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2007Albumvorschlag

For Emma, Forever Ago

Bon Iver

Neun Songs, siebenunddreißig Minuten, ein Winter allein in einer Hütte im Wald. For Emma, Forever Ago sollte eigentlich gar kein Album werden, und vielleicht klingt es gerade deshalb so, als hätte man einem Menschen beim Nachdenken zugehört.

Ende 2006 war Justin Vernon 25 und am Ende einer schweren Zeit. Seine Band DeYarmond Edison hatte sich aufgelöst, eine Beziehung war vorbei, ihm fehlten Geld und Richtung. Er verließ Raleigh in North Carolina und fuhr nach Wisconsin, in die Jagdhütte seines Vaters. Dort nahm er über den Winter die Songs auf, die er unter dem Namen Bon Iver veröffentlichte.

  • Laufzeitrund 37 Minuten
  • Titel9
  • Jahr2007
  • AufgenommenJagdhütte im Nordwesten von Wisconsin, Ergänzungen in Raleigh, North Carolina (November 2006–Anfang 2007)
Das Albumcover von For Emma, Forever Ago: ein Foto mit handgeschriebenem Band- und Albumtitel.
Bon Iver, For Emma, Forever Ago, Jagjaguwar 2008. Foto Griszka Niewiadomski. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Flume3:40
  2. Lump Sum3:20
  3. Skinny Love4:00
  4. The Wolves (Act I and II)5:22
  5. Blindsided5:30
  6. Creature Fear3:06
  7. Team1:56
  8. For Emma3:40
  9. re: Stacks6:40

Zum Cover

Das Cover zeigt ein Foto von Griszka Niewiadomski. Bandname und Albumtitel sind nicht gesetzt, sondern von Hand geschrieben, die Schrift stammt von Deb Sorge. Die künstlerische Leitung hatte Brian Moen, das Layout machte Daniel Murphy.

Die allererste Ausgabe sah noch anders aus. Im Sommer 2007 brachte Vernon das Album selbst heraus, 500 CDs in einer schlichten Kartonhülle, gestaltet von Brian Moen und einer kleinen Druckwerkstatt. Erst mit der Veröffentlichung bei Jagjaguwar im Februar 2008 bekam die Platte ihr heutiges Gesicht.

Die Handschrift passt zu dieser Platte. Wie die Musik, die ein Mann allein mit Gitarre und Laptop aufnahm, ist auch der Titel nicht gesetzt, sondern geschrieben. Die Geschichte von Hütte und Winter, die sich später um das Album bildete, erzählt die Hülle nicht. Man findet sie erst in der Musik.

Foto: Griszka Niewiadomski
Gestaltung: Brian Moen (Art Direction), Daniel Murphy (Layout), Deb Sorge (Handschrift)
Label: Selbstverlag, 2007; Jagjaguwar (USA) und 4AD (Europa), 2008
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I had nothing but the sound of my own thoughts, and they were really loud when that's all that was going on.“

Justin Vernon Über den Winter in der Hütte

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie For Emma, Forever Ago entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Vernon fuhr nicht in den Wald, um eine Platte zu machen. „I didn't intend to make a record“, sagte er 2008 dem Magazin Uncut. Er habe seine Sachen immer dabei, und er habe gedacht, er werde halt ein bisschen Gitarre spielen. Er ging auf die Jagd, schoss zwei Hirsche, reparierte, was an der Hütte zu reparieren war. Alle zehn Tage brachte ihm sein Vater Wasser und Essensreste vorbei.

Nach etwa drei Wochen änderte sich etwas. Vernon ließ die Art, wie er bisher Songs geschrieben hatte, hinter sich. Er begann mit der Musik, sang dann Melodien ohne Worte darüber und hörte, welche Silben sich daraus ergaben. Erst aus diesen Lauten wurden später Texte.

Eine Gitarre gegen Wildbret

Die Ausrüstung war bescheiden: ein Mac mit Pro Tools, ein kleines Audio-Interface, ein paar Gitarren, ein einzelnes Mikrofon vom Typ Shure SM57, wie es in jedem Proberaum liegt. Seine Silvertone-Gitarre, ein günstiges Modell aus dem Sears-Katalog, ließ er im nahen Ort reparieren und bezahlte mit Wildbret. Fast jeder Song der Platte, sagte Vernon später, sei auf dieser Gitarre entstanden.

02Wie For Emma, Forever Ago entstand

Die Hütte liegt nordwestlich von Vernons Heimatstadt Eau Claire. Er beschrieb sie als kleines Holzhaus im alpenländischen Stil, mit Wasserleitung und einem Boden, der den früheren Lehmboden ersetzt hatte. Von November 2006 bis Januar 2007 arbeitete er dort, oft zwölf bis vierzehn Stunden am Tag. Im Februar, als der Winter zu Ende ging, waren neun Songs fertig. Erneuert, sagte er, habe er sich trotzdem nicht gefühlt.

