Kuriose Geschichten4 Minuten Lesezeit
Eine Minute Stille vor Gericht
2002 versteckte der britische Songwriter Mike Batt eine Minute Stille auf einem Album – und wurde dafür vom Nachlassverwalter eines Komponisten verklagt, der selbst berühmt für Stille war.
Kann man Stille klauen? Die Frage klingt wie ein schlechter Scherz, wurde aber tatsächlich ernsthaft juristisch verhandelt – ausgelöst durch eine Ein-Minuten-Spur, die als Hommage gedacht war und beinahe vor Gericht endete.
Steckbrief
- Album
- The Planets – Classical Graffiti, 2002
- Strittiger Titel
- „A One Minute Silence“, im Booklet als „Batt/Cage“ ausgewiesen
- Kläger
- Verwalter des Nachlasses von John Cage (Komposition „4′33″“, 1952)
- Ausgang
- außergerichtliche Einigung, Spende im niedrigen sechsstelligen Bereich an den Cage Trust
„Meine Stille ist die bessere: Ich schaffe in einer Minute, wofür Cage viereinhalb gebraucht hat.“
In diesem Artikel
- 01Eine Hommage, versteckt im Kleingedruckten
- 02Wie man Stille eigentlich urheberrechtlich schützt
- 03Die Einigung
01Eine Hommage, versteckt im Kleingedruckten
2002 veröffentlichte die klassisch geprägte Popgruppe The Planets, ein Projekt des britischen Songwriters und Produzenten Mike Batt, das Album Classical Graffiti. Als versteckten Scherz nahmen sie einen einminütigen Titel namens „A One Minute Silence“ auf – eine Minute komplette Stille. Im Booklet stand als Komponistenangabe augenzwinkernd „Batt/Cage“: eine offene Anspielung auf John Cages berühmtestes Werk, die Komposition 4′33″ von 1952, in der ein Pianist viereinhalb Minuten lang keine einzige Taste anschlägt.
Was als Hommage gemeint war, verstand der Verwalter von Cages musikalischem Nachlass anders: Er sah darin eine Urheberrechtsverletzung und reichte Klage ein.
02Wie man Stille eigentlich urheberrechtlich schützt
Rein rechtlich betrachtet ist das Argument nicht ganz so absurd, wie es zunächst klingt: Urheberrecht schützt nicht nur Melodien, sondern auch die Struktur und Anordnung eines Werks – und 4′33″ besteht formal aus drei genau notierten Sätzen mit exakt festgelegter Dauer, in denen keine Töne gespielt werden sollen. Die Nachlassverwaltung argumentierte, dass Batts Stille dieser Struktur zu ähnlich sei, um Zufall zu sein – ungeachtet dessen, dass eine Minute unbestreitbar kürzer ist als vier Minuten und 33 Sekunden.
Batt selbst nahm den Streit öffentlich mit Humor: In Interviews erklärte er, seine Version sei ohnehin die bessere, weil er in nur einer Minute erreiche, wofür Cage viereinhalb gebraucht habe.
03Die Einigung
Zu einem Gerichtsurteil kam es nie. Batt einigte sich außergerichtlich mit dem Cage Trust und zahlte eine Spende im niedrigen sechsstelligen Bereich, ohne ein Fehlverhalten einzuräumen. Für die Musikwelt blieb der Fall vor allem als Kuriosum in Erinnerung – ein Beispiel dafür, wie unklar Urheberrecht wird, sobald Musik an ihre eigentliche Grenze stößt: den Moment, in dem gar nichts mehr zu hören ist.
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