2012Albumvorschlag
good kid, m.A.A.d city
Kendrick Lamar
Die Stimmen, die zwischen den Songs sprechen, gehören keinen Schauspielern. Es sind Kendrick Lamars eigene Eltern, aufgenommen als echte Anrufbeantworter-Nachrichten auf sein Handy.
Der Untertitel lautet „a short film by Kendrick Lamar“, und das ist wörtlich gemeint: zwölf Tracks erzählen einen einzigen Tag im Compton des jungen Kendrick, dazwischen die Voicemails seiner Mutter und seines Vaters. Dr. Dre stieg als Mentor und ausführender Produzent ein, ohne dem Klang seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Herausgekommen ist ein Album, das Kritiker später zum besten Konzeptalbum überhaupt erklärten – und das sich schlecht in Einzeltracks zerlegen lässt.
- Laufzeitrund 68 Minuten
- Titel12
- Jahr2012
- AufgenommenTDE Red Room Carson, Encore Studios Burbank und At My Mama's Studio Los Angeles, PatchWerk Atlanta, Body Music Miami; über rund zwei Jahre, größtenteils zwischen Tourdaten
Tracklist
- Sherane a.k.a Master Splinter's Daughter4:33
- Bitch, Don't Kill My Vibe5:10
- Backseat Freestyle3:32
- The Art of Peer Pressure5:24
- Money Trees6:26
- Poetic Justice5:00
- good kid3:34
- m.A.A.d city5:50
- Swimming Pools (Drank)5:13
- Sing About Me, I'm Dying of Thirst12:03
- Real7:23
- Compton4:08
Zum Cover
Das Bild ist eine echte Familienaufnahme, kein Shooting. Kendrick Lamar hat sie 2012 gegenüber einem Musikmagazin selbst erläutert: Zu sehen sind zwei Onkel, sein Großvater und er selbst als Kleinkind auf dem Schoß eines der Onkel, dazu eine Malzbierflasche und eine Babyflasche auf dem Tisch, an der Wand ein Foto von ihm mit seinem Vater. Einer der Onkel zeigt ein Gang-Zeichen.
Die Augen der Erwachsenen sind schwarz überklebt, nur Kendricks eigene bleiben sichtbar. Seine Begründung: „That photo says so much about my life and how I was raised in Compton, and the things I've seen just through them innocent eyes.“ Man solle die Umgebung durch seine Augen sehen, nicht durch die der anderen im Bild.
Label: Top Dawg Entertainment / Aftermath Entertainment / Interscope Records, 2012
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„The skits are actually my real mother and father. Those are people that I was raised by, so I decided to put them in the skits as themselves.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Der Klang
- 03Warum es einen Abend trägt
- 04Wie good kid, m.A.A.d city entstand
- 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
01Der besondere Moment
Zwischen den Songs klingelt immer wieder ein Handy, dann spricht eine Frauenstimme aufs Band: Kendricks Mutter, besorgt, wütend, liebevoll, alles gleichzeitig. Später meldet sich sein Vater, es geht um ein verschwundenes Dominostück und, beiläufig, um einen Wagen, der aus der Einfahrt fehlt. Diese Nachrichten sind keine eingesprochenen Dialogzeilen. Es sind, nach Kendricks eigener Aussage, seine echten Eltern, die als sie selbst mitspielen: „Those are people that I was raised by, so I decided to put them in the skits as themselves.“
Ein Teil dieses Kurzfilms
Punch, damals Präsident von Top Dawg Entertainment, hat die Funktion dieser Passagen im Gespräch mit Complex präzisiert: „The skits aren't just random stuff. It goes on there because like everything else, it plays a part in this short film.“ Sie sind der Faden, der die zwölf Songs an einen einzigen Tag bindet, an dem der Teenager Kendrick eigentlich nur ein Auto seiner Mutter holen soll und stattdessen in eine Kette von Ereignissen gerät, die den ganzen Abend füllt.
Wie sehr diese Voicemails Kendrick selbst gehören, zeigt eine Nebenbemerkung, die er ebenfalls gegenüber Complex machte: „My parents love the album.“ Ein Satz, der leicht klingt, aber viel sagt über ein Album, das seine eigene Familie öffentlich hörbar macht, mit echten Namen und echten Stimmen, nicht mit Platzhaltern.
Der besondere Moment dieses Albums ist also kein einzelner Take im Studio, sondern eine Entscheidung vor der ersten Aufnahme: dass die Rahmenhandlung nicht erzählt, sondern eingespielt wird – von den Leuten, die sie tatsächlich durchlebt haben.
