2007Albumvorschlag
Boxer
The National
Zwölf Songs, dreiundvierzig Minuten, drei Monate in einem alten viktorianischen Haus in Connecticut. Boxer ist ein Album über Menschen, die sich festhalten wollen, an ihrer Jugend, aneinander, an der Stadt, in der sie leben.
The National kamen aus Cincinnati und lebten in Brooklyn, als ihr drittes Album Alligator 2005 erstmals größere Aufmerksamkeit bekam. Für den Nachfolger zogen sie mit ihrem Produzenten Peter Katis in dessen Studio und scheiterten fast daran. Was am Ende entstand, ist ruhiger, dunkler und genauer als alles davor.
- Laufzeitrund 43 Minuten
- Titel12
- Jahr2007
- AufgenommenTarquin Studios, Bridgeport, Connecticut, sowie Heimstudios in Brooklyn (Sommer 2006–Anfang 2007)
Tracklist
- Fake Empire3:25
- Mistaken for Strangers3:30
- Brainy3:18
- Squalor Victoria2:59
- Green Gloves3:39
- Slow Show4:08
- Apartment Story3:32
- Start a War3:16
- Guest Room3:18
- Racing Like a Pro3:23
- Ada4:03
- Gospel4:29
Zum Cover
Ein Schwarz-Weiß-Foto: Die Band steht auf einer kleinen Bühne, mitten in einer Feier. Vor ihr tanzen ein paar Gäste, andere sitzen festlich gekleidet an runden Tischen. Der Albumtitel steht groß in Weiß darüber, der Bandname kleiner in Gelb.
Das Bild zeigt keine inszenierte Szene. Es entstand auf der Hochzeit von Peter Katis, dem Produzenten des Albums, wo die Band als Gäste eingeladen war und spontan ein paar Songs spielte. Fotografiert hat Abbey Drucker. Gegen Ende der Abmischung zeigte Bassist Scott Devendorf das Foto herum, jemand schlug im Scherz vor, es als Cover zu nehmen. Devendorf baute einen Entwurf, und der Scherz blieb. Katis hat es so beschrieben: Das Bild sehe aus wie gestellt und sei doch ein völlig zufälliger Schnappschuss.
Gitarrist Bryce Dessner fühlte sich an einen Roman aus den Fünfzigerjahren erinnert, an Revolutionary Road. Das passt: Auf Boxer geht es oft um Menschen in guten Kleidern, die nicht ganz sicher sind, ob sie in ihr eigenes Leben gehören.
Foto: Abbey Drucker
Gestaltung: Distant Station Ltd.
Label: Beggars Banquet, 2007
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„It's this big old Victorian house that's kind of scary, like a haunted house.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Boxer entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Herbst 2006 verließ die Band das Studio ohne fertiges Album. Den ganzen Sommer hatten sie in Tarquin gearbeitet, jeden Tag, bis Ende September. Da war mehr als siebzig Prozent des Budgets ausgegeben und nicht einmal die Hälfte der Platte fertig. Aaron Dessner hat die Stimmung später so beschrieben: Man habe gedacht, man habe eine gute Platte gemacht und falle jetzt auf die Nase. Die Band fuhr zurück nach Brooklyn.
Peter Katis hatte ihnen ein Angebot gemacht, das er nach eigener Aussage sonst niemandem machte: „Pay me for two months, but I'll give you three months.“ Drei Monate am Stück, um eine Platte zu machen. Es reichte trotzdem nicht.
Zurück nach Hause
Was folgte, rettete das Album. Aaron und Bryce Dessner arbeiteten im Herbst und Winter in ihrem Heimstudio in Brooklyn weiter, bauten Songs um, holten Musiker aus dem Freundeskreis dazu. Im Januar 2007 kam die Band wieder zusammen und stellte die Songs fertig. Matt Berninger hat die Arbeitsweise einmal so zusammengefasst: ungefähr halb zu Hause, halb mit Peter im Studio aufgenommen.
02Wie Boxer entstand
Tarquin Studios ist ein großes viktorianisches Haus in Bridgeport, Connecticut, mit mehreren Stockwerken. Die Band wohnte dort während der Aufnahmen. Scott Devendorf erinnerte sich, dass sie das Haus kaum verließen, außer für den Einkauf im Supermarkt. Ein schönes Haus, sagte er, aber irgendwann bekomme man einen Lagerkoller.
Nach Alligator lag Druck auf der Band. Es war die erste Platte, für die sich überhaupt jemand interessiert hatte, und sie hatte ein Label mit weltweitem Vertrieb. Dazu kam eine Veränderung beim Sänger: Berninger ließ das Schreien der früheren Platten hinter sich und sang tiefer und leiser. Bryce Dessner erzählte, die Band habe ihn zwei Jahre lang dazu überreden müssen.
