1980Albumvorschlag
The River
Bruce Springsteen
Im Herbst 1979 lag eine fertig abgemischte und gemasterte Einzel-LP vor, bereit für Weihnachten. Springsteen zog sie zurück, weil sie ihm „nicht persönlich genug“ war – und ging noch einmal ins Studio.
Aus der verworfenen Platte wurde ein Doppelalbum: zwanzig Tracks, die zwischen ausgelassenem Partyrock und ernsten, teils tödlich endenden Erzählungen hin- und herspringen, ohne sich für eine Stimmung zu entscheiden. Genau darin liegt die Erzählung dieses Abends.
- Laufzeitrund 83 Minuten
- Titel20
- Jahr1980
- AufgenommenPower Station New York; Telegraph Hill Studios Holmdel, NJ; Mix Clover Recorders Los Angeles
Tracklist
- The Ties That Bind3:33
- Sherry Darling4:02
- Jackson Cage3:04
- Two Hearts2:42
- Independence Day4:46
- Hungry Heart3:19
- Out in the Street4:17
- Crush on You3:10
- You Can Look (But You Better Not Touch)2:36
- I Wanna Marry You3:26
- The River4:59
- Point Blank6:05
- Cadillac Ranch3:02
- I'm a Rocker3:34
- Fade Away4:40
- Stolen Car3:53
- Ramrod4:04
- The Price You Pay5:27
- Drive All Night8:26
- Wreck on the Highway3:53
„I wanted to cut some music that felt very explosive. I wanted a record that combined the fun aspect of what the band did along with the story I was telling.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie The River entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Bis in den September 1979 hinein existierte ein anderes Album. Bruce Springsteen hatte über Monate im Power Station in New York an einer Einzel-LP gearbeitet, sie fertig abgemischt und gemastert, unter dem Titel „The Ties That Bind“. Sie war für eine Veröffentlichung noch im selben Jahr vorgesehen. Dann zog er sie zurück.
Seine eigene Begründung, Jahre später zitiert, ist unmissverständlich: „I had an album of 13 songs finished a year ago September, but I didn't put the record out because it wasn't personal enough.“ In einer weiteren, inhaltlich übereinstimmenden Formulierung führte er aus, was ihm fehlte: „The songs lacked the kind of unity and conceptual intensity I liked my music to have. So we went back in the studio.“
Wie genau diese verworfene Platte aussah, ist im Detail nicht einheitlich überliefert. Manche Quellen sprechen von zehn, andere von dreizehn Songs – vermutlich unterschiedliche Zwischenstände zwischen Frühjahr und Herbst 1979. Ein genaues Einreichungsdatum bei Columbia, der 4. Oktober 1979, findet sich nur in einer einzigen Quelle und bleibt entsprechend unsicher. Sicher ist dagegen, dass sieben der zehn Songs dieser Fassung später auf „The River“ landeten – das Material wurde also nicht verworfen, sondern neu einsortiert.
Was an dieser Entscheidung ungewöhnlich ist, ist ihr Zeitpunkt: nicht mitten in der Arbeit, sondern nach der Fertigstellung. Ein Album, das schon fertig gemischt und gemastert vorlag, wurde beiseitegelegt, weil es dem Künstler zu glatt, zu wenig persönlich vorkam. Aus der Rückschau beschrieb Springsteen im Rahmen der Box-Set-Ankündigung 2015 dieselbe Unzufriedenheit noch einmal, mit einer zusätzlichen Formulierung, die im Kern dasselbe sagt: Das Material habe „nicht genug ausgegriffen“, es habe „nicht genug enthalten“.
36 Jahre unveröffentlicht
Die verworfene Fassung blieb 36 Jahre lang unveröffentlicht. Erst am 4. Dezember 2015 machte Springsteen sie im Rahmen des Box-Sets „The Ties That Bind: The River Collection“ öffentlich zugänglich – als historisches Dokument einer Entscheidung, die aus einer fertigen Einzel-LP am Ende ein zwanzig Titel starkes Doppelalbum werden ließ.
Für einen Hörabend ist genau das der Ansatzpunkt: Wer „The River“ hört, hört nicht die Platte, die ursprünglich geplant war, sondern das Ergebnis einer bewussten Zurückweisung des Fertigen zugunsten von etwas Größerem, Unordentlicherem – und, in Springsteens eigenen Worten, Persönlicherem.
02Wie The River entstand
Die Aufnahmen zu „The River“ erstreckten sich über rund achtzehn Monate, von März 1979 bis August 1980, und lassen sich in zwei Phasen gliedern. In der ersten, von März bis September 1979, entstand im Power Station in New York die später verworfene Einzel-LP. In der zweiten, von Oktober 1979 bis in den Frühling 1980, kehrte Springsteen mit der E Street Band ins Studio zurück und nahm insgesamt über fünfzig Songs auf, aus denen am Ende zwanzig für die Doppel-LP ausgewählt wurden.
