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1997Albumvorschlag

Baduizm

Erykah Badu

Beim Soul Train Award 1996 verteilte ihr Labelchef eintausend Kassetten mit einem einzigen, noch unveröffentlichten Song. Den Namen der Sängerin darauf kannte in der Halle kaum jemand: Erykah Badu.

Vierzehn Tracks, aufgenommen zwischen Philadelphia, New York und Dallas, dazwischen eine Stimme, die man sofort mit Billie Holiday verglich, weil sie ähnlich phrasiert – und ein Label, das die Platte noch vor ihrem Erscheinen zum Aushängeschild eines Sounds machte, der bald „Neo-Soul“ heißen sollte.

  • Laufzeitrund 58 Minuten
  • Titel14
  • Jahr1997
  • AufgenommenSigma Sound und Ivory Studios Philadelphia, Battery Studios New York, Dallas Sound Lab Dallas
Das Albumcover von Baduizm: Erykah Badu im Porträt vor gelb-orangem Grund, den Kopf mit einem hohen Tuch umwickelt.
Erykah Badu, Baduizm, Kedar Entertainment / Universal Records 1997. Fotografie Marc Baptiste, Design Susan Bibeau, Art Direction Sandie Lee Drake. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Rimshot (Intro)1:56
  2. On & On3:45
  3. Appletree4:25
  4. Otherside of the Game6:33
  5. Sometimes (Mix #9)0:44
  6. Next Lifetime6:26
  7. Afro (Freestyle Skit)2:04
  8. Certainly4:43
  9. 4 Leaf Clover4:34
  10. No Love5:08
  11. Drama6:02
  12. Sometimes...4:10
  13. Certainly (Flipped It)5:26
  14. Rimshot (Outro)2:19

„Ich glaube nicht, dass ich es erschaffen habe. Ich glaube eher, ich habe ein Loch in den Damm gestochen und die Flut herausgelassen.“

Erykah Badu im Rückblick auf Baduizm und die spätere Genre-Bezeichnung „Neo-Soul“, zitiert nach Clash Music

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Baduizm entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Die Halle ist voll, es ist Herbst 1996, und niemand im Publikum der Soul Train Music Awards hat den Namen auf der Kassette gehört, die an diesem Abend verteilt wird. Kedar Massenburg, Labelchef und Manager von Erykah Badu, lässt eintausend Exemplare eines einzigen, noch unveröffentlichten Songs unter die Gäste bringen: „On & On“. Ein Album dazu gibt es noch nicht, nicht einmal ein fertiges Mischband für alle Tracks. Es gibt nur diesen einen Song und die Wette, dass er sich herumspricht.

Die Wette ging auf

Die Wette ging auf. Die Single erschien offiziell am 10. Dezember 1996, stieg in die Top 20 der US-Charts und in die britischen Singlecharts, und als das Album am 11. Februar 1997 folgte, war der Name bereits bekannt, bevor die Platte im Laden lag. Badu selbst hat später auf dieses Jahr zurückgeblickt: „Ich hatte nie wieder ein Jahr wie 1997. Das war mein Jahr.“

Was diese Szene über das Album sagt: Es wurde nicht als geschlossenes Werk eingeführt, sondern über eine einzelne Zeile Musik, die ein Label so sicher war, dass es sie verschenkte, bevor sie überhaupt verkauft werden konnte. Der Rest der Platte musste diesem Vorschuss erst noch gerecht werden.

Details zu Ort und genauer Stückzahl der verteilten Kassetten stammen aus einer einzelnen, gut dokumentierten Quelle; ob es exakt eintausend Exemplare waren oder eine runde Schätzung, ist nicht unabhängig bestätigt.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Vierzehn Tracks, gerahmt von zwei Fassungen desselben Stücks: „Rimshot (Intro)“ eröffnet die Platte, „Rimshot (Outro)“ schließt sie. Dazwischen liegen zwei kurze Skits – „Sometimes (Mix #9)“ und „Afro (Freestyle Skit)“ –, die keine eigenständigen Songs sind, sondern Übergänge, gesprochene und gesungene Fragmente, die die größeren Stücke aneinanderhängen. Wer die Platte als Sammlung von Singles hört, überspringt genau das Gewebe, das sie zusammenhält.