Freunde aus der Nachbarschaft
Die Arrangements für Streicher und Bläser schrieb vor allem Padma Newsome, ein enger Mitarbeiter von Bryce Dessner, der auch selbst Bratsche, Geige und Orgel spielte. Thomas Bartlett spielte Keyboards und Akkordeon. Sufjan Stevens, der in derselben Gegend wohnte wie die Dessners, kam für einen Tag vorbei und spielte Klavier auf „Racing Like a Pro“ und „Ada“. Aaron Dessner hat erzählt, Stevens habe ihm vorher bei einem Grillabend gesagt, das Album werde wahrscheinlich richtig gut, gerade weil die Band so kämpfe.
03Der Klang
Boxer klingt zurückhaltender als Alligator. Die Gitarren der Dessner-Brüder sind eher Fläche als Führung, im Vordergrund stehen Berningers Bariton, Klavier und das Schlagzeug von Bryan Devendorf. Peter Katis wollte gerade dieses Schlagzeug in bestmöglicher Qualität aufnehmen, deshalb entstanden Songs wie „Mistaken for Strangers“, „Brainy“ und „Apartment Story“ in Tarquin.
Devendorf nennt sich selbst einen Dieb von Beats. Den Rhythmus von „Mistaken for Strangers“ hat er nach eigener Aussage einem Song von Interpol entlehnt, nur etwas schneller gespielt. Auf Boxer führt das Schlagzeug oft die Melodie mit an, statt nur den Takt zu halten.
Genau hingehört
Vier gegen drei
Hören Sie beim ersten Song auf das Klavier. Bryce Dessner hat „Fake Empire“ um eine Polyrhythmik gebaut, vier Schläge gegen drei: „the four-over-three pattern, which is what you hear in the piano.“ Das Ohr hört einen Vierertakt, der Song läuft aber im Dreier. Die Harmonien sind dabei ganz einfach, so simpel wie „Chopsticks“, sagte Dessner. Anderthalb Jahre lang fehlte dem Song der Schluss. Erst spät kam die Idee einer Bläserfanfare im Stil von Steve Reich, aufgenommen auf dem Dachboden von Aaron Dessner. Auf einer guten Anlage hört man, wie die Bläser sich in das Klaviermuster schieben, bis beides nicht mehr zu trennen ist.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Den Titel schlug Carin Besser vor, die auf dem Album auch singt. Berninger erklärte ihn so: Die Figuren kämpften um etwas, versuchten, an Dingen festzuhalten, an der Jugend, oder steckten in irgendeinem Ringen. Er habe bewusst märchenhafte Bilder mit Alltagsdetails gemischt, um der Platte eine eigenartige Stimmung zu geben.
Aaron Dessner beschrieb die Musik als etwas, das mit einfachen, kreisenden, fast meditativen Mustern begann. Viele Songs seien ihm anfangs wie geistliche Musik vorgekommen, nicht religiös, aber nachdenklich. Das hält die zwölf Stücke zusammen: Sie wiederholen, verdichten, lösen sich selten auf.
Langsamer Erfolg
In den USA erreichte Boxer Platz 68, in Großbritannien Platz 57, keine großen Zahlen. Die Wirkung kam später. Paste wählte es zum Album des Jahres 2007. Eine Instrumentalfassung von „Fake Empire“ lief 2008 in einem Wahlkampfvideo von Barack Obama. In Großbritannien wurde das Album mit Gold ausgezeichnet, der Guardian zählte es 2019 zu den hundert besten Alben des 21. Jahrhunderts.
05Warum es einen Abend trägt
Auf der Original-LP stehen je sechs Songs auf einer Seite. Seite A beginnt mit der Fanfare von „Fake Empire“ und endet mit „Slow Show“, einem Song, der Zeilen aus einem frühen Stück der Band wieder aufnimmt. Danach ist ein guter Moment, die Platte umzudrehen und kurz zu warten.
Die zweite Hälfte
Seite B beginnt mit „Apartment Story“, einem der Songs, deren Schlagzeug Katis eigens in Tarquin aufnahm. Danach folgen Sufjan Stevens' Klavier auf „Racing Like a Pro“ und „Ada“, am Ende steht „Gospel“, das Aaron Dessner zu den nachdenklichen, fast geistlichen Stücken des Albums zählte. Wer die ganze Platte hört, merkt, dass sie sich nicht steigert, sondern setzt. Am Schluss ist der Raum ruhiger als am Anfang.
Woran hält man sich selbst fest, wenn der Abend länger wird?
Weiterhören
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