Großbritannien, Platz 6 in Deutschland. Im Februar 1998 gewann es den Grammy als Album des Jahres, dazu den Preis für das beste zeitgenössische Folk-Album und für die beste männliche Rock-Gesangsleistung mit „Cold Irons Bound“. Bei der Preisverleihung dankte Dylan trocken dem Chef seiner Plattenfirma, der ihn überredet habe, das Album zu veröffentlichen – „although his favorite songs aren't on it“.
Ein Song dieser Platte hat ein ganz eigenes Leben bekommen: „Make You Feel My Love“, eine schlichte Ballade, die unter anderem Billy Joel, Garth Brooks und Adele aufgenommen haben. Auf dem Album steht sie fast unscheinbar zwischen zwei düsteren Blues-Nummern.
05Warum es einen Abend trägt
Dreiundsiebzig Minuten sind lang für ein Album. Aber Time Out of Mind nutzt diese Länge, um langsam zu werden. Es beginnt mit dem schleppenden Puls von „Love Sick“, wandert durch Blues, Balladen und Nachtstücke, und endet mit „Highlands“, das allein über sechzehn Minuten dauert: ein Mann, der durch eine Stadt geht, in ein Restaurant, mit einer Kellnerin spricht und dabei an die schottischen Highlands denkt. Kein Refrain drängt, keine Pointe wartet. Man geht einfach mit.
Ein Album für die späte Stunde
Für einen gemeinsamen Hörabend ist das ein Geschenk: eine Platte, die keine Eile kennt und keine verlangt. Sie funktioniert am besten, wenn es draußen dunkel wird und drinnen niemand mehr auf die Uhr schaut. Wer bis zum Ende von „Highlands“ zuhört, hat nicht elf Lieder gehört, sondern eine lange Nacht mit einem Mann verbracht, der ahnt, dass die Zeit knapp wird – und trotzdem noch einmal losgeht.
Wie klingt ein Abschied, wenn der Mann, der ihn singt, danach noch fast drei Jahrzehnte weitermacht?
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