Zurück in Raleigh kamen noch Aufnahmen dazu, unter anderem Bläser. Der Name Bon Iver geht auf eine Fernsehserie zurück: gemeint ist das französische „bon hiver“, guter Winter, absichtlich falsch geschrieben.

Wer ist Emma?

Der Titel spielt auf eine frühere Freundin an, aber Vernon wollte ihn weiter verstanden wissen: „Emma isn't a person. Emma is a place that you get stuck in.“ Ursprünglich wollte er nur hundert Exemplare an die Presse schicken. Freunde und Musikblogs drängten ihn, die Platte richtig zu veröffentlichen. Im Juli 2007 erschienen 500 CDs im Selbstverlag, im Oktober unterschrieb er bei Jagjaguwar, einem Label aus dem Mittleren Westen.

03Der Klang

For Emma, Forever Ago besteht im Kern aus einer akustischen Gitarre und Vernons Stimme, fast immer im Falsett und vielfach übereinandergeschichtet. Oft legte er acht oder mehr Gesangsspuren in einem Song zusammen, bis daraus eine Art Chor wurde. Das eine Mikrofon stellte er dicht an das Schallloch der Gitarre, damit das Knarzen und Schnarren des Instruments mit aufs Band kam.

Das Ergebnis klingt nah und zugleich weit weg. Rolling Stone nannte die Platte ein „quiet marvel“, ein leises Wunder. Im Titelsong „For Emma“ tauchen Bläser auf, die ein Kritiker an New Orleans erinnerten, sonst bleibt es spärlich.

Genau hingehört

Zwei Gitarren, zwei Seiten

Hören Sie bei „Skinny Love“ auf die Stereobreite. Zwei Gitarren sind hart nach links und rechts verteilt, und sie sind unterschiedlich aufgenommen. Die eine klingt warm, fast ohne Saitengeräusche. Bei der anderen stand das Mikrofon weiter weg am Hals, man hört das Schnarren der Saiten und die leeren Saiten, die frei nachklingen. Auch die Stimme ist doppelt: einmal nah, einmal mit mehr Abstand, dünner und mit hörbarem Atem. Die Klatscher nahm Vernon offenbar aus einigen Schritten Entfernung auf, man hört den Raum der Hütte mit.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Vernon hat den Mythos um die Hütte selbst immer wieder kleingeredet. Rückblickend fühle es sich seltsam an, das Ganze magisch zu nennen. Für ihn seien es ein paar einsame Monate gewesen, in denen er den Laptop angeschlossen und herumprobiert habe. Gerade das hört man: Die neun Songs sind keine Erzählung, sondern Zustände. Verlust, Sehnsucht, das Gefühl, stecken geblieben zu sein.

Viele Texte sind schwer zu verstehen, und das ist Absicht. Der A.V. Club schrieb, die Kraft der Songs liege darin, wie sie klingen, nicht in dem, was die Texte nicht ganz aussprechen. Am Ende steht „re: Stacks“, fast sieben Minuten lang, ein Song, in dem Vernon auch eine schwierige Zeit verarbeitet.

Ein leiser Welterfolg

Nach der Veröffentlichung bei Jagjaguwar verkaufte sich das Album in der ersten Woche rund 4.000 Mal. Danach wuchs es langsam, aber stetig. In den USA erreichte es Platz 64, in Großbritannien Platz 42, später gab es Platin in beiden Ländern. Allein auf Vinyl wurden in den USA in den 2010er-Jahren über 100.000 Exemplare verkauft. Rolling Stone nahm das Album 2020 in seine Liste der 500 besten Alben aller Zeiten auf.

05Warum es einen Abend trägt

Siebenunddreißig Minuten, vier Songs auf der ersten Seite, fünf auf der zweiten. Seite A beginnt mit „Flume“, leise und fast tastend, und endet mit „The Wolves (Act I and II)“, das sich langsam zu einem vielstimmigen Ausbruch steigert. Danach braucht es einen Moment Stille.

Winter im Raum

Seite B ist ruhiger und zerbrechlicher, mit dem kurzen „Team“ als Atempause und dem langen „re: Stacks“ am Schluss. Wer die Platte an einem dunklen Abend auflegt, braucht keine Geschichte über Schnee und Hütte. Die Kälte, die Einsamkeit und die langsame Wärme hört man in der Musik selbst.

Was bleibt, wenn man einen ganzen Winter nur den eigenen Gedanken zuhört?

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