Musik Ungestört – ungestört & analog Termin anfragen

Über das Hören6 Minuten Lesezeit

Wenn man sich der Musik ganz überlässt

Manche Menschen verschwinden beim Hören regelrecht aus dem Raum. Andere hören dieselbe Aufnahme und bleiben ganz bei sich. Der Unterschied lässt sich messen – und er hat wenig mit gutem Geschmack zu tun.

Es gibt einen Zustand, den fast jeder schon einmal erlebt hat, aber kaum jemand sich vornehmen kann: dass ein Stück Musik einen vollständig aufnimmt, die Zeit verschwindet und für ein paar Minuten nichts anderes mehr zählt. Psychologen nennen das Absorption. Was in diesem Moment im Kopf passiert, ist inzwischen erstaunlich gut untersucht.

Steckbrief

Konzept
Absorption – die Fähigkeit, sich ganz von einem Reiz aufnehmen zu lassen
Messinstrument
Absorption in Music Scale (AIMS), 34 Aussagen, entwickelt 2013 in Toronto
Stichprobe
166 Personen für die Skala; 128 weitere in einer Folgestudie zur Wirkung
Kernbefund
Wer im Moment stärker absorbiert ist, mag das Stück deutlich lieber – unabhängig vom Musikgeschmack

„Absorption in Musik ist die Fähigkeit und Bereitschaft, sich von Musik in ein emotionales Erlebnis hineinziehen zu lassen.“

Gillian Sandstrom & Frank Russo Psychologen, Ryerson University Toronto, in der Studie zur Absorption-in-Music-Scale, 2013

In diesem Artikel

  1. 01Ein Zustand, den man nicht erzwingen kann
  2. 02Absorption lässt sich messen
  3. 03Veranlagung ist nicht dasselbe wie der Moment
  4. 04Warum die richtige Portion Überraschung am tiefsten wirkt
  5. 05Was das für einen Hörabend bedeutet

01Ein Zustand, den man nicht erzwingen kann

Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat für dieses Gefühl in den 1970er-Jahren einen Namen geprägt, der bis heute geläufig ist: Flow. Gemeint ist ein Zustand völliger Vertiefung in eine Tätigkeit, bei dem Handeln und Bewusstsein verschmelzen, die Selbstwahrnehmung zurücktritt und das Zeitgefühl sich verändert – Stunden fühlen sich wie Minuten an, oder umgekehrt. Csikszentmihalyi entwickelte das Konzept ursprünglich anhand von Künstlern, Bergsteigern und Schachspielern, doch Musikhören gehört zu den zuverlässigsten Auslösern, die seither untersucht wurden.

Entscheidend ist dabei eine Unterscheidung, die im Alltag leicht verschwimmt: Musik hören und Musik zulassen sind zwei unterschiedliche Vorgänge. Nebenbei laufende Musik wird registriert, verarbeitet, teilweise sogar erkannt – ohne dass sie einen in diesem tieferen Sinn erreicht. Absorption beschreibt genau den Schritt dazwischen: die Bereitschaft, die eigene Aufmerksamkeit vollständig einem einzigen Reiz zu überlassen, statt sie zwischen mehreren Dingen zu teilen.

02Absorption lässt sich messen

Illustration eines Sogs aus konzentrischen Kreisen, die auf einen Punkt zulaufen, im Flat-Icon-Stil der Seite.
Ein Sog nach innen: Absorption zieht die Aufmerksamkeit von allem Übrigen ab und bündelt sie auf einen einzigen Punkt.

Bis 2013 gab es kein anerkanntes Werkzeug, um diese Fähigkeit zu erfassen, obwohl längst klar war, dass Menschen sich darin unterscheiden. Die Psychologen Gillian Sandstrom und Frank Russo von der Ryerson University in Toronto schlossen diese Lücke mit der Absorption in Music Scale (AIMS): 34 Aussagen wie „Wenn ich Musik höre, die mich berührt, kann ich alles um mich herum vergessen“, denen 166 Versuchspersonen zustimmen oder widersprechen sollten.

Das Ergebnis war eine verlässliche, wiederholbare Skala – und ein Nebenbefund, der aufhorchen ließ: Wie stark jemand von Musik emotional erfasst wird, hing weder mit Empathie im Alltag noch mit einer musikalischen Ausbildung zusammen. Absorption ist offenbar eine eigenständige Veranlagung, kein Nebenprodukt von Musikalität oder allgemeiner Feinfühligkeit. Manche Menschen lassen sich leichter hineinziehen als andere – und das sagt wenig darüber aus, wie gut sie ein Instrument spielen oder wie sehr sie sich sonst in andere hineinversetzen können.

