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1994Albumvorschlag

Ready to Die

The Notorious B.I.G.

Das Cover zeigt ein Baby mit Afro. Der letzte Track des Albums endet mit einem Schuss. Dazwischen liegt, als durchlaufende Erzählung, ein ganzes Leben.

Siebzehn Tracks, zwei Aufnahme-Etappen und ein Executive Producer, der aus einem Straßenverkäufer aus Brooklyn einen Radiokünstler machen wollte, ohne die Straße zu verlieren. Was man von diesem Album kennt, sind „Juicy“ und „Big Poppa“. Was dahinter steht, ist eine bewusst gebaute Lebensgeschichte.

  • Laufzeitrund 69 Minuten
  • Titel17
  • Jahr1994
  • AufgenommenThe Hit Factory und D&D Studios, New York City
Das Albumcover von Ready to Die: ein Baby mit Afro vor schwarzem Grund, darüber in Rot der Titel und der Künstlername.
The Notorious B.I.G., Ready to Die, Bad Boy Records / Arista Records 1994. Fotografie Butch Bel Air. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Intro3:24
  2. Things Done Changed3:58
  3. Gimme the Loot5:04
  4. Machine Gun Funk4:17
  5. Warning3:40
  6. Ready to Die4:24
  7. One More Chance4:43
  8. Fuck Me (Interlude)1:31
  9. The What (feat. Method Man)3:57
  10. Juicy5:02
  11. Everyday Struggle5:19
  12. Me & My Bitch4:00
  13. Big Poppa4:13
  14. Respect5:21
  15. Friend of Mine3:28
  16. Unbelievable3:43
  17. Suicidal Thoughts2:50

„Ich bin dieses Dude nachgegangen, und ich war einfach überrascht, wie fertig er schon war. Der Typ hat nichts aufgeschrieben.“

Easy Mo Bee Produzent von sechs Tracks des Albums, im Gespräch mit XXL über die ersten gemeinsamen Studiosessions mit Biggie

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Ready to Die entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Der letzte Track des Albums heißt „Suicidal Thoughts“. Christopher Wallace ruft darin nachts seinen Freund Sean „Puffy“ Combs an, spricht über Schuld, über das Gefühl, seiner Mutter und seinem Kind nichts als Ärger gebracht zu haben – und beendet den Anruf mit einem Schuss. Danach: Stille, ein Wählton. Kein Refrain, kein Ausklang, kein Hinweis, dass gleich noch etwas kommt. Für ein Debütalbum, das eine Karriere eröffnen sollte, ist das ein ungewöhnliches Schlusswort.

Der Track ist als fiktives Ende komponiert, nicht als Ankündigung. Wallace selbst hat den Albumtitel gegenüber der Presse ausdrücklich erklärt: „When I say I'm Ready to Die, people may be, like, ‚Oh, he's on some killing himself shit.' That's not what I meant. I meant that I was willing to go all out a hundred percent as far as the music was concerned.“ Der Titel meint also die kompromisslose Haltung zur Musik, nicht einen Todeswunsch – und genau diese Doppeldeutigkeit macht den letzten Track so unbequem: Er nimmt eine Metapher wörtlich und führt sie bis zum Ende durch.

Die „Intro“ als Geburt

Was diese Szene über das ganze Album sagt, steht in der Konstruktion dahinter. Die siebzehn Tracks sind, mehreren Quellen zufolge, bewusst als Lebensbogen angeordnet: Die „Intro“ beginnt mit der Geburt, die folgenden Tracks zeichnen den Weg vom Kind in Brooklyn über den Straßenverkäufer zum Rapper nach, und „Suicidal Thoughts“ schließt diesen Bogen mit einem fiktiven Tod. Kein anderes Rap-Debüt dieser Zeit hat sich so konsequent als eine einzige, durchlaufende Geschichte verstanden statt als Sammlung von Singles.

Ob Wallace den Kreis bewusst zur Geburt zurückführte oder ob sich das erst beim Zusammenstellen der Reihenfolge ergab, ist in den vorliegenden Quellen nicht eindeutig geklärt. Sicher ist nur, was am Ende auf dem Band steht: ein Anruf, ein Schuss, dann nichts mehr.

02Wie Ready to Die entstand

Aufgenommen wurde das Album übereinstimmenden Angaben zufolge zwischen Dezember 1993 und Juni 1994 in der Hit Factory und in den D&D Studios in New York. Executive Producer war Sean „Puffy“ Combs, der Wallace noch bei Uptown Records unter Vertrag genommen hatte und ihn nach seiner eigenen Entlassung mit zu seinem neuen Label Bad Boy Records nahm. Veröffentlicht wurde die Platte am 13. September 1994 über Bad Boy und Arista Records.

