2007Albumvorschlag
Sound of Silver
LCD Soundsystem
Neun Stücke, sechsundfünfzig Minuten, ein Studio, dessen Holzwände mit Alufolie und Silberstoff verkleidet waren. Sound of Silver ist Tanzmusik für Menschen, die gerade merken, dass sie älter werden.
James Murphy war Mitte dreißig, als er das zweite Album von LCD Soundsystem aufnahm. Mit seinem Label DFA hatte er New York einige Jahre lang zum Tanzen gebracht, das Debüt von 2005 war ein Erfolg bei Kritik und Clubs. Für den Nachfolger ging er zurück auf eine Farm in Massachusetts und machte eine Platte, die tanzbar bleibt und zugleich von Freundschaft, Heimweh und dem Verlust eines Menschen erzählt.
- Laufzeitrund 56 Minuten
- Titel9
- Jahr2007
- AufgenommenLong View Farm, North Brookfield, Massachusetts, und DFA Studios, New York (2006)
Tracklist
- Get Innocuous!7:11
- Time to Get Away4:11
- North American Scum5:25
- Someone Great6:25
- All My Friends7:37
- Us v Them8:29
- Watch the Tapes3:55
- Sound of Silver7:07
- New York, I Love You but You're Bringing Me Down5:35
Zum Cover
Eine Discokugel, silbern und blank. Auf dem Debüt von LCD Soundsystem war schon eine Spiegelkugel zu sehen, damals körnig und kaum zu erkennen. Auf Sound of Silver glänzt sie, wie frisch geputzt. Ein Kritiker schrieb, es sei dieselbe Kugel, nur jetzt in voller Pracht.
Foto und Art Direction stammen von Michael Vadino. Das Motiv ist schlicht, fast wie ein Werbefoto, und passt zu einem Musiker, der gern mit Ironie arbeitet.
Die Discokugel sagt, worum es geht: Tanzfläche, Nacht, Licht. Das Silber verbindet das Cover mit dem Titel und mit dem Studio, in dem die Platte entstand. Murphy selbst gab dem Titel mehrere Bedeutungen, von glänzender, „silberner“ Musik bis zu einem Satz seines Vaters, ein Kind zu haben sei wie eine lebenslange Silbermedaille.
Foto: Michael Vadino
Gestaltung: Michael Vadino (Art Direction)
Label: DFA Records / EMI, 2007
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I went to the farm again and covered the whole studio in silver fabric and tin foil so it would be more silver.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Sound of Silver entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Long View Farm ist ein altes Gehöft in Massachusetts mit Aufnahmestudios in Holzräumen. Murphy hatte dort schon Teile des Debüts aufgenommen. Diesmal störte ihn das Holz. Das erste Album sei ein wenig beige gewesen, ein wenig sicher, sagte er. Die neue Platte sollte glänzen.
Also verkleidete er das ganze Studio mit Silberstoff und Alufolie. Er wollte beim Arbeiten ständig an die Musik erinnert werden, die er „shiny“ nannte: Glamrock, T. Rex, Heaven 17, The Human League, Hawkwinds „Silver Machine“.
Ein Stück Stoff reist mit
Das Silber blieb nicht auf der Farm. Als Murphy Jahre später das nächste Album in Los Angeles aufnahm, brachte er eines der ursprünglichen Stücke Silberstoff mit ins Studio. Aus einer Laune war ein Glücksbringer geworden.
02Wie Sound of Silver entstand
Die Arbeit ging anfangs schwer voran. Murphy hat erzählt, dass er das Aufnehmen zeitweise gehasst habe. Dann kam ein ungewöhnlicher Auftrag dazwischen: Nike bat ihn um ein langes Stück Musik zum Laufen. Daraus wurde 45:33, eine einzige, lange Komposition. Murphy sagte später, er habe schon immer eine Platte wie E2-E4 von Manuel Göttsching machen wollen, und dieser Auftrag habe ihm die Gelegenheit gegeben.