Zur Band gehörten in dieser Besetzung Roy Bittan (Piano, Hammond-Orgel), Clarence Clemons (Saxofon), Danny Federici (Orgel, Glockenspiel), Garry Tallent (Bass), Steven Van Zandt (Gitarre) und Max Weinberg (Schlagzeug); Springsteen selbst sang und spielte Gitarre, Mundharmonika und Piano. Bei „Hungry Heart“ steuerten Flo & Eddie, also Howard Kaylan und Mark Volman, den Background-Gesang bei.
Eine wichtige Verschiebung dieser zweiten Phase betraf Steven Van Zandts Rolle: Er trat erstmals als Koproduzent auf. Ihm selbst zufolge war „The River“ die erste Platte, bei der er sich sicher genug fühlte, um einzufangen, wofür die Band eigentlich stand. Diese erweiterte Rolle brachte laut einer Quelle auch eine gewisse Reibung mit sich – Van Zandt habe eine ungestümere, unausgewogenere Songmischung angestrebt, als Produzent Jon Landau sie bevorzugt hätte. Diese Einschätzung liegt allerdings nur in einer sinngemäßen, nicht wortwörtlich verifizierten Wiedergabe vor.
Zu seiner künstlerischen Absicht äußerte sich Springsteen deutlicher: „I wanted to cut some music that felt very explosive. I wanted a record that combined the fun aspect of what the band did along with the story I was telling.“ Und in Abgrenzung zum Vorgängeralbum „Darkness on the Edge of Town“: „After the unrelenting seriousness of Darkness, I wanted more flexibility in the emotional range of the songs I chose.“ Thematisch bezeichnete er „The River“ als seinen ersten Versuch, sich mit den Verpflichtungen von Zuhause und Ehe auseinanderzusetzen – ein Einfluss, den er auch bei den Erzählungen von Flannery O'Connor verortete: „There was something in those stories of hers that I felt captured a certain part of the American character that I was interested in writing about.“
Hungry Heart in zwanzig Minuten
Nicht jeder Song entstand in monatelanger Arbeit. „Hungry Heart“ geht auf einen Klubbesuch zurück: Am 25. März 1979 sah Springsteen die Ramones im Fast Lane Club in Asbury Park und dachte zunächst daran, ihnen einen Song zu schreiben. Der Song soll in rund zwanzig Minuten entstanden sein. Jon Landau riet ihm, ihn zu behalten – „Keep it for yourself“ –, und Springsteen kommentierte das später gegenüber Howard Stern trocken: „That's good management, dammit.“ Diese Anekdote ist nur in einer einzigen Quelle in dieser Ausführlichkeit belegt, der Grundfakt – Entstehung im Umfeld der Ramones – wird aber von mehreren Quellen bestätigt.
03Der Klang
Was auf dem fertigen Album zu hören ist, wird von Kritikern als der bislang direkteste Live-Sound der E Street Band im Studio beschrieben: „The E Street Band were never used to better advantage, capturing the taut, swaggering force of their live shows in the studio with superb accuracy.“
Die Aufnahmetechnik selbst ist zwischen den Quellen nicht einheitlich zugeordnet. Fest steht, dass sowohl Bob Clearmountain (frühe Sessions 1979, „The Ties That Bind“) als auch Neil Dorfsman (spätere Sessions 1979/1980) beteiligt waren; eine Quelle schreibt den Klang des fertigen Albums ausdrücklich Dorfsman zu: „Neil Dorfsman's engineering makes this one of Springsteen's best-sounding works“ – allerdings nur in dieser einen Quelle belegt. Dieselbe Quelle merkt kritisch an, der Snare-Sound verorte das Album hörbar in die frühen Achtziger.
Dreistellige Take-Nummern
Abgemischt wurde das Album schließlich bei Clover Recorders in Los Angeles, und dieser Teil der Arbeit war offenbar aufwendig: Eine Quelle beschreibt, dass einige Mischungen dreistellige Take-Nummern erreichten, bevor Springsteen die Ergebnisse akzeptierte – ein Detail, das nur einfach belegt und in seiner genauen Formulierung mit Vorsicht zu behandeln ist. Gemastert hat Ken Perry in den Capitol-Studios in Hollywood.
Zu einzelnen technischen Details – Mikrofonierung, verwendetes Konsolenmodell, genaue Take-Zahlen pro Song – ließ sich trotz gezielter Recherche nichts Belastbares finden; ebenso wenig zu von Kritikern dokumentierten, zeitcodierten Hörmomenten innerhalb einzelner Tracks. Beides wird hier bewusst offengelassen, statt es zu erfinden.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
„The River“ ist als Doppelalbum kein einheitliches Werk, und genau das scheint Absicht gewesen zu sein. Springsteen selbst hat die beabsichtigte Bandbreite laut einer Quelle so beschrieben: Das Album solle „fun, dancing, laughter, jokes, politics, sex, good comradeship, love, faith, lonely nights and of course tears“ enthalten. In derselben Quelle heißt es: „I wanted to make a big record, a big record that felt like life.“ Beide Formulierungen sind nur einfach belegt, decken sich aber mit dem, was auf dem Album tatsächlich zu hören ist.