Die Aufnahmen liefen, mehreren Darstellungen zufolge, in zwei erkennbar unterschiedlichen Phasen. Die früheren Sessions, noch unter dem Eindruck von Wallaces Alltag als Straßenverkäufer, ergaben das härtere, unmittelbarere Material – „Ready to Die“, „Gimme the Loot“, „Things Done Changed“. Für den Grundklang dieser Tracks war maßgeblich Easy Mo Bee verantwortlich, der insgesamt sechs Produktionen beisteuerte. Er war, nach eigener Aussage, der erste Produzent, mit dem Wallace „in ein echtes Studio“ ging, und er hat die Begegnung so beschrieben: „I was just so surprised at how ready he was. Dude was not writing nothing down. He would just go into the booth and bang out three verses from his head.“ Seine Einschätzung von damals: „This dude is special, man.“

Als Combs Bad Boy gegründet hatte, drängte er nach mehreren Berichten auf radiotauglicheres Material für die zweite Aufnahmephase. Aus dieser Phase stammen „Juicy“, „Big Poppa“ und „One More Chance“, produziert unter anderem von Chucky Thompson, dem Duo Poke & Tone (als „Trackmasters“) und Combs selbst. Wallace hat diese Arbeitsteilung im Rückblick selbst benannt: „[Puff] wanna make hits. That's what he thrives on. So whatever he tell me to do … I'm down.“ An anderer Stelle beschreibt er die Zusammenarbeit konkreter: „You can give me my little limitations, but when I get a track, I ask him, ‚What do you want from this.'“

Method Man als einziger Gast

Einen Gastauftritt erlaubte sich das Album nur einmal: Method Man ist auf „The What“ zu hören, einer von Easy Mo Bee produzierten Nummer. Alles andere trägt Wallace allein. Das Cover, ein Baby mit Afro vor schwarzem Grund, wurde später als bewusste Klammer zum Konzept gedeutet: von der Geburt bis zum Ende der Platte. Wer auf dem Foto tatsächlich zu sehen ist, ist nicht sicher geklärt – ein Bericht der New York Daily News von 2011 nannte einen Namen, den Bad Boy Records nicht bestätigen konnte.

Fast auf diesem Album

Who Shot Ya?

Ein Track fiel der Radiostrategie zum Opfer: „Who Shot Ya?“ war ursprünglich für dieses Album vorgesehen, Combs nahm ihn aber wieder heraus, weil er ihm für das Radio „zu hart“ erschien. Erst als B-Seite zur Single „Big Poppa“/„Warning“ im Februar 1995 kam er heraus – und wurde, wohl ungewollt, zu einem der meistdiskutierten Tracks des Jahrzehnts.

03Der Klang

Ready to Die trägt zwei Klangfarben nebeneinander, ohne sie zu vermischen. Die eine ist roh: dichte, souldurchsetzte Samples, staubige Drums, wenig Zierrat. Die andere ist glatt: gesungene Hooks, R&B-Anleihen, Produktionen, die auf Radiorotation gebaut sind. Beide Farben liegen auf derselben Platte, oft im direkten Wechsel – auf das harte „Warning“ folgt das eingängige „Ready to Die“, auf das kompromisslose „Everyday Struggle“ das polierte „Me & My Bitch“.

Was diese beiden Register zusammenhält, ist Wallaces Stimme: tief, ruhig gesprochen, selbst in den härtesten Zeilen kontrolliert. Er wechselt zwischen Erzähler und Figur, zwischen genauer Beobachtung und Pose, ohne den Tonfall zu ändern. Easy Mo Bee hat den Beitrag seiner eigenen Produktionen so zusammengefasst: „I'm just happy that I was there in the beginning to inject that first funk, that first grit and grime.“ Über die Bedeutung dieses frühen Fundaments für das gesamte spätere Werk sagte er: „No matter where he would have taken it, they would always return to the blueprint of Ready to Die.“

Skepsis vor „Juicy“

Bei den eingängigeren Tracks ist die Handschrift eine andere. DJ Premier steuerte mit „Unbelievable“ einen Beat mit gescratchtem Sample bei; einer Schilderung zufolge gab Wallace ihm dafür nur eine knappe Anweisung zum verwendeten Sample: „Flip that and just do some shit to it.“ Bei „Juicy“, dem Track, der die Platte kommerziell öffnete, soll Wallace zunächst skeptisch gewesen sein – „I'm not getting on anything like that. It's too soft“ – bevor er sich auf das gesungene Sample und den autobiografischen Text einließ, der seinen Weg vom Straßenverkauf zum Plattenvertrag nacherzählt.

