Kuriose Geschichten5 Minuten Lesezeit
Das teuerste Album der Welt
Sechs Jahre lang nahm der Wu-Tang Clan heimlich ein Album auf, das nie im Handel erscheinen sollte – nur ein einziges Exemplar, in eine silberne Schatulle gelegt und für Millionen verkauft.
Es gibt Alben, die als Vinyl, CD oder Stream existieren, in beliebiger Auflage. Und es gibt Once Upon a Time in Shaolin: ein Album, das laut Vertrag nur ein einziges Mal auf der Welt existieren durfte. Was daraus wurde, ist eine der seltsamsten Geschichten der jüngeren Musikgeschichte – mit einem Pharma-Manager, einer Beschlagnahmung und einem Museum in Tasmanien.
Steckbrief
- Album
- Wu-Tang Clan – Once Upon a Time in Shaolin, aufgenommen 2007–2013
- Auflage
- ein einziges Exemplar, 31 Titel auf zwei CDs, 110 Minuten
- Erstverkauf
- 2 Millionen US-Dollar, Auktionshaus Paddle8, 26. August 2015
- Heutiger Besitz
- PleasrDAO, seit 2021, Kaufpreis rund 4 Millionen US-Dollar
„Wir wollten Musik wieder zu etwas Kostbarem machen – wie ein Gemälde, das man sich ansehen, aber nicht einfach vervielfältigen kann.“
In diesem Artikel
- 01Ein Album, das nie im Handel war
- 02Der Käufer, der zum Skandal wurde
- 03Vom Gefängnis in die Kryptowelt
- 04Was aus dem Album geworden ist
01Ein Album, das nie im Handel war
Zwischen 2007 und 2013 arbeiteten RZA und der belgische Produzent Cilvaringz heimlich an einem Wu-Tang-Album, das mit keinem bisherigen Release vergleichbar sein sollte – aufgenommen größtenteils auf Staten Island, abgemischt in Marrakesch. Das Ergebnis war Once Upon a Time in Shaolin: 31 Titel auf zwei Discs, insgesamt 110 Minuten und 12 Sekunden Musik, verteilt auf die Kapitel „Shaolin School“ und „Allah School“.
Doch das eigentliche Konzept war nicht die Musik selbst, sondern ihre Exklusivität: Es sollte genau eine physische Kopie geben, kein Streaming, kein Nachpressen. Die einzige Ausfertigung kam in einer versilberten, mit einem Wachssiegel des Wu-Tang-Logos verzierten Schatulle, dazu ein in Leder gebundenes Booklet mit sämtlichen Texten. RZA und Cilvaringz verstanden das Album explizit als Kunstobjekt, vergleichbar mit einem Gemälde, das man in einem Museum betrachtet, aber nicht kopiert mit nach Hause nimmt.
02Der Käufer, der zum Skandal wurde
Am 26. August 2015 versteigerte das Auktionshaus Paddle8 das Album für rund zwei Millionen US-Dollar – nach damaligen Berichten der höchste je für ein einzelnes Musikwerk gezahlte Preis. Käufer war Martin Shkreli, zu diesem Zeitpunkt Geschäftsführer des Pharmaunternehmens Turing Pharmaceuticals und wenige Wochen später berüchtigt dafür, den Preis eines lebenswichtigen Medikaments über Nacht um mehr als das Fünfzigfache angehoben zu haben.
Der Kaufvertrag enthielt eine ungewöhnliche Klausel: Das Album dürfe erst im Jahr 2103 kommerziell verwertet werden – 88 Jahre nach dem Verkauf, eine Zahl mit Bedeutung in der Numerologie des Wu-Tang Clans. Bis dahin darf es nur bei privaten Hörabenden vorgespielt werden. Öffentlich gehört hat es zu diesem Zeitpunkt kaum jemand; RZA selbst betonte, Shkreli habe das Album nach eigenen Angaben nie vollständig angehört.
03Vom Gefängnis in die Kryptowelt
2018 wurde Shkreli wegen Wertpapierbetrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt, in einem Fall, der mit dem Album nichts zu tun hatte. Die US-Justiz beschlagnahmte daraufhin sein Vermögen – einschließlich der Schatulle mit der einzigen Kopie von Once Upon a Time in Shaolin. Am 27. Juli 2021 verkaufte das Justizministerium das Album für exakt 2.238.482,30 US-Dollar an ein Unternehmen namens WTC Endeavours Limited mit Sitz in Hongkong – eine Summe, die genau der Höhe von Shkrelis offener Schuld entsprach.
Wenige Monate später, im Oktober 2021, meldete sich die Krypto-Investorengruppe PleasrDAO zu Wort: Sie habe das Album für rund vier Millionen US-Dollar in Kryptowährung erworben. Erst 2025 wurde durch eine Anfrage nach dem US-Informationsfreiheitsgesetz öffentlich, dass die Regierung selbst nur gut zwei Millionen Dollar dafür bekommen hatte – der Rest der Wertsteigerung war zwischen der ersten und der zweiten Transaktion entstanden.
04Was aus dem Album geworden ist
Am 15. Juni 2024 stellte PleasrDAO das Album erstmals öffentlich aus – im Museum of Old and New Art (MONA) im tasmanischen Hobart, wo Besucher es unter Aufsicht und ohne eigene Aufnahmegeräte anhören konnten. Parallel begann die Gruppe, digitale Anteile am Album als NFTs zu verkaufen, für jeweils einen US-Dollar. Der Clou dabei: Jeder verkaufte Anteil sollte den Termin der für 2103 vorgesehenen öffentlichen Veröffentlichung um 88 Sekunden nach vorne verschieben.
Ob das Album jemals regulär erscheint, ist offen. Was bleibt, ist ein Gedankenexperiment, das ungewollt sehr genau trifft, worum es bei Musik als Ware eigentlich geht: Ist ein Song wertvoller, wenn ihn jeder hören kann – oder gerade dann, wenn fast niemand es darf?
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