04Wie good kid, m.A.A.d city entstand
Kendrick Lamar war 2004, im Alter von siebzehn Jahren, in Compton unterwegs, als sich die Ereignisse zutrugen, die er acht Jahre später zu einem Album verdichtete. Er selbst beschrieb die Rückkehr zu diesem Material so: „Back to the neighborhood and going back in that same space where we used to be, got me inspired. So this album won't sound like Section.80“ – eine Abgrenzung zu seinem eigenen Vorgängerprojekt.
Ausgearbeitet wurde die Platte über rund zwei Jahre, nach Angaben von Punch größtenteils zwischen Tourterminen: „The album really came together on the road because he has been on touring strong for about two years straight. So he'll be on an airplane writing a song, get back home and lay the record, then have to fly out to do something else.“ Aufgenommen wurde unter anderem im TDE-eigenen Red Room in Carson, in den Encore Studios in Burbank und in einem Heimstudio, dazu unterwegs in Atlanta und Miami.
Compton: die erste Session mit Dre
Dr. Dre wird im Presstext als ausführender Produzent geführt, seine Rolle war aber vor allem die eines Mentors. Toningenieur MixedByAli, der mit Dre gemeinsam an „Swimming Pools (Drank)“ arbeitete, erinnerte sich an dessen Arbeitsweise: „Working with Dre is amazing, man … He's a perfectionist … I was like the first person he's ever mixed with.“ „Compton“, der letzte Track, entstand als Kendricks allererste gemeinsame Studiosession mit Dre überhaupt.
Die übrige Produktion verteilte sich auf ein großes Team: Sounwave, Tha Bizness, Hit-Boy, Tabu, DJ Dahi, Scoop DeVille, Pharrell Williams, THC, Terrace Martin, T-Minus, Like und Skhye Hutch sowie Just Blaze für den Schlusstrack. Kendrick bestand darauf, die Beats selbst mitzuformen statt sie fertig zu übernehmen. Sounwave beschrieb das so: „Kendrick is hands-on with [beats]. He will find something he likes and call me right up: ‚Yo let's go check this out!'“ Wie sehr das für ihn Programm war, formulierte Kendrick selbst: „To have an album that I have total creative control over is one of the best feelings in the world … I'm very hands-on [with producers] and that's why my projects come out so cohesive.“
Die Reihenfolge der Tracks war dabei kein Zufall, sondern eigene Arbeit von Punch, der die Dramaturgie mitentwickelte: „I help with sequencing. Sequencing is very important … I give a lot of backstory as to why songs would make sense next to certain songs. It's sort of like a movie script.“ Veröffentlicht wurde das fertige Album am 22. Oktober 2012 über Top Dawg Entertainment, Aftermath Entertainment und Interscope Records.
02Der Klang
Kendrick selbst hat die Grundstimmung, die er sich für das Album vorgestellt hatte, in einem Bild zusammengefasst: „This is a dark movie album. I wanted to tap into that space where I was at in my teenage years … I really didn't want to make it song-by-song … Almost like a Pulp Fiction feel.“ Das Sounddesign arbeitet dieser Vorgabe zu: Tracks brechen mitten im Beat ab und kippen in ein anderes Tempo, Stimmen wechseln zwischen Rap, Gesang und beinahe geflüstertem Erzählton, und die Voicemails schneiden ohne Übergang in die Musik hinein.
Am deutlichsten zeigt sich dieses filmische Prinzip in „m.A.A.d city“ und in „Sing About Me, I'm Dying of Thirst“, dem mit gut zwölf Minuten längsten Track des Albums, der intern mehrere eigenständige Songabschnitte zusammenzieht. Just Blaze, der den Schlusstrack „Compton“ produzierte, beschrieb sein eigenes Prinzip für solche Übergänge so: „I like my records to have a start and a finish. Things like that make them more memorable … I wanted the record to reflect what I do, but also reflect who they are, geographically and musically, as well.“
Der schwarze Bob Dylan
Pharrell Williams, der „good kid“ produzierte, ordnete Kendrick zum Erscheinen des Albums in eine größere Linie ein: „Kendrick is the black Bob Dylan. He's the most phenomenal MC and his album will completely change the direction of hip-hop … He's giving us rap songs full of hope.“ Hit-Boy, verantwortlich für den harten Beatwechsel in „Backseat Freestyle“, beschrieb ihn ähnlich als Ausnahmefall: „Every so often, we get these guys who push the boundaries and bring that authentic shit. Kendrick is one of those guys. He's not just West Coast — he means a lot to hip-hop in general.“
Was diese Zitate gemeinsam beschreiben, ist ein Klangbild, das bewusst uneinheitlich bleibt: kein durchgehender Produzenten-Sound, sondern viele Handschriften, die durch Kendricks eigene Regie und durch die Voicemail-Übergänge zu einem Erzählfluss zusammengehalten werden.