Inhaltlich kreist Baduizm um wenige, wiederkehrende Haltungen: Selbstbehauptung nach einer Trennung, spirituelle Suche, eine beobachtende, oft ironische Distanz zu Beziehungen und zur eigenen Rolle als Frau in der Musikindustrie. „Otherside of the Game“ und „Certainly“ handeln beide, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, von Verantwortung gegenüber einem Kind und einem Partner; „No Love“ und „Next Lifetime“ von Beziehungen, die nicht funktionieren, ohne dass die Erzählerin zusammenbricht. Es ist eine Platte, die durchgehend aus einer Perspektive singt, auch wenn die Musik darunter wechselt.

Ein Loch im Damm

Dass dieser Ton zum Namensgeber eines ganzen Genres wurde, hat Badu selbst mit einiger Distanz kommentiert. Auf die Bezeichnung „Neo-Soul“ angesprochen, mit der ihr Labelchef Kedar Massenburg das Album vermarktete, sagte sie, sie habe das Etikett nicht gesucht: Sie habe höchstens „ein Loch in den Damm gestochen“. Die Grammys von 1998 bestätigten trotzdem die Sonderstellung: Baduizm gewann als Best R&B Album, „On & On“ als Best Female R&B Vocal Performance, dazu Nominierungen als Best New Artist und für Best R&B Song. In den USA verkaufte sich das Album seither mehrfach platin.

Kritisch eingeordnet wird die Platte bis heute vor allem als Gründungsdokument: Zusammen mit nahezu zeitgleichen Veröffentlichungen von D'Angelo und Maxwell gilt sie vielen Musikjournalisten als einer der Ausgangspunkte dessen, was später als Neo-Soul bezeichnet wurde – eine Rückbesinnung auf organischen, gesangsbetonten Soul innerhalb einer Hip-Hop-geprägten Musiklandschaft der neunziger Jahre.

02Wie Baduizm entstand

Erykah Badu wuchs als Erica Wright in Dallas auf, in einem Elternhaus mit Theaterbezug: Ihre Mutter Kolleen Wright war Schauspielerin, ein Onkel und eine Patin brachten sie früh ans Dallas Theater Center und ans Black Academy of Arts and Letters. Sie besuchte die Booker T. Washington High School for the Performing and Visual Arts, dieselbe Schule, aus der später unter anderem Norah Jones hervorging. Mit vierzehn freestylte sie im Lokalradio KNON, unter anderem neben dem Jazztrompeter Roy Hargrove. Ihren Künstlernamen wählte sie später selbst: „Erykah“, weil sie ihren Geburtsnamen als „Sklavennamen“ empfand, „Badu“, weil es ihr liebster Scat-Klang aus dem Jazzgesang ist – ein Detail, das direkt auf den Gesangsstil verweist, den Kritiker später mit Billie Holiday verglichen.

Das Duo Erykah Free

Nach der High School studierte sie kurz Theater an der Grambling State University in Louisiana, brach 1993 aber ab, um sich ganz auf Musik zu konzentrieren. Zusammen mit ihrem Cousin Robert „Free“ Bradford gründete sie das Duo Erykah Free und nahm ein neunzehn Titel umfassendes Demo namens „Country Cousins“ auf. Das Duo eröffnete Konzerte unter anderem für Wu-Tang Clan, A Tribe Called Quest und D'Angelo; ein Auftritt vor D'Angelo 1994 in Fort Worth wird in mehreren Quellen als der Moment genannt, der den Musikmanager Kedar Massenburg auf sie aufmerksam machte. 1995 unterschrieb Badu als Solokünstlerin bei seinem Label Kedar Entertainment, das über Universal Records vertrieben wurde.

