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1972Albumvorschlag

Super Fly

Curtis Mayfield

Der Soundtrack erschien drei Wochen vor dem Film, für den er geschrieben wurde – und überholte ihn kommerziell so deutlich, dass die Platte bis heute bekannter ist als die Kinovorlage.

Neun Stücke, ein Sänger, der zugleich Produzent, Texter und Gitarrist ist, und ein Auftrag, dem er im Nachhinein widersprach. Was nach Filmmusik klingt, ist vor allem eine eigene Rechnung mit dem Stoff, den der Film erzählt.

  • Laufzeitrund 37 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1972
  • AufgenommenBell Sound New York, Curtom-Sessions und ein ehemaliges RCA-Studio in Chicago
Das Albumcover: eine Filmszene mit Ron O'Neal als Youngblood Priest.
Curtis Mayfield, Super Fly, Curtom Records 1972. Art Direction Glen Christensen. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Little Child Runnin' Wild5:23
  2. Pusherman5:04
  3. Freddie's Dead5:27
  4. Junkie Chase1:36
  5. Give Me Your Love (Love Song)4:20
  6. Eddie You Should Know Better2:16
  7. No Thing on Me (Cocaine Song)4:53
  8. Think3:43
  9. Superfly3:55

Zum Cover

Das Cover zeigt eine Filmszene mit Ron O'Neal in der Hauptrolle des Drogendealers Youngblood Priest, dem Titelfilm, zu dem Curtis Mayfield den Soundtrack schrieb. Für Gestaltung und Verpackung des Albums zeichnete Art Director Glen Christensen verantwortlich, das Packaging selbst betreute Milton Sincoff – ein konkreter Fotografennachweis für das Filmstandbild ließ sich nicht mehr zweifelsfrei klären.

Art Direction: Glen Christensen
Packaging: Milton Sincoff
Label: Curtom Records, 1972
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I didn't have to leave my neighborhood to understand what Super Fly was about.“

Curtis Mayfield im Gespräch mit Rolling Stone über die Herkunft der Texte

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Super Fly entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Am Anfang steht kein Konzeptalbum, sondern ein Gefallen. Für eine Nachtclub-Szene in seinem Film wollte Regisseur Gordon Parks Jr. keine Statisten mit Playback, sondern eine echte Band, die einen echten Song spielt. Er bat Curtis Mayfield samt Gruppe um einen kurzen Auftritt vor der Kamera. Für die Szene brauchte es ein fertiges Stück, und daraus wurde „Pusherman“ – nicht in Chicago aufgenommen, wo Mayfields Label Curtom saß, sondern bei Bell Sound in New York. Erst aus diesem einen Song wuchs die Idee, den ganzen Film zu vertonen.

Drei Tage im ehemaligen RCA-Studio

Was danach kam, verschiebt das Bild vom einsamen Songwriter am Klavier. Nach „Pusherman“ legte Mayfield das Projekt für Monate beiseite und arbeitete an anderem – unter anderem an neuen Stücken für seine frühere Gruppe, die Impressions, und an einem eigenen Album. Als er zurückkehrte, entstand der Großteil der übrigen Musik laut einer Quelle in einer sehr kurzen, sehr dichten Sitzung in Chicago: drei Tage, ein ehemaliges Studio der RCA, dazu ein Ensemble von rund vierzig Musikerinnen und Musikern für die Orchesterparts. Wie eng diese drei Tage tatsächlich getaktet waren, lässt sich aus einer einzelnen Quelle nicht abschließend rekonstruieren – die Größenordnung des Aufwands aber schon.

Was ein so großes Ensemble bringt, hat Gitarrist Craig McMullen, der auf der Platte spielt, später so erklärt: „The advantage of it is, if you have a full orchestra, when you place your licks, you don't have to worry about your licks bumping. You can hear everything that's going to go down.“ Gemeint ist: Wer live mit vollem Orchester aufnimmt, hört sofort, wo die eigene Gitarrenfigur Platz hat und wo nicht – ein Vorteil, den ein Funk-Trio im kleinen Studio nicht hat.

Der besondere Moment dieses Albums ist also kein einzelner Take, sondern ein Kontrast: ein Song, der für eine Nebenszene in einem Film entstand, gefolgt von einer Sitzung, in der aus dieser Nebensache in kürzester Zeit ein vollständiges Orchesterwerk wurde.

