2007Albumvorschlag
Untrue
Burial
Dreizehn Stücke, fünfzig Minuten, ein alter Computer und ein einfaches Schnittprogramm. Untrue klingt wie der Heimweg durch London nach einer Nacht, von der man nicht weiß, ob sie gut oder traurig war.
Burial war 2007 ein Name ohne Gesicht. Kaum jemand wusste, wer hinter dem Debüt beim kleinen Londoner Label Hyperdub steckte. Für das zweite Album verwarf er zuerst eine Sammlung düsterer Stücke und baute dann in kurzer Zeit eine Platte, die er selbst „glowing“ nannte: leuchtend, summend, zum Aufmuntern.
- Laufzeitrund 50 Minuten
- Titel13
- Jahr2007
- AufgenommenZu Hause, London (2006–2007)
Tracklist
- Untitled0:46
- Archangel3:58
- Near Dark3:54
- Ghost Hardware4:53
- Endorphin2:57
- Etched Headplate5:59
- In McDonalds2:07
- Untrue6:16
- Shell of Light4:40
- Dog Shelter2:59
- Homeless5:20
- UK1:40
- Raver4:59
Zum Cover
Das Cover zeigt eine Person mit Kapuze, fotografiert in Dunkelheit. Das Bild ist grobkörnig, das Gesicht liegt fast ganz im Schatten, erkennbar ist kaum mehr als ein Umriss. Name und Titel stehen klein und schlicht darüber.
Die Fotos stammen von Georgina Cook, deren Name auf der Rückseite der Platte steht. Cook fotografierte in dieser Zeit viel in der Londoner Dubstep-Szene. Wer auf dem Bild zu sehen ist, ist nicht dokumentiert, und das ist auch nicht wichtig.
Denn das Bild passt genau zu dem, was Burial damals wollte: nicht erkannt werden. Er gab kaum Interviews, zeigte sich nicht und sagte, all seine Lieblingsproduzenten seien aus dem Nichts gekommen und wieder im Untergrund verschwunden. Ein Gesicht ohne Gesicht war die ehrlichste Hülle für diese Musik.
Foto: Georgina Cook
Label: Hyperdub, 2007
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I would sit around waiting for night to fall, wait for summer to end.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Untrue entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Oktober 2007 sprach Burial mit dem Guardian, einer der wenigen Presseauftritte dieser Zeit. Nur etwa fünf Menschen außerhalb seiner Familie wüssten, dass er Musik mache, sagte er, so hoffe er jedenfalls. Er wolle hinten im dunklen Teil eines Clubs stehen, nicht vorne.
Wenige Tage später, am 5. November 2007, erschien Untrue. Im Jahr darauf wurde das Album für den Mercury Prize nominiert. Die Anonymität ließ sich danach nicht mehr halten: 2008 wurde sein bürgerlicher Name öffentlich.
Ein Teestand im Regen
Gefragt, worum es in seiner Musik gehe, antwortete Burial mit einem Bild: Sie sei wie ein Teestand, der rund um die Uhr geöffnet hat, in einer regnerischen Nacht, leuchtend im Dunkeln. Ganz einfach. Wer Untrue hört, versteht, was er meint. Die Platte ist traurig, aber sie wärmt.
02Wie Untrue entstand
Nach seinem Debüt fühlte Burial sich unter Druck. Er arbeitete viele Stunden am Tag an neuen Stücken, die dunkler und technischer wurden, und verwarf sie schließlich. Dann entschied er sich für das Gegenteil: ein leuchtendes, summendes Album, sehr schnell gemacht, um sich selbst aufzumuntern.
Gearbeitet hat er vor allem nachts. Er habe gewartet, bis es dunkel wurde, oder sei rausgegangen und erst im Dunkeln zurückgekommen, um sich beim Arbeiten gleichsam zu hypnotisieren. Mark Fisher gegenüber sagte er, der größte Teil sei am Ende in wenigen Wochen entstanden.
Wellen statt Blöcke
Burial benutzte kein Sequenzerprogramm, wie es fast alle Produzenten tun, sondern Sound Forge, einen einfachen Audio-Editor. Er hat erklärt, er habe Sequenzer ausprobiert, aber dort sehe man nur bunte Blöcke. Er sei es gewohnt, die Wellenformen zu sehen. Seine Schlagzeugspuren setzte er also von Hand zusammen, Schlag für Schlag, nach Augenmaß.