Aufgenommen wurde das Album zwischen Januar und Oktober 1996, verteilt auf Sigma Sound und Ivory Studios in Philadelphia, Battery Studios in New York und das Dallas Sound Lab in ihrer Heimatstadt. An der Produktion waren neben Badu selbst unter anderem Bob Power, JaBorn Jamal, Madukwu Chinwah, Ike Lee III, Mitglieder von The Roots – James Poyser und Richard Nichols –, Tone the Backbone, Jaífar Barron und ihr Cousin Robert Bradford beteiligt; Kedar Massenburg fungierte als Executive Producer. „On & On“, geschrieben von Badu und JaBorn Jamal und aufgenommen im Januar 1996 in den Battery Studios, entstand damit ganz am Anfang der Sessions und wurde erst ein knappes Jahr später als Vorbote der Platte veröffentlicht; der Text verarbeitet, einigen Quellen zufolge, Zahlensymbolik aus der Lehrtradition der Five-Percent-Nation.

05Warum es einen Abend trägt

Rund achtundfünfzig Minuten, vierzehn Tracks, kein einzelner davon eine reine Nummer zum Mitsingen. Die Platte braucht Zeit, weil einige ihrer wichtigsten Stücke lang sind: „Otherside of the Game“ läuft über sechseinhalb Minuten, „Next Lifetime“ über sechs, „Drama“ ebenfalls über sechs. Das ist kein Zufall, sondern die Konsequenz eines Ansatzes, der auf Groove und Wiederholung setzt statt auf Strophe-Refrain-Kompaktheit.

Vom Rimshot zum Rimshot

Der Bogen der Platte ist der einer Stimme, die sich erst einführt, dann behauptet und am Ende resümiert. „Rimshot (Intro)“ ist kaum mehr als eine Ansage, „On & On“ folgt sofort mit dem selbstbewusstesten Refrain des Albums. Das letzte Drittel – „Drama“, „Sometimes...“, „Certainly (Flipped It)“ – wird ruhiger und introspektiver, bevor „Rimshot (Outro)“ die Platte exakt dort schließt, wo sie begonnen hat.

Für einen gemeinsamen Hörabend bedeutet das: Man sollte die knapp einstündige Platte nicht unterbrechen wollen, sobald sie einmal läuft. Die beiden kurzen Skits wirken aus dem Zusammenhang gerissen wie Fremdkörper; im Fluss der Platte sind sie Atempausen zwischen den größeren Stücken.

03Der Klang

Baduizm bewegt sich hörbar zwischen drei Traditionen: Jazzgesang, Soul der frühen Siebziger und Hip-Hop-Produktion der Neunziger. Kritiker haben diese Mischung von Anfang an am Gesang festgemacht. Die Fachpresse verglich Badus Phrasierung wiederholt mit Billie Holiday; der Kritiker Greg Kot schrieb in der Chicago Tribune, Badu ahme Holiday nicht bloß nach, sondern biete „ein gewitztes Update des sozialbewussten Soul der frühen Siebziger“. Miles Marshall Lewis beschrieb es im Rolling Stone so: „Baduizm zeigt Herz und Seele eines Bohème-B-Girls, das ganz nebenbei mühelosen Jazz-Swing hat.“

Ron Carters Bass in Drama

Instrumental verbindet das Album Sampling-Ästhetik mit Live-Musikern. Nach Angaben mehrerer Besprechungen spielte der Jazzbassist Ron Carter Bass auf „Drama“, während Bob Power zusätzlich Gitarre beisteuerte; einzelne Quellen nennen auch einen Beitrag des Trompeters Roy Hargrove, ohne dass dieser Track durchgängig genannt wird – hier ist Vorsicht angebracht, da die Angaben nicht deckungsgleich sind. Klar dokumentiert ist dagegen die Rolle von The Roots um James Poyser und Richard Nichols, die mit ihrer Philadelphia-Band-Ästhetik organisches, live gespieltes Schlagzeug in mehrere Tracks brachten, statt allein auf Beats aus der Maschine zu setzen. AllMusic-Kritiker John Bush fasste den Ansatz so zusammen: Das Album finde seine Innovation vor allem darin, „schwerere Hip-Hop-Beats über organische, bewusste Soulmusik“ zu legen.

Was diese Kombination trägt, ist am Ende die Stimme selbst: eine, die sich Zeit nimmt, phrasiert statt deklamiert und damit auch dort nach Jazzgesang klingt, wo die Beats eindeutig aus der Hip-Hop-Produktion der Neunziger stammen.

Wie klingt ein Debüt, dessen Sängerin einer ganzen Musikrichtung ihren Namen lieh, ohne ihn sich ausgesucht zu haben?