02Wie Super Fly entstand

Der Film, für den die Musik geschrieben wurde, erzählt von einem Kokaindealer, der einen letzten großen Deal plant, um auszusteigen – eine Geschichte, die dem Genre des „Blaxploitation“-Kinos zugerechnet wird und die den Drogenhandel in weiten Teilen stilvoll, fast glamourös inszeniert. Genau damit hatte Mayfield ein Problem. Seine zweite Ehefrau Altheida hat es Jahrzehnte später so zusammengefasst: „Curtis thought 'Super Fly' was a commercial to sell cocaine and he wanted to turn that around. That was his main purpose there, to say 'This is nothing pretty'.“

Statt den Auftrag einfach zu illustrieren, schrieb Mayfield ein Gegengewicht: Texte über Armut, Abhängigkeit und die Sackgassen des Milieus, gesetzt gegen die Bilder des Films. Er selbst hat betont, wie nah ihm der Stoff war, nicht als Recherche, sondern als Herkunft: „I didn't have to leave my neighborhood to understand what Super Fly was about.“ Ein Teil der Songs entstand nach eigenen Angaben in einer Phase, in der Mayfield vorübergehend getrennt von seiner Familie lebte – Rahmenbedingungen, die zur nüchternen, oft harten Perspektive der Texte passen.

Johnny Pate am Dirigentenpult

Produziert hat Mayfield das Album für sein eigenes Label Curtom selbst. An seiner Seite arbeitete Johnny Pate als Arrangeur und Dirigent der Orchesterparts – die Verbindung aus kleiner Funk-Band und großem Streicher- und Bläserapparat, die den Klang der Platte prägt, geht wesentlich auf diese Zusammenarbeit zurück. Aufgenommen wurde zwischen Ende 1971 und Mai 1972, veröffentlicht wurde das Album am 11. Juli 1972 – rund drei Wochen vor dem Kinostart des Films.

Dieser zeitliche Vorsprung hatte Folgen. Die Platte verkaufte sich unabhängig vom Film derart gut, dass sie innerhalb weniger Monate mit Gold ausgezeichnet wurde und am Ende schätzungsweise anderthalb Millionen Mal über die Ladentheke ging – nach verbreiteter Einschätzung mehr, als der Film selbst an Publikum erreichte. Ein Soundtrack, der seinen Auftraggeber kommerziell überrundet: Das ist im Kino der frühen Siebziger die Ausnahme, nicht die Regel.

03Der Klang

Zwei Klangwelten laufen auf diesem Album nebeneinander her. Die eine ist die kleine, harte Band: Joseph „Lucky“ Scott am Bass, Morris Jennings an den meisten Schlagzeugspuren, dazu Tyrone McCullen für „Pusherman“, an den Congas und weiterem Schlagwerk Master Henry Gibson. Darüber liegt Mayfields eigene, unverwechselbar hohe, fast zerbrechliche Gesangslage, dazu die Gitarren von Phil Upchurch und Craig McMullen mit dem für Mayfield typischen, leicht bewölkten Wah-Wah-Ton.

Junkie Chase und Think

Die andere Ebene ist das Orchester, das Johnny Pate für Bläser und Streicher schreibt. Stücke wie „Little Child Runnin' Wild“ oder das instrumentale „Junkie Chase“ öffnen sich zu einer Breite, die eine reine Funk-Band nicht liefern kann – gedacht auch als Filmmusik, die Szenen tragen muss, nicht nur Songs. Zwei der neun Titel, „Junkie Chase“ und „Think“, sind reine Instrumentalstücke ohne Gesang: hörbare Reste ihrer Herkunft als Szenenmusik, eingebettet in ein Album, das sich sonst wie eine Songsammlung anhört.

Was die beiden Ebenen zusammenhält, ist die Produktion selbst: dicht gesetzt, aber nie überladen, mit Congas und Hi-Hat oft weit vorn im Mix, während Bläser und Streicher eher Farbe als Fundament liefern. Der Grundton bleibt trotz des großen Apparats warm und leicht dunkel getönt – passend zu Texten, die selten hell klingen, selbst wenn der Groove tanzbar bleibt.

