Künstlerporträt
Marillion
Eine Band aus der englischen Provinz, die den Progressive Rock in die Achtziger rettete – und später lernte, direkt mit ihren Fans zu arbeiten.
Marillion kamen Anfang der Achtziger, als lange Songs und Konzeptalben eigentlich als altmodisch galten. Sie spielten sie trotzdem, mit einem Sänger, der auf der Bühne wie ein Schauspieler auftrat, und mit einem Gitarristen, der lieber Melodien als Tempo zeigte. Mit Misplaced Childhood standen sie 1985 an der Spitze der britischen Charts. Nach dem Wechsel am Mikrofon fanden sie einen eigenen, stilleren Weg und wurden zu Pionieren der Finanzierung durch ihre Fans.
In diesem Porträt
1979–1982
01 Aylesbury
Die Band entstand 1979 in Aylesbury, einer Kleinstadt nordwestlich von London. Sie nannte sich zunächst Silmarillion, nach einem Buch von J. R. R. Tolkien, und kürzte den Namen bald auf Marillion. Anfang 1981 kam der Schotte Derek William Dick dazu, der sich Fish nannte.
Mit Fish bekam die Band ein Gesicht: geschminkt, theatralisch, mit Texten voller Bilder. 1982 erschien die erste Single „Market Square Heroes“, und Marillion spielten sich durch die Clubs, bis die großen Plattenfirmen aufmerksam wurden.
1983–1984
02 Script for a Jester’s Tear
Das Debüt Script for a Jester’s Tear erschien 1983 und stieg in die britischen Top Ten ein. Viele Kritiker hörten darin Genesis aus der Zeit mit Peter Gabriel, das Publikum störte das wenig.
Nach mehreren Wechseln am Schlagzeug kam Ian Mosley in die Band. Mit Steve Rothery an der Gitarre, Mark Kelly an den Keyboards und Pete Trewavas am Bass standen nun die vier Instrumentalisten, die bis heute zusammenspielen. 1984 folgte das zweite Album Fugazi.
1985
03 Misplaced Childhood
Für ihr drittes Album gingen Marillion im Frühjahr 1985 nach Berlin, in die Hansa-Studios, mit dem Produzenten Chris Kimsey. Fish hatte eine Geschichte im Kopf, lose angelehnt an seine eigene Kindheit und Jugend: verlorene Unschuld, eine zerbrochene Liebe, die Suche nach dem Kind, das man einmal war. Die Musik schrieben die vier Instrumentalisten gemeinsam.
Beide Plattenseiten laufen ohne Pause durch. Mittendrin stehen die Singles „Kayleigh“, die bis auf Platz zwei der britischen Charts kam, und „Lavender“, dazu „Heart of Lothian“ über Fishs schottische Heimat. Misplaced Childhood erschien im Juni 1985 und wurde das einzige Nummer-eins-Album der Band in Großbritannien.
1986–1988
04 Abschied von Fish
Clutching at Straws von 1987 war dunkler und ernster, ein Album über Rastlosigkeit und das Leben auf Tournee. Es kam in Großbritannien auf Platz zwei.
Die Spannungen zwischen Fish und dem Rest der Band wurden größer, 1988 trennten sich die Wege. Fish begann eine Solokarriere, die Band suchte einen neuen Sänger.
1989–2001
05 Steve Hogarth
Anfang 1989 kam Steve Hogarth, der eine ganz andere Stimme mitbrachte: weicher, verletzlicher, weniger theatralisch. Noch im selben Jahr erschien Seasons End, und die Band klang von da an offener und atmosphärischer.
Als die großen Plattenfirmen das Interesse verloren, gingen Marillion einen eigenen Weg. 1997 sammelten Fans in den USA über das Internet Geld, damit die Band dort auf Tournee gehen konnte. Für Anoraknophobia von 2001 bestellten über zwölftausend Fans das Album vor, bevor es überhaupt aufgenommen war – ein frühes Beispiel für das, was man heute Crowdfunding nennt.
2002–heute
06 Was bleibt
Seit 2002 veranstaltet die Band eigene Marillion Weekends, zu denen Fans aus aller Welt anreisen. 2004 brachten Fans die Single „You’re Gone“ mit einer gemeinsamen Kaufaktion in die britischen Top Ten.
Auch die späten Alben finden ihr Publikum: F.E.A.R. kam 2016 auf Platz vier, An Hour Before It’s Dark 2022 auf Platz zwei der britischen Charts – die beste Platzierung seit 1987. Die Besetzung um Steve Rothery ist seit Ende der Achtziger unverändert.
Hörtipp
Misplaced Childhood ist als Ganzes gedacht und wirkt am stärksten, wenn man beide Seiten nacheinander hört, mit gedimmtem Licht und ohne Unterbrechung zwischen den Stücken. Zur Album-Story →
Das Album bei Musik Ungestört
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Wie Tubular Bells läuft Misplaced Childhood ohne Pausen über beide Plattenseiten – eine Tradition des britischen Progressive Rock.
Zur Album-Story →
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