03Veranlagung ist nicht dasselbe wie der Moment

Eine naheliegende Frage schließt sich an: Wenn manche Menschen von Natur aus absorptionsfähiger sind – genießen sie dann automatisch jede Musik mehr? Die Psychologinnen Sarah Hall, Emery Schubert und Sarah Wilson von der University of Melbourne gingen dem 2016 in einer Studie mit 128 Versuchspersonen nach und trafen dabei eine Unterscheidung, die den ganzen Befund verschiebt: die zwischen Veranlagung (trait absorption, wie leicht sich jemand grundsätzlich hineinziehen lässt) und Zustand (state absorption, wie absorbiert jemand gerade in diesem einen Moment tatsächlich ist).

Die Veranlagung allein sagte in dieser Studie überraschend wenig über den unmittelbaren Genuss eines konkreten Stücks voraus. Der Zustand dagegen schon, und zwar deutlich: Wer während des Hörens stärker absorbiert war – weniger abgelenkt, stärker konzentriert – bewertete dasselbe Stück spürbar positiver. Der Zusammenhang war statistisch klar nachweisbar. Absorption ist also weniger eine feste Eigenschaft, die manche haben und andere nicht, sondern vor allem eine Frage der Gelegenheit: Ob die Umstände es zulassen, sich tatsächlich einzulassen.

Ein weiterer Befund derselben Studie überrascht auf den ersten Blick: Menschen mit hoher Veranlagung zur Absorption genossen auffällig oft auch Musik, die negative Gefühle auslöst – Trauer, Schwermut, Anspannung. Das widerspricht der Alltagsannahme, dass gute Musik gute Gefühle machen muss. Wer sich tief genug einlässt, kann offenbar auch aus einem schweren, dunklen Stück etwas gewinnen, das mit reiner Zerstreuung nichts zu tun hat.

04Warum die richtige Portion Überraschung am tiefsten wirkt

Illustration einer Glockenkurve mit einem roten Punkt am Scheitelpunkt, im Flat-Icon-Stil der Seite.
Weder zu vorhersehbar noch zu chaotisch: Der Genuss ist am größten, wenn Musik gerade so viel Überraschung bietet, wie sich noch einordnen lässt.

Eine der Fragen, die die Hirnforschung seit Jahren beschäftigt, ist, warum überhaupt ausgerechnet Musik diesen Sog erzeugen kann. Ben Gold, Marcus Pearce, Ernest Mas-Herrero, Alain Dagher und Robert Zatorre veröffentlichten 2019 im Journal of Neuroscience eine Antwort, die auf Vorhersage beruht: Das Gehirn erzeugt beim Hören fortlaufend Erwartungen darüber, wie eine Melodie weitergeht, und vergleicht sie mit dem tatsächlichen Verlauf. In zwei Studien mit insgesamt 70 Versuchspersonen zeigte sich ein Muster in Form einer Glockenkurve: Musik gefiel am besten, wenn sie weder komplett vorhersehbar noch völlig chaotisch war, sondern genau die Menge an Überraschung bot, die sich noch einordnen ließ.

Dieser schmale Grat zwischen Erwartung und Überraschung ist vermutlich auch der Grund, warum Absorption sich nicht erzwingen lässt. Ein Stück, das man schon zu gut kennt, bietet zu wenig Reibung, um die Aufmerksamkeit zu binden; ein Stück, das zu fremd oder zu komplex ist, überfordert, bevor sich ein Sog aufbauen kann. Die tiefste Versunkenheit entsteht dort, wo das Gehirn ständig kleine, gerade noch bewältigbare Vorhersagefehler korrigiert – ein fortlaufender, fein dosierter Reiz, der wach hält, ohne zu ermüden.

05Was das für einen Hörabend bedeutet

Aus alledem lässt sich eine unbequeme, aber ehrliche Schlussfolgerung ziehen: Absorption entsteht nicht durch das perfekte Stück allein, sondern durch die Bedingungen, die man ihm gibt. Die Melbourne-Studie zeigt, dass der Moment mehr zählt als die Veranlagung – und der Moment lässt sich gestalten. Ein Handy in Reichweite, ein halb geöffnetes Gespräch nebenher, die Möglichkeit, jederzeit zum nächsten Titel zu springen: Jede dieser Optionen ist eine kleine Einladung, die Aufmerksamkeit doch zu teilen, und genau das verhindert den Zustand, um den es hier geht.

Deshalb läuft an einem Hörabend ein Album vollständig durch, vom Band, ohne Skip-Taste und ohne Fernbedienung. Nicht aus Prinzip, sondern weil genau diese Einschränkung die Voraussetzung schafft, unter der Absorption überhaupt entstehen kann: ungeteilte Zeit, ein Verlauf, den man nicht selbst steuert, und nichts, worauf man ausweichen könnte. Was danach passiert, entscheidet jeder für sich. Aber die Gelegenheit dazu ist an diesem Abend wenigstens da.

Zum Weiterlesen: Der Lagerfeuer-Effekt – darüber, was zusätzlich passiert, wenn man dabei nicht allein ist.

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