Lord Finesse wiederum hält den Schlusstrack „Suicidal Thoughts“ bewusst karg: ein einziges Klavier-Loop, kaum Schlagwerk, Raum für nichts als die Stimme am Telefon. Nach sechzehn Tracks mit Beats, Hooks und Gästen bleibt am Ende nur noch ein Mensch und ein Hörer am anderen Ende der Leitung.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Siebzehn Tracks, siebzehn verschiedene Beats von acht oder neun Produzenten – und trotzdem liest sich die Platte wie aus einem Guss. Der Grund liegt nicht im Sound, sondern in der Reihenfolge. Die „Intro“ montiert Kindheitsgeräusche, Straßenlärm und Ausschnitte bekannter Rap-Platten zu einer Art Vorspann, wie ein Film, der mit der Geburt der Hauptfigur beginnt. Danach folgt der Aufstieg: Kindheit und Straßenkriminalität in „Things Done Changed“ und „Gimme the Loot“, der Wechsel zu Ruhm und Geld in „Juicy“ und „Big Poppa“, zunehmende Paranoia in „Everyday Struggle“ – bis der Bogen in „Suicidal Thoughts“ endet.

Das ist der Punkt, an dem sich diese Platte von den meisten Rap-Alben ihrer Zeit unterscheidet: Sie versteht sich als Konzeptalbum, als eine einzige erzählte Biografie, nicht als Zusammenstellung möglicher Singles. Die kommerziellen Tracks sind darin kein Fremdkörper, sondern eine Kapitelüberschrift – der Moment, in dem die Hauptfigur der Geschichte tatsächlich Erfolg hat, bevor die Platte ihn wieder in Zweifel stürzt.

Zwei Publika gleichzeitig

Dass diese Konstruktion funktioniert, ist zu einem erheblichen Teil das Verdienst von Combs' Rolle als Executive Producer. Er wählte aus, was von den Sessions auf die Platte kam, und was – wie „Who Shot Ya?“ – für später zurückgestellt wurde, um den Erzählbogen nicht zu stören. Kritisch angemerkt wird deshalb gelegentlich, dass die Platte zwei Publika gleichzeitig bedienen wollte: die, die die Straßentracks suchten, und die, die die Radiohits kauften. Dieser Vorwurf lässt sich nicht entkräften – er trifft zu. Was er übersieht, ist, dass genau diese Doppelung die Erzählung trägt: Eine Lebensgeschichte, die nur aus Härte bestünde, wäre unvollständig, und eine, die nur aus Erfolg bestünde, wäre eine andere Platte gewesen.

05Warum es einen Abend trägt

Knapp neunundsechzig Minuten, siebzehn Tracks, ein Bogen von der Geburt zum fiktiven Tod. Wer sich das Album an einem Stück anhört, hört keine Hit-Sammlung, sondern eine Erzählung mit Anfangsszene, Wendepunkt und einem Schlussbild, das absichtlich keine Auflösung bietet.

Die Reihenfolge macht dabei einen Unterschied, den einzelne Streams nicht mehr zeigen. Nach den frühen, harten Tracks kommt mit „Juicy“ eine spürbare Öffnung – und wer die Platte durchhört, merkt, wie schnell diese Öffnung wieder zurückgenommen wird: „Everyday Struggle“ und „Me & My Bitch“ holen die Erzählung zurück in Enge und Kontrolle, bevor der Schlussteil sie ganz hinunterzieht. Ein einzelner Track vermittelt diese Bewegung nicht.

Der letzte Track verlangt außerdem etwas von einer Runde, das ein Radiohit nicht verlangt: Stille danach. „Suicidal Thoughts“ endet mit einem Schuss und einem Wählton, ohne Ausblende, ohne Übergang zu etwas Versöhnlicherem. Wer das Album als Ganzes hört, hört diesen Schnitt mit voller Wucht, weil sechzehn Tracks vorher eine Person aufgebaut haben, die man kennt. Danach muss niemand sofort etwas sagen.

Ready to Die ist bis heute in Kritikerlisten präsent: Rolling Stone führte es 2020 auf Platz 22 der 500 größten Alben aller Zeiten und damit als das höchstplatzierte Hip-Hop-Album der Liste; Pitchfork setzte es auf Platz 14 der besten Alben der Neunziger. 2024 nahm die US-Library of Congress die Platte in ihr National Recording Registry auf. Schon zur Veröffentlichung hatte Cheo H. Coker im Rolling Stone geschrieben, es sei „the strongest solo rap debut since Ice Cube's AmeriKKKa's Most Wanted“.

Der 9. März 1997

Zurückhaltend muss man mit dem bleiben, was danach kam. Wallace wurde am 9. März 1997 erschossen, sechzehn Tage vor der Veröffentlichung seines zweiten Albums. Ready to Die blieb damit das einzige Album, das zu seinen Lebzeiten erschien. Was das Album selbst leistet, steht unabhängig davon fest: eine in sich geschlossene, bewusst gebaute Erzählung, die schon 1994 als solche angelegt war – nicht erst im Rückblick.

Wie hört sich ein Album an, das seine eigene Geschichte von der Geburt bis zum Ende durcherzählt, bevor jemand ahnen konnte, wie diese Geschichte tatsächlich enden würde?