Künstlerporträt
Howlin' Wolf
Ein Farmarbeiter aus Mississippi, der mit über vierzig nach Chicago fuhr und dort den Blues lauter machte, als ihn je jemand gehört hatte.
Howlin' Wolf war groß, laut und auf der Bühne ein Ereignis – noch bei seinem letzten Konzert kroch er während eines Songs über die Bühne. Hinter dieser Wucht stand ein Mann, der seine Band pünktlich bezahlte und spät im Leben noch Buchhaltung lernte. Mit den Songs von Willie Dixon und der Gitarre von Hubert Sumlin schuf er in Chicago einige der Aufnahmen, auf denen die englische Rockmusik der Sechziger aufbaute. Die Rolling Stones und Cream beriefen sich offen auf ihn; Led Zeppelin bedienten sich ebenfalls, nannten ihn aber erst nach einer Klage seines Musikverlags als Quelle.
In diesem Porträt
1910–1947
01 Mississippi
Chester Arthur Burnett wurde am 10. Juni 1910 in White Station bei West Point in Mississippi geboren, benannt nach dem amerikanischen Präsidenten Chester Arthur. Den Spitznamen bekam er von seinem Großvater, der dem Jungen mit dem Wolf drohte, wenn er die Küken der Großmutter zu grob anfasste. Die Kindheit war hart; mit dreizehn lief er davon und schlug sich ins Delta durch.
Im Januar 1928, mit 17 Jahren, hatte er das Geld für seine erste Gitarre beisammen. Um 1930 lernte er Charley Patton kennen, den bekanntesten Bluesmusiker des Deltas. Von ihm übernahm er Lieder und Bühnentricks, etwa die Gitarre hinter dem Rücken zu schwenken. Sein Heulen entstand, als er versuchte, das Jodeln des Countrysängers Jimmie Rodgers nachzumachen.
Jahrelang zog er durch die Juke Joints des Deltas, mit Musikern wie Johnny Shines und Sonny Boy Williamson II, und half zwischendurch weiter auf der Farm seines Vaters beim Pflügen.
1948–1952
02 Memphis
In West Memphis in Arkansas stellte Burnett 1948 eine Band zusammen, mit dem Gitarristen Willie Johnson und dem Mundharmonikaspieler Junior Parker. Der Radiosender KWEM übertrug seine Auftritte live, und Howlin' Wolf wurde in der Gegend bekannt.
1951 brachte ihn der junge Ike Turner zu Sam Phillips in dessen Studio in Memphis, das später als Sun Studio berühmt wurde. Phillips war überwältigt. Er sagte später, er hätte viel dafür gegeben, Wolfs Gesicht beim Singen auf Film zu haben: „Seine Augen leuchteten, die Adern am Hals traten hervor, und, mein Freund, er hatte nichts anderes im Kopf als dieses Lied. Er sang mit seiner ganzen verdammten Seele.“ Die ersten Singles erschienen noch im selben Jahr, darunter „Moanin' at Midnight“ und „How Many More Years“.
1952–1959
03 Chicago
Chess Records sicherte sich den Vertrag, und Ende 1952 zog Wolf nach Chicago. Er kam, nach eigener Aussage als Einziger aus dem Delta, im eigenen Auto und mit 4000 Dollar in der Tasche. Dort baute er eine neue Band auf.
1954 kam der junge Gitarrist Hubert Sumlin dazu und blieb, mit einer kurzen Unterbrechung, bis zu Wolfs Tod. 1956 erschien „Smokestack Lightning“, eine seiner bekanntesten Aufnahmen. Wolf galt als verlässlicher Chef: Er zahlte gut und pünktlich und führte sogar Sozialversicherungsbeiträge für seine Musiker ab.
1959 erschien Wolfs erste LP, Moanin' in the Moonlight. In Chicago stand er in ständiger Konkurrenz zu Muddy Waters, dem anderen großen Star bei Chess, der ein Jahr später mit At Newport 1960 sein bekanntestes Livealbum aufnahm.
1960–1964
04 Willie Dixon
Anfang der Sechziger nahm Wolf eine Reihe von Songs des Chess-Hausautors Willie Dixon auf: „Spoonful“, „Back Door Man“, „Wang-Dang-Doodle“, „The Red Rooster“. Dixon wusste, wie er Wolf überzeugen konnte, und stellte ihm neue Stücke gern so vor, als seien sie eigentlich für Muddy Waters gedacht.
Im Januar 1962 fasste Chess diese Singles zu einer LP zusammen, die nach ihrem Cover „Rockin' Chair Album“ genannt wird. Große Hits waren die Songs nicht. Aber sie wanderten über den Atlantik, wo junge englische Musiker sie auswendig lernten.
Im Dezember 1964 standen die Rolling Stones mit „Little Red Rooster“ auf Platz eins der britischen Charts. Im selben Jahr heiratete Wolf seine Frau Lillie, die fortan die Finanzen führte.
1965–1976
05 Späte Jahre
Im Mai 1965 bestanden die Rolling Stones darauf, dass Wolf mit ihnen in der Fernsehsendung „Shindig!“ auftrat. Es war sein erster Auftritt im landesweiten Fernsehen. Der Autor Peter Guralnick nannte ihn später „einen der größten kulturellen Momente des 20. Jahrhunderts“.
Ab 1969 wurde Wolf ernsthaft krank; nach einem schweren Autounfall 1970 brauchte er für den Rest seines Lebens regelmäßig Dialyse. Im Mai 1970 nahm er in London mit Eric Clapton, Steve Winwood, Bill Wyman und Charlie Watts The London Howlin' Wolf Sessions auf, die 1971 erschienen. Clapton hatte darauf bestanden, dass auch Hubert Sumlin mitkam.
Seinen letzten Auftritt hatte er im November 1975 in Chicago, zusammen mit B.B. King und Albert King. Howlin' Wolf starb am 10. Januar 1976 in Hines bei Chicago, mit 65 Jahren.
1976–heute
06 Was bleibt
1980 wurde Wolf in die Blues Hall of Fame aufgenommen, 1991 als früher Einfluss in die Rock and Roll Hall of Fame. „Smokestack Lightning“ steht seit 1999 in der Grammy Hall of Fame.
Seine Songs leben in unzähligen Coverversionen weiter, von Cream bis zu den Doors. Hubert Sumlin spielte noch Jahrzehnte weiter; als er 2011 starb, übernahmen Mick Jagger und Keith Richards die Kosten der Beerdigung. Auf Wolfs Grabstein in Illinois sind eine Gitarre und eine Mundharmonika eingraviert.
Hörtipp
Das „Rockin' Chair Album“ ist kurz und direkt – gut als Auftakt eines Bluesabends, am besten laut genug, dass man Hubert Sumlins Gitarre neben der Stimme deutlich hört. Zur Album-Story →
Das Album bei Musik Ungestört
Weiterhören
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Muddy Waters
At Newport 1960
1960rund 34 Minuten
Muddy Waters war Wolfs großer Rivale bei Chess – hier live beim Newport Jazz Festival.
Zur Album-Story → -
The Rolling Stones
Let It Bleed
196942:21
Die Rolling Stones holten Wolf 1965 ins Fernsehen; auf Let It Bleed hört man, wie tief der Blues 1969 noch in ihrer Musik steckte.
Zur Album-Story →
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