2006Albumvorschlag
Silent Shout
The Knife
Elf Songs, neunundvierzig Minuten, anderthalb Jahre Arbeit. Silent Shout klingt wie ein Club, in dem das Licht zu kalt ist und die Musik trotzdem nicht aufhört.
Die schwedischen Geschwister Karin und Olof Dreijer waren durch „Heartbeats“ bekannt geworden, einen Song ihres Albums Deep Cuts. Statt nachzulegen, gingen sie in die andere Richtung: dunkler, strenger, mit alten Maschinen und einer Stimme, die sich jeder Zuordnung entzieht. Pitchfork wählte das Ergebnis zum besten Album des Jahres 2006.
- Laufzeitrund 49 Minuten
- Titel11
- Jahr2006
- AufgenommenStockholm (März 2004 – November 2005)
Tracklist
- Silent Shout4:53
- Neverland3:38
- The Captain6:08
- We Share Our Mothers' Health4:11
- Na Na Na2:27
- Marble House5:18
- Like a Pen6:13
- From Off to On3:58
- Forest Families4:08
- One Hit4:27
- Still Light3:15
Zum Cover
Das Artwork stammt laut den Angaben auf der Platte von Johan Toorell. Ein Scan des Covers liegt im offenen Bildarchiv nicht vor, deshalb zeigt diese Seite an seiner Stelle unser eigenes Motiv.
Viel mehr ist über das Bild nicht dokumentiert. Bekannt ist, woher die visuelle Welt des Albums insgesamt kam: The Knife nannten den Animationskünstler Oskar Fischinger und die Comicreihe Black Hole von Charles Burns als Einflüsse, vor allem für die Videos.
Dass über das Bild so wenig bekannt ist, passt zu dieser Band. The Knife zeigten sich damals kaum öffentlich, auf Fotos und später auf der Bühne trugen sie Masken. Die Musik sollte für sich stehen, nicht die Personen dahinter.
Gestaltung: Johan Toorell
Label: Rabid Records, 2006
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„What happens when a listener can't place a vocal?“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Silent Shout entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Um die Zeit, als Silent Shout erschien, wurde „Heartbeats“ berühmt, allerdings nicht in der Fassung von The Knife. José González hatte den Song akustisch aufgenommen, Sony nutzte diese Version für einen Werbespot mit bunten Bällen, die eine Straße in San Francisco hinunterspringen. The Knife hatten der Lizenz zugestimmt. Ihr eigenes neues Album klang zu dieser Zeit ganz anders.
Im Februar 2006 erschien Silent Shout in Schweden und erreichte dort Platz 1 der Albumcharts. Ein Album voller verfremdeter Stimmen und kalter Synthesizer an der Spitze der Hitparade: Das war ungewöhnlich.
Masken auf der Bühne
Sieben Jahre lang hatten The Knife nicht live gespielt. Zu Silent Shout gingen sie zum ersten Mal auf Tour, mit Masken und einer Videoshow, gestaltet mit ihrem Regisseur Andreas Nilsson. Olof Dreijer erzählte, er habe als Kind Pappmaché-Masken gebaut. Auf der Bühne habe es sich angefühlt wie Theater, und es habe gutgetan, ersetzbar zu sein.
02Wie Silent Shout entstand
Für Deep Cuts hatten The Knife viel mit kostenloser Software gearbeitet. Davon waren sie müde, sagte Karin Dreijer später. Für das neue Album wollten sie nur mit analogen Geräten arbeiten. Ein physisches Gerät brauche mehr Zeit, bis man es verstehe, und so entstehe Musik, in die man sich auch als Hörer erst hineinhören müsse.
Olof Dreijer beschrieb die Ausstattung knapp: im Grunde zwei Synthesizer und ein Drumcomputer. Die Aufnahmen zogen sich von März 2004 bis November 2005 hin. Karin sprach von etwa anderthalb Jahren.
Erst Musik, dann Text, dann wieder Musik
Die Arbeitsweise war ein Kreislauf. Zuerst entstand die Musik, dann schrieb Karin die Texte, dann gingen die beiden zurück und änderten die Musik, bis sie zum Inhalt passte. Karin sagte, es sei ihr darum gegangen, Worte für die Gefühle zu finden, die die Musik in ihr auslöste. Die Texte handeln von Macht, Körper und Geschlecht, vom Fernsehen und von einem Gefühl der Betäubung.
03Der Klang
Das Auffälligste an Silent Shout ist die Stimme. Karin Dreijers Gesang ist mehrfach übereinandergelegt und in der Tonhöhe verschoben, oft hoch und tief zugleich. Olof erklärte, unbearbeiteter Gesang wäre zu „real“ gewesen. Man müsse eine Person erschaffen, von der man nicht weiß, wer sie ist, nicht einmal, ob Mann oder Frau.
Darunter liegen gerade Beats aus dem Techno und House, dazu Synthesizer, die klingen, als seien sie aus einer anderen Zeit. Die Kritik verglich das Album mit Siouxsie Sioux und Aphex Twin gleichzeitig.
Genau hingehört
Ein Arpeggio, das verrutscht
Der Titelsong eröffnet das Album mit einem nervösen Synthesizer-Muster über einem pulsierenden House-Beat. Darüber läuft ein kühles Keyboard-Arpeggio, das stellenweise aus dem Takt driftet. Auf einer guten Anlage hört man diese kleinen Verschiebungen deutlich, und sie machen den Song unruhiger, als es der gleichmäßige Beat vermuten lässt.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Silent Shout ist kein Album einzelner Hits, sondern eine Folge von Szenen. Titel wie „Neverland“, „The Captain“, „Marble House“ und „Forest Families“ klingen wie Kapitel eines düsteren Märchens. In „Marble House“ singt der Schwede Jay-Jay Johanson mit, der einzige Gast des Albums.
Karin Dreijer sagte 2007, Silent Shout sei viel direkter als Deep Cuts, das eher ein Projekt gewesen sei. Beide Geschwister interessierten sich stark für Bilder und Filme, und so funktioniert auch das Album: als eine zusammenhängende, beklemmende Welt.
Zu romantisch für reine Maschinen
Trotz aller Kälte bleibt Silent Shout eingängig. „I think we are both a bit too romantic to stop doing melodies“, sagte Karin Dreijer. Jeder Song hat eine Melodie, die man nach dem Hören mitnimmt. Pitchfork setzte das Album später auf Platz 15 der besten Alben der 2000er Jahre, Resident Advisor auf Platz 9.
05Warum es einen Abend trägt
Auf Vinyl verteilt sich Silent Shout auf zwei Platten. Seite A beginnt mit dem Titelsong, „Neverland“ und „The Captain“, mit gut sechs Minuten eines der längsten Stücke. So zieht die Platte einen von Anfang an in ihre eigene Stimmung.
Das Licht am Ende
Am Ende steht „Still Light“, mit gut drei Minuten eines der kürzeren Stücke. Nach der Enge von „Like a Pen“ und dem Druck von „One Hit“ wirkt es wie ein Ausatmen. Wer das Album in einem Zug hört, erlebt fünfzig Minuten, die zugleich Tanzmusik und Hörspiel sind.
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