Die Arbeit an 45:33 löste die Blockade. Sie habe Sound of Silver weit werden lassen, sagte Murphy, und die zweite Hälfte der Platte sei danach leicht gegangen. Ein Teil von 45:33 wurde sogar zur Grundlage für „Someone Great“.
Fast alles selbst gespielt
Auch wenn die Songs zum Teil mit der Band entstanden, spielte Murphy auf dem Album fast alles selbst ein: Schlagzeug, Bass, Synthesizer, Klavier, Gitarre und vieles mehr. Er habe nicht so tun wollen, als sei das eine Demokratie, sagte er. Die eigene Stimme aufzunehmen fand er dagegen schrecklich unangenehm. Dafür schickte er alle anderen aus dem Raum.
03Der Klang
Sound of Silver verbindet Disco, Krautrock, Post-Punk und Elektronik. „Get Innocuous!“ beginnt mit einer Bassfigur, die an Kraftwerk erinnert, darüber türmen sich Synthesizer, bis nach sieben Minuten ein ganzer Raum voller Klang steht. Mischen ließ Murphy die Platte gemeinsam mit Dave Sardy. Ein Kritiker von Pitchfork nannte den Klang tief, weiträumig und vollblütig.
Bei manchen Stücken kommen echte Streicher dazu, auch Nancy Whang und Pat Mahoney aus der Liveband singen und spielen mit. Trotzdem wirkt alles wie aus einer Hand, weil Murphy jede Spur selbst entschied.
Genau hingehört
Ein Klavier, das nicht aufhört
„All My Friends“ beruht auf einer einzigen, sich ständig wiederholenden Klavierfigur. Sie läuft über siebeneinhalb Minuten fast unverändert weiter, während Schlagzeug, Bass und Gitarren nach und nach dazukommen und die Lautstärke langsam steigt. Murphy nahm den Song Schicht für Schicht allein auf. Auf einer guten Anlage hört man, wie das Klavier nie lauter wird, aber immer tiefer im Gewühl der anderen Instrumente steckt.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Die Platte ist dem Andenken an einen Freund Murphys gewidmet, der 2006 starb. Viele hören „Someone Great“ als Lied über diesen Verlust. Es erzählt von kleinen Alltagsdingen, die plötzlich schwer wiegen, und bleibt dabei tanzbar.
„All My Friends“ handelt vom Unterwegssein und von den Freunden zu Hause in New York. Murphy sagte, er habe damit einem Gefühl nachjagen wollen, das er einst beim Hören von Joy Divisions „Transmission“ hatte. Ihm war der Song fast peinlich, weil er so melodisch war.
Eine Stadt, geliebt und anstrengend
Am Ende steht „New York, I Love You but You're Bringing Me Down“, eine Klavierballade, die ihre Stadt liebt und zugleich an ihr verzweifelt. Das Album kam in den USA auf Platz 46 und in Großbritannien auf Platz 28, wurde für einen Grammy nominiert, und der Guardian kürte es zum Album des Jahres. Dorian Lynskey schrieb dort von Dance-Rock für Erwachsene.
05Warum es einen Abend trägt
Die Doppel-LP verteilt die neun Stücke auf vier Seiten. Seite A mit „Get Innocuous!“ und „Time to Get Away“ ist ein Aufwärmen. Auf Seite B folgen „North American Scum“, „Someone Great“ und „All My Friends“ direkt hintereinander, das Herz der Platte. Seiten C und D werden länger, dunkler und am Ende sehr persönlich.
Tanzen und zuhören
Man kann zu Sound of Silver tanzen, und man kann still sitzen und zuhören. Das Album nimmt beides ernst. Die langen Stücke brauchen Zeit, sie bauen sich auf wie ein Abend, der langsam in Fahrt kommt. Und wenn am Schluss das Klavier von „New York, I Love You“ allein übrig bleibt, ist die Nacht fast vorbei.
Wen würden Sie anrufen, wenn Sie heute Abend alle Ihre Freunde sehen könnten?
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