03Der Klang
Die Stimmen auf Untrue stammen aus R&B-A-cappellas und aus Aufnahmen von Freunden, die ihm übers Telefon vorsangen. Burial schnitt einzelne Wörter heraus und setzte sie zu neuen Sätzen zusammen. Frauenstimmen verschob er nach unten, bis sie männlich klangen, Männerstimmen nach oben. In „Archangel“ ist so ein Stück aus Ray Js „One Wish“ kaum wiederzuerkennen.
Darunter liegen die schlurfenden, gebrochenen Rhythmen des britischen Garage, tiefer Bass und dazwischen Regen und das Knistern von Schallplatten. Burial selbst sagte halb im Scherz, er nutze den Regen auch, um die Schwächen seiner Stücke zu verdecken.
Genau hingehört
Patronenhülsen und ein Feuerzeug
Viele Geräusche auf Untrue sind keine Instrumente. Burial sampelte das Klirren von Patronenhülsen auf Beton aus dem Videospiel Metal Gear Solid und das Funken vom Feuerzeug seines Bruders. Auf einer guten Anlage lohnt es sich, auf die kleinen, trockenen Geräusche zwischen den Beats zu achten. Sie geben den Rhythmen etwas Zufälliges, Nächtliches, als stünde man mitten auf der Straße.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Untrue beginnt mit einem kurzen, namenlosen Intro und endet mit „Raver“. Dazwischen wechseln tanzbare Stücke wie „Archangel“ und „Near Dark“ mit ruhigen Zwischenspielen wie „In McDonalds“ und „UK“. Das Label beschrieb die Mischung als „hypersoul“, R&B-Stimmen in der Welt des Garage.
Burial hat gesagt, er wolle Songs über die leisen Gefühle machen, die jeder kennt. Die Engel in den Titeln stehen bei ihm für Menschen, die schwierige Zeiten mit Anstand überstehen. Er habe das Album für Menschen in genau dieser Lage gemacht.
Das wichtigste Elektronik-Album?
Bei Metacritic erreichte Untrue 90 von 100 Punkten. In den britischen Charts kam es erst nach der Mercury-Nominierung auf Platz 58. Das Magazin Fact wählte es zum besten Album der 2000er Jahre. Simon Reynolds nannte es 2017 bei Pitchfork das wichtigste elektronische Album des Jahrhunderts bis dahin.
05Warum es einen Abend trägt
Burial hat gesagt, allein mit Kopfhörern zu hören sei gar nicht so weit weg davon, in einem Club zu sein. Untrue ist Clubmusik für einen Menschen allein. Deshalb funktioniert es so gut in einem ruhigen Raum, wenn es draußen dunkel ist: Die Platte bringt die Nacht mit.
Vier Seiten, eine Nacht
Die heutige Doppel-LP enthält alle dreizehn Stücke. Seite A führt vom kurzen Intro über „Archangel“ und „Near Dark“ bis „Ghost Hardware“, Seite D endet mit „Homeless“, „UK“ und „Raver“. Man hört, wie die Nacht vom ersten Aufbruch bis zum letzten Tanz wandert. Und weil Burial das Knistern von Schallplatten ohnehin in seine Musik eingebaut hat, fühlt sich Untrue auf Vinyl an wie zu Hause.
Wie klingt eine Stadt, wenn man sie nur noch durch den Regen hört?
Weiterhören
-
Massive Attack
Mezzanine
1998
Neun Jahre früher: Bassmusik aus Bristol, schwer, nächtlich und voller Raum.
Zur Album-Story → -
The xx
xx
2009
Zwei Jahre später: ebenfalls aus London, ebenfalls leise und nachts entstanden.
Zur Album-Story → -
Four Tet
Rounds
2003
Vier Jahre früher: ein anderer Londoner, der aus kleinen Geräuschen ganze Stücke baut.
Zur Album-Story →
Alle Albumvorschläge ansehen → · sortierbar nach Laufzeit, Jahrzehnt und Form
Diesen Abend anfragen
Wenn Sie dieses Album hören möchten, überspiele ich es auf Band und bringe die Anlage zu Ihnen. Sie können auch jedes andere wählen – die Liste ist ein Angebot, keine Auswahl.
Ihnen ist ein Fehler in diesem Text aufgefallen? Melden Sie es mir – ich freue mich über jeden Hinweis.