Hörmoment

Freddie's Dead

Achten Sie darauf, wie unter Mayfields Falsett ein dichtes Geflecht aus Streichern, Bläsern und Wah-Wah-Gitarre liegt, ohne dass der Song dabei überladen wirkt – ein Stück, das als eines der beiden Singles-Hits vom Album eigenständig in den Charts lief, lange bevor viele es dem Film zuordneten.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke dafür genannt wird.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Neun Titel, die sich wie eine kleine Erzählung lesen lassen, obwohl sie als Filmmusik entstanden. „Little Child Runnin' Wild“ setzt die Szenerie, „Pusherman“ ist die Charakterstudie des Dealers aus der Ich-Perspektive, „Freddie's Dead“ ein Nachruf auf eine Nebenfigur, die im Film scheitert. Die beiden Instrumentalstücke wirken wie Zwischenszenen, „No Thing on Me (Cocaine Song)“ liest sich als persönliche Absage an genau das, was der Film halb glorifiziert, und der Titeltrack „Superfly“ schließt mit einem nüchternen Blick auf die Hauptfigur statt mit einer Feier.

Robert Christgaus Kritik

Kritiker haben früh benannt, was diese Reihenfolge trägt: den Bruch zwischen Musik und Text. Robert Christgau schrieb in seiner Kritik, die Songs „speak for (and to) the ghetto's victims rather than its achievers“ und würden „bleak lyrics through uncompromisingly vivacious music“ transportieren – bedrückende Texte, verpackt in auffallend lebendige Musik. Genau dieser Widerspruch hält das Album zusammen: Wer nur auf den Groove hört, tanzt; wer auf den Text hört, hört eine Anklage. Beides läuft gleichzeitig, Stück für Stück.

Dass das kein Zufall der Songauswahl ist, sondern Haltung, macht der Vergleich mit dem Film deutlich. Wo die Kinovorlage den letzten großen Coup des Dealers als Ausweg feiert, bleibt die Musik bei den Kosten: Sucht, Tod, Enge. Ein Rezensent von Rolling Stone nannte das Album deshalb „not only a superior, imaginative soundtrack, but fine funky music as well“ – Filmmusik, die als eigenständiges Werk besteht, nicht nur als Begleitung.

05Warum es einen Abend trägt

Rund siebenunddreißig Minuten, neun Titel, kein einziger davon reine Fülle. Für einen Hörabend ist das eine dankbare Länge: kurz genug, um konzentriert zu bleiben, lang genug, um den Bogen von der Straßenszene zu Beginn bis zum nüchternen Schluss tatsächlich zu spüren.

Verloren gegen The Godfather

Was die Platte über die Jahrzehnte getragen hat, ist mehr als ihr kommerzieller Erfolg zum Erscheinen. Sie wurde für einen Grammy als beste Filmmusik nominiert und unterlag dort Nino Rotas Musik zu The Godfather – Gesellschaft, die zeigt, wie ernst das Album damals genommen wurde. 2019 nahm die Library of Congress sie in ihr National Recording Registry auf, als Werk von bleibendem kulturellem Wert. Und in der Popmusik seither taucht sie in Fragmenten immer wieder auf: Ihre Congas, Bässe und Bläserfiguren gehören zu den am häufigsten gesampelten der gesamten Soul-Ära.

Für einen gemeinsamen Abend liegt der Reiz genau in der doppelten Lesart. Man kann die Platte als reinen Groove laufen lassen und wird nicht enttäuscht. Man kann ihr aber auch als Kommentar zu einem Film zuhören, den sie eigentlich hätte bewerben sollen – und merkt, wie selten Auftragsarbeiten sich so deutlich von ihrem Auftrag lösen.

Eine gemeinsame Geschichte

Der Film Super Fly lief drei Wochen nach dem Album an. Statt als Werbung für das Kino zu funktionieren, entwickelte sich der Soundtrack zum eigenen Ereignis: Gold binnen weniger Monate, Platz eins der US-Albumcharts, zwei Singles-Hits mit „Freddie's Dead“ und „Superfly“. In vielen Rückblicken heißt es seither, die Musik habe den Film überlebt, nicht umgekehrt.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil das Album seinem eigenen Auftraggeber inhaltlich widerspricht. Ein Publikum, das die Songs kaufte, kaufte damit auch die Kritik an genau der Geschichte mit, die es im Kino sehen sollte.

Wie hört sich ein Soundtrack an, der dem eigenen Film widerspricht?