1986Albumvorschlag
So
Peter Gabriel
Ein Album, das zuerst „Good“ heißen sollte und am Ende nur noch „So“ – und das Peter Gabriel vom Kunstrock-Außenseiter zum Mann mit der Nummer eins machte.
Acht Songs, ein Jahr Arbeit in einer umgebauten Scheune in Somerset, ein Produzent, der vor Ungeduld die Studiotür zunagelte. So ist Gabriels zugänglichstes Album und zugleich eines, bei dem jede Entscheidung durchdacht ist – bis zur Reihenfolge der Songs.
- Laufzeitrund 42 Minuten
- Titel8
- Jahr1986
- AufgenommenAshcombe House, Somerset, mit Overdubs in New York und Rio de Janeiro (1985–1986)
Tracklist
- Red Rain5:39
- Sledgehammer5:12
- Don't Give Up6:33
- That Voice Again4:53
- In Your Eyes5:27
- Mercy Street6:22
- Big Time4:28
- We Do What We're Told (Milgram's 37)3:22
Zum Cover
Ein Schwarz-Weiß-Porträt, eng angeschnitten: Peter Gabriel in dunkler, hochgeschlossener Jacke, der Blick direkt in die Kamera. Links oben steht in großer, eleganter Serifenschrift das Wort „So“, darunter sein Name in Weiß auf einem blauen Kasten. Kein Rätselbild, keine Maske, kein verfremdetes Gesicht wie auf den Platten davor.
Gestaltet hat das Cover Peter Saville, fotografiert hat Trevor Key, den Schriftzug zeichnete Brett Wickens. Ein erster Entwurf unter dem alten Titel „Good“ war durchgefallen, für den neuen blieben rund zwei Wochen. Ein klassisches Porträt mit Stativ wollte nicht gelingen. Die Lösung war Polaroid-Rollfilm in einer Kleinbildkamera, und nach Savilles Erinnerung war das Cover nach zwei Filmrollen im Kasten.
Das Blau des Kastens verweist auf Yves Klein, der Bildstil auf die Reportagefotografie der Sechziger. Das Porträt prägte Gabriels öffentliches Bild für Jahre. Und es passt zur Musik: ein Künstler, der nichts von seiner Eigenart aufgibt und sich trotzdem zum ersten Mal ganz offen zeigt.
Fotografie: Trevor Key
Gestaltung: Peter Saville
Typografie: Brett Wickens
Label: Charisma (UK), Geffen (USA), 1986
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„If you don't get to a soulful place making a record, don't put it out.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie So entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Die Musiker packen schon ihre Sachen, als Peter Gabriel sie bittet, noch ein Demo aufzunehmen. Ein Song mit Bläsern, mit einem Groove wie aus Memphis. Daraus wird „Sledgehammer“, die Nummer eins in den USA und das Stück, mit dem die Welt Gabriel neu kennenlernt.
Für die Bläser holt er Wayne Jackson, den Trompeter der Memphis Horns. Gabriel hatte ihn in den Sechzigern mit Otis Redding auf der Bühne gesehen. Es ist ein Detail, das viel erklärt: So ist kein Album, das einem Trend hinterherläuft, sondern eines, das ein Jugendgefühl einlöst.
Soul aus einer Scheune
Aufgenommen wurde das meiste nicht in einem großen Studio, sondern in Ashcombe House in Somerset, Gabriels damaligem Wohnsitz, in einer umgebauten Scheune. Dass von dort aus ein Song in die Charts ging, der nach Stax und Otis Redding klingt, gehört zu den schönen Widersprüchen dieser Platte.
02Wie So entstand
Die Arbeit begann im Februar 1985 zu dritt: Gabriel, der Produzent Daniel Lanois und der Gitarrist David Rhodes, dazu ein Drumcomputer. Lanois hat später erzählt, sie hätten zum Spaß Bauarbeiterhelme getragen, um sich wie eine Arbeitskolonne zu fühlen. Erst danach spielten Tony Levin am Bass und Manu Katché am Schlagzeug ihre Parts auf die fertigen Demos – umgekehrt zur üblichen Reihenfolge.
Overdubs entstanden in der Power Station in New York, wo alle Bläser aufgenommen wurden, die Percussion für „Mercy Street“ in Rio de Janeiro. Fertig war das Album im Februar 1986, erschienen ist es im Mai.
