1991Albumvorschlag
Ten
Pearl Jam
In San Diego liegt eine Kassette mit Instrumental-Demos aus Seattle. Ein junger Mann, der dort als Aushilfe jobbt und surft, hört einen der Songs vor einer Session im Wasser – und schreibt danach in wenigen Stunden die Texte, die aus einer Band mit Sängerlücke Pearl Jam machen.
Elf Tracks, ein Debüt, das erst ein Jahr nach Erscheinen zum kommerziellen Durchbruch wurde. Was man von diesem Album kennt, sind die Hits. Was man weniger kennt, ist die Kassette, mit der alles begann, und die Band selbst, die sich mit dem fertigen Klang lange nicht ganz anfreunden konnte.
- Laufzeitrund 51 Minuten
- Titel11
- Jahr1991
- AufgenommenLondon Bridge Studio, Shoreline/Seattle; Mix Ridge Farm Studios, Dorking
Tracklist
- Once3:51
- Even Flow4:53
- Alive5:40
- Why Go3:19
- Black5:43
- Jeremy5:18
- Oceans2:41
- Porch3:30
- Garden4:58
- Deep4:18
- Release6:30
„It was the best five hours I ever spent.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Ten entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Der ehemalige Red-Hot-Chili-Peppers-Schlagzeuger Jack Irons reicht einem jungen Mann in San Diego eine Kassette weiter. Darauf: drei bis fünf Instrumental-Demos, die in Seattle unter dem Titel „Stone Gossard Demos '91“ kursieren, aufgenommen von einer Band, die gerade erst aus den Trümmern von Mother Love Bone entstanden ist und noch keinen Sänger hat. Der junge Mann heißt Eddie Vedder, jobbt zu dieser Zeit in San Diego und geht surfen.
Vedder hört einen der Songs, „Dollar Short“, vor einer Session im Wasser – und danach kommen ihm, während oder nach dem Surfen, die Zeilen. Er geht nach Hause, setzt sich an seinen Vier-Spur-Rekorder und schreibt und singt in den folgenden Stunden Texte und Melodien zu drei Stücken, die später als „Once“, „Alive“ und „Footsteps“ bekannt werden – zusammen das sogenannte „Momma-Son“-Konzept, eine kleine, zusammenhängende Geschichte. Wie lange diese Session genau dauerte, wird unterschiedlich überliefert: Vedder selbst spricht von vier bis fünf Stunden, eine andere Quelle nennt rund zwölf Stunden. Auch sein Job zu jener Zeit wird uneinheitlich angegeben, als Tankwart oder als Sicherheitswächter. Diese Widersprüche lassen sich aus den vorliegenden Quellen nicht auflösen.
Was bleibt, ist Vedders eigenes Urteil über diese Nacht: „It was the best five hours I ever spent.“ Und, an anderer Stelle, seine Beschreibung dessen, was er dabei empfand – kein Vorspielen, sondern etwas anderes: „It wasn't an audition. It was just an art project.“ Er schickt die Kassette mit seinem Gesang zurück nach Seattle.
Vedders einzige Bedingung
Die Band – Stone Gossard, Jeff Ament, Mike McCready, dazu der kurz zuvor dazugekommene Schlagzeuger Dave Krusen – ist überrascht von der Richtung, die Vedders Texte nehmen, und begeistert von dem, was sie hört. Im Oktober 1990 fliegt Vedder nach Seattle. Jeff Ament erinnert sich an die einzige Bedingung, die Vedder für diese erste Reise stellte: „I just have one request, and that's when we get there, if I can go straight from the airport to the practice place and we can play.“ Eine Woche wird geprobt, dann steht die Band, die sich zunächst „Mookie Blaylock“ nennt, bevor sie sich in Pearl Jam umbenennt.
Was diese Szene über das ganze Album sagt, liegt in der Kausalkette, die sie eröffnet: Ohne diese eine Kassette und diese eine Session gäbe es weder den Sänger noch die drei Songs, die zum Grundgerüst von Ten wurden. Eine Band, die nach dem Tod ihres Sängers Andrew Wood im Jahr zuvor beinahe endete, bevor sie richtig begonnen hatte, findet ihren neuen Sänger über eine Kassette und einen Nachmittag am Strand.
Erzählt wird die Szene im Kern über zwei bis drei unabhängige Quellen (Rolling Stone India, Songfacts, ein Pearl-Jam-Fachblog), die sich in den harten Fakten – Kassette, Irons, San Diego, drei Songs – decken und nur bei Dauer und Beruf auseinandergehen.
02Wie Ten entstand
Am Anfang steht ein Todesfall. Im März 1990 stirbt Andrew Wood, Sänger von Mother Love Bone, an einer Heroin-Überdosis. Die Band löst sich auf. Jeff Ament (Bass) und Stone Gossard (Gitarre) beginnen, neues Material zu schreiben, holen Mike McCready (Gitarre) dazu und nehmen mit dem Schlagzeuger Matt Cameron – der später zu Soundgarden wechselt – rund zwölf Instrumental-Demos auf, die als „Stone Gossard Demos '91“ kursieren. Über Jack Irons gelangt eine Kassette davon zu Eddie Vedder in San Diego.