Dave Marshs Zweiteilung
Strukturell lässt sich diese Bandbreite an der Zweiteilung des Doppelalbums festmachen. Der Kritiker und Biograf Dave Marsh beschrieb es so: „Its first two sides are a chronicle of people awakening to the fact that they aren't young anymore… The last two sides describe one version of how someone bred on rock and roll dreams comes to terms with the knowledge that he has aged.“ Übertragen auf die beiden Schallplatten heißt das: Die erste Schallplatte handelt vom Erwachen, die zweite vom Ankommen im Erwachsensein. Unabhängig davon beschreibt Uncut dieselbe Grundhaltung mit anderem Vokabular: Das Album mache „no attempt to sustain a mood or hold to a narrative through-line“ und mische stattdessen „carefree rockers, soulful testifying and solemn moments of contemplation“.
Die Gegenstimme sollte man kennen. AllMusic urteilt kritischer über exakt dieselbe Beobachtung: „Like many double albums, The River doesn't always balance well, and while the first half is consistently strong, part two is full of songs that work individually but don't cohere into a satisfying whole.“ Zwei unabhängige Quellen beschreiben also übereinstimmend eine deutliche Zäsur zwischen erster und zweiter Schallplatte – bewerten sie aber gegensätzlich: die eine als thematische Entwicklung, die andere als nachlassende Kohärenz. Beides lässt sich beim Hören nachvollziehen.
Dass der Schlusstrack „Wreck on the Highway“ diese Bewegung bewusst beendet, legt eine Quelle nahe, der zufolge Springsteen darin „the closing of the highway“ sah, „a recognition of mortality“ – ein Satz, der nur einfach belegt ist, aber zur Anordnung des Albums passt: Nach zwanzig Tracks zwischen Tanzfläche und Autobahnunfall endet die Platte nicht mit einem weiteren Refrain, sondern mit einer stillen Szene.
Zeitgenössische Reibung
Robert Christgau, 1980
Nicht alle Kritiker rangen mit der Uneinheitlichkeit – Robert Christgau vergab die Note A− und schrieb, Springsteen sei „grown into a bitter empathy“; die verdichtete Songarbeit mache „this double album a model of condensation“. Für ihn war die Fülle also kein Mangel, sondern das Argument.
05Warum es einen Abend trägt
Rund 83 Minuten, zwanzig Tracks, zwei Schallplatten – „The River“ ist mit Abstand das längste Album, das in diesem Programm zur Auswahl steht, und diese Länge ist kein Zufall, sondern das Ergebnis der in Kapitel eins beschriebenen Entscheidung: eine kompakte, fertige Einzel-LP wurde verworfen zugunsten von etwas, das mehr Platz und mehr Widersprüche zulässt.
Vierzig oder achtzig Minuten
Genau diese Länge macht die Platte für einen ganzen Abend interessant. Ein Album von vierzig Minuten ist schnell gehört und schnell eingeordnet; achtzig Minuten mit einer klaren Zäsur in der Mitte verlangen und belohnen etwas anderes: einen Bogen, der sich über die Zeit eines Konzerts spannt. Die erste Schallplatte bleibt überwiegend im Hellen – Partyrock, Autos, Sommerabende –, die zweite wird zunehmend ernst, bis hin zum stillen Schluss von „Wreck on the Highway“. Wer das Album am Stück hört, erlebt diesen Wechsel nicht als Bruch, sondern als Verlauf eines Abends, der selbst so beginnt und endet.
Dass diese Anlage nicht jedem gefällt – siehe die AllMusic-Kritik zur zweiten Hälfte –, gehört zur Ehrlichkeit dazu. Wer einen durchgehend homogenen Klang erwartet, wird ihn hier nicht bekommen. Wer dagegen bereit ist, sich auf eine Platte einzulassen, die absichtlich nicht aufgeräumt ist, bekommt dafür einen Abend, der sich entwickelt statt sich zu wiederholen.
Zur Einordnung
Erstes Nummer-eins-Album
„The River“ war Springsteens erstes Album an der Spitze der Billboard-Charts, vier Wochen lang, ab dem 8. November 1980, und zugleich sein bis dahin am schnellsten verkauftes: rund 1,6 Millionen Exemplare in den USA bis Weihnachten 1980. Der Rolling Stone kürte es zum besten Album des Jahres 1980, während die Kritiken insgesamt so gespalten ausfielen wie bei keinem früheren Springsteen-Album.
Wie klingt ein Abend, der nicht weiß – und nicht wissen will –, ob er ausgelassen oder ernst enden soll?
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