Die zugenagelte Tür
Gabriel schrieb seine Texte langsam und spät. Lanois wurde darüber so ungeduldig, dass er einmal die Studiotür zunagelte, damit sein Künstler erst herauskam, wenn die Worte fertig waren. Zur Mittagspause riss Gabriel den Türrahmen heraus. Die Beteiligten erzählen, danach habe es ein kurzes Gespräch draußen gegeben, und man habe weitergearbeitet, als sei nichts gewesen.
Auch der Titel ist ein kleines Manöver. Die Plattenfirma wollte etwas Griffigeres als die kryptischen Titel davor. Gabriel entschied sich für ein Wort, das so kurz ist, dass es fast nichts mehr behauptet.
03Der Klang
Lanois nahm seine zwölfsaitige E-Gitarre, Rhodes' Gitarre und Gabriels Keyboards oft gemeinsam als eine Klangquelle auf, statt jedes Instrument auf eine eigene Spur zu legen. So entstanden Mischklänge, bei denen man nicht mehr sagen kann, was Gitarre ist und was Tastatur. Die Stimme lief über ein Röhrenmikrofon, und Gabriel sang ganze Durchgänge, aus denen später die beste Fassung zusammengesetzt wurde.
Dazu kommt die damals neue Technik: Die Flöte am Anfang von „Sledgehammer“ ist ein Sample aus dem Fairlight-Computer. Trotzdem klingt So nicht nach Maschine, sondern nach Menschen in einem Raum.
Die Gäste
Kate Bush, Youssou N'Dour, Stewart Copeland
„Don't Give Up“ war ursprünglich als Duett mit Dolly Parton gedacht. Sie sagte ab, Kate Bush sagte zu. In „In Your Eyes“ singt der Senegalese Youssou N'Dour auf Wolof, seinen Part soll er in etwa einer halben Stunde eingesungen haben. Und auf „Big Time“ spielt Stewart Copeland von The Police Schlagzeug.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Gegen Ende der Produktion beschäftigte Gabriel vor allem eine Frage: die Reihenfolge. Er stellte Kassetten mit den Anfängen und Enden der Songs zusammen, um zu hören, wie die Übergänge wirken. Sein Plan war, das Album mit „In Your Eyes“ zu beenden.
Ein Song, der wegen der Nadel umziehen musste
Auf der Schallplatte ging das nicht. Die kräftige Basslinie von „In Your Eyes“ braucht Platz in der Rille, und der ist am Anfang einer Plattenseite größer als am Ende. Also eröffnet der Song auf der LP die zweite Seite. Auf der CD von 1986 kam zudem ein neunter Titel dazu, „This Is the Picture (Excellent Birds)“. Erst seit der Neuausgabe von 2002 steht „In Your Eyes“ dort, wo Gabriel ihn haben wollte: am Schluss.
Der Erfolg war enorm: Platz 1 in Großbritannien, Platz 2 in den USA und in Deutschland, wo sich das Album 70 Wochen in den Charts hielt. Bei den Grammys war es als Album des Jahres nominiert. Gewonnen hat eine andere Platte desselben Jahres: Graceland.
05Warum es einen Abend trägt
So hat einen Bogen, den man am Stück hören sollte. Es beginnt dunkel mit „Red Rain“, einem Song, der auf einen Traum zurückgeht. Dann kommt die Wucht von „Sledgehammer“, dann der Trost von „Don't Give Up“. Später wird es still mit „Mercy Street“, einer Verneigung vor der Dichterin Anne Sexton, und am Ende steht das unheimliche „We Do What We're Told“ über ein berühmtes Experiment zum Gehorsam.
Zwei Reihenfolgen, eine Entscheidung
Für einen Hörabend auf Band ist das eine schöne Frage: Hört man So in der Reihenfolge der Schallplatte oder so, wie Gabriel es eigentlich wollte, mit „In Your Eyes“ als versöhnlichem Schluss? Beides funktioniert. Und beides erzählt, wie viel Nachdenken in einem Popalbum stecken kann, das so leicht klingt.
Wie viel Nähe verträgt ein Künstler, der bis dahin sein Gesicht lieber versteckt hat?
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Paul Simon
Graceland
1986
Im selben Jahr erschienen und im Grammy-Rennen der direkte Konkurrent: ebenfalls ein Popalbum, das Musik aus Afrika ganz selbstverständlich einbezieht.
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Kate Bush
Hounds of Love
1985
Kate Bush singt auf „Don't Give Up“ – und hatte ein Jahr zuvor selbst gezeigt, wie Pop und Wagnis auf einer Platte zusammengehen.
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Bob Dylan
Time Out of Mind
1997
Elf Jahre später, derselbe Produzent: Daniel Lanois, diesmal nicht für Glanz, sondern für Nebel.
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