Kurz vor Vedders erster Reise nach Seattle im Oktober 1990 stößt Dave Krusen als Schlagzeuger zur Band. Die eigentlichen Albumaufnahmen finden dann vom 27. März bis 26. April 1991 im London Bridge Studio in Shoreline, einem Vorort nördlich von Seattle, statt – in den meisten Quellen vereinfachend als „Seattle“ bezeichnet. Produziert wird von Rick Parashar, den die Band bereits von den Sessions zu „Temple of the Dog“ kannte, jenem Tribute-Album für Andrew Wood, an dem unter anderem Chris Cornell sowie Gossard, Ament und McCready beteiligt waren – und, noch nicht offiziell Bandmitglied, auch Vedder.
Even Flows schwierige Aufnahme
Die Aufnahmen verliefen nicht spannungsfrei. Laut Dave Krusen brauchte besonders „Even Flow“ ungewöhnlich viele Anläufe: „That song has a giant edit in the middle“, „I had a hard time tracking it.“ Jeff Ament beschrieb die Produktionsphilosophie im Rückblick als bewussten Verzicht auf Perfektion zugunsten von Intensität: „to get really close to them when they were written… I wanted to get back to making a record that was a little bit more raw, with a little more emphasis on getting the intensity.“
Gemischt wurde das fertige Album im Juni 1991 in den ländlich gelegenen Ridge Farm Studios in Dorking, England, durch Tim Palmer – laut den vorliegenden Quellen eine vergleichsweise entspannte, vom Studioalltag losgelöste Arbeitsphase. Gemastert hat Bob Ludwig. Verstärkt wurde die Besetzung im Studio unter anderem durch Rick Parashar selbst an Klavier, Fender Rhodes und Orgel sowie durch Walter Gray am Cello auf „Jeremy“.
03Der Klang
Stone Gossard schrieb den Großteil des Materials, häufig in alternativen Stimmungen wie Drop-D, auf einer Gibson Les Paul Custom; Mike McCready spielte die Leadparts überwiegend auf standardgestimmten Fender-Gitarren. Beide beschreiben ihr Verhältnis als komplementär: „It's a trade-off between us. You'll hear Mike's guitar come up for the solos, but there are a lot of songs where my rhythm parts are playing the main riff“, so Gossard. Zu seinem Solo in „Even Flow“ bekannte McCready offen die Vorbilder: „steal everything I know from Stevie Ray Vaughan and put it into Even Flow. A blatant rip-off.“ Diese Detailangaben zur geschichteten Gitarrenarbeit stützen sich im Wesentlichen auf eine Quelle (Guitar World).
Der Verstärker im großen Raum
Für Jeff Aments Bass-Sound wählte Rick Parashar einen ungewöhnlichen Ansatz: Der Verstärker stand in einem großen Raum, während Ament über Kopfhörer die nötigen Frequenzen zurückgespielt bekam. Parashar dazu knapp: „We put his amp out in a big room.“ Beim Mix in den Ridge Farm Studios improvisierte Tim Palmer aus Ressourcenknappheit mit Alltagsgegenständen als Percussion – „I used the pepper mill as a shaker and used drum sticks on the extinguisher as a sort of bell effect“ – und setzte für den Einstieg von „Black“ gezieltes EQing ein, um den Anfang bewusst klein und radiotauglich klingen zu lassen, bevor der Bass ihn öffnet: „I EQ'd the whole top of the song really small and radio-sounding. When the bass comes in it is a nice feeling.“
Für das Gitarrensolo am Ende von „Alive“ nahm Palmer McCreadys Verstärker isoliert im Live-Raum auf, während McCready selbst im Kontrollraum spielte. Ursprünglich plante man, mehrere Takes zu einem Komposit zusammenzuschneiden; McCready lieferte laut dieser Quelle jedoch einen durchgehenden Take mit Uni-Vibe-Effekt, der als Ganzes auf dem Album landete.