05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Sounwave, einer der Hauptproduzenten, hat die Wirkung des Albums auf das Genre insgesamt so zusammengefasst: „[It] changed albums in general … we brought it back to actual concepts where you have to listen to the full thing to understand it.“ Das ist zugleich die genaueste Beschreibung dafür, warum sich good kid, m.A.A.d city schlecht in einzelne Tracks zerlegen lässt: Wer nur „Swimming Pools (Drank)“ oder „Money Trees“ hört, bekommt einen Ausschnitt aus einem Abend, nicht die Geschichte selbst.
Die Handlung folgt, mit Hedging der Details, einem einzigen Tag: eine Verabredung mit einem Mädchen namens Sherane, Gruppenzwang und ein Überfall, eine Beatwechsel-Freestylerunde im Auto, ein Raub, der falsch läuft, und am Ende der Versuch, aus alldem etwas Bleibendes zu machen. Kendrick selbst beschrieb den Ursprung des Materials nüchtern: „These songs, they come naturally for me to write off the experiences I grew up with and the things I been around. It was just what we were going through.“
Formal hält die Platte zusammen, weil dieselben Stimmen wiederkehren – die Mutter, der Vater, ein Freund namens Dave, Kendrick selbst in verschiedenen Tonlagen – und weil die Reihenfolge, wie Punch beschrieben hat, wie ein Drehbuch gebaut ist. Wer eine Reprise oder ein durchgehendes musikalisches Motiv sucht, wird nicht fündig; die Klammer ist die Erzählung selbst, nicht ein wiederkehrendes Thema.
Classic worthy statt Klassiker
Kendrick war sich zum Erscheinen selbst nicht sicher, wie das Album eingeordnet werden würde. Auf frühe Kritik reagierte er zurückhaltend: Das Album sei nicht unbedingt ein „Klassiker“, sondern bestenfalls „classic worthy“, wenn genug Zeit vergangen sei. Die spätere Einordnung fiel deutlich positiver aus: 2022 wählte das Magazin Rolling Stone es zum besten Konzeptalbum aller Zeiten, 2025 platzierte dieselbe Redaktion es unter den sechs besten Alben des bisherigen 21. Jahrhunderts.
03Warum es einen Abend trägt
Rund achtundsechzig Minuten, zwölf Tracks, keiner kürzer als dreieinhalb Minuten, einer über zwölf. Das ist für einen ungestörten Abend eine ungewöhnlich lange Spielzeit, aber sie ist die Spielzeit einer Geschichte, nicht die einer Setlist. Wer sie unterbricht, verliert den Anschluss an eine Handlung, die sich nur in der vorgegebenen Reihenfolge erschließt.
Der Snub gegen Macklemore
Kritisch reagierte 2012 nicht jede Stimme gleich begeistert. Die britische NME-Kritikerin Hazel Sheffield etwa befand, dem Album fehle „the raw appeal“ von Kendricks Vorgängerprojekt Section.80. Solche Einwände sind Teil des Bilds; die überwiegende Mehrheit der zeitgenössischen Kritiken fiel jedoch deutlich positiver aus, mit einem Metacritic-Wert von 91 aus 100 Punkten auf Basis von 36 Rezensionen, und das Album wurde unter anderem von BBC, Complex, Fact, dem Magazin New York und Pitchfork zum besten Album des Jahres 2012 gewählt. 2014 folgten vier Grammy-Nominierungen, darunter Album des Jahres; den Preis für das beste Rap-Album verlor Kendrick seinerzeit an Macklemore & Ryan Lewis, ein Ergebnis, das Rolling Stone später einen „infamous snub“ nannte.
Für einen Hörabend zählt weniger die Preisgeschichte als das, was am Ende bleibt: eine Coming-of-Age-Erzählung, die sich weigert, ihre eigene Hauptfigur zu glorifizieren. Kendrick hat das selbst so erklärt: „People know what's real and know what's fake … they know I'm not out here trying to glorify certain situations.“ Am Schluss, in „Compton“, wechselt der Ton noch einmal, von der Rückschau ins Triumphale – die einzige Stelle des Albums, an der die Anspannung der vorangehenden Stunde kurz nachlässt.
Wie hört sich ein Album an, dessen Nebenrollen von der eigenen Familie gesprochen werden?
Weiterhören
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