1979Albumvorschlag
Risqué
Chic
Sieben Titel, knapp siebenunddreißig Minuten, acht Wochen im Studio. Risqué erschien im Sommer, in dem Amerika Discoplatten verbrannte, und brachte Chic trotzdem ihren zweiten Nummer-eins-Hit.
Nile Rodgers und Bernard Edwards schrieben, arrangierten und produzierten das dritte Album ihrer Band selbst. Es beginnt mit „Good Times“, einem Stück, dessen Basslinie im selben Herbst zum Fundament eines Hip-Hop-Klassikers wurde. Dahinter liegt eine Platte, die viel dunkler und erwachsener ist, als ihr Ruf als Partyalbum vermuten lässt.
- Laufzeitrund 37 Minuten
- Titel7
- Jahr1979
- AufgenommenPower Station, New York (Winter/Frühjahr 1979), zusätzlich Kendun Recorders, Burbank, und Electric Lady Studios, New York
Tracklist
- Good Times8:13
- A Warm Summer Night6:08
- My Feet Keep Dancing6:46
- My Forbidden Lover4:42
- Can't Stand to Love You2:55
- Will You Cry (When You Hear This Song)4:05
- What About Me4:10
Zum Cover
Ein Bild in Sepiatönen, gestellt wie ein Standbild aus einem alten Kriminalfilm. Die fünf Gesichter der Band sind in Rollen zu sehen: Nile Rodgers als Gigolo, Luci Martin als Dienstmädchen, Alfa Anderson als Dame des Hauses, Tony Thompson als Butler, Bernard Edwards als Hausherr. Es ist eine Szene, in der offensichtlich gerade etwas Unerhörtes passiert ist.
Die Idee dahinter beschrieb Rodgers so: Man sei es leid gewesen, immer dieselbe Art Cover zu machen, und habe ein Thema gesucht, das zu einigen Songs passt. Edwards nannte „What About Me“, „My Forbidden Lover“ und „Can't Stand to Love You“ und sprach von einer kleinen Geschichte, die Songs und Hülle verbindet. Vorbild waren alte Detektivfilme und die Romane von Agatha Christie.
Die Zeitschrift Record Collector fand, die Hülle wirke wie aus dem Hause Hipgnosis. Atlantic griff für die Platte sogar einmalig auf sein altes silbernes Label zurück, das sonst Jazz- und R&B-Aufnahmen vorbehalten war.
Art Direction: Carin Goldberg
Foto: Ken Ambrose
Label: Atlantic Records, 1979
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„We were talking to people in a time of financial chaos and putting a bright face on it.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Risqué entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Am 12. Juli 1979 ließ der Radiomoderator Steve Dahl im Chicagoer Baseballstadion Comiskey Park eine Kiste voller Discoplatten sprengen. Die Aktion lief unter dem Namen Disco Demolition Night, Tausende Zuschauer stürmten danach das Spielfeld, das zweite Spiel des Abends musste abgesagt werden. „Disco Sucks“ war zu einem Schlachtruf geworden.
Rodgers hat das Ereignis später mit den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten verglichen. Chic, die kurz zuvor mit „Le Freak“ einen Nummer-eins-Hit gehabt hatten, standen plötzlich für eine Musik, die ein Teil des Publikums hasste.
Nummer eins trotz allem
Und doch: Am 18. August 1979 stand „Good Times“ auf Platz eins der amerikanischen Charts. Das Album Risqué kam bis auf Platz fünf der Billboard-Albumcharts und auf Platz zwei der R&B-Charts, in Großbritannien auf Platz 29. Eine Platte, die sich mitten im Sturm gegen Disco behauptete.
02Wie Risqué entstand
Aufgenommen wurde in der Power Station in Manhattan, verteilt auf rund acht Wochen im Winter und Frühjahr 1979, mit einem Budget von 160.000 Dollar. Einzelne Aufnahmen entstanden zusätzlich in Kalifornien und in den Electric Lady Studios. Am Mischpult saß Bob Clearmountain.
