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1992Albumvorschlag

Automatic for the People

R.E.M.

Für vier Stücke engagierte die Band den Bassisten von Led Zeppelin als Streicherarrangeur und ließ ihn mit einem Sinfonieorchester in Atlanta aufnehmen – während der Rest der Platte fast vollständig auf verzerrte Gitarren verzichtet.

Zwölf Stücke über das Älterwerden, den Tod und das, was bleibt, aufgenommen über ein Jahr verteilt in fünf Studios zwischen New Orleans und Seattle. Was man von diesem Album kennt, ist die Ruhe. Was man nicht kennt, ist die Arbeit, die in diese Ruhe geflossen ist.

  • Laufzeitrund 49 Minuten
  • Titel12
  • Jahr1992
  • AufgenommenJohn Keane Studios Athens, Kingsway Studio New Orleans, Bearsville Woodstock, Criteria Miami, Bad Animals Seattle
Das Albumcover von Automatic for the People: eine grobkörnige, monochrome Nahaufnahme einer sternförmigen Lichtskulptur vor dunklem Grund.
R.E.M., Automatic for the People, Warner Bros. 1992. Bandfotografie Anton Corbijn, Artdirection und Gestaltung Tom Recchion und Michael Stipe. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Drive4:31
  2. Try Not to Breathe3:50
  3. The Sidewinder Sleeps Tonite4:06
  4. Everybody Hurts5:17
  5. New Orleans Instrumental No. 12:13
  6. Sweetness Follows4:19
  7. Monty Got a Raw Deal3:17
  8. Ignoreland4:24
  9. Star Me Kitten3:15
  10. Man on the Moon5:13
  11. Nightswimming4:16
  12. Find the River3:50

Zum Cover

Kein Bandfoto, kein Logo, kein Bandname in großen Lettern: Das Cover zeigt in Schwarzweiß die Nahaufnahme einer sternförmigen Lichtskulptur. Michael Stipe zufolge hatte er sie über dem Eingang eines Motels in Miami entdeckt, während die Band dort an den letzten Aufnahmen der Platte arbeitete.

Gestaltet haben das Cover Tom Recchion und Michael Stipe gemeinsam, die Bandfotos für das Innere der Hülle stammen von Anton Corbijn. Anders als beim bunteren, collagenhaften Vorgänger Out of Time ist Automatic for the People fast durchgehend monochrom gehalten – passend zum ruhigeren, introspektiveren Ton der Platte.

Der Titel selbst stammt von woanders: von einem Werbespruch des Athener Imbisses Weaver D's Fine Foods, der sein Essen als „automatic for the people“ bewarb. Die Band übernahm den Satz als Albumtitel, ohne dass er im Artwork selbst auftaucht.

Bandfotografie: Anton Corbijn
Artdirection & Gestaltung: Tom Recchion, Michael Stipe
Label: Warner Bros., 1992
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„This song instantly belonged to everyone except us, and that honestly means the world to me.“

Michael Stipe Sänger von R.E.M., im Rückblick auf die Wirkung von „Everybody Hurts“, zitiert von Far Out Magazine

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Automatic for the People entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Zwei Durchläufe genügten. Mike Mills sitzt am Klavier und spielt eine Akkordfolge, die er gerade erst geschrieben hat – ein reines Instrumentalstück, ohne Text im Kopf. Michael Stipe hört zweimal zu. Beim zweiten Mal beginnt er zu singen, und die Worte passen so genau auf die Musik, dass sich Peter Buck später nur noch an sein eigenes Erstaunen erinnerte: „dumbfounded“ sei er gewesen.

Was hier zusammenkam, hatte vorher getrennt existiert. Stipe hatte den Text zu „Nightswimming“ eigenen Angaben zufolge schon vor den Aufnahmen zu Out of Time geschrieben – ungewöhnlich für eine Band, bei der sonst zuerst die Musik entsteht und Stipe erst danach Worte darüberlegt. Woher die erste Fassung der Melodie stammt, darüber sind sich nicht einmal die Beteiligten einig: Buck erinnert sich an eine Sitzung Ende 1990 in Prince' Paisley-Park-Studios, Mills datiert sie auf Februar 1992 im John-Keane-Studio in Athens. Fertig aufgenommen wurde das Stück vermutlich im Mai 1992 in den Criteria Studios in Miami.

John Paul Jones in Atlanta

Fertig war es damit noch nicht. Erst in Atlanta bekam der Track sein zweites Zentrum: John Paul Jones, der Bassist von Led Zeppelin, hatte für vier Songs des Albums Streicherarrangements geschrieben und nahm sie mit Mitgliedern des Atlanta Symphony Orchestra auf. Für „Nightswimming“ kam am Ende noch eine einzelne Oboe dazu, gespielt von Deborah Workman – die letzte Stimme, die man auf dem Stück hört, bevor es verklingt.