Zum Original-Mix von 1991 gibt es einen späteren Kontrapunkt: 2009 erschien mit „Ten Redux“ ein kompletter Neu-Mix des Albums durch Brendan O'Brien, während die Legacy-Edition auf einer zweiten Disc den originalen Tim-Palmer-Mix, neu gemastert, bewahrte. Fan- und Community-Stimmen beschreiben den Original-Mix als reich an Hall – „wie in einer Blechdose aufgenommen“ –, während O'Briens Remix reverbärmer, zeitloser und druckvoller klingen soll. Diese Höreindrücke stammen überwiegend aus Blog-Kommentaren, nicht aus einer autoritativen technischen Analyse, und sollten entsprechend vorsichtig eingeordnet werden. Ein exakter, im Song nachprüfbarer Timecode für einen einzelnen Hörmoment ließ sich in den ausgewerteten Quellen für dieses Album nicht finden – auf einen erfundenen Zeitstempel wird deshalb hier verzichtet.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Das Album gliedert sich hörbar in zwei Hälften. Die erste, von „Once“ bis „Jeremy“, liefert eine Folge dichter, hart rockender Songs; die zweite, von „Oceans“ bis „Release“, nimmt spürbar Tempo und Druck heraus, wird introspektiver und mündet in „Release“ als kathartischem Schlusspunkt. Bemerkenswert dabei: Die Reihenfolge auf dem Album folgt nicht der inneren Chronologie der „Momma-Son“-Geschichte. „Once“ – nach Vedders eigener Erzählung der zweite Akt, in dem der Sohn selbst zum Täter wird – steht als Opener an erster Stelle, während „Alive“, der biografisch erste Akt, erst an dritter Stelle folgt. Naheliegend, wenn auch von den Quellen nicht ausdrücklich so erklärt, ließe sich das als bewusster dramaturgischer Kniff lesen: Spannung vor Erklärung. Die Zeile „Once upon a time I could control myself“ fungiert dabei laut einer Quelle als eine Art Thesis-Statement, das den folgenden rund 40 bis 50 Minuten emotionalen Kontrollverlust vorausschickt.
Der Schlusstrack „Release“ wird in mehreren Quellen übereinstimmend als der einzige vollständig von der gesamten Band gemeinsam geschriebene Song beschrieben, entstanden aus improvisierten Gitarrensessions – ein Ventil am Ende des Albums.
„Over-rocked“
Die Gegenstimme sollte man kennen, und sie kommt aus der Band selbst. Jeff Ament sagte 2001 über den Original-Mix: „I'd love to remix Ten. Ed, for sure, would agree with me.“ Stone Gossard ging 2002 weiter und nannte den Sound „over-rocked“, verbunden mit der Einschätzung: „we were novices in the studio.“ Diese Unzufriedenheit mit der eigenen Produktion mündete 2009 direkt in den Neu-Mix durch Brendan O'Brien. Interessanterweise relativierte Ament diese Kritik später wieder und würdigte den Original-Mix als authentischen Ausdruck dessen, was die Band zum Zeitpunkt der Aufnahme wollte – eine Einschätzung, die allerdings nur schwach belegt ist. Wer das Original auf Band hört, hört damit auch eine Platte, die ihre eigenen Schöpfer lange nicht vollständig zufriedenstellte.
Zur Einordnung
Ten Redux
2009 erschien parallel zum Original ein kompletter Neu-Mix durch Brendan O'Brien. Rick Parashar selbst, der Produzent des Originals, äußerte sich dazu nie öffentlich – er starb 2014. Für den Hörabend spricht das für die 1991er Fassung: sie ist die unperfekte, ungeglättete Version, die tatsächlich Geschichte schrieb.
05Warum es einen Abend trägt
Ten verkaufte sich zunächst nur langsam. Erst ab Ende 1992, mehr als ein Jahr nach dem Erscheinen im August 1991, wurde es zum kommerziellen Durchbruch und erreichte Platz 2 der Billboard 200 – gehalten von Platz 1 nur durch Billy Ray Cyrus' „Some Gave All“. Bis Februar 2013 verkaufte sich das Album nach RIAA-Angaben über 13 Millionen Mal allein in den USA. „Jeremy“ erhielt 1993 zwei Grammy-Nominierungen, das dazugehörige Video vier MTV Video Music Awards, darunter „Video of the Year“. 2021 wurde Ten in die Grammy Hall of Fame aufgenommen; Rolling Stone führte das Album 2003 auf Platz 207 der „500 Greatest Albums of All Time“, in der überarbeiteten Liste von 2020 bereits auf Platz 160.
Nur Billy Ray Cyrus davor
Für einen Hörabend liegt darin ein eigener Reiz: Ein Album, das ein Jahr brauchte, um zu wirken, verträgt auch heute keine Eile. Wer es an einem Abend am Stück hört, bekommt beides – die geballte erste Hälfte mit „Once“, „Even Flow“, „Alive“, „Black“ und „Jeremy“, und danach die ruhigere, introspektivere zweite Hälfte, die zu wenig gehört wird, wenn man das Album nur über die Radio-Hits kennt. Dass die Band selbst mit dem Original-Mix haderte, ändert nichts daran, dass genau diese Version es war, die eine ganze musikalische Bewegung mitprägte.
Zur Rezeption 1991
AllMusic nannte Ten ein „flawlessly crafted hard rock masterpiece“ und lobte, wie ernsthaft das Album Themen wie Missbrauch, Obdachlosigkeit und Waffengewalt behandelt. Kritischere Stimmen wie Entertainment Weekly ordneten die Band dagegen zunächst nur als Ableger von Soundgarden, Alice in Chains und Mother Love Bone ein. Beide Einschätzungen stehen nebeneinander in den Quellen – erst der spätere kommerzielle Erfolg entschied den Streit vorläufig zugunsten des Albums.
Wie klingt eine Band, die ihren Sänger über eine Kassette am Strand fand – und ihre eigene erste Platte bis heute nicht ganz mag?
Weiterhören
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Zur Album-Story → -
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