Die Besetzung hatte sich verändert. Neben den Sängerinnen Alfa Anderson und Luci Martin kamen Fonzi Thornton und Michelle Cobbs als Stimmen hinzu. Sänger Thornton hat die Arbeitsweise beschrieben: Rodgers und Edwards hätten sich vor jeder Session getroffen und den Song skizziert. „But the song happened in the studio once they heard the sound of the group.“
Streit um die Single
Atlantic wollte „My Feet Keep Dancing“ als erste Single. Rodgers und Edwards setzten gemeinsam „Good Times“ durch. Rodgers hat erzählt, jede Textzeile sei eine Anspielung auf Lieder aus der Zeit der Großen Depression gewesen, bis hin zu „Happy Days Are Here Again“. Ein Lied über gute Zeiten, geschrieben in einem Jahr mit hoher Inflation und schlechter Stimmung.
03Der Klang
Das Herz von Chic war ein Trio: Edwards am Bass, Rodgers an der Gitarre, Tony Thompson am Schlagzeug. Dazu kamen Raymond Jones am Fender Rhodes, eine Bläsergruppe und ein Streicherensemble aus elf Violinen, vier Bratschen und zwei Celli unter Konzertmeister Gene Orloff. Beim Stück „My Feet Keep Dancing“ sind sogar Stepptänzer zu hören, darunter Fayard Nicholas von den Nicholas Brothers.
Rodgers spielt keine Soli, sondern kurze, perkussive Akkordfiguren, sauber gedämpft und genau auf den Schlag gesetzt. Edwards antwortet darauf mit Linien, die mehr singen als stampfen. Keyboarder Jones sagte später mit einem Augenzwinkern, er müsse sich nie Sorgen machen, mit Steve Reich oder Philip Glass zu spielen, denn minimalistische Musik habe er bei Chic gespielt.
Genau hingehört
Die Basslinie
Die Basslinie von „Good Times“ wurde schnell weitergereicht. Für „Rapper's Delight“ der Sugarhill Gang spielte die Studioband des Labels Sugar Hill den Groove im selben Jahr nach, gesampelt wurde er nicht. Nach einer Klageandrohung wurden Rodgers und Edwards als Mitautoren genannt. Rodgers hat „Rapper's Delight“ später zu einem seiner Lieblingssongs erklärt. Auch John Deacon von Queen soll sich von „Good Times“ zu „Another One Bites the Dust“ haben anregen lassen. Edwards erzählte, Deacon habe damals Zeit mit Chic im Studio verbracht.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Hinter dem hellen Auftakt wird Risqué ernster. Seite zwei handelt von verbotener Liebe, Eifersucht und Zurückweisung, mit Titeln wie „My Forbidden Lover“, „Can't Stand to Love You“ und „What About Me“. Das Cover mit seiner Kriminalgeschichte ist also mehr als Dekoration. Es verbindet diese Lieder zu einer kleinen Erzählung.
Alfa Anderson hat über „Good Times“ gesagt, sie habe nie einen ansteckenderen Bass gehört, ausbalanciert mit perfekten Gitarrenfiguren. Doch das Album lebt ebenso von den ruhigen Momenten wie „A Warm Summer Night“, einer langsamen Ballade mit über sechs Minuten Länge.
Tanzmusik mit doppeltem Boden
Der BBC-Kritiker Daryl Easlea nannte Risqué das geschlossenste künstlerische Statement der Band, ein Fest auf ein Jahrzehnt, das an seinen eigenen Exzessen zerbrach. Rolling Stone führt das Album in seiner Liste der 500 besten Alben aller Zeiten. Wer es am Stück hört, spürt diesen doppelten Boden: Die Musik lädt zum Tanzen ein, die Texte erzählen von etwas anderem.
05Warum es einen Abend trägt
Risqué ist Tanzmusik, aber sie ist so präzise gespielt, dass man ihr sitzend zuhören kann, ohne etwas zu vermissen. Drei lange Stücke auf der ersten Seite, vier kürzere auf der zweiten. Jedes Instrument hat seinen festen Platz, nichts verschwimmt, und gerade auf einer Bandmaschine hört man, wie viel Raum zwischen den Tönen bleibt.
Die Gitarre im Raum
Rodgers' Gitarre ist das Instrument, auf das man an diesem Abend achten sollte. Sie klingt trocken und nah, fast wie ein Schlaginstrument, und sie hält alles zusammen, während Streicher und Stimmen darüber kommen und gehen. Wenn nach „What About Me“ das Band ausläuft, weiß man, warum so viele Musiker diese Platte studiert haben.
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