Woher die Erinnerung stammt, um die es im Text geht, hat Stipe selbst erzählt: nächtliches Schwimmen nach Konzerten in Athens, wenn die Band mit Freunden in Autos zu einem Teich außerhalb der Stadt fuhr. Im Song ist davon nur die Stimmung übrig, kein Name, kein Ort. Das genügt.

Erzählt wird die Szene vor allem von Buck und Mills selbst, in mehreren unabhängigen Interviews. Über das genaue Entstehungsdatum der ersten Fassung widersprechen sich beide Musiker, wie oben vermerkt – ein Detail, das die Kernaussage der Anekdote nicht berührt.

02Wie Automatic for the People entstand

Die Ausgangslage war ein Erfolg, mit dem die Band selbst nicht ganz gerechnet hatte. Out of Time, ein Jahr zuvor erschienen, hatte R.E.M. vom College-Rock-Act zur Weltband gemacht, ohne dass die Gruppe dafür auf Tour gegangen wäre. Für die Aufnahmen zum Nachfolger blieb es bei diesem Modell: keine Tournee, keine Eile. Gearbeitet wurde von Juni 1991 bis Juli 1992, verteilt über mehrere Orte – Demos im John-Keane-Studio in Athens, Georgia, und in Daniel Lanois' Kingsway Studio in New Orleans, die Hauptaufnahmen im März und April 1992 in den Bearsville Studios bei Woodstock, weitere Aufnahmen im Mai in den Criteria Studios in Miami, der Mix im Juni bei Bad Animals in Seattle. Produziert hat, wie schon bei den drei Alben zuvor, Scott Litt, gemeinsam mit der Band.

Was zuerst entstand, waren keine ruhigen Stücke. Mike Mills hat das im Rückblick so beschrieben: „We wrote fast songs. But it's funny: Fast songs are easier to write, but it seems like it's harder to write good ones.“ Am Ende setzten sich die langsamen Stücke durch, sodass aus dem ursprünglichen Material eine fast durchgehend ruhige Platte wurde – ein Ergebnis, das laut Litt so niemand, auch die Band selbst nicht, von vornherein geplant hatte: „'Automatic' ended up being a different record than even they had thought.“

Weaver D's Fine Foods

Den Titel lieferte kein Songtext, sondern ein Imbiss in Athens. Weaver D's Fine Foods warb mit dem Spruch „Automatic for the People“ für sein Essen; die Band übernahm die Formel für das Album, ohne dass sie inhaltlich zu einem bestimmten Stück gehört.

Zur Kernbesetzung – Bill Berry (Schlagzeug, Percussion, Backing Vocals), Peter Buck (Gitarren, Mandoline, Dulcimer, Bouzouki), Mike Mills (Bass, Orgel, Klavier, Akkordeon, Kontrabass, Akustikgitarre, Gesang) und Michael Stipe (Gesang) – kamen mit John Paul Jones an den Streichern und Knox Chandler am Cello zwei externe Musiker, die dem Album seinen zweiten Klangkörper gaben.

03Der Klang

Wer nach der verzerrten Gitarre sucht, die frühere R.E.M.-Alben trug, findet sie kaum. Peter Buck greift stattdessen häufig zu Mandoline, Dulcimer und Bouzouki, Mike Mills wechselt zwischen Bass, Orgel, Akkordeon, Klavier, Kontrabass und Akustikgitarre. Elektrische Gitarre taucht nur an wenigen Stellen auf, deutlich etwa in „Ignoreland“.

Den zweiten Klangkörper liefern Streicher. Für vier Stücke – „Drive“, „Everybody Hurts“, „The Sidewinder Sleeps Tonite“ und „Nightswimming“ – schrieb John Paul Jones die Arrangements und nahm sie mit Mitgliedern des Atlanta Symphony Orchestra unter der Leitung von George Hanson auf. Jones selbst hat die Zusammenarbeit positiv beschrieben: „Doing the string arrangements for that album was a great experience, actually“, und über die Songs: „something you can really get your teeth into as an arranger.“ Peter Buck revanchierte sich mit Respekt: „He knows his way backwards and forwards on just about every instrument. He's a great arranger and a super sweet guy.“ Schlagzeuger Bill Berry hob vor allem die professionelle Arbeitsweise hervor: Jones sei „with, you know, charts and definite ideas“ gekommen und habe „that portion of the record“ selbst geleitet.

Nur ein einzelnes Cello

Nicht jedes Streicherstück ist orchestral gedacht. Für Songs wie „Sweetness Follows“ und „Monty Got a Raw Deal“ reduzierte Produzent Scott Litt die Besetzung auf ein einzelnes Cello, gespielt von Knox Chandler, bewusst rau eingesetzt – sein eigenes Prinzip dafür beschrieb er so: „one cello, but let's fuck it up.“ Den Gesamtklang des Albums nennt Litt schwarzweiß statt bunt, reduzierter und direkter als beim Vorgänger: „it was just more realized. The drum parts were exactly right.“

Aufgenommen wurde bewusst an ungewöhnlichen Orten: Ein Teil von „Drive“ entstand in Daniel Lanois' Wohnhaus in New Orleans, ganz ohne Klick, mit dem Schlagzeug direkt neben dem Pult und Stipes Gesang von einer Galerie im ersten Stock. Litt hat das als bewusste Strategie beschrieben: „We tried to get the best out of every unique place that we went to.“

Hörmoment

Nightswimming

Achten Sie auf die letzten anderthalb Minuten. Nachdem der Gesang verklungen ist, bleibt eine einzelne Oboe übrig, gespielt von Deborah Workman – die einzige Stimme, die den Song noch trägt, nachdem Klavier und Streicher schon zurückgetreten sind.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil dafür in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Effekt ist trotzdem leicht zu erkennen: Der Song hört nicht auf, er verklingt.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Wenn diese zwölf Stücke ein gemeinsames Thema haben, dann ist es der Verlust – von Unschuld, von Liebe, von Leben. „Everybody Hurts“ spricht das direkt aus, bewusst einfach gehalten, damit die Botschaft ankommt; Berichten zufolge war der Song gezielt auf junge Hörerinnen und Hörer mit Suizidgedanken zugeschnitten, mit einer für Stipes Verhältnisse ungewöhnlich klaren, unverschlüsselten Gesangslinie. „Man on the Moon“ verhandelt eine verwandte Frage von der anderen Seite – über Kindheitserinnerungen, die Frage, was echt ist und was Inszenierung, und den Tod des Comedians Andy Kaufman 1984 als Aufhänger für Gedanken über Sterblichkeit und Nachleben.

Automatisch, für die Leute

Der Titel wirkt dabei fast wie ein Gegengewicht. Was als beiläufiger Imbiss-Spruch gemeint war, liest sich im Kontext der Platte wie ein Versprechen: automatisch, für die Leute – eine Zusage von Trost gerade dort, wo die Texte am dunkelsten werden. Nicht jeder Track bleibt bei diesem Ernst; „Ignoreland“ ist ein politischer Wutausbruch, „Star Me Kitten“ unverhohlen zweideutig. Beide bringen Kontrast, ohne die Platte aus der Bahn zu werfen, weil der Klang – gedämpft, akustisch grundiert, mehrfach von denselben Streichern verbunden – konstant bleibt.

Kritisch anmerken sollte man: Besprechungen loben die Geschlossenheit des Albums oft pauschal, ohne die beiden schnelleren Stücke wirklich in die These vom „einheitlichen Thema“ einzuordnen. Die Platte hält vor allem deshalb zusammen, weil eine ruhige Instrumentierung die thematischen Ausreißer trägt – nicht, weil jeder Text dieselbe Geschichte erzählt.

05Warum es einen Abend trägt

Zwölf Stücke, keines davon ein reiner Up-Tempo-Rocker, ein Album, das sich bewusst gegen die große Bühne entschied. Michael Stipe hat die Konsequenz später selbst gezogen: „We couldn't tour behind Out of Time or Automatic for the People. It was all beautifully orchestrated slow songs.“ Was für eine Konzertbühne zu leise war, eignet sich für einen Wohnzimmerabend gerade deshalb.

Fünf Sterne vom Rolling Stone

Der Erfolg gab der leisen Entscheidung recht. In den USA erreichte Automatic for the People Platz zwei, in Großbritannien Platz eins, der Rolling Stone vergab die seltene Höchstwertung von fünf Sternen, und die Platte verkaufte sich weltweit mehr als achtzehn Millionen Mal. Peter Buck hat die eigene Einschätzung der Band 1994 gegenüber der Chicago Tribune vorsichtig formuliert: Dieses Album sei jenes, das „will hold up best, the one people may think is pretty good ten years from now.“

Für einen Abend eignet sich diese Platte, weil sie keine Pause verlangt, sondern eine durchgehende Stimmung hält – von der ersten Zeile in „Drive“ bis zum letzten Ton von „Find the River“. Wer die Anlage einmal laufen lässt, muss zwischen den zwölf Stücken kein einziges Mal eingreifen.

Eine gemeinsame Geschichte

In den USA stieg Automatic for the People auf Platz zwei ein, in Großbritannien auf Platz eins. Drei Singles schafften es in den USA in die Top 40, allen voran „Everybody Hurts“, das in den britischen Charts bis auf Platz sieben kam. Der Rolling Stone bewertete das Album mit der seltenen Höchstnote von fünf Sternen.

Was blieb, ist die Zahl: mehr als achtzehn Millionen verkaufte Exemplare weltweit, mehrfach mit Platin ausgezeichnet. Für eine Platte, mit der die Band sich bewusst gegen eine Tournee entschied, ist das eine ungewöhnliche Reichweite.

Wie klingt ein Album, mit dem eine Band bewusst nicht auf Tour gehen konnte – und das trotzdem